Die Ölbrände um Teheran haben den Irankrieg in eine schleichende Umweltkatastrophe verwandelt: „Schwarzer Regen“ fällt auf die Millionenmetropole. Giftstoffe sickern in Böden und Wasser. Im persischen Golf drohen Ölteppiche. Alles Folgen für Gesundheit und Ökosysteme über Jahrzehnte hinweg.
(iz). Als in der Nacht vom 7. auf den 8. März israelische Flugzeuge mehrere Öl- und Treibstofflager rund um Teheran bombardierten, begann ein zweiter, langsamerer Krieg: der gegen Luft, Wasser und Böden des Landes.
Über der Zehn-Millionen-Metropole türmten sich laut dem Conflict and Environment Observatory (CEOBS) und BBC-Analysen gigantische Rauchfahnen, gespeist aus vier zentralen Anlagen – den Depots in Karaj, Shahran und Aqdasiyeh sowie der Teheraner Raffinerie mit einer Kapazität von rund 225.000 Barrel pro Tag.
Während die militärischen Sprecher in Tel Aviv die Angriffe als Schlag gegen die „Kriegsmaschinerie“ Irans rechtfertige, begann sich unter den Wolken ein anderes, unkontrollierbares Gemisch zusammenzubrauen: sogenannter „schwarzer Regen“. (https://www.bbc.com/news/articles/cqxd1nv3re2o)
„Höllenlandschaft“, „apokalyptisch“, „schwarzes Monster“ – so zitierten die Analysten von CEOBS die Beschreibungen Teheraner Bewohner, die in sozialen Medien von brennenden Öllagern, beißendem Rauch und später herabfallenden, öligschwarzen Tropfen berichteten.
Noch brennen einige der Lager für Erdöl um Teheran, wie Satellitenaufnahmen und Feuer-Daten zeigen. Niemand kann seriös beziffern, wie lange Rauch und Giftstoffe die Stadt und das Umland belasten werden. Sicher ist nur: Die sichtbaren Flammen werden schneller verlöschen als ihre Nebenwirkungen.
Atmosphärenforscher erklärten gegenüber BBC, CBC und ABC News, was in der Luft hängt: ein toxischer Cocktail aus Feinstaub (vor allem Rußpartikeln), Stickoxiden, Schwefeldioxid, flüchtigen organischen Verbindungen und Schwermetallen, wie sie beim unvollständigen Verbrennen von schwefelreichem Rohöl frei werden. (https://abcnews.com/International/black-rain-fell-iran-after-strikes-oil-reserves/story?id=130901326)
Wenn diese Gase in Wolken geraten, reagieren sie mit Wasser zu Säuren, die im Regen wieder zu Boden fallen. In Kombination mit Ruß und Ölresten entsteht das Phänomen, das im Volksmund „black rain“ heißt.
Gesundheitlich ist das mehr als eine meteorologische Kuriosität. Die winzigen Rußpartikel (Black Carbon) dringen tief in die Lunge ein und tragen oft krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) an ihrer Oberfläche, warnen CEOBS und von Medien befragte Toxikologen.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO sprach von einem „massiven Ausstoß toxischer Kohlenwasserstoffe, Schwefeloxide und Stickstoffverbindungen“ und warnte vor akuten Atemwegsproblemen bis hin zu langfristig erhöhtem Krebsrisiko. Der Iranische Rote Halbmond und die Umweltbehörde des Landes riefen die Menschen auf, in den Häusern zu bleiben, Fenster geschlossen zu halten. Sie rechneten mit Verätzungen der Haut, Reizungen von Augen und Schleimhäuten und schweren Schäden bei Älteren sowie Vorerkrankten. (https://www.cbc.ca/news/world/black-rain-oil-depot-strikes-9.7123197)
Doch in einer Stadt wie Teheran endet der Schaden nicht an der Türschwelle. Die CEOBS-Analyse erinnert daran, dass die iranische Hauptstadt in einem halb geschlossenen Becken am Südrand des Elburs-Gebirges liegt, in dem sich Luftschichten häufig wie ein Deckel übereinanderschichten und Schadstoffe unter Inversionswetterlagen festhalten.
Bereits im Normalzustand liegen die Feinstaubwerte nach Studien teils mehr als vierfach über den WHO-Grenzen. Die aktuelle Belastung traf eine Bevölkerung, deren Atemwege und Herz-Kreislauf-Systeme seit Jahren unter Stress stehen. Innenräume bieten kaum Schutz: Untersuchungen zur Luftqualität in der Stadt zeigen, dass die Partikel durch undichte Gebäudehüllen dringen und sich auf Möbeln, Böden und Textilien ablagern. Das ist ein Giftfilm, der bei jedem Aufwirbeln erneut eingeatmet wird.
Der Regen, den viele zunächst als reinigendes Ereignis erhofften, verteilte die Belastung lediglich anders. CEOBS und iranische Behörden verwiesen auf Berichte, wonach ausgelaufenes Öl vom Shahran-Depot in Regenwasserkanäle floss und dort teilweise explodierte.

