Wenn die Welt nicht mehr antwortet: Warum wir anders reisen müssen. Was sagt der Theoretiker Hartmut Rosa zum Thema?
(iz). Im 18. Jahrhundert beklagte Johann Wolfgang von Goethe auf seiner Reise nach Italien, die Postkutsche sei zu schnell, um Landschaft und Natur wirklich erfassen zu können. Heute amüsiert uns die Beobachtung des Dichters, die wie eine Vorahnung der Beschleunigungsgesellschaft wirkt.
Hartmut Rosa, einer der einflussreichsten Gesellschaftstheoretiker der Gegenwart, hat diese Erfahrung des „zu schnell“ systematisch durchbuchstabiert. Seine Bücher sind Bestseller und behandeln Phänomene wie „Beschleunigung“, „Resonanz“, „Unverfügbarkeit“ und jüngst „Situation und Konstellation“. Seine Diagnose trifft das moderne Reisen ins Herz: Wir bewegen uns immer schneller durch eine Welt, die uns immer weniger antwortet.
Reisen: Sind wir zu schnell?
Rosa, 1965 geboren und Professor in Jena, analysiert mit seiner Theorie der sozialen Beschleunigung, der Resonanz und der schwindenden Handlungsspielräume nicht nur Arbeit, Politik oder Alltag, sondern hinterfragt indirekt auch unsere Reisegewohnheiten.
Was auf den ersten Blick akademisch klingt, erklärt auf den zweiten, warum der Traumurlaub oft hohl wirkt, warum wir von zehn Städten in vierzehn Tagen erschöpfter zurückkommen, als wir aufgebrochen sind. Im Tourismus verdichten sich die Grundprobleme der Spätmoderne: rastlose Steigerung, Entfremdung von der Welt, der Zwang zur Verfügbarmachung von Zeit, Orten und Menschen.
Wer verstehen will, warum wir bei wachsender Reisegeschwindigkeit „alles haben können“ und doch so wenig wirklich erleben, muss die Logik dieser Beschleunigung und ihre Auswirkungen auf unser Verhältnis zur Welt in den Blick nehmen.
Die gestufte Beschleunigung: Von der Kutsche zum Jet
Historisch lässt sich der Wandel der Reiseerfahrung als Stufenfolge wachsender Geschwindigkeit lesen: Kutsche, Eisenbahn, Auto, Flugzeug. Goethe markiert dabei eine frühe Schwelle – die Kutsche ist ihm bereits „zu schnell“, um Natur und Landschaft in ihrer Eigenzeit zu erfahren.
Mit der Eisenbahn vollzieht sich dann ein qualitativer Sprung: Der Reisende gleitet in einem abgeschlossenen Wagen durch die Welt, die hinter Glas an ihm vorbeizieht, zu einer Serie von Bildern verdichtet und durch Fahrpläne streng getaktet. Das Automobil individualisiert diese Beschleunigung. Subjektiv vermittelt es Souveränität: Route, Tempo, Pausen scheinen in der eigenen Hand zu liegen.
Zugleich verengt sich die Wahrnehmung auf das Fahrgeschehen: Die Landschaft wird zur Kulisse. Mit dem Flugzeug erreicht die Beschleunigungslogik ihr Extrem. Der Raum zwischen Herkunft und Ziel wird nahezu ausgelöscht; Distanzen, die früher Wochen bedeuteten, schrumpfen auf Stunden. Flughäfen fungieren als Nicht-Orte – standardisierte Knotenpunkte in einem globalen Netz, in denen Orts- und Zeitdifferenzen geglättet werden.
Das Prinzip wachsender Geschwindigkeit verspricht Befreiung und Erlebnisfülle, erzeugt aber zugleich einen Verlust an Tiefe und Verbindlichkeit in der Erfahrung des Raumes.
Verfügbarkeit und Entfremdung: Der Urlaub als Steigerungsprojekt
Noch nie war die Welt so verfügbar wie heute: Online-Buchungsportale, Navigations-Apps und Bewertungsplattformen machen jeden Ort zu einem erreichbaren, kalkulierbaren Objekt. Was technisch als Erfolg erscheint, beschreibt der Soziologe Rosa als vierfache Verfügbarmachung der Welt: Sie wird sichtbar (Reiseführer, Instagram, Reviews), erreichbar (globale Mobilitätsnetze), beherrschbar (touristische Erschließung) und dienstbar (der Urlaub als Regenerationsmodul für die Arbeitskraft).
Gerade diese totale Verfügbarkeit gefährdet jedoch das, was wir im Reisen eigentlich suchen: Berührung, Überraschung und Transformation. Eine Reise, die minutiös durchgeplant ist, lässt keinen Raum für Umwege, Irritationen und Zufälle. Das, was verfügbar ist, so Rosa, tendiert dazu, seine Resonanzfähigkeit zu verlieren: Es lässt uns kalt, weil es in ein Schema von Erwartungen gezwungen ist
Seine Beschleunigungstheorie macht das dahinterliegende Paradox sichtbar. Technische Geschwindigkeitserhöhung (schnellere Verkehrsmittel), Beschleunigung des sozialen Wandels und des Lebenstempos verstärken sich gegenseitig zu einem „Beschleunigungszirkel“.
Im Reisen heißt das: Je schneller wir unterwegs sein können, desto mehr wollen wir sehen. Subjektiv entsteht der Eindruck chronischer Zeitknappheit, obwohl – hier liegt das Paradox – objektiv Zeit eingespart wurde. Philosophisch berührt diese Erfahrung das Problem unserer Endlichkeit an. Wenn Lebenszeit begrenzt ist, so die implizite Logik, erscheint es rational, möglichst viele Erfahrungen in sie hineinzupressen.
Wer doppelt so schnell lebt, kann – scheinbar – die Summe der Erfahrungen verdoppeln und dadurch ein „reicheres“ Leben führen. Rosa erklärt den existentiellen Hintergrund: „Die eudaimonistische Verheißung der Beschleunigung liegt daher in der (unausgesprochenen) Vorstellung, dass die Beschleunigung des Lebenstempos unsere (also die moderne) Antwort auf das Problem der Endlichkeit und des Todes ist.“
Wenn die Welt verstummt: Resonanz und die Logik des industrialisierten Tourismus
Rosas Gegenbegriff zur Entfremdung ist Resonanz. Resonanz bezