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Sie sind hier: Home >> Interview >> Westafrika: Der nigerianische Bischof Kukah über den Terror von Boko Haram. Von Christoph Schmidt

10.05.2012 Westafrika: Der nigerianische Bischof Kukah über den Terror von Boko Haram. Von Christoph Schmidt

„Die Ursachen sind Korruption und Gleichgültigkeit“

Seit Jahren verbreitet die Terrorgruppe Boko Haram im Norden Nigerias mit Attentaten und Überfällen Angst und Schrecken. Ihr Motto tragen sie im Namen, der übersetzt soviel bedeutet wie „Westliche Bildung ist Sünde“. Hunderte Christen starben allein in diesem Jahr durch Bombenanschläge gegen Kirchen. m Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Mittwoch in Aachen analysiert der katholische Bischof von Sokoto, Matthew Kukah, die gespannte Situation in seinem Heimatland.
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KNA: Bischof Kukah, die schwersten Anschläge von Boko Haram liegen einige Monate zurück. Wie ist im Moment die Lage in Nordnigeria?

Kukah: Es gibt eine kollektive Furcht. Jeder fragt sich: Wo wird der nächste Bombenanschlag sein? Auf einem Marktplatz? Wieder vor einer Kirche? Nicht nur die Christen, auch die Muslime sind besorgt. Auch sie haben ja viele Opfer durch die Mördertrupps, die man unter dem Namen Boko Haram zusammengefasst hat. Das stärkste Gefühl ist aber die Wut auf den Staat. Er ist nicht nur unfähig, für Sicherheit zu sorgen, sondern er ist geradezu die Ursache für den Terror.

KNA: Das heißt genau?

Kukah: Boko Haram ist eine religiös aufgeladene Reaktion auf die Misswirtschaft und Korruption im Land. Die Terroristen gehen mit verbrecherischen Mitteln vor und treffen Unschuldige - aber sie sind Ausdruck einer berechtigten Empörung: Die christliche Zentralregierung sorgt nicht für soziale Gerechtigkeit. Sie lässt zu, dass ein kleines Grüppchen von Kleptomanen in Staatsverwaltung und Wirtschaft von den Öl-Ressourcen des Landes profitiert, die sich allesamt im christlichen Süden befinden. Auch dort, im Niger-Delta, kam es deshalb zu gewalttätigen Protesten. Daraufhin drehte Präsident Goodluck den Geldhahn für die betreffenden Menschen ein bisschen auf. Doch in die marode Infrastruktur des muslimischen Nordens fließt kaum Geld oder es versickert.

KNA: Erklärt das den religiösen Eifer der Gotteskrieger?

Kukah: Das ist ein wichtiger Grund. Der Norden war immer arm. Doch da Nigeria jahrzehntelang muslimische Regierungen hatte, war das für die Menschen leichter zu ertragen. Außer der Machtverlagerung gibt es einen wachsenden wirtschaftlichen Einfluss von Christen im Norden, die einen westlichen Lebensstil mit Alkohol und lockeren Sitten verbreiten. Der Islam in Nordnigeria erlebt deshalb eine schwere Identitäts- und Orientierungskrise. Nicht nur Extremisten sehen den „wahren Islam“ in Gefahr, übrigens auch durch Muslime, die das moderne Lebensgefühl übernehmen.

KNA: Wie sehr verfangen solche einfachen Botschaften bei der muslimischen Bevölkerung?

Kukah: Die allermeisten Muslime lehnen Boko Haram klar ab, das ist nach den Anschlägen immer wieder deutlich geworden. Man sieht sie als Fanatiker ohne jede politische Kompetenz, die mit ihren Methoden den Islam in ein schreckliches Licht rücken. Es kam öfter vor, dass Muslime Menschenketten rund um Kirchen gebildet haben, um Gottesdienste zu schützen. Den meisten ist auch klar, dass die Forderung nach Ausdehnung der Scharia auf ganz Nigeria keine Probleme löst, sondern nur neue schaffen würde. Die Nigerianer wollen keinen Bürgerkrieg, sondern einfach nur in Frieden, Sicherheit und Wohlstand zusammenleben.

KNA: Aber irgendeine Basis müssen die Fanatiker doch haben?

Kukah: In einer Bevölkerung mit 80 Prozent Analphabeten und genauso vielen perspektivlosen Jugendlichen finden Sie immer ein paar Gewaltbereite, vielleicht auch ein paar Hundert. Niemand kennt die Sympathisantenzahl genau. Boko Haram ist jedenfalls keine Massenarmee. Wahrscheinlich gibt es dort nicht einmal feste Befehlsstrukturen.

KNA: Damit müsste der Staat doch fertig werden.

Kukah: Wir sprechen aber hier von Nigeria. Die Regierung unternimmt einfach zu wenig gegen die Terroristen; manche Festgenommenen wurden sogar von korrupten Sicherheitskräften wieder freigelassen. Das gilt übrigens auch für die Wirtschafts- und Finanzkriminalität im Land. Untersuchungskommissionen haben Berge von Papier produziert, aber Verurteilungen bleiben aus. So war es auch nach den Anschlägen. Die Mächtigen eint eine verhängnisvolle Mischung aus Unfähigkeit und Gleichgültigkeit. Vielleicht liegt das daran, dass es ja nicht ihre Häuser und Kirchen sind, die in die Luft gesprengt werden.

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