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Die Macht der Sprache – über die Wirkung des Arabischen

Ausgabe 329

Foto: Madrassa Wazzania, Larache/Norwich

(iz). Sprachen sind einem enormen Wandel unterworfen: Globalisierung, Internet, die Forderung von Wirtschaft und Kommunikation nach einem International-English-Speak führen dazu, dass sich immer mehr nicht-englische Sprachen dessen Parametern anpassen müssen. Das Arabische ist davon nicht unberührt geblieben. Da es jedoch unwiderruflich in den beiden göttlichen Quellen, dem Qur’an und der Sprache des Gesandten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, verankert ist, waren die Veränderungen weniger einschneidend und zerstörerisch.

Islamische Zeitung: Wo und wann begegneten Sie zum ersten Mal dem Arabischen?

Asadullah Yate: Zuerst erlebte ich es in Marokko. Mich faszinierte sofort die überfließende Lebendigkeit und Freundlichkeit der Leute. Linguistisch manifestierte sich das in einer Energie, die sich stark von dem unterschied, was ich in Europa erlebte. Die Leute schienen lauter zu reden und es gab diese verschiedenen, bei uns abwesenden Konsonanten. Das machte alles exotischer. Wenn sie redeten, kamen einem die Menschen viel näher, von Angesicht zu Angesicht. Man sah ihre vitale Augenfarbe, den Gesichtsausdruck, während aus ihrem Mund dieses andere Kommunikationsmittel kam. Dies war eine andere Körpersprache, bei der die Worte von anderen, unterschiedlichen Bewegungen des Kopfes, der Hände und des Körpers begleitet wurden, und während des Sprechens berührten sie einen oft, um einen Punkt zu betonen.

Die Sprache und ihre Körper drückten sich im Einklang aus. Die Sprache war ein untrennbarer und entscheidender Bestandteil dieser anderen Weise, miteinander zu sein. Natürlich bedeutete eine Europäisierung, dass diese Eigenschaften leiser werden. Das Arabische eines Bankers in seiner Bank ist ruhiger, reservierter und kühler. Das lehrte mich existenziell, dass Sprache der äußere Ausdruck einer inneren Kernidentität ist: Das arabische Dasein wird nicht durch kartographische Grenzen, sondern durch eine gemeinsame Einzelsprache bestimmt.

Islamische Zeitung: Was ist besonders interessant an dieser Sprache?

Asadullah Yate: Man erfährt, dass der Herr der Welten diese Sprache gewählt hat, um der Menschheit die letzte annehmbare Form des Verhaltens zu offenbaren, dann kann es nicht sein, dass alle Sprachen gleichrangig sind. Goethe hat dies trotz seiner schwierigen Situation erkannt und sich dementsprechend bemüht, sich damit vertraut zu machen.

Arabisch und Islam sind untrennbar, genauso wie Deutsch und Englisch – auf einer tieferen Ebene – ohne Wissen der griechischen und lateinischen Kultur unverständlich sind. Versuchte man, Islam vom Arabischen zu trennen, dann wäre dies wie der Versuch einer Herauslösung des Islam – das heißt, seines qur’anischen und prophetischen Vokabulars – aus dem Urdu. Man würde in dem Fall beim Hindi; das heißt, einer anderen, wenn auch verwandten, Sprache. Beherrschen Menschen Arabisch oder Urdu, dann führt sie das in den Bereich des Islam – ob sie das wollen oder nicht.

Islamische Zeitung: Die globalisierte Welt setzt heute auf Sprachen wie Englisch. Spricht die ganze muslimische Welt Arabisch und wie einflussreich ist es?

Asadullah Yate: Der Einfluss der arabischen Sprache kann, bei Allah, niemals abnehmen. Er kann nur zunehmen. Im Allgemeinen gilt: Je stärker der Din, desto stärker der arabische Einfluss. Seine Wirkung auf Bahasa Indonesia, Malaiisch, Persisch, Urdu, Kurdisch, Türkisch, Bengalisch, Berber und zahlreiche andere Zungen ist enorm – mehr als 40 oder 50 Prozent ihres Wortschatzes stammen aus dem Arabischen.

