Wie Sadaqa (freiwilliges Geben) islamische Zivilisationen prägte und heute wieder Gemeinschaft aufbauen kann.
(iz). Medina, im 7. Jahrhundert. In der Hitze des Tages stehen Menschen an einem Brunnen, der frisches Wasser führt. Der Brunnen trägt den Namen Bir Ruma. Von Samy Adamou
Wasser ist vorhanden, klar und lebensnotwendig, doch es ist kein Gemeingut. Der Brunnen gehört einem Mann, der für jeden Schluck Geld verlangt. Durst und Bedürftigkeit sind nicht die entscheidende Frage, sondern Kaufkraft. Wer zahlen kann, trinkt. Wer es nicht kann, wartet.
Diese scheinbar einfache Szene legt eine große Wahrheit offen: Gesellschaften definieren sich nicht nur durch ihren Wohlstand, sondern durch die Art, wie sie Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen organisieren. Wem gehört Wasser? Wer entscheidet darüber, wer versorgt wird? Und was passiert, wenn Grundbedürfnisse dem Markt überlassen bleiben?
In dieser Situation tritt Sayyiduna Uthman ibn ʿAffan (Allah sei mit ihm zufrieden) auf, ein wohlhabender Kaufmann und enger Gefährte des Propheten Muhammad (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden). Er kauft den Brunnen – und das nicht, um ihn auch gewinnbringend zu betreiben, sondern um ihn dem Markt zu entziehen.
Er erklärt ihn zu einem Waqf, zu einem „frommen Stiftungsgut“ für die Gemeinschaft. Von diesem Moment an darf jeder daraus trinken: arm oder reich, Mensch oder Tier, ohne Gegenleistung, ohne Gegenrechnung. Aus einer wirtschaftlichen Transaktion wird Sadaqa. Und aus einem Brunnen wird ein Ort des Baraka, dessen Nutzen nicht im Moment verpufft, sondern Generationen überdauert.

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Mehr als persönliche Wohltätigkeit
Diese Begebenheit ist kein Einzelfall und keine romantische Anekdote aus einer idealisierten islamischen Vergangenheit. Sie steht exemplarisch für eine Denkweise, die sich durch die gesamte islamische Zivilisation über Jahrhunderte zieht.
Sadaqa ist mehr als persönliche Wohltätigkeit. Sie war stets ein zivilisatorisches Prinzip, ein Motor und ein Gegenmodell zu einer Wirtschaftslogik, die Vermögen anhäuft, absichert und konzentriert, statt es in Beziehung zu setzen und zirkulieren zu lassen.
Der Qur’an formuliert diesen Gegensatz klar und unmissverständlich: „Allah löscht den Zins aus und vermehrt die Sadaqa.“ (Al-Baqara, Sure 2, 276) Hier geht es nicht nur um individuelle Moral, sondern um Systeme. Riba steht für eine Logik, in der Geld aus Geld wächst, losgelöst von realer Verantwortung, von Gemeinschaft und von menschlichen Bedürfnissen.
Sadaqa hingegen bindet Vermögen zurück an Menschen. Sie zwingt Geld, wieder Teil sozialer Beziehungen zu werden. Während Riba vermeintliche Sicherheit verspricht und dabei oft Angst, Gier und Abhängigkeit erzeugt, schafft sie Tragfähigkeit, Vertrauen und soziale Stabilität – und wird mehr durch Baraka.
Wichtig zu erwähnen ist, dass der Islam Besitz nicht verurteilt. Er erkennt wirtschaftliche Tätigkeit ausdrücklich an: Handel ist erlaubt, Gewinn ist erlaubt, Eigentum wird geschützt. Doch zugleich setzt der Islam eine klare Grenze.
Besitz ist niemals absolut. Er gehört nicht bedingungslos dem Menschen, sondern bleibt stets Amana – ein Gut, das dem Menschen von Allah anvertraut wurde und über dessen Verwendung Rechenschaft abzulegen ist. Eigentum ist damit kein Selbstzweck, sondern Verantwortung.
