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Wenn das Begehren schweigt

Ausgabe 368

Begehren ehe
Foto: Pexels.com

Schwindendes Begehren in der Ehe verstehen und heilsam begegnen. Eine Kolumne der Sexualtherapeutin & Sexualpädagogin Magdalena Zidi.

„Und Er ist es, Der euch aus einem einzigen Wesen erschaffen hat, und daraus machte Er seinen Partner, damit er bei ihr Ruhe finde.“ (Al-‘Araf, Sure 7, 189)

(iz). Sexuelle Lust ist kein ständiger Zustand. Sie kommt und geht, sie verändert sich im Lauf des Lebens – manchmal blüht sie auf, manchmal zieht sie sich zurück. Für viele muslimische Ehepaare ist es dennoch erschütternd, wenn das sexuelle Verlangen ganz ausbleibt.

Was bleibt, ist oft eine Mischung aus Scham, Unsicherheit und Sorge – vor allem, wenn darüber nicht gesprochen wird. In meiner Praxis als Sexualtherapeutin und Sexualpädagogin begegnet mir dieses Thema sehr häufig: „Ich liebe meinen Partner, aber ich habe keine Lust auf Nähe oder Intimität. Was ist los mit mir? Bin ich falsch?“

Nein, du bist nicht falsch. Du bist Mensch. Lust ist lebendig. Sie braucht bestimmte Bedingungen, um sich zu zeigen – und manchmal zieht sie sich zurück, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind.

In diesem Beitrag lade ich dich ein, das Thema Lustlosigkeit neu zu betrachten – mit mehr Mitgefühl, mehr Wissen und einer tieferen Verbindung zur islamischen Lebensweisheit. Denn Intimität ist mehr als nur ein körperlicher Akt. Sie ist ein Raum für Liebe, Fürsorge und gegenseitige Barmherzigkeit.

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Was bedeutet das?

Lustlosigkeit bedeutet nicht, dass etwas „kaputt“ ist. Es heißt lediglich, dass ein Teil in uns gerade still ist. Vielleicht ist der Alltag zu laut. Vielleicht ist der Körper erschöpft. Vielleicht wartet die Seele auf Zärtlichkeit, bevor sie sich öffnen kann. Lustlosigkeit ist also kein Zeichen von „Fehlfunktion“, sondern oft ein wichtiges inneres Signal.

Manche Menschen spüren, dass der Wunsch nach Sexualität abnimmt – nicht plötzlich, sondern schleichend. Andere merken, dass der Gedanke an Intimität mit Anspannung oder Unwohlsein verbunden ist. Wieder andere erleben ihre eigene Sexualität nur noch wie eine Pflicht – funktional, aber leer.

All das sind Ausdrucksformen eines Bedürfnisses, das gesehen werden möchte: das Bedürfnis nach Verbindung, Sicherheit, Selbstwirksamkeit, innerer Ruhe – oder manchmal auch schlicht nach Pause.

Woran kann es liegen?

Lust ist ein sehr sensibles Zusammenspiel zwischen Körper, Emotionen und Kontext. Wenn ein Teil aus dem Gleichgewicht gerät, wirkt sich das schnell auf unsere sexuelle Wahrnehmung aus.

Einige häufige Einflüsse sind bspw.: Körperliche Veränderungen – hormonelle Schwankungen, etwa nach einer Geburt, während des Zyklus oder in den Wechseljahren. Erschöpfung, Schlafmangel, Stillzeit – besonders bei Eltern von kleinen Kindern. Schmerzen, Verspannungen oder andere körperliche Beschwerden.

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Foto: Kelly Sikkema, Unsplash

Emotionale Belastungen – Stress im Alltag oder im Beruf. Unerledigte Konflikte in der Beziehung. Innere Verletzungen, die nicht ausgesprochen wurden. Geringes Selbstwertgefühl oder Scham rund um den eigenen Körper. Vergangene Gewalterfahrungen oder Traumata.

Religiöse Prägungen und Unsicherheiten – viele von uns sind mit einem Verständnis von Sexualität aufgewachsen, das von Verboten, Scham und Schweigen geprägt war. Wenn dann nach der Eheschließung plötzlich Intimität „erlaubt“ ist, fehlt oft das innere Ja dazu. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Lust automatisch erwacht, nur weil man islamisch verheiratet ist. Die Seele braucht Sicherheit, Erlaubnis und Zeit.

Lust ist lernbar

Lust ist keine Fähigkeit, die man „hat“ oder nicht hat. Sie ist ein Prozess – und sie ist geprägt von Gewohnheiten, Erfahrungen, inneren Haltungen. In der sexualtherapeutischen Begleitung arbeiten wir mit einem sehr wichtigen Gedanken: „Lust ist lernbar. Und du kannst herausfinden, wie du sie bewusst steigern kannst.“

Wenn ein Mensch sich dauerhaft emotional überfordert, innerlich angespannt oder körperlich erschöpft fühlt, wird Lust selten entstehen. Umgekehrt kann sie sich wieder zeigen, wenn Sicherheit, Nähe und Zuwendung wachsen. Das bedeutet: Lust darf wachsen. Sie darf neugierig entdeckt werden. Und sie darf sich verändern – gemeinsam mit dem Leben.