Seine Bedeutung lässt sich an der Heftigkeit messen, mit der bei verschiedenen Gelegenheiten in der Geschichte mehrere Anstrengungen unternommen wurden, sie von arabischen Elementen zu „reinigen“, nicht zuletzt vom Alphabet. Aber auch auf europäische Sprachen wie Portugiesisch, Spanisch, Italienisch, Albanisch und Bulgarisch hat sie einen großen Einfluss gehabt. Und dieser Prozess setzt sich zwangsläufig in immer stärkerem Maße fort, wenn andere Europäer Muslime werden.

Für diese hat es sich als notwendig erwiesen, den gleichen Weg wie die erwähnten Kulturen zu nehmen – das heißt, Begriffe zu übernehmen, wenn es in der eigenen Sprache keine Entsprechung gibt. Beispielsweise werden die Leute Wudu’ sagen, weil die „Waschung“ unmittelbar an eine kirchliche Praxis erinnert. So wie Heidegger gezwungen war, sein Vokabular neu zu definieren – oder besser gesagt, von christlicher Färbung zu reinigen –, um das Dasein zu beschreiben, so waren die Muslime in Europa gezwungen, die arabischen Begriffe zu verwenden, damit sie nicht ebenfalls die christliche Praxis imitieren.

Ein weiteres Beispiel zur Erklärung: Der Muslim wird eher „Salah“ als Gebet sagen. Wenn wir letzteres Wort benutzen, kann das zur Vorstellung führen, hier handle es sich um eine individuelle Praxis. Das Erheben der Hand in die Höhe und das Anflehen Gottes zu einem Zeitpunkt seiner Wahl während des Tages oder der Nacht, wobei „Salah“ eine eng definierte Bedeutung hat. Damit gemeint ist eine Gruppe von Leuten, die Schulter an Schulter stehen, und einheitlich der Verbeugung und Niederwerfung des Imams folgen – zu genauen Momenten am Tag und in der Nacht. „Gebet“ ist im Wesentlichen eine spirituelle, meditative und einsame Erfahrung, während „Salah“ auch eine körperliche und soziale Erfahrung darstellt.

Ähnliches gilt für das Wort „Din“. Wenn ein gebildeter arabischer Muslim es benutzt, dann ist er unfähig auf die Welt zu blicken, die unterschiedliche Kategorien wie „Staat“ oder „Religion“ aufgeteilt sieht. Das Wort lässt eine solche Teilung nicht zu. Hat er an einer europäischen Universität studiert, kann er das versuchen. Das wäre in dem Fall allerdings unaufrichtig.

Die europäischen Muslime verwenden das Wort Zakat aus demselben Grund: Als der Islam nach Europa kam, wurde es fälschlicherweise mit „Almosen“ übersetzt, weil die für die Übersetzungen verantwortlichen Priester die Bedeutung des Wortes bewusst oder unbewusst auf diese Ebene reduzierten. Almosen erinnert natürlich an Wohltätigkeit, Mitleid und eine freiwillige Spende, während die Säule der Zakat eine politische und soziale Institution mit verpflichtendem Charakter ist, mit genauen Regeln – ohne deren Säule das Haus des Islam zusammenbricht.

Natürlich ist dieses Phänomen auch in umgekehrter Richtung zu beobachten. Wenn Araber Wörter importieren, bringen sie Bedeutungen mit, die sie im Laufe ihrer 2.000 Jahre alten Geschichte und Entwicklung angesammelt haben. Die Kollision dieser Bedeutungsbereiche ist für viele der Missverständnisse, ja Konflikte in der heutigen arabischen Welt verantwortlich.

Islamische Zeitung: Was sind die besonderen Eigenschaften des Arabischen?