Großzügigkeit beschränkt nicht den Besitz
Der Prophet Muhammad (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden) brachte die Haltung zu Geld in einem kurzen, aber tiefgreifenden Satz auf den Punkt: „Kein Vermögen wird durch Sadaqa geringer.“ Diese Aussage widerspricht auf den ersten Blick alltäglicher ökonomischer Logik.
Rein rechnerisch wird Vermögen weniger, wenn man davon abgibt. Doch der Prophet sprach hier nicht über Buchhaltung, sondern über eine ontologische Wirklichkeit der Realität, zu der er Zugang hatte und die er der Gemeinschaft eröffnete. Nicht, weil mathematische oder logische Gesetzmäßigkeiten aufgehoben würden, sondern weil das Göttliche selbst in diesen Akt des Gebens eingreift.
Sadaqa ist deshalb kein Verlust, sondern eine Umlenkung. Vermögen verlässt nicht einfach den Besitz des Menschen, sondern tritt in eine andere Ordnung ein. Geld verliert nicht an Wert, sondern an Enge. Es hört auf, sich selbst zu genügen, sich anzuhäufen und abzusichern, und beginnt stattdessen, Wirkung zu entfalten.
Es wird Teil von Beziehungen, von Versorgung, von Entlastung und von Aufbau von Communitys und Abkehr von Schaden für sich selbst und der Familie. Viele Menschen erleben dabei etwas, das sich rational kaum erklären lässt: Obwohl sie materiell abgeben, empfinden sie keinen Mangel.
Im Gegenteil: Es ist, als würde weniger zu mehr werden. Nicht zwingend in der absoluten Summe des Besitzes, sondern im Umgang damit. Dinge reichen länger, Ausgaben ordnen sich, Notwendiges fällt leichter. Besitz verliert seine Schwere, seine innere Enge, und wird tragfähig.
So verändert Sadaqa nicht nur äußere Verhältnisse, sondern auch das Verhältnis des Menschen zu seinem eigenen Besitz: Aus Festhalten wird Vertrauen, aus Angst vor Verlust wird Gewissheit, aus Eigentum wird Verantwortung. Und genau darin liegt ein zentrales Geheimnis der Baraka.

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Von der ersten Gemeinschaft verinnerlicht
Die erste muslimische Gemeinschaft verinnerlichte und lebte diese Logik wie kaum eine andere. Als der Prophet Muhammad (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden) im Jahr 622 mit den verfolgten Gläubigen von Mekka nach Medina auswanderte, kamen Menschen an, die alles abgegeben bzw. verloren hatten: Besitz, Schutz und Heimat. I
Ihnen begegneten die Ansar, die Helfer aus Medina. Sie öffneten ihre Häuser, teilten ihre Nahrung, ihren Besitz und ihre Sicherheit. Manche boten an, ihr Vermögen zu teilen. Der Qur’an beschreibt diese Haltung mit einem Satz, der bis heute Maßstab ist: „Sie geben den anderen den Vorzug vor sich selbst, selbst wenn sie Mangel haben“ (Al-Haschr, Sure 59, 9).
So entsteht Gemeinschaft und das ganz organisch. Nicht zuerst durch Verträge und nicht durch staatliche Umverteilung, sondern durch Idhar, das bewusste Vorziehen des Anderen. Sadaqa ist damit weit mehr als ein Akt der Mildtätigkeit. Sie ist Ausdruck muslimischer Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Wahrhaftigkeit und Identität und einer tieferen Gewissheit, Yaqin. Das ist die Gewissheit, dass jedes Geben ein Handel mit dem Allerbarmer ist.
Der Mensch gibt von dem, was ihm anvertraut wurde, im Vertrauen darauf, dass Allah es ihm im Diesseits und im Jenseits vervielfacht zurückgibt. Wer gibt, trägt Verantwortung mit. Diese Haltung bringt Baraka.
Sie verhindert, dass Reichtum sich abschottet und Armut ausgegrenzt wird, und sie verbindet Menschen jenseits von Status und Besitz. So entsteht eine Gesellschaft, die nicht nur nebeneinander existiert, sondern füreinander einsteht – getragen von Vertrauen, Gewissheit und gemeinsamer Verantwortung.
