Wir könnten vom Majlis oder Diwan profitieren: Für die hiesige Zivilgesellschaft und muslimische Communitys könnte eine bewusste Übernahme dieser Kulturtechnik einen erprobten Gegenentwurf zur Vereinzelung darstellen.
(iz). Der Majlis – oder Diwan – ist im arabisch-islamischen Raum bis heute eine der diskreten Herzkammern des sozialen Lebens. In diesem halböffentlichen Salon empfangen Familien ihre Nachbarn, Freunde und Gäste, es werden Nachrichten ausgetauscht, Konflikte geschlichtet, Allianzen geknüpft und Armut im Verborgenen gelindert.
Der Raum ist meist schlicht, mit Kissen oder Sofas an den Wänden, einem zentralen Teppich, manchmal einer eigenen Tür nur für Gäste und einer klaren Choreographie der Gastfreundschaft.

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Am Golf – etwa in Qatar, Kuwait oder den Emiraten – ist er zumeist nach Geschlechtern getrennt: einer für Männer, einer für Frauen als eigener, lebendiger Mikrokosmos mit Familienplanung, Nachbarschaftspolitik und Alltagsorganisation.
In urbanen Kontexten wandert dieser halb-öffentliche Raum heute teilweise in Hotels, Cafés oder moderne Wohnzimmer, bleibt aber als separater „Sitzungsraum“ erkennbar, in dem Gemeinschaft und Status performativ inszeniert werden.
In Oman und Saudi-Arabien spricht man ebenfalls vom Majlis, im Jemen und in Kuwait eher vom Diwan. In Syrien oder dem Libanon überlappt sich die Funktion mit traditionellen Empfangszimmern, während im Maghreb lieber der Salon bzw. die Gästehalle diese Rolle übernimmt.
Der Majlis ist mehr als ein Wohnzimmer: Er ist auch eine informelle Volksvertretung, in der Stammesälteste, Geschäftsleute, Gelehrte oder Lokalpolitiker zuhören und Entscheidungen vorbereiten.
Gerade in kleineren Orten fungiert er als niedrigschwelliger Ort, an dem jeder eintreten, vortragen und Kritik äußern kann – eine Art quasi-demokratischer Resonanzraum jenseits formaler Institutionen.
Nicht zufällig wurde der Majlis zusammen mit dem Ritual des arabischen Kaffees als immaterielles Kulturerbe markiert – als Symbol einer Kultur, in der Zuhören, Konsens und Großzügigkeit zentrale Werte sind. Das Protokoll der Gastfreundschaft folgt einer feinen Dramaturgie.
Zuerst wird Kaffee (qahwa) serviert: leicht geröstet, mit Kardamom gewürzt, aus einer bauchigen Kanne (dallah) in kleine Henkeltassen (finjan) eingeschenkt. Der Gastgeber bzw. ein beauftragter Muqahwi trägt die Kanne, die Tassen in der anderen Hand, und bedient die Anwesenden entweder entsprechend ihres Ranges oder schlicht gegen den Uhrzeigersinn.
Die Tassen werden nur zu einem Viertel gefüllt; getrunken wird in kleinen Schlucken, und wer genug hat, schwenkt die Tasse leicht, um weitere Nachschenker höflich abzulehnen.
Erst nachdem der Kaffee den formellen Rahmen gesetzt hat, folgt der Tee, oft stark und süß, mit Minze, Salbei bzw. Thymian – als Signal, dass die Atmosphäre gelöster ist.
Datteln, Nüsse oder Süßigkeiten begleiten beide Getränke, symbolisieren Fülle und Milde und mildern zugleich die Bitterkeit des Kaffees. In dieser Abfolge – Kaffee als Ritual der Anerkennung, Tee als Brücke zur vertraulichen Unterhaltung – spiegelt sich ein feines Verständnis von Nähe, Distanz und Timing im sozialen Umgang.

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Im Ramadan wird der Majlis vielerorts zu einem Raum der Speisung. Familien, Stiftungen und Moscheegemeinden richten in Golfstaaten, in der Levante oder in Teilen Nordafrikas kollektive Iftar-Tafeln aus, bei denen Nachbarn, Wanderarbeiter, Bedürftige und Alleinstehende gemeinsam das Fasten brechen.
Für die deutsche Zivilgesellschaft und muslimische Communitys in Deutschland könnte eine bewusste Übernahme dieser Kulturtechnik einen erprobten Gegenentwurf zur Vereinzelung darstellen: ein halböffentlicher Ort der Gastfreundschaft, in dem nach festen, aber einfachen Regeln miteinander gesprochen wird.
Solche Räume – in Nachbarschaftszentren, Bibliotheken, Kulturvereinen, Moscheen oder in Wohnungen – könnten als niederschwellige Gesprächssalons dienen, in denen lokale Anliegen, Konflikte und Ideen in einer Atmosphäre anerkannter Formen der Höflichkeit verhandelt werden.
So würde der Majlis zu einer Brücke zwischen Herkunftskulturen und Mehrheitsgesellschaft. Junge MuslimInnen wären nicht nur Gegenstand der Debatte, sondern Gastgeber einer Kultur, die Gespräch, Großzügigkeit und geteilte Verantwortung ins Zentrum stellt.
