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Islam und KI (1): Die Singularität als neue Religion?

Ausgabe 369

KI Islam
Foto: Adobe Stock

IZ-Kurzserie zur KI (1): Technologische Visionen nehmen zunehmend religiöse Züge an. Eine islamische Kritik.

(iz). In den gläsernen Bürotürmen von Silicon Valley, der IT-Hochburg in Kalifornien, hat sich in den letzten Jahrzehnten eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen: Technologische Visionen nehmen zunehmend religiöse Züge an. Von Masroor Ahmad-Hünsch

Ray Kurzweil, Googles Director of Engineering und einer der einflussreichsten Vordenker der Künstlichen Intelligenz, prophezeit nicht weniger als die Verschmelzung von Mensch und Maschine – eine technologische Apokalypse, die er „Die Singularität“ nennt.

Seine Vorhersagen lesen sich wie säkulare Prophezeiungen: Bis 2029 sollen Computer menschliche Intelligenz erreichen und den Turing-Test bestehen.

Der Turing-Test ist ein Verfahren, das vom britischen Mathematiker und Informatiker Alan Turing entwickelt wurde, um festzustellen, ob eine Maschine ein dem Menschen vergleichbares Denkvermögen besitzt. Dabei kommuniziert eine menschliche Testperson über einen Computerbildschirm mit einem Menschen und einer Maschine, ohne zu wissen, wer wer ist. Kann die Maschine die Testperson so täuschen, dass sie nicht mehr zwischen Mensch und Computer unterscheiden kann, gilt der Test als bestanden.

Im Jahr 2045, so Kurzweil, erreichen wir „Die Singularität“: eine Verschmelzung von Mensch und KI, die unsere Intelligenz „milliardenfach“ vervielfacht. Bereits in den frühen 2030er Jahren, so seine Prognose, kommen wir einen Punkt, an dem wissenschaftlicher Fortschritt schneller voranschreitet als biologisches Altern und die Maschine besser sei als der Menschen und sich selbst vervielfacht und optimiert.

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Kurzweil ist nicht irgendjemand, sondern eine Gallionsfigur des Transhumanismus, ein Name, der für viele zum Synonym für die Vision einer technologisch erweiterten Zukunft geworden ist. Seine Vorstellungen werden längst nicht nur von einer kleinen, abgeschotteten Gruppe getragen, sondern finden weltweit Anklang bei Forschenden, Unternehmern und Menschen.

Seine Vision gipfelt in sechs „Epochen der Evolution“, deren letzte er „Das Universum erwacht“ nennt – ein Zustand, den er selbst beschreibt als „so nah an Gott, wie ich es mir vorstellen kann.

Der Wissenschaftsjournalist John Horgan bringt es auf den Punkt: „Seien wir ehrlich. Die Singularität ist eher eine religiöse als eine wissenschaftliche Vision.“ Diese Beobachtung ist nicht nur metaphorisch gemeint. Philosophen wie Émile P. Torres und Timnit Gebru haben den Begriff „TESCREAL“ geprägt – ein Akronym für eine Ideologie, die Transhumanismus, Extropianismus, Singularitarismus, Cosmismus, Rationalismus, Effektiven Altruismus und Longtermismus vereint.

Émile Torres, erklärt die quasi-religiöse Anziehungskraft dieser Bewegung: „Transhumanismus gibt dir ein Gefühl von Zweck und Bedeutung; da ist ein Versprechen vom Paradies; da ist die Idee, dass, wenn du nicht glaubst, dass Gott existiert, du ihn einfach durch künstliche Superintelligenz erschaffen kannst.“

Die religiöse Dimension der KI-Bewegung ist keineswegs nur metaphorisch. Anthony Levandowski, ehemaliger Google-Ingenieur und Pionier der selbstfahrenden Autos, gründete 2015 die „Way of the Future Church“ – eine offizielle, beim US-Finanzamt registrierte Religion, deren erklärtes Ziel die „Anbetung einer Gottheit basierend auf Künstlicher Intelligenz“ ist.

