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Sie sind hier: Home >> Interview >> Interview: Dr. Murad Hofmann über die Entwicklung in Ägypten und der arabischen Welt
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07.02.2011 Interview: Dr. Murad Hofmann über die Entwicklung in Ägypten und der arabischen Welt

"Einen Flächenbrand wird es kaum geben"

(iz). Dr. Murad Wilfried Hofmann ist nicht nur einer der bekanntesten deutschen Muslime, sondern hat durch seine langjährige Tätigkeit im diplomatischen Dienst, unter anderem als deutscher Botschafter in Algerien und Marokko, profunde Kenntnisse der arabischen Welt. Wir fragten ihn nach seiner Einschätzung der gegenwärtigen Entwicklungen.
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Islamische Zeitung: Dr. Hofmann, sind Sie überrascht worden von der Entwicklung der letzten Wochen?

Dr. Murad Hofmann: Auch ich bin von den Entwicklungen in Tunesien, Ägypten und anderswo in der muslimischen Welt überrascht worden. Allerdings nicht wegen Unkenntnis der Missstände, sondern wegen Kenntnis der Unterdrückungsmechanismen. Seit Ben Ali an der Macht war, hatte ich alle Einladungen nach Tunesien abgelehnt. Und meine Beteiligung an den jährlichen Tagungen des "Hohen Islamrats" in Kairo stellte ich ein, nachdem ich erleben musste, dass es sich dabei im Grunde nur um eine Mubarak-Show und Selbstinszenierung der ägyptischen Regierungselite handelte. In Deutschland sollte man wissen, dass die ägyptische Geheimpolizei von DDR-"Experten" ausgebildet worden ist. Der Mut, den die Menschen in Tunesien und Ägypten jetzt an den Tag legen, ist ein Mut der Verzweiflung, der allerdings seine besondere Effektivität Facebook verdankt.  

Islamische Zeitung: Geht es in diesen Ländern wirklich vor allem um Politik oder nicht auch wesentlich um Ökonomie, also die wirtschaftliche (und auch soziale) Situation der Menschen, angesichts von Armut, Arbeitslosigkeit, einem sehr hohen Anteil jüngerer Menschen, Auseinanderentwicklung von Arm und Reich oder einem neoliberal-kapitalistischen Wirtschaftssystem?

Dr. Murad Hofmann: Es geht in diesen Ländern gleichgewichtig um Politik und Ökonomie, weil die verzweifelt armen, ausgebeuteten Menschen wissen, dass die korrupte Elite sich unsäglich bereichert hat. Daher ist leider auch zu befürchten, dass sich die rebellierenden Menschen eine falsche Vorstellung von den wirtschaftlichen Konsequenzen ihrer Revolte machen. Denn zunächst und auf derzeit unabsehbare Zeit wird es den demokratisierten Ländern wirtschaftlich eher schlechter gehen, zumal vorerst Touristen und auch Gastarbeiterüberweisungen wegen des Chaos im Bankenwesen ausbleiben werden. 

Islamische Zeitung: Welche Rolle spielen die muslimischen Faktoren in der ägyptischen Gesellschaft und in den Protesten? Gibt es außer der Muslimbruderschaft noch andere? Und welche Rolle könnten sie künftig spielen?

Dr. Murad Hofmann: Keinesfalls kann man den Erfolg der Proteste auf muslimische Organisationen wie Al-Nahda in Tunesien, die Muslimbruderschaft in Ägypten und die Hizb At-Tahrir in Jordanien zurückführen. Ihnen kommt bisher nur eine Trittbrettfahrerfunktion zu. Wenn es aber um Regierungsbildung geht, wird man um diese und andere Organisationen nicht herumkommen, weil sie eine Gegenelite bilden. Der Westen hat nun eine Chance, endlich seine bisherige Politik zu ändern, in der muslimischen Welt - auch im Interesse Israels - nur Diktatoren zu stützen. So groß war, und ist wohl noch, die Furcht vor dem Islam. 