Foto: Avash Photo, via Wikimedia Commons
Teheran verfügt über ein komplexes Netz von Abflusskanälen, das Schmelz- und Regenwasser aus den Bergen sammelt und Richtung Süden ableitet. Niemand weiß derzeit genau, an welchen Stellen das Gemisch aus Öl, Verbrennungsrückständen und saurem Niederschlag wieder austritt. Wahrscheinlich wird das in Flussläufen, Bewässerungssystemen und landwirtschaftlichen Böden am Stadtrand geschehen, wo es in das ohnehin flache Grundwasser vordringen kann.
Das UN-Umweltschutzprogramm UNEP und NGOs wie Human Rights Watch hatten schon vor dem aktuellen Krieg mehrfach darauf hingewiesen, dass zerstörte Industrieanlagen in Konflikten zu „sich langsam anbahnenden Katastrophen“ für Wasserressourcen werden. Es sind Verheerungen, die erst Jahre später in Form steigender Krebsraten und unbrauchbarer Brunnen sichtbar werden.
Die Bilder aus Teheran weckten Erinnerungen an frühere Kriege im Nahen Osten. In einer Analyse von „Moneycontrol“ zeichnet die Journalistin Deblina Halder anhand von Aussagen iranischer Fachleute und internationaler Forscher Parallelen zu den brennenden kuwaitischen Ölfeldern von 1991: „Damals verdunkelten monatelang Rußwolken den Himmel, und Ablagerungen wurden noch Hunderte Kilometer entfernt nachgewiesen.“
Auch jetzt sehen Modelle wie HYSPLIT laut CEOBS den Rauch aus Teheran nach Nordosten, bis in Hochgebirgsregionen Zentralasiens ziehen, wo sich Ruß auf Gletschern absetzen und deren Schmelze beschleunigen kann. Solche kurzfristigen Klimaeffekte durch „Black Carbon“ sind wissenschaftlich gut dokumentiert und zeigen: Was über Teheran entzündet wurde, bleibt nicht lokal. (https://www.moneycontrol.com/europe/?url=https://www.moneycontrol.com/world/oil-fires-black-rain-and-toxic-seas-the-environmental-fallout-of-the-iran-war-article-13860618.html)
Gleichzeitig weitet sich die ökologische Frontlinie über den Luftraum hinaus. Die „Deutsche Welle“ (https://www.dw.com/en/iran-war-risks-long-term-toxic-legacy-for-people-and-nature-that-ripples-beyond-borders/a-76335587), „Moneycontrol“ und spezialisierte Beobachter berichteten von Angriffen auf Tanker, Hafenanlagen und Energieinfrastruktur im gesamten Persischen Golf, von Saudi-Arabiens Ras-Tanura-Raffinerie bis zur ölverarbeitenden Industrie in den Emiraten.
Bereits jetzt sind laut CEOBS und regionalen Umweltgruppen Dutzende Zwischenfälle mit Ölverschmutzungen und Chemikalienlecks dokumentiert, darunter der Torpedotreffer auf eine iranische Fregatte, die vor Sri Lanka einen kilometerlangen Ölteppich hinterlasse.
Der Golf ist gleichzeitig Verkehrsader des Welthandels und empfindliches Ökosystem: Korallenriffe, Seegraswiesen und Fischbestände standen schon vor dem Krieg unter Druck durch Übernutzung und Erwärmung. Jetzt kommen toxische Schübe aus der Luft und aus beschädigten Leitungen hinzu.

Foto: DoD/Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain
Die politische Dimension dieses „unsichtbaren Frontverlaufs“ ist inzwischen angekommen. In einem Schreiben an UN-Generalsekretär António Guterres spricht die Chefin der iranischen Umweltbehörde, Sheena Ansari, von einem „manifesten Umweltverbrechen“ und „faktischer chemischer Kriegführung“ durch die US-israelischen Angriffe auf zivil genutzte Treibstofflager.
Ähnlich scharf äußern sich Diplomaten in Genf gegenüber Nachrichtenagenturen, während UN-Stellen wie WHO und UNEP betonen, dass Kriegsparteien völkerrechtlich verpflichtet sind, die Umwelt zu schützen und „übermäßige, langanhaltende und schwerwiegende Schäden“ zu vermeiden.
Auf dem Papier schließt das Kriegsvölkerrecht Folter, chemische Waffen und wahllose Angriffe auf Zivilisten aus. In der Praxis verwandelt der aktuelle Irankrieg weite Teile des Landes und seiner Nachbarregion in Versuchslabore für einen anderen, schlecht erfassten Waffentyp: den Industriekomplex als Zielsystem. Jede Bombe auf Raffinerien, Treibstofflager, Häfen oder Pipelines setzt Ströme schädlicher Stoffe frei, die sich der Kontrolle der Militärs entziehen und zu Langzeitrisiken werden.
