Es gehört zu den stilleren Gesten der politischen Literatur, über Frieden zu schreiben, während ringsum von Krieg geredet wird.
(iz). Daniel Gerlach wagt genau das. Sein neues Buch „Die Kunst des Friedens“ fragt nicht, wie man Konflikte beendet, sondern wie man ihn erlernt.
Schon der Titel klingt altmodisch in einer Zeit, die häufig Strategen und Sicherheitsberater zu Wort kommen lässt. Der Nahostexperte will das Offensichtliche ins Gedächtnis rufen: Er ist kein Zustand, vielmehr ein Handwerk.
Der Fachmann und zenith-Herausgeber nähert sich diesem mit einer Gelassenheit, die man von ihm kennt – und mit dem Wissen eines Beobachters, der die Zerreißproben der Region aus nächster Nähe verfolgt hat.
Seine Perspektive bleibt nie bloß geopolitisch. Es geht ihm um kulturelle Muster des Zusammenlebens, um die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, statt sie zu tilgen.

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Dass Gerlach dafür auf Beispiele aus Libanon, Syrien, Israel oder dem Nachkriegseuropa zurückgreift, ist kein Zufall. Die Bruchstellen dieser Gesellschaften werden zu Spiegeln unserer weltweiten Unfähigkeit, Frieden als soziale Praxis zu denken.
Sein Buch ist weniger Abhandlung als Bewegung zwischen Geschichte, Philosophie und Erfahrungsbericht. Gerlach schreibt in ruhigen, geschliffenen Sätzen, ohne den Anspruch des Wissenschaftlers oder die Überwältigungsrhetorik des Moralisten. Er argumentiert leise – aber entschieden.
Besonders eindringlich sind jene Passagen, in denen er zeigt, wie Vertrauensbildung scheitert, sollte sie institutionell verordnet statt menschlich gewachsen sein. Frieden, so deutet er an, beginnt dort, wo man dem anderen wieder zuhört, selbst wenn man kein Verständnis mehr aufbringen kann.

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Formal erinnert „Die Kunst des Friedens“ an die klassische politische Essayistik: inhaltlich klar, ethisch verankert und frei von Zynismus. Das Buch besitzt etwas zutiefst Gegenwärtiges.
Es spricht von einer Gesellschaft, die den Konflikt liebt, weil er Aufmerksamkeit verspricht, und die das Einvernehmen für Schwäche erachtet. Gerlach hält dagegen – nicht mit Appellen, sondern einer Art literarischer Gelassenheit.
Am Ende bleibt das Buch weniger ein Manifest als ein Kompass: ein Plädoyer, Frieden nicht wie eine Leerstelle zwischen Kriegen, vielmehr als kreative, manchmal mühsame Aufgabe zu begreifen.
„Die Kunst des Friedens“ ist nicht Ratgeber und politische Programmschrift, sondern ein Versuch, die Grammatik des Zusammenlebens neu zu denken. (A.Ö. Kartal)
* Daniel Gerlach, Die Kunst des Friedens: Eine andere Geschichte des Nahen Ostens – Deals, Friedensverhandlungen & Geheimdiplomatie, C. Bertelsmann 2025, 352 Seiten, gebunden, ISBN 3570105857, Preis: EUR 25,- (auch als eBook erhältlich)