Sadaqa ist das Handeln, das die Wahrheit des Augenblicks erkennt
Das Wort Sadaqa selbst stammt von Ṣidq – Wahrhaftigkeit. Es ist die Wahrheit des Glaubens in Handlung. Sadaqa ist jede freiwillige Gabe um Allahs willen: Geld, Zeit, Kraft, Wissen oder ein gutes Wort. Anders als die verpflichtende Zakat kennt sie keine Obergrenze. Der Prophet Muhammad (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden) sagte: „Jede gute Tat ist Sadaqa.“
Der Qur’an beschreibt sie dabei nicht zuerst als Hilfe für Bedürftige, sondern als Reinigung für den Gebenden: „Nimm von ihrem Besitz eine Spende, mit der du sie reinigst und läuterst“ (At-Tauba, Sure 9, 103). Geben löst innere Bindungen. Es befreit das Herz von der Angst vor Verlust und von der Illusion, alles kontrollieren zu müssen.
Sadaqa ist nicht nur ein einzelner Akt des Gebens. Sie bleibt nicht beim Moment stehen. Aus Sadaqa wächst Baraka. Was freiwillig gegeben wird, entfaltet mit der Zeit Wirkung: im Besitz, im Herzen und im Leben selbst. Baraka zeigt sich dabei nicht nur im Geld.
Oft zeigt sie sich dort, wo Menschen sie am dringendsten vermissen: in der Zeit, in der Leichtigkeit, in der Ordnung des Lebens, in der Abwendung von Unheil und im inneren Empfinden. Der Qur’an verbindet genau hier das Geben mit Erleichterung: „Wer gibt, gottesfürchtig ist und das Gute für wahr hält – dem werden Wir den Weg zum Leichten leicht machen.“ (Al-Layl, Sure 92, 5–7)
Baraka in der Zeit bedeutet nicht, dass der Tag mehr Stunden bekommt. Sie bedeutet, dass sich Dinge fügen, Wege sich öffnen und Probleme gar nicht erst eskalieren. Wer gibt, lebt aus Tawakkul, Vertrauen in Gott, und genau diese Haltung verändert das Leben nachhaltig.
Wie oben beschrieben, entstanden aus dieser organischen Praxis der Sadaqa und aus der ihr zugrunde liegenden Haltung über Jahrhunderte hinweg Formen von Baraka, die sich in tragfähigen Strukturen niederschlugen. Sadaqa blieb nicht auf den einzelnen Akt beschränkt, sondern entwickelte institutionelle Wirkung.
Beispielsweise Takaful, die gegenseitige Absicherung, bedeutete, dass Risiken gemeinsam getragen wurden und niemand im Fall von Not allein blieb. Besonders prägend war das Waqf-System, bei dem Vermögen bewusst dem Markt entzogen und dauerhaft dem Gemeinwohl gewidmet wurde.
Auf diese Weise entstanden Moscheen, Schulen, Krankenhäuser, Brunnen und Herbergen – nicht durch staatliche Haushalte, sondern durch Sadaqa Jariyah, die fortlaufende Wohltätigkeit, deren Nutzen Generationen überdauerte.

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Aus Spiritualität wird Zivilisation
Gerade hier wird sichtbar, wie aus spiritueller Haltung Zivilisation wird: Wo Waqf-Strukturen stark waren, konnten Bildungsorte wachsen, ohne dass Bildung ein Luxus wurde. Lehrhäuser und Madrasas wurden finanziert, Lehrer bezahlt, Studierende versorgt, damit Wissen nicht nur denen offenstand, die es sich leisten konnten.
Und ebenso zeigte sich diese Logik in der Gesundheitsversorgung. In vielen Städten der muslimischen Welt entstanden Bimaristane, Hospitäler, die nicht als private Unternehmen funktionierten, sondern als Stiftungen. Medizinische Behandlung sollte zugänglich sein, nicht exklusiv. Der Gedanke dahinter war nicht „Wohlfahrt“ als PR, sondern Verantwortung als Gottesdienst.
