Eine Zeit für Nachbarschaft

Ausgabe 275

Nachbarschaft praktische tipps fasten
Foto: Sehitlik-Moschee Berlin

Angesichts der neuen Verhältnisse brauchen wir einen Diskurs der Nachbarschaftlichkeit.

(iz). Seit Langem wird Muslimen in diesem Land von außen vorgeschlagen, sie mögen sich doch bitte integrieren. Aus der Sphäre des Feuilletons sowie der Tief- und Schwerdenker schwappte diese Idee in den Bereich der Politik. Die Vorlage wurde dankbar aufgenommen.

Immerhin hat man hier ­angesichts eher unangenehmer und schwieriger Zukunftsaufgaben ein Thema, mit dem sich kurzfristig und kosteneffektiv Punkte machen lassen.

Foto: igmg.org

Bei den so Angesprochenen – als seien nicht sehr viele fitte, positive Muslime dank Geburt oder Neigung längst Teil der „Schicksalsgemeinschaft“ – stößt die Zumutung aus verständlichen Gründen nicht selten auf Kopfschütteln.

Zumal sich gerade viele junge, gerade die, die nicht Teil einer geförderten akademischen Elite sind, einige berechtigte Fragen stellen. Warum sollten sie sich in ein – auch imaginiertes – Gemeinwesen einfügen, dessen Diskurse sie gewohnheitsmäßig problematisieren und im Alltag unnötige Hürden bestehen lassen?

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Negativität war nie das Verhalten muslimischer Gemeinschaften

Nun war Ablehnung oder Negativität seitens Dritter niemals ein Vorbild für das Verhalten muslimischer Gemeinschaften. Traditio­nell waren sie durch Positivität und Dankbarkeit geprägt. Daher sollte der bestehende Trend zur Selbstabgrenzung (menschlich vielleicht verständlich) bei einigen keinen gangbaren Weg darstellen

Der sich ankündigende Ramadan ist eine Erinnerung, dass Nachbarschaft und Sorge für den Nächsten Bestandteil unserer Grundeinstellungen sind. Ein Blick auf die verschiedenen Traditionen aus aller Welt zeigt, dass die Teilhabe des Anderen am Segen der Zeit zu uns gehört.

In einem kurzen Text formuliert der libysche Gelehrte und amtierende Botschafter seines Landes in den Vereinten Arabischen Emiraten, Aref Nayyed, neue Ansätze für muslimische Gemeinschaften im Westen. In der Vergangenheit sei der traditionelle Diskurs über die „Heimstätte des Islam“ hilfreich für einen angemessenen Umgang mit dem Anderen gewesen.

Foto: Presseportal, Doren Dalpiaz, abs/ZDF

Diskurs der Nachbarschaftlichkeit

Angesichts der neuen ­Verhältnisse, in denen sich viele Muslime befänden, wolle er die Idee einbringen, „dass ein Diskurs der Nachbarschaftlichkeit und der ‘Pflichten der Nähe’ in vielen Situationen in unserer Welt hilfreich sein kann“.

Die inneren Orte des Friedens in den Herzen der Gläubigen seien die entscheidenden ­Samen, aus denen friedliche Umfelder in dieser Welt wachsen könnten. Durch sie ­werde ein Platz im Jenseits vorbereitet. Solch ein Zustand im Inneren könne sich in einer Vielfalt diesseitiger Situationen ausdrücken und gedeihen. Er könne nicht wirklich auf geografisch einzugrenzende Zonen der Welt beschränkt werden.

Es gibt eine wichtige Aussage des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden ­geben: die Pflicht, seinen Nachbarn nicht zu schaden. Er sagte: „Bei Allah, er ist kein Gläubiger! Bei Allah, er ist kein Gläubiger! Bei Allah, er ist kein Gläubiger!“ Als seine Gefährten wissen wollten, von wem er sprach, antwortete er: „Derjenige, dessen Nachbar nicht sicher ist vor seinem Schaden.“