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Maßhalten: Eine muslimische Tugend nicht nur im Ramadan

Ausgabe 368

Maßhalten Gleichgewicht
Foto: Freepik.com

Kultur: Das Maßhalten ist nicht nur ein politische Schlagwort, sondern auch eine empfehlenswerte Tugend, die es zu fördern gilt.

(iz). Der Islam ist eine Religion, die den Menschen nicht überfordert, aber auch nicht sich selbst überlässt. Er führt ihn weder in blinde Askese noch in haltlosen Genuss. In jeder Lebenslage ruft der Islam zur Ausgewogenheit auf. Diese Haltung durchzieht das gesamte Glaubenssystem, von der Anbetung bis zur Lebensführung. Alles folgt einem Maß, das nicht dem Zufall entspringt, sondern einer tiefen Weisheit.

Im Qur‘an wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Gott die Dinge mit Maß erschaffen hat. Das zeigt sich nicht nur in den Naturgesetzen, sondern auch im ethischen und sozialen Leben. Der Muslim soll weder geizig noch verschwenderisch sein. Er soll nicht in ständiger Angst leben, aber auch nicht in Sorglosigkeit verfallen.

Im Umgang mit anderen soll er weder hart noch nachlässig sein. Selbst im Gebet, dem zentralen Bestandteil islamischer Praxis, wird zur Mäßigung geraten. Zu lange Gebete, die den Alltag lähmen, sind ebenso unerwünscht wie eine Vernachlässigung der rituellen Pflichten.

Der Islam trennt den Menschen nicht in Körper und Geist, sondern verbindet beides zu einer Einheit. Der Körper darf gepflegt und ernährt werden, doch er soll nicht zum einzigen Lebensinhalt werden.

Umgekehrt wird die Seele nicht durch körperfeindliche Praktiken überhöht. Fasten, Beten, Arbeiten, Ausruhen und Genießen, all das hat seinen Platz. Alles zu seiner Zeit, alles in seinem Maß. Diese Haltung bewahrt vor innerer Zerrissenheit und vor dem Druck, sich ständig selbst übertreffen zu müssen.

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Auch im sozialen Miteinander fordert der Islam den Weg der Mitte (arab. wasat). Gerechtigkeit heißt hier nicht Gleichmacherei, sondern jedem das zu geben, was ihm zusteht. Reiche sollen die Armen nicht vergessen, aber Armut wird nicht romantisiert.

Autorität soll nicht missbraucht, aber auch nicht ignoriert werden. Allah will keine extreme Gesellschaft, sondern eine, in der das Gleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten gewahrt bleibt. Das gilt für die Familie ebenso wie für die Gemeinschaft.

Das Leben des Propheten Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, zeigt, wie diese Haltung in der Praxis aussehen kann. Er war weder weltfern noch weltverliebt. Er lachte, ohne oberflächlich zu sein. Er fastete, ohne sich zu quälen. Er suchte immer den Ausgleich. Seine Biografie zeigt keine Extreme, sondern ein klares, menschliches Maß. Darin liegt seine besondere Glaubwürdigkeit.

Das Gleichgewicht, das durch den Islam gelehrt wird, ist daher kein abstraktes Ideal. Es ist eine Orientierungshilfe, ein Navigationssystem für ein Leben in Klarheit. Wer sich an diese Maßstäbe hält, gerät weniger leicht ins Schwanken.

Weder äußere Versuchungen noch innere Schwächen gewinnen die Oberhand, wenn das Maß gewahrt bleibt. In einer Zeit der Extreme ist diese Haltung aktueller denn je. Der Islam bietet keine schnellen Lösungen, sondern eine durchdachte Lebensweise. Wer ihr folgt, wird nicht nur ruhiger, sondern auch klarer im Blick auf sich selbst und die Welt.

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