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Sie sind hier: Home >> Islam >> Goethes tiefe Neigung zum Islam: "...als dass ich mich auch hier im Islam zu halten suche"

17.03.2007 Goethes tiefe Neigung zum Islam: "...als dass ich mich auch hier im Islam zu halten suche"

(dpa). Als der auf dem ganzen Kontinent berühmte Schriftsteller und Naturforscher am 22. März 1832 im Sterben lag, malte er «mit dem Zeigefinger Zeichen in die Luft», wie ein Biograf festhält. Die Umstehenden deuteten sie als ein «W», den Anfangsbuchstaben seines zweiten Vornamens - doch manche Muslime glauben, dass Johann Wolfgang von Goethe, dahindämmernd und zu schwach zum Sprechen, das arabische Zeichen für Allah schrieb. Die Wahrheit ist wohl nicht mehr zu ermitteln - doch wird 175 Jahre nach Goethes Tod allmählich klar, wie eng sich Deutschlands größter Dichter dem Orient und dem Islam verbunden fühlte.
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Dass der vielseitig interessierte und ungemein aufnahmefähige Beamtensohn aus Frankfurt am Main intellektuell auch nach Arabien und Persien blickte, ist unübersehbar: Davon zeugt allein schon die Gedichtsammlung «West-östlicher Diwan», die allerdings beim Publikum wenig Zuspruch fand. Die Faszination durch das Morgenland passte nicht in das Bild, das sich eine immer nationalistischer werdende Nachwelt im 19. Jahrhundert von Goethe machte. Selbst heutige Biografien spielten das herunter, klagte der Orientalist Peter-Anton von Arnim noch vor wenigen Jahren.

Dabei hatte die Germanistin Katharina Mommsen schon 1988 auf über 600 Seiten die Bezüge ausgebreitet. Bereits im Entwurf zum frühen Drama «Götz von Berlichingen» - populär durch den täglich tausendfach gebrauchten Fluch - findet sie eine Koransure zitiert. Ziemlich sicher hat Goethe das Werk Mohammeds schon als Student gelesen und als der Bibel gleichberechtigt geachtet. Schließlich war der 1749 geborene angehende Jurist ein Kind der Aufklärung, die religiöse Toleranz propagierte.

Doch Mommsen meint, dass Goethe über den Zeitgeist hinaus eine persönliche Neigung zum Islam verspürte, weil er mit dessen Hauptlehren wie Schicksalsergebenheit und Offenbarung Gottes in der Natur innerlich übereinstimmte. «Weiter kann ich nichts sagen, als dass ich mich auch hier im Islam zu halten suche», schreibt der 70-Jährige, als seine Schwiegertochter schwer erkrankt - ähnliche Zeugnisse gibt es aus allen Lebensphasen.

Von Pech und Unglück konnte die Schicksalsergebenheit nicht rühren. Goethe war ungemein erfolgreich - künstlerisch, gesellschaftlich, bei den Frauen. 1774 macht ihn der Briefroman «Die Leiden des jungen Werther» auf einen Schlag bekannt. Im Jahr darauf holt ihn der kunstsinnige Herzog Karl August nach Weimar. Goethe verfasst Dramen und Gedichte, korrespondiert mit Gelehrten, treibt naturkundliche Studien und entdeckt dabei den Zwischenkieferknochen, der Zweifel an der Abstammung des Menschen von den Säugetieren widerlegt. Auf einer Italienreise (1786-88) begegnete er der antiken Kunst; daraus entwickelte er gemeinsam mit Friedrich Schiller das Stilideal der Klassik.

Als sein Lebensabend anbricht, begibt sich Goethe geistig ins Morgenland. Angeregt von den Werken des mittelalterlichen persischen Lyrikers Hafis, packt er seine Verehrung für den orientalisch-islamischen Kulturkreis in den Gedichtzyklus «West-östlicher Diwan» - eine Verehrung, die keineswegs blind ist. Im «Diwan» setzt er sich kritisch-ironisch mit der Rolle der Frau und dem Verbot des Weins im Islam auseinander. Ein «verkappter Muslim» sei Goethe nicht gewesen, urteilt Mommsen.

