, ,

Gespräch mit der Psychotherapeutin Nesibe Özdemir über Glaube als Ressource zur Heilung

Ausgabe 308

Foto: Anita Martins

(iz). Nesibe Özdemir ist Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Sie ist 30 Jahre alt, verheiratet und hat ­einen Sohn. Kurz nach ihrer Appro­bation, die sie als Jahrgangsbeste ­erfolgreich erworben hat, hat sie sich in eigener Praxis mit kassenärztlicher Zulassung im niedersächsischen Kurort Bad Harzburg niedergelassen. Außerdem setzt sich Özdemir auf ihrem Instagram-Account @psychologin.nesibe für die Entstigma­tisierung und Aufklärung psychischer Krankheiten und deren Behandlung ein.

Islamische Zeitung: Liebe Frau Özdemir, Sie behandeln in Ihrer Praxis Menschen unterschied­lichen Glaubens. Spielt der Glaube überhaupt eine gesonderte Rolle bei der Behandlung?

Frau Özdemir: Ich antworte am besten mit der Lieblingsantwort der PsychotherapeutInnen: Es kommt darauf an. Je mehr Raum der Glaube im Leben der PatientInnen einnimmt, umso bedeutsamer wird dieser dann auch in der ­psychotherapeutischen Behandlung.

Hierbei ist natürlich auch wichtig, wie der Glaube wahrgenommen wird. Wenn er über­wiegend positiv empfunden wird, kann er eine bedeutsame Ressource für die PatientInnen darstellen und diese Ressource kann in der Bewältigung des psychischen Leidens nutzbar gemacht werden. Aus Behandlersicht kann die Glaubensfrage sehr aufschlussreich sein, denn sie enthält viele Informationen über das Wertesystem der PatientInnen.

Islamische Zeitung: Sie sagen, der Glaube kann als Ressource zur Bewältigung genutzt werden. Gibt es auch Fälle, in denen Glaube nicht Ressource, sondern ein Hindernis darstellt?

Frau Özdemir: Wird der Glaube, beziehungsweise werden die mit dem Glauben verbundenen Rechten und Pflichten eher als einengend, anstrengend und insgesamt eher negativ empfunden und wird das Gottesbild beispielsweise als eher strafend und bewertend wahrgenommen, kann es in der Behandlung hinderlich sein. In meiner Praxis begegnen mir beispielsweise häufig muslimische PatientInnen mit Zwangsstörungen (Zwangshandlungen und Zwangsgedanken).

Ich habe zum Beispiel PatientInnen in Behandlung, die kaum dazu kommen die Gebete zu verrichten, weil sie viel Zeit und Energie dafür aufwenden die rituelle Waschung wiederholt durchzuführen. Die Zwangsgedanken dahinter sind meist: „Ich könnte eine Stelle vergessen haben zu reinigen“ und „mein Gebet ist ungültig“, was dann zu langfristigen, ­dysfunktionalen Kognitionen führt, wie: „ich werde bestraft werden“ oder „ich werde in der Hölle landen“. Wie wir uns vorstellen können, führt dies zu einem Teufelskreis, wodurch die Angst und die Symptomatik der Zwangsstörung nur weiter verstärkt werden. Bei diesem (und vielen weiteren) psychischen Störungsbildern hat die Bewertung der Kognitionen eine bedeutsame Rolle. Und in diesem spezifischen Beispiel hängt es stark mit dem subjektiven Gottesbild zusammen. Wenn ich glaube, dass ich für jeden „Fehltritt“ streng bestraft werde, lähmt mich das natürlich und lässt mich auch keine Kraft mehr aus dem Glauben schöpfen – im Gegenteil: dann kostet es mich sogar noch Energie. Wenn ich aber von einem barmherzigen Gott ausgehe, kann ich viel entspannter und zuversichtlicher sein. Ich verbinde dann etwas ­Positives mit meinem Glauben und habe eine kraftvolle Ressource zur Hand.

Wichtig ist noch zu erwähnen, dass jede/r PatientIn natürlich seinen Glauben etwas anders versteht und auslegt – je nachdem welchen sozio-kulturellen Prägungen sie unterliegen. Oft werden religiöse Themen eng mit kulturellen Gepflogenheiten verwoben, die einseitig religiös begründet und damit legitimiert werden. Hier kann es auch hilfreich sein, die religiösen Grundüberzeugungen von den kulturellen – so weit es geht – zu trennen, um mehr Klarheit zu schaffen.

Islamische Zeitung: Daraus verstehe ich, dass Sie es als wichtig erachten, dass der/die PsychotherapeutIn reli­gionssensibel ist?

