Community: Wider die eigene Selbstverzwergung

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Debattenbeitrag zum Stand der muslimischen Community. Und was das mit dem Bankcoup von Gelsenkirchen zu tun haben könnte.

(iz). Zugegeben, Befragungsergebnisse zu antimuslimischen Einstellungen, die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) sowie Zahlen der Meldestellen zeichnen ein eher pessimistisches Bild der Lage. Doch entgegen der immer wieder kolportierten Verschwörungstheorie findet keine „Islamisierung“ statt – und das, obwohl Muslime dies ohnehin nicht anstreben. Verglichen mit anderen gesellschaftlichen oder ökonomischen Akteuren entspricht ihr Einfluss in der Republik nicht einmal annähernd ihrem Bevölkerungsanteil.

Es gibt also gute Gründe, warum Vertreter der islamischen Selbstorganisation auf Bundesebene, NGOs und andere Stakeholder in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren vor allem Muslimfeindlichkeit und Diskriminierung ganz oben auf ihre Agenda gesetzt haben.

Diese Entscheidung war rational – und sie ging mit zwei Entwicklungen einher: Erstens einem zunehmend verbreiteten Diskurs, der Muslime vor allem als Opfer darstellt, und zweitens einer fatalistischen Haltung, man könne ohnehin nichts ändern.

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Besonders stark wirkt in dieser Selbstverzwergung die Vorstellung fort, der Community fehle es an materiellen Mitteln, um notwendige Schritte zu gehen – etwa zur nachhaltigen Finanzierung starker Medien oder zur Einrichtung eines schlagkräftigen Lobbybüros in Berlin.

Spricht man muslimische Repräsentanten darauf an, ist häufig derselbe Satz zu hören: „Würden wir gern machen, uns fehlen leider die Mittel.“

Da Religion in Deutschland statistisch kaum erfasst werden darf, existieren keine seriösen Daten über das Vermögen (nicht Einkommen) muslimischer Haushalte – nicht einmal über das von Menschen mit Migrationshintergrund allgemein.

Das Gesamtvermögen der Privathaushalte beläuft sich auf rund 9 Billionen Euro Geldvermögen (Stand 2024), wobei eine erhebliche Ungleichheit besteht: Die obersten zehn % besitzen zwischen 56 und 70 % davon.

Das Bundesinnenministerium schätzt die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime derzeit auf 5,3 bis 5,6 Millionen Personen, was etwa 6,6 % der Gesamtbevölkerung entspricht. Angesichts der ungleichen Verteilung und vieler Haushalte mit niedrigen Einkommen dürfte ihr Vermögensanteil deutlich geringer ausfallen – doch selbst eine halbe Promille von 9 Billionen entspricht immerhin 4,5 Milliarden Euro.

Ein radikaler Perspektivwechsel: Bei einem spektakulären Einbruch in eine Filiale der Sparkasse Gelsenkirchen-Buer drangen Unbekannte über die Weihnachtsfeiertage aus einer angrenzenden Tiefgarage in den Tresorraum der Bank ein.

Mit einem Spezial- beziehungsweise Kernbohrer durchbrachen sie die Stahlbetonwand und öffneten rund 3.200 Schließfächer. Entdeckt wurde die Tat erst am Morgen des 29. Dezember, als die Brandmeldeanlage kurz vor vier Uhr wieder Alarm auslöste und Feuerwehr sowie Polizei alarmiert wurden.

Nach ersten Schätzungen beläuft sich der Wert der Beute auf etwa 30 Millionen Euro; inzwischen gehen Sicherheitskreise sogar von einem mittleren zweistelligen bis hin zu einem möglichen dreistelligen Millionenbetrag aus.

In den Fächern lagerten Bargeld, Schmuck, Gold und andere Wertgegenstände von mehreren tausend Kunden, von denen viele von existenzbedrohenden Verlusten berichten. Angesichts der demografischen Verhältnisse in Gelsenkirchen ist davon auszugehen, dass sich unter den Bestohlenen auch zahlreiche muslimische Haushalte und Unternehmer befanden.

30 bis über 100 Mio. Beute aus den Depots einer Sparkassenfiliale! In der ärmsten Stadt des Ruhrgebiets, und einer der finanzschwächsten der ganzen Republik! Nun wäre es unseriös, aus diesem einen Verbrechen Hochrechnungen zum genauen Vermögensstand deutscher Muslime anzustellen.

Moscheebau

Richtfest für die DITIB-Moschee im Duisburger Stadtteil Marxloh in 2006. (Foto: imago)

Nichtsdestotrotz ist die Vorstellung, Mitglieder unserer Gemeinschaften seien per se mittellos, nicht realitätsnah. Dem widerspricht nicht nur die steigende Einbindung in den Arbeitsmarkt, die hohe Selbstständigenquote in Ländern wie NRW sowie der rege Moscheeneubau in den letzten Jahrzehnten. 

Vorrangig in westdeutschen Ballungsgebieten steigt bspw. der private Immobilienbesitz an. Und Vertreter von Hilfsorganisationen bestätigen auf Nachfrage, dass viele Spender nicht nur großzügig seien, sondern ebenso finanzkräftig.

Geht es um fehlende Finanzierung bzw. kollektive Sorge für essenzielle Aufgaben wie Medien, Bildung oder rechtliche Verteidigung, greift die einfache Entschuldigung „uns fehlen leider die Mittel“ zu kurz. Muslime in Deutschland müssen sich fragen, woran es liegt.

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