Während der Arbeit an der Sammlung erlebt der Mittsechziger noch einmal eine Romanze. Bei einem Kuraufenthalt in Wiesbaden begegnet er 1815 der Frankfurter Bankiersgattin Marianne von Willemer. Die 35 Jahre Jüngere inspiriert ihn nicht nur zu den Liebesversen an «Suleika», sondern steuert auch selbst ganze Gedichte zum «Diwan» bei. Danach kehrt Goethe nie mehr in seine hessische Heimat zurück. In Weimar widmet er sich der Vollendung seiner Werke, vor allem des «Faust», an dem er seit Jahrzehnten arbeitet und in dessen zweiten Teil er zahlreiche Referenzen zu den arabischen Märchen aus «Tausendundeiner Nacht» unterbringt.

Für den Islamwissenschaftler von Arnim sind «Faust» und «Diwan» geradezu Dokumente einer Öffnung zur Welt, einer Art «Globalisierung des Denkens». Goethe habe sogar eine reichhaltigere Vorstellung des Islam gewonnen, als sie heutigen Muslimen vermittelt werde. Denn zu seiner Zeit habe die europäische Orientalistik eine Blüteperiode erlebt. Später sei «die Weitergabe des Islam durch die Schriftgelehrten immer mehr erstarrt. Ich denke, Goethe gibt auch Muslimen in Deutschland die Möglichkeit, ein Islambild zu entwickeln und zu verteidigen, das ihnen vielleicht gar nicht so bekannt ist».


Sulaikas Erbin aus schrieb am 20.03.2007
Liebes IZ-Team!

Vielen Dank für diesen schönen Text. Es wird Zeit, dass die Leute, die auf Begegnung und nicht auf Konfrontation aus sind, endlich aus ihrem Schneckenhaus heraus kommen.

Dir Großen Menschen Europas waren vielmehr vom Islam fasziniert, als unsere heutigen Wadenbeißer es in den Redaktion wahrhaben wollen.

Macht weiter so!

Eine begeisterte Leserin
Michael Feisal Thomas aus Haltern am See schrieb am 08.02.2010
Selam!

Als großer Goethefan freue ich mich immer ganz ungemein, wenn ich mit dem Namen dieses Aushängeschildes für deutsche Kultur in Bezug auf den Islam argumentieren kann.
Die Hinwendung Goethes zum Islam mach die Größe seines Geistes deutlich und beweist, dass Genie und Analytik sehr wohl im Islam eine Heimat finden. Wir Deutsche im allgemeinen und wir muslimischen Deutschen ganz im speziellen dürfen wahrhaft stolz auf diesen unverwechselbaren Denker sein!

Wessalam
Feisal
F P aus Soltau schrieb am 14.01.2011
Hallo,

Meines Erachtens ist "der west-östliche Diwan" das beste Stück von Goethe. Es hat mich zu den Ideen der Sufis geführt, und ich finde es sehr schade, dass gerade dies Glanzstück sonst kaum Erwähnung findet.

Ihr schreibt hier ganz wunderbar über faszinierende Tatsachen!
- Allah segne Euch - Gruß Frijda
Sebastian Kerr aus Wien schrieb am 15.06.2012
"Indes bleiben wir allen aufgeregten Wall- und Kreuzfahrern zu Dank verpflichtet, da wir ihrem religiosem Enthusiasmus, ihrem kräftigen, unermüdlichen Widerstreit gegen östliches Zudringen doch eigentlich Beschützung und Erhaltung der gebildeten europäischen Zustände sen schuldig geworden."

Goethe, aus den Anhängen zum W-Ö. Divan


“Er ist ein heller Geist und also ungläubig.”

Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre

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