In manchen Epochen erreichte diese Kultur eine Dichte, die heute fast unglaublich wirkt. In al-Andalus, etwa in Córdoba, waren Krankenhäuser und soziale Einrichtungen Teil einer städtischen Normalität, getragen von Stiftungen und Spendenkultur. In Kairo errichteten Mäzene und Herrscher große, über Stiftungserträge finanzierte Einrichtungen, die Kranke versorgten, Reisende aufnahmen und Bedürftigen Würde gaben.
Damit wurde etwas gebaut, was jede Gesellschaft braucht: Vertrauen in das Gemeinwesen. Nach dem Prinzip: „Wenn ich falle, fängt mich die Gemeinschaft auf – weil Menschen vor mir Sadaqa in Struktur verwandelt haben.“
Auch Frauen prägten diese Zivilisation maßgeblich durch ihr Geben. Ein besonders klares Beispiel ist Fatima al-Fihri im 9. Jahrhundert in Fès. Sie setzte ihr Vermögen für den Aufbau einer Moschee mit Lehrbetrieb ein – und aus diesem Waqf heraus entwickelte sich al-Qarawiyyin: ein Ort, der über Generationen Wissen, Lehre und geistige Orientierung trug.
Das ist die eigentliche Pointe: Nicht jeder Einfluss ist laut. Manchmal baut eine einzelne Entscheidung im Stillen einen Ort, der Jahrhunderte überdauert.
Prinzipien, die auch heute gelten
Diese Logik lebt bis heute fort, auch in Deutschland. Muslimische Communitys hierzulande sind jung, vielfältig und institutionell oft unterfinanziert. Es gibt keine Kirchensteuer, keine automatische staatliche Grundfinanzierung. Moscheen, Bildungsarbeit, soziale Projekte und Nothilfe werden fast ausschließlich durch Sadaqa getragen. Viele kleine Beiträge schaffen tragfähige Strukturen.
Moderne Technologie hat diese alte Logik neu belebt. Unsere Plattform commonsplace.de verbindet Geben mit Struktur. In wenigen Jahren konnten so über 1.500 Projekte unterstützt, rund 5 Millionen Euro gesammelt und mehr als 70.000 Menschen eingebunden werden. Doch entscheidend sind nicht die Zahlen.
Entscheidend ist die dahinterliegende Logik: Viele geben regelmäßig. Niemand trägt allein. Gemeinschaft wird nicht behauptet, sondern gelebt. Und genau das knüpft an die historische Linie an: Sadaqa als Energie, Struktur als Form, Baraka als Ergebnis. Commonsplace freut sich, wenn auch Du ein Teil des Communityaufbaus sein willst – in dem du Deine Sadaqa in ein Projekt entrichtest, die Freitags-Sadaqa einstellst oder ein Projekt installierst!
Am Ende bleibt eine Frage, die jede Generation neu beantworten muss: Was hinterlassen wir? Welches Puzzleteil wollen wir sein für die Umma Muhammads (Frieden und Segen seien auf ihm). Sadaqa für Deutschland bedeutet Verantwortung: heute loszulassen, damit morgen etwas steht, wo Muslime vor 100 Jahren noch nicht gelebt haben.
Von Bir Ruma in Medina bis zu Bildungsorten, Krankenhäusern und Stiftungslandschaften in Fès, Kairo oder al-Andalus zieht sich eine Linie: Sadaqa baut, Baraka trägt, Gemeinschaft bleibt.
Diese Linie endet nicht in der Geschichte. Sie setzt sich fort – hier und heute. Genau hier setzt commonsplace an. Die Vision von commonsplace ist es, das Gute unabhängig zu kultivieren –aus einem qur’anischen Prinzip heraus: dass „Khair“ nicht nur spontan gelebt, sondern dauerhaft aufgebaut werden muss.
Im kommenden Ramadan werden wir diese Gedanken weiter vertiefen. Folgt commonsplace in den sozialen Medien. Denn Ramadan ist nicht nur Verzicht. Ramadan ist Aufbau.