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Sie sind hier: Home >> >> Ausstellung über Moschee-Bauten in Stuttgart und Berlin. Von Muhsin Hennig

01.08.2012 Ausstellung über Moschee-Bauten in Stuttgart und Berlin. Von Muhsin Hennig

Ein Gebäude für das Gebet

(iz). Die Gereiztheit, mit der in Westeuropa heute über den Neubau von Moscheen diskutiert wurde, entspricht in keiner Weise der differenzierten Wirklichkeit, die sich in diesem Bereich bereits entfaltet hat. Eine Ausstellung des Instituts für Auslandsangelegenheiten (ifa) fasst die Sachlage zusammen; das Begleitbuch zur Ausstellung ist im Wasmuth ­Verlag erschienen.
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Bereits der Titel „Kubus oder Kuppel. Moscheen - Perspektiven einer Bauaufgabe“ klingt sachlich. Werden die ideologischen Unterstellungen von Kulturkampf und ethnischen Dominanzbestrebungen einmal beiseite gelassen, tritt unversehens die Gestaltung von Sakral­bauten als schwierigste Aufgabe zeitgenössischer Architektur zutage. In ihr hat sich sich Würde mit Zweckmä­ßigkeit zu verbinden. Dabei ist eine Moschee kein Tempel, der durch die Anwe­senheit eines Allerheiligsten seine ­Weihe erhält, sondern ein Versammlungsort der Gläubigen. Etwas Heiliges vollzieht sich darin allenfalls durch die Verwand­lung einer vielfältigen ­Menschenmasse in eine geordnete Einheit von ­Betenden. Dem Rahmen dafür kann ganz verschie­dene Gestalt zukommen.

Als der türkische Architekt Vedat Dalokay 1969 am Entwurf der Schah-Faisal-Moschee für Islamabad arbeitete, suchte er im Qur’an vergeblich nach ­einem Hinweis. Einer seiner ­Mitarbeiter berichtet, wie er schließlich verzweifelt feststellt: „Schau mal! Allah sagt nichts im Qur’an darüber, wie wir die Moschee gestalten sollen.“ Der kuwaitische Planer und ­Architekturprofessor Omar Khattab sieht es so: „Was macht eine Moschee zur Moschee? Das ist ganz einfach: eine Wand, die exakt nach Mekka ausgerichtet ist.“ Dazu ein sauberer Boden, ließe sich hinzufügen. Die bosnische Architektin, Historikerin und Künstlerin Azra Aksamija führt an drei mobilen Gebetsstätten die äußerste Reduktion dieses Gedankens vor. „Noma­dic Mosque“ ist ein integriertes Business-­Kostüm für Frauen, mit dessen Bestandteilen sich überall und jederzeit ein klar markierter Ort für das Gebet etablieren lässt. Die „Dirndlmoschee“ im Schnitt einer Tracht vom österreichischen Wolfgangsee erlaubt das traditionelle Schultertuch zum Kopftuch und die wasserfeste Schürze zum dreiteiligen Gebetsteppich zu verwandeln. An drei Tasbih-Gürteln sind Kompass, Schweizermesser und Karabinerhaken angebracht. Einmal mehr wird ­deutlich, das die Trennung von Sakralem und Profanen, wie sie das Christentum seit dem 13. Jahrhundert bestimmt, im ­Islam nicht geboten ist.

Ausgehend von der äußersten Reduk­tion des Gebetsplatzes bietet eine Moschee als Bauwerk viel Freiraum zur Gestaltung - für gebaute Bekenntnisse ­aller Art, die nur bedingt mit dem eigentlichen Zweck zu tun haben müssen. Kuppelbau, Pfeilerhalle und Vier-Iwan-Moschee sind die drei Grundformen.

Die Gestalt der Pfeilerhalle steht der Ur-Moschee in Medina am nächsten. Der Prophet ließ im Vorhof seines Wohnhauses Palmstämme aufstellen, die ein flach eingezogenes Dach trugen, das mit Palmwedeln bedeckt war. Die berühmteste architektonische Ableitungen sind die Pfeilerhallen der Umaijaden-Moschee in Damaskus und der Mezquita von Cordoba. Neuere Bauten, wie die Zentralmoschee in Rom oder die Scheich-Zayed-Moschee in Dubai greifen das Motiv auf. Warum aber sollte man so oder so bauen?

