Michel, der Wecker der Fastenden

Foto: blog.amin.org

(iz). Wenn Michel Ayoub mit seinem Tamburin durch die Altstadt Akkons läuft und nachts, lange vor Sonnenuntergang laut trommelt und ruft, sind die Leute ihm nicht etwa sauer, sondern dankbar. Er ist einer der vielen Trommler in den Straßen orientalischer Städte, die Fastende im Monat Ramadan zum Suhur, der Mahlzeit vor dem Sonnenaufgang wecken. Wie so einige seiner Kollegen ist Michel arabischer Christ.

In Palästina ist er aber unlängst eine Berühmtheit. Nicht zuletzt, weil er diesen alten Brauch als erster nach Akkon zurückbrachte, seitdem die Stadt unter israelischer Verwaltung steht. Die Altstadt, durch die er schlendert wird größtenteils von Arabern bevölkert. Christen und Muslimen. “Zum Suhur stehen wir auch als Christen auf, wenn das ganze Viertel um die Zeit wach ist und isst, hat das eine ganz besondere Atmosphäre”, erzählt der 56-jährige Qabil stolz dem Fernsehen. Die Medien wurden schnell aufmerksam auf den Lokalhelden.

Bald weckte Michel Ayoub nicht mehr nur die Altstadt Akkons, sondern kam als prominenter Gast auch in umliegende Dörfer und Kleinstädte um seine Kollegen zu unterstützen. Selbst bis nach Ramallah und Gaza kam der 36-jährige. “Ein echter Job ist das natürlich nicht”, reflektiert er. Er finde in diser Dienstleistung aber eine gewisse Erfüllung. Tagsüber geht der gelernte Maurer seinem üblichen Tagewerk nach. “Wir sind nicht müde, wenn wir nachts aufwachen und miteinander essen. Im Ramadan verliert Zeit ihre Bedeutung. Wir sind solidarisch miteinander, genau genommen kann man uns doch von unserer Art überhaupt nicht voneinander unterscheiden”, stellt Michel fest.

Auch wenn er einer unter vielen Christen ist, die dieser Aufgabe nachgehen, ist Michel Ayoub zu einem Symbol der palästinensichen Einheit geworden. Muslimische Gelehrte empfangen ihn zum Fastenbrechen, Nachbarn und Freunde aus der Ferne beschenken ihn, Touristen lassen sich mit ihm fotografieren.

Er ist kein innovativer Einzelfall. Dass Christen zum Ramadan die Rolle des Weckers übernehmen, hat Tradition in der Levante und verbreitete sich über die Jahrhunderte auch in andere Teile der Welt. Selbst in den von Bürgerkriegen gebeutelten Ländern Syrien und dem Irak wird der Brauch beibehalten. Für Michel Ayoub ist es ein Sinnbild für ein gesundes Miteinander. “Alles was Vertrauen und Freude unter uns schafft, sollte niemals angezweifelt werden.”

5 Kommentare zu “Michel, der Wecker der Fastenden

  1. Das harmonische Miteinander konnte man Freitagabend in Istanbul sehen, wo Muslime einen Plattenladen überfallen und verwüstet haben und auch die Besucher nicht geschont haben. Der Vorwurf war, dass die Besucher des Plattenladens im Ramadan Musik hören und Alkohol trinken würden. Das war dann Rechtfertigung genug, gewaltsam gegen diese “Provokateure”, die den Ramadan nicht achteten, vorzugehen. Mit Toleranz hat das wenig bis gar nichts zu tun.

    1. Ein Ereigniss setzt Du gleich mit jahrhunderte lange Traditionen und freidliches Zusammenleben? Heißt es dann im Umkehrschluß, dass dann die deutsche Gesselschaft auch im Gänze Intoleranz ist wegen einige Idioten die Flüchtlingsheime anzünden oder Flüchtlinge anpöbeln und Zuschauer welche sowas bejubeln? Man sollte mit Pauschalisierungen vorsichtig sein, sehr schnell kann es einem selbst treffen. 😉

  2. Mareike:
    Mit deinem stumpfen whataboutismus wirst du die Welt aber auch nicht besser machen, also wieso?
    Die Tradition und jedes friedliche Zusammenleben der Religionen ist absolut schön.

  3. Hasspringuin:
    Was soll denn “whataboutismus” sein? Wenn Muslime behaupten, sie praktizieren friedliches Zusammenleben, dann finde ich es absolut in Ordnung, darauf hinzuweisen, dass das nicht mehr als schöne Theorie ist. Natürlich ist mir klar, dass Muslime, die selbst nie mit Kritik geizen, selbst keine Kritik vertragen.

  4. Nur ein Punkt fällt mir auf in dem, was ich davon gelesen habe, nämlich: “lange vor Sonnenuntergang”!!! Es herrscht wohl vorsätzliche oder unabsichtliche Fehlinformationen in den Medien im Westen und sogar bei manchen “Selbsternannten Islamexperten”, nämlich jedes Jahr hören und sehen wir den Satz “Die Muslime fasten im Ramadan vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang”. Das stimmt aber gar nicht: Sondern von Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang!! Es handelt sich um etwa 120 Minuten durchschnittlich. Wer – entsprechend dem islamischen Recht bzw. dem Edlen Koran (2:187) – bewußt nach Anbruch der Morgendämmerung isst oder trinkt oder weiter seine intime eheliche Verpflichtung pflegt, selbst mit einem Minute, der hat dadurch ganz gewiss einen gewaltigen mißachtenden Verstoß gegen seine Religion und seinen Schöpfer begangen!!!
    Folgerichtig sollte es heißen: “Der Br. X trommelt “lange vor dem Anbruch der Morgendämmerung” und nicht vor dem Sonnenaufgang!!!

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