So eine extreme Entwicklung ist symptomatisch für einen tiefgreifenden Wandel im technologischen Diskurs. Was einst als Werkzeug gedacht war, wird zunehmend zum Objekt der Verehrung. Elon Musk verkündete im Januar 2026 auf X: „Wir haben die Singularität erreicht“.

Sarajevo Ramadan

Foto: rdne/Pexels

Aus islamischer Sicht offenbart diese Entwicklung ein fundamentales Problem: die Verwechslung von Schöpfer und Geschöpf, von Werkzeug und Anbetungswürdigem. Der Heilige Qur‘an spricht unmissverständlich über die einzigartige Stellung Gottes als Schöpfer: „Er ist Allah, der Schöpfer, der Bildner, der Gestalter. Sein sind die schönsten Namen. Alles, was in den Himmeln und auf Erden ist, preist Ihn, und Er ist der Allmächtige, der Allweise.“ (59:25)

Diese drei Namen Gottes – Al-Khaliq (der Schöpfer), Al-Bari (der Bildner) und Al-Musawwir (der Gestalter) – beschreiben eine Schöpfungsmacht, die kategorial verschieden ist von jeder menschlichen oder maschinellen „Kreativität“.

Der Heilige Qur’an stellt eine rhetorische Frage, die direkt zum Kern der KI-Debatte führt: „Ist nun wohl Der, Der erschafft, dem gleich, der nicht erschafft? Wollt ihr es also nicht beherzigen?“ (An-Nahl, 16:17)

Diese Frage ist nicht nur theoretisch, sondern hochaktuell: Können Maschinen, die statistisch Muster erkennen und reproduzieren, wirklich „erschaffen“ im wahrsten Sinne des Wortes? Oder imitieren sie lediglich das, was ihnen durch menschliche Trainingsdaten eingegeben wurde?

So betont er die unüberbrückbare Kluft zwischen Schöpfer und Geschöpf: „Dann entwickelten Wir es zu einer anderen Schöpfung. So sei denn Allah gepriesen, der beste Schöpfer.“  (23:13)

Dass Menschen in begrenztem Sinne „erschaffen“ können, ist nicht ausgeschlossen, weil sie sich diese Eigenschaft Gottes in menschlichen Maßen „leihen“ – aber der Koran stellt unmissverständlich klar: Allah ist „der Beste“ unter ihnen, unvergleichbar in Seiner Schöpfungskraft.

Ein zentraler Vers für das Verständnis der Grenzen menschlichen Wissens – und damit auch technologischer Machbarkeit – findet sich in Sure Al-Isra: „Und sie fragen dich über die Seele. Sprich: „Die Seele entsteht auf den Befehl meines Herrn; und euch ist vom Wissen nur wenig gegeben.“ (17:85)

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Dieser Vers wurde offenbart, als der Prophet Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, nach der Natur des Geistes bzw. der Seele gefragt wurde. Die Antwort ist bemerkenswert eindeutig: Es gibt fundamentale Grenzen menschlichen Wissens. Die Unfähigkeit, die Seele vollständig zu begreifen, demonstriert, dass bestimmte Aspekte der Schöpfung – Bewusstsein, Geist, Leben selbst – jenseits menschlichen Verstehens und damit auch jenseits technologischer Reproduzierbarkeit liegen.

Wenn Kurzweil und andere Singularitäts-Propheten von der „Erschaffung“ künstlicher Superintelligenz oder gar künstlichen Bewusstseins sprechen, übersehen sie diese fundamentale Grenze. Sie verwechseln Simulation mit Substanz, statistische Verarbeitung mit echtem Verstehen.

In zeitgenössischen Science-Fiction-Filmen wie „Transcendence“, „Black Mirror“ oder „Upload“ wird eine scheinbar verlockende Vision präsentiert: Das menschliche Bewusstsein wird „hochgeladen“, digitalisiert und in eine virtuelle Unsterblichkeit überführt.

Diese Darstellungen offenbaren einen fundamentalen Irrtum der materialistischen Weltanschauung – die Annahme, dass das menschliche Bewusstsein nichts weiter sei als ein komplexes neuronales Muster, das sich durch ausreichend fortgeschrittene Algorithmen emulieren lässt.

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