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Foto: Malik Nalik, Adobe

Was Paare konkret tun können

Redet offen – nicht über den Sex, sondern über euch. Ein liebevolles Gespräch kann die Tür zur Lust wieder öffnen – nicht über Technik oder Frequenz, sondern über Gefühle. „Ich fühle mich dir fern – und ich wünsche mir, dass wir uns wieder näherkommen.“ – „Ich weiß nicht genau, warum ich keine Lust habe, aber ich möchte es verstehen.“

Reden heilt – nicht immer sofort, aber es schafft Verbindung. Und wo Verbindung ist, wächst auch das Begehren.

Entkoppelt Intimität von Erwartungen. Viele Paare haben unbewusste Vorstellungen davon, was „richtiger Sex“ ist. Dabei ist Intimität viel mehr: Zärtlichkeit, Blicke, gemeinsame Rituale, sinnlicher Kontakt ohne Ziel. Vielleicht hilft ein neuer Blick: „Heute Abend nur streicheln, kein Gespräch.“ – „Nur kuscheln – ohne mehr zu wollen.“ – „Ein gemeinsames Bad – einfach, um zusammen zu sein.“

Findet wieder in den Körper zurück. Berührung beginnt nicht im Schlafzimmer, sondern oft im Alltag: eine Umarmung, eine Schulterberührung, ein Kuss beim Abschied. Viele Paare haben diese kleinen Gesten verloren – nicht aus Lieblosigkeit, sondern aus Gewohnheit.

Wieder in den Körper zu finden, bedeutet auch: sich selbst wieder spüren dürfen, Wohlwollen mit dem eigenen Körper lernen, Bewegung, Genuss, Atmen – ohne Funktion – einfach, weil es guttut.

Schafft euch Räume – auch spirituell. Manchmal braucht Lust spirituelle Erlaubnis. Ein inneres „Ja“ dazu, dass auch Sexualität ein Weg zu Nähe mit dem Ehepartner sein darf. Im Islam ist die intime Beziehung Teil des Ehevertrags – aber noch viel mehr: Sie ist ein Ort der Barmherzigkeit. Und sie darf Freude machen.

Hadithe berichten, dass der Prophet, möge Allah ihm Frieden geben und ihn segnen, mit seinen Ehefrauen spielte, lachte, sich parfümierte und zärtlich war. Sexualität war für ihn kein Tabu, sondern ein geschützter Raum für Liebe. Dieses Wissen kann entlasten und heilen.

Und wenn alles zu viel ist? Es ist keine Schwäche, sich Hilfe zu holen. Manchmal sind die Muster so tief eingegraben, dass ein Paar sie allein nicht lösen kann. Oder eine Person trägt alte Wunden in sich, die erst gesehen werden wollen, bevor Lust sich wieder zeigen kann.

In solchen Fällen kann eine sexualtherapeutische oder islam-psychologische Begleitung sehr hilfreich sein. Sie schafft einen sicheren Rahmen – nicht um zu „reparieren“, sondern um mitfühlend zu verstehen, was die Lust zum Schweigen gebracht hat und wie man sie sich wieder aneignen kann.

Fazit: Lust ist keine Pflicht – du kannst sie aber beeinflussen

Im Qur’an heißt es: „Und Er hat zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit gesetzt.“ (Ar-Rum, Sure 30, 21)

Diese „Mawadda“ (liebevolle Zuneigung) und „Rahma“ (Barmherzigkeit) sind nicht an sexuelle Leistung gebunden. Sie leben in Blicken, in Geduld, im Wieder-in-Kontakt-Kommen. Lustlosigkeit ist nicht das Ende von Intimität. Sie ist ein Zeichen, dass etwas gesehen werden will. Und wenn wir bereit sind, ihr mit Mitgefühl zu begegnen, kann sie uns zu einer viel tieferen Verbindung führen – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.

* Magdalena Zidi ist Sexual- und Traumapädagogin sowie Sexualtherapeutin. Unter dem Namen „sexOlogisch“ begleitet sie Jugendliche, Eltern und Paare in sensiblen Fragen rund um Körper, Intimität und Beziehung einfühlsam und fachlich fundiert – online wie offline. Mehr zu ihrer Arbeit, ihrem Podcast, Instagram-Kanal und Beratungsangebot unter: www.sexologisch.com

(Hinweis: Der Beitrag ersetzt keine individuelle Beratung. Bei anhaltenden inneren Spannungen rund um das Thema Sexualität kann eine achtsame Begleitung sehr unterstützend sein.)

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