Islamische Zeitung: Welche Rolle kann der Hoffnungsträger des Westens, El-Baradei, wirklich spielen?

Dr. Murad Hofmann: In einer revolutionären Situation können nur Menschen mit bedeutendem Charisma die Entwicklung einfangen. Der honorige El-Baradei hat meines Erachtens zu wenig davon; ja nach langjährigem Auslandsaufenthalt hat er kaum noch den richtigen "Stallgeruch".

Islamische Zeitung: Im Moment scheint Mubarak auf Zeit spielen zu wollen. Was vermuten Sie, wie es weitergehen wird, und wie wird Ägypten nach einem Rücktritt Mubaraks aussehen?

Dr. Murad Hofmann: Diktatoren klammern sich an die Macht, weil sie - anders als bei Machtwechsel in demokratischen Ländern - bei Machtverlust auch Verlust ihres Leben befürchten müssen. Daher ist es sehr wichtig, dass Mubarak die Perspektive eines gesicherten Lebensabends, zum Beispiel in Baden-Baden, hat. Mubarak wird daher auf Zeit spielen und dies so lange tun, wie das Militär ihn gewähren lässt. Das Militär ist für Mubarak ein unsicherer Faktor, weil die Rekruten aus dem Volk stammen - anders als bei der Polizei. 

Islamische Zeitung: Wir wird sich die arabische Welt insgesamt entwickeln? Sind Sie positiv-hoffnungsvoll gestimmt, oder würden Sie auch ein negatives Szenario sehen?

Dr. Murad Hofmann: Dass es in der arabischen Welt bisher an Demokratien mangelte, war nicht auf ein Defizit an Intelligenz oder Kenntnissen zurückzuführen. Es gibt also keinen arabischen Geburtsfehler, was Demokratie angeht. Auch der Islam muss einer Demokratisierung nicht im Wege stehen, obwohl arabische Diktatoren sich gerne islamisch einkleiden. Schließlich war Arabien unten den rechtgeleiteten Khalifen in Medina die erste funktionierende Flächen-Demokratie der Welt, als eine "Schurakratiyya". Die Gefahr, dass es zu einem restaurativen Umsturz des demokratischen Umsturzes kommt, ist noch nicht gebannt, zumal es einer Bevölkerung schon wirtschaftlich kaum möglich ist, unbegrenzt zu demonstrieren. Einen Flächenbrand wird es kaum geben, weil die Machthaber in den anderen, in Frage kommenden Ländern jetzt gewarnt sind. Auch gibt es in der arabischen Welt Hauptstädte, die sich schon städtebaulich für Demonstrationen nicht eignen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Dr. Hofmann, vielen Dank für das Gespräch.



Rudolf Steinmetz aus München schrieb am 07.02.2011
Die Analyse von Murad Hofmann ist zutreffend, seine Überlegungen zur Demokratie nicht. Gerade in Ägypten entlarven sie sich täglich neu als medial verstärktes Propaganda-Geschwätz der Akteure - vornweg des Westens -, die auf Macht zur Ausbeutung des jeweils anderen setzen. Geradezu ein Aberwitz ist es von Dr. Hofmann, die Einsetzung der rechtsgeleiteten Kalifen als demokratischen Akt zu werten, würde dies doch das göttliche Charisma des Propheten leugnen, so wie dies westlich programmierte Koran-Forscher (u.a. Angelika Neuwirth in ihrem Corpus Coarinicum-Projekt) schon immer versucht haben. Es bleibt das Diktum Platons, wonach die Demokratie eine Vorstufe der Tyrannei ist, und gäbe es in Ägypten oder Tunesien noch aufrechte Moslems, so würde sie nicht nach Demokratie schreien, sondern im heiligen Koran nach Lösungen ihrer Probleme suchen. Tariq Ramadan und Konsorten werden ihnen dabei allerdings nicht helfen können, aber vielleicht dieser Denkanstoß: Volksherrschaft in aller Munde - Das unerträgliche Geschwätz über Ägypten: http://www.steinbergrecherche.com/herrschaft.htm#Rest

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