Asadullah Yate: Mehr als jedes andere Volk definiert die arabische Sprache die Araber. Oder zumindest tat sie das, bis sie von den Kolonialisten gnadenlos geografisch geteilt und durch die neue Sprache des Sozialismus und des kleinlichen Nationalismus von ihren Traditionen getrennt wurden. Und als die lokalen Dialekte „akademisch“ aufgewertet wurden.

Qadi ‘Ijad sagt in seinem Buch „Asch-Schifa“ Folgendes: „Die Araber waren die Meister des sprachlichen Ausdrucks, da ihnen Beredsamkeit und Aphorismen verliehen wurden, die keinem anderen Volk gegeben sind. Ihnen wurde eine Schärfe der Zunge gegeben, die andere Völker nicht besaßen, und eine Schärfe der Sprache, die bis zum Kern der Bedeutung vordrang. Allah gab ihnen das als Teil ihrer Natur und ihres Charakters. Sie benutzen es spontan, um Erstaunen hervorzurufen, und es befähigt sie, mit jeder Situation umzugehen, indem sie aus dem Stegreif sprechen.“

Für sie war diese so stark, dass das Sprechen als gleichbedeutend mit der Handlung galt. Er fährt fort: „Sie dichten (…), um (die Menschen) zu erheben und [sie] zu erniedrigen. Durch den Gebrauch der Sprache wirken sie zulässige Magie (…). Mit ihr können sie die Intelligenten täuschen, das Schwierige leicht machen, alte Fehden heilen, alte Ruinen zum Leben erwecken, Feiglinge mutig machen, geballte Hände öffnen, das Unvollkommene vollkommen machen und die Hochgeborenen in die Dunkelheit zurückführen.“

Aus diesem Grund, als der Qur’an zu ihnen kam, erkannten sie seine göttliche, wunderbare Natur. Ihr Sprechen war auf einem so hohen Niveau, dass sie die Fähigkeit zur Erkenntnis seiner Feinheit hatten. Allah, der Erhabene, sagte: „Wir haben es als einen arabischen Qur’an hinabgesandt, auf dass ihr begreifen möget.“ (Jusuf, Sure 12, 2)

As-Sawi erinnert uns daran, dass „Arabisch die klarste und eloquenteste Sprache ist, weil sie die Sprache der Leute des Garten im Garten ist“. Muslim zeichnet auf, dass der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Mir wurden alle Ausdrucksweisen gegeben.“ Mit anderen Worten, wegen der Unnachahmlichkeit des Qur’an und der Überlegenheit des prophetischen Sprechens, werden beide Quellen immer als Vorbilder gelten. Wegen ihres göttlichen Ursprungs können sie nicht überwunden werden.

Arabisch bedeutet wörtlich, „das, was klar ist, sich deutlich ausdrückt“. Allah sagt in Asch-Schuara (Sure 26, 195), dass Er den Qur’an in einer „klaren arabischen Zunge“ offenbart hat. Diese ursprüngliche Bedeutung definiert am besten, wie sich die Araber gegenüber den ‘Adschamis, den Nichtarabern, sahen: Sie waren Meister der Kommunikation.

Islamische Zeitung: Warum ist diese Sprache so geeignet, um Einheit besonders gut auszudrücken?

Asadullah Yate: Es sollte am Rande angemerkt werden, dass das Wort Tauhid selbst heutzutage abgewertet wurde. Es wird häufig benutzt, um die Vereinigung in einem sozialen oder wirtschaftlichen Sinne zu bezeichnen, anstatt in seiner ursprünglichen Bedeutung als „die Anerkennung der Einheit des Schöpfers in der Schöpfung“. Wenn man jedoch zur qur’anischen Definition zurückkehrt, sieht man, dass Allah uns mit einem Vokabular ausgestattet hat, das es uns erlaubt, genau über Ihn, Seine Schöpfung und unsere Position zu sprechen.

Wir erkennen, dass die Sprache des Tauhid Teil der Fitra ist – dem natürlichen Zustand des Menschen –, wie sie im Qur’an beschrieben wurde. Mit anderen Worten, wir Menschen wurden so erschaffen, dass Tauhid natürlich für uns ist. Er ist eine Beschreibung, „wie die Dinge sind“. Durch Unterwerfung unter Allah und den Gebrauch der qur’anischen Terminologie zu Seiner Beschreibung, Schöpfung und uns, passen wir uns der eigenen notwendigen Situation in der Welt an. Im Umkehrschluss gilt: Wenn man diese Sprache zur Beschreibung der Dinge nicht nutzt, verdeckt man ihre Wirklichkeit.

Islamische Zeitung: Wie folgenreich ist die stattfindende Modernisierung des Arabischen? Ist sie gefährlich?

Asadullah Yate: Es besteht kein Zweifel, dass sich das Arabische stark verändert hat, seit beispielsweise BBC und CNN vor Jahren ihre Sendungen in arabischer Sprache ausstrahlen. Auf einer groben Ebene fällt auf, dass das Verb oft an die zweite Stelle nach dem Subjekt gerückt wird. Die Dynamik der verbalen Eröffnung ist verloren gegangen. Die meisten Nachrichten werden aus dem Englischen übersetzt: Anstatt sie in prägnantem Arabisch wiederzugeben, indem für jeden Bedeutungsstamm eine der zehn oder mehr verfügbaren Verbalformen verwendet wird – und wir sprechen hier nicht nur von Zeitformen oder Verbalmodi wie Indikativ oder Konjunktiv –, ahmt die Sprache hier das Englische nach. Während arabische Akademien in Damaskus oder Kairo sich früher die Mühe machten, arabische Begriffe für neue Dinge oder Konzepte zu finden, wird das englische Vokabular der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Computer nun in großem Umfang importiert und bloß transliteriert.

Die Klassifizierungen der Welt, wie sie vom Westen aus gesehen werden, werden auch auf die Araber übertragen. So leben die Araber, die in Amman wohnen, im „Nahen Osten“. Sie dürfen nicht im Zentrum der Dinge stehen – das ist immer noch Greenwich. Es ist natürlich „normal“ in dem Sinne, dass die Sprache eines aggressiveren Systems immer ein anderes beeinflusst. Gefährlich ist jedoch, wenn dieser Prozess nicht wahrgenommen wird und man nicht zwischen einem aggressiveren System und einem überlegenen System unterscheidet.

Islamische Zeitung: Wo lässt sich am besten Arabisch lernen?

Asadullah Yate: Die meisten arabischen Länder behaupten, auf ihrem Gebiet werde am besten gesprochen. Und es mag sein, dass in bestimmten Teilen der arabischen Halbinsel, Jordaniens und Syriens Fus-Ha, das höchste und klarste Arabisch, zu hören ist.

Eine genauere Definition, wo das beste Arabisch zu finden ist, wäre in den Kreisen der traditionell Gebildetsten. Das sind zweifellos die ‘Ulama – ob im Irak, im Libanon, Marokko oder im Sudan. Es handelt sich weniger um eine geografische als um eine soziale Frage. Man merkt noch heute, dass, wenn ein gut ausgebildeter Araber Fus-Ha spricht, der Rest der Gesellschaft wie selbstverständlich darauf zurückgreift. Es ist klar, dass das so genannte moderne Standardarabisch, das in den letzten Generationen in das Bildungssystem eingeführt wurde, den Umfang und den Reichtum des traditionellen Arabisch eingeschränkt hat. Diese neue Form wird in Medien, Universitäten und Schulen verwendet. Grob gesagt handelt es sich um eine Verschmelzung von Arabisch und Begriffen aus westlichen Sprachen, die übersetzt oder transliteriert werden und einen präskriptiven Wert haben: eine Ausdrucksweise, die sich mit dem Medien-, Wirtschafts- und Computer-Englisch verbindet, welches das von Shakespeare verdrängt hat.

Islamische Zeitung: Lieber Dr. Yate, wir bedanken uns für das Gespräch.