Im Westen wurde die moderne Diskussion dazu 1928 von dem deutschen Architekten Heinrich Hübsch mit dem programmatischen Aufsatz eröffnet: „In welchem Style sollen wir bauen?“ Es ging ihm um die Überwindung dekorativer Beliebigkeit im Umgang mit überlieferten Stilelementen. So ­ordnete er den Bauten jene architekturgeschicht­lichen Anleihen zu, die an die Epoche der kraftvollsten Ausprägung ihres Zweckes erinnern, der Bibliothek die Renais­sance, dem Parlament die Antike, der Kirche den spätgotischen Stil. Griechi­sche Demokratie, humanistische Gelehrsamkeit und gotischen Kathedralen klingen in diesen ikonografischen Mustern an.

Eine weitere Prüfung der Tragfähigkeit solcher Übernahmen ist dann ­unter dem raschen Fortgang der modernen und totalitären Bauprogramme begraben worden. Das Kind wurde mit dem Bade ausgeschüttet und erst ­Jahrzehnte später wurde das unbefangene Spiel mit dekorativen Anklängen an frühere Epochen fortgesetzt. Aber beides - ­radikale Moderne wie Eklektizismus - bedeutet eigentlich das Verstummen der ­Sprache der Baukunst als einer lebendigen Mitteilung. So beziehen sich viele spätere Moschee-Bauten auf das Werk des osmanischen Architekten Sinan (1490-1588), der seinerseits mit den Dimensionen und der Formwelt des alten Byzanz im Wettstreit stand. Retrospektive Hüllen verweisen oftmals auf eine große Vergangenheit, ohne die Spannung zur Lebenswirklichkeit unserer Tage fruchtbar werden zu lassen.

Und tatsächlich ist es schwer, einem so grundsätzlichen Ort wie einer Moschee eine ganz aktuelle Form zu verlei­hen, die nicht nur sensationell wirkt, indem der Verweis auf die Bestimmung zum Schweben gebracht wird, ohne sich in Luft aufzulösen oder als ­bleischwere geschichtliche Last zu bedrücken.

Die vom Militär beauftragte Etimes­gut Camii bei Ankara entstand zwischen 1964-67 und folgt dem Modernebegriff von Le Corbusier. Der Architekt Cengiz Bektas studierte in München. Ganz klar traten die Orientierungsprobleme im christlichen Kirchenbau hervor und es gibt nur ganz wenige befriedigende Lösungen dafür in den letzten hundert Jahren. Hohle Kälte oder eine kleinliche Gewohnheitsmäßigkeit sind vorherrschend. Wirklich eigentümliche Lösung glückten dagegen bei neuartigen Bauaufgaben - den Bahnhöfen, Schwimmhallen und Fabriken. Als Paul Bonatz 1910 den Stuttgarter Hauptbahnhof entwarf, griff er dabei auf seine orientalischen ­Reiseskizzen zurück. Für das gewaltige Rundbogenportal vor der großen Schalterhalle übernahm er die Maße der Iwane und die Form der Wandfelder von der Sultan-Hassan-Moschee in Kairo. Die unregelmäßige Steinfügung und die hellen Kalksteinschichten zitieren die Stadtmauer von Konstantinopel.

Byzanz wurde auf fruchtbare Weise fremd und eigen empfunden von den westeuropäisch-christlichen wie den türkisch-muslimischen Baumeistern. Vor der gotischen Wende im 13. Jahrhundert gab es einen universalen Stil der Romanik, der eine Kultur zur Anschau­ung brachte, die „Aachen, Bagdad, Byzanz vereinigte“ (Willi Drost). Eigentümlich ist diesem Stil die lebensnahe Verbindung von Säkularem und Profanem, die erst mit der Gotik aufgelöst wird.

Paul Bonatz gestaltete auch den großen Kuppelbau der Stadthalle von Hannover. 1943 verließ er nach einer Auseinandersetzung mit Hitler über die Neugestaltung des Großbahnhofs München Deutschland in Richtung Istanbul. An der dortigen Technischen Universität hatte er bis 1954 eine Professur inne. Einer seiner Schüler war der eingangs erwähnte Vedat Dalokay, ­dessen Hauptwerk eine der größten Moscheen der Welt in Islamabad ist. Die Schah-Faisal-Moschee am Fuße der Margalla-Hügel bekundet eine zeitlose Spiritualität im Gewand modernster Bauausführung. Die Entstehung so gelungener und kühner Werke hängt immer zusammen mit der Haltung der Auftraggeber und Finanziers.