Frau Özdemir: Ich denke, dass im Prinzip jede/r PsychotherapeutIn sich auf jede/n PatientIn einlassen kann, wenn in der Psychotherapie ein wertfreier und ­sicherer Raum für die PatientInnen ­geschaffen wird. Nichtsdestotrotz zeigt meine Erfahrung, dass gerade bei der ­Behandlung muslimischer PatientInnen spezifisches religiöses Wissen sehr hilfreich sein kann. Vor allem, wenn bei ­PatientInnen, die religiösen Pflichten und die dahinterliegenden Werte und Grundüberzeugungen eine große Rolle in der Aufrechterhaltung der psychischen ­Störung spielen. Wenn in der Psycho­therapie beispielsweise an den Grundüberzeugungen gearbeitet wird und das „strafende“ Gottesbild hinterfragt wird, kommt es natürlich zunächst zur Abwehr und Reaktanz (Widerstand) bei den ­PatientInnen. Wenn die BehandlerInnen dann über kein religiöses Wissen verfügen und von den PatientInnen eher als religionsfremd wahrgenommen werden, kann dies sogar zum Abbruch der Behandlung führen. Denn die Kognition: „die Therapie will mich vom Glauben abbringen“ kann dann vorherrschend sein. Das hat natürlich viel mit Vertrauen zu tun und wir Menschen neigen nun mal dazu Personen mit ähnlichen Eigenschaften, wie wir sie haben, als tendenziell vertrauensvoll einzustufen. Ich habe ­beispielsweise viele PatientInnen, die ­­explizit zu mir kommen, weil sie wissen, dass ich Muslima bin.

Islamische Zeitung: Sind auch schon PatientInnen an Sie herangetreten, die Diskriminierungserfahrungen mit nicht-muslimischen TherapeutInnen gemacht haben?

Frau Özdemir: Leider schon. Einige meiner muslimischen PatientInnen berichten von negativen Erfahrungen mit VorbehandlerInnen. Inhaltlich geht es häufig darum, dass sie sich nicht verstanden und nicht akzeptiert gefühlt haben, sondern das schnell zu Ratschlägen wie „dann nehmen Sie doch das Kopftuch ab“ oder „dann beten Sie doch nicht auf der Arbeit“ gegriffen wurde. Das ist natürlich problematisch, denn hierbei handelt es sich um „victim blaming“, also das Opfer wird beschuldigt, selbst schuld am Verhalten des Täters zu sein.

Wenn das in der Psychotherapie passiert, in dem eigentlich ein geschützter Rahmen für die PatientInnen geschaffen werden soll, dann wiegt das noch viel schwerer. Viele von uns Psychothera­peutInnen arbeiten beispielsweise auf ­Social-Media-Kanälen an einer Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten und dann sind wir es ausgerechnet selbst, die in der Psychotherapie PatientInnen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Weltanschauung stigmatisieren.

Islamische Zeitung: Was raten Sie ­denen, die Diskriminierungserfahrungen gemacht haben?

Frau Özdemir: Ich rate, der Psychotherapie eine weitere Chance zu geben und sich bei anderen BehandlerInnen um einen Therapieplatz zu bemühen. Je nachdem, wie stabil und sicher die/der Betroffene sich fühlt, hilft es auch die wahrgenommene Diskriminierung direkt anzusprechen und die/den BehandlerIn zu konfrontieren. Manchmal kann sich auch hier eine „Wendung“ ergeben. Wichtig ist hierbei auch zu erwähnen, dass der überwiegende Anteil an PsychotherapeutInnen in ihren Behandlungen nicht diskriminierend sind und sehr offen und wertfrei auf PatientInnen eingehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es mit ­einem Behandlerwechsel besser wird, ist also sehr groß.

Islamische Zeitung: Gibt es eine ­Anlaufstelle für die Betroffenen?

Frau Özdemir: Als wichtigste Anlaufstelle ist wohl die Antidiskrimi­nierungsstelle des Bundes zu nennen. Es gibt einige Beratungsstellen, die offiziell von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes eingetragen sind, beispielsweise die Beratungsstelle von „RAMSA“ (Rat Muslimischer Akademiker & Studierender). Außerdem gibt es „CLAIM“ – die Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit.

Die Diskriminierung zu melden, ist sehr wichtig, damit sie statistisch erfasst wird und sozialwissenschaftlich aus­gewertet werden kann. Wenn wir die ­Diskriminierung nicht melden, taucht sie in der Statistik auch nicht auf, was wiederum zu einer hohen Dunkelziffer führt. Je mehr Sichtbarkeit wir hier schaffen, umso eher können auch geeignete Gegenmaßnahmen geschaffen werden.

Islamische Zeitung: Liebe Frau Özdemir, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.