So konnte Dalokay in Pakistan vier große Staatsaufträge realisieren, aber sein Entwurf für die Kocatepe-Moschee in Ankara wurde 1967 zwar begonnen, bald aber verworfen und der Bau in einer rein traditionalistischen Form vollendet. Mieteinnahmen aus einem Einkaufszentrum im Gebäude finanzieren diese größte Moschee der türkischen Hauptstadt. Vermutlich ein ähnlicher Konflikt wie damals in Ankara zwischen der Absicht der Bauherren und der Vision des Architekten überschattete kurzzeitig auch den Bau des Islamischen Kulturzentrums in Köln-Ehrenfeld, mit dem die bisher größte Moschee in Deutschland noch in diesem Jahr einge­weiht werden soll.

Die Ausstellung in der Berliner ifa-Galerie auf der Linienstraße teilt die „Perspektiven einer Bauaufgabe“ in vier Abteilungen. „Neue Wege“ in der Baugestalt beschritten unter anderem die Unabhängigkeitsmoschee des aus Sumatra stammenden, katholischen Archi­tekten Frederick Silaban in Jakarta, das islamische Zentrum in München, die „Weiße Moschee“ im bosnischen Viso­ko und die Neue Moschee in Zagreb - das letzte Werk von Juraij Neidhardt, der in den dreißiger Jahren in Berlin und Paris für Peter Behrens und Le Courbusier arbeitete.

„Zeitgenossenschaft“ versammelt die Bauten des letzten Jahrzehnts, beispielsweise in Penzberg, Ramallah, Köln-Ehrenfeld und unrealisierte Entwürfe für London und Aarhus. Versammlungsorte die ihr Bekenntnis nicht nach Außen tragen, werden mit der Überschrift „(Un)-Sichtbarkeit“ vorgestellt. In dem Entwurf der Lichtstrahl-Moschee für Dubai des Büros Zest aus Barcelona sind Minarett und Gebetsraum zu einer gewölbten und gefalteten Kuppelschale verbunden, die an einen Rochen erinnert. Das ganze Werk ähnelt einer gigantischen Muschel in deren Inneren ohne Zweifel das Gebet die kostbare Perle darstellt. Ähnlich verborgen zeigen sich das Amsterdamer „Moskeeverzamelgebouw“ sowie ein umgebautes Lagerhaus in Zürich, das zudem einen Jazzclub, eine Kunstschule, Gemüsehandel, Sozialstation und Wohnungen birgt. Ein Entwurf aus Zürich reagiert auf das Minarett-Verbot, indem ein solches nicht direkt als Baukörper sondern als ausgesparte Form in der Fassade eines Bürohochhauses erscheint. Die Abteilung „Begegnungen“ versammelt Moschee und Kulturzentrum auf dem Monte Antenne in Rom, das Institut du monde arabe in Paris, Bauten in Kayseri, Ankara und Holland.

Ungewöhnliche künstlerische Projekte, die überwiegend eine dem Gegen­stand angemessene Feinfühligkeit beweisen und verborgene Aspekte deutlicher hervorkehren, runden die Ausstellung ab. Boran Burchhardt durfte die Stahlminarette der Hamburger Centrum-Moschee mit einem Muster verzieren. Es wurde ihm zur Bedingung gemacht, beide Minarette gleich zu gestalten. Im Gegenzug wurde ihm zuge­standen, sie für eine Ausstellung gegebenenfalls ausleihen zu dürfen. Sogar der Verkauf als Kunstwerk wurde prinzipiell nicht ausgeschlossen. Die Baukörper wurden einst in Eigenleistung der türkischen Mitarbeiter in einer Hamburger Werft auf der Herstellungs­grundlage für Schiffsschornsteine gefertigt und sind so ganz nebenbei hochseetauglich geworden. Johannes Buchhammer vervollständigte das Kapitel „Sakralbauten“ einer verbreiteten deutschen Bauentwurfslehre mit einem Blatteinleger der realistische Anmerkungen zum Moschee-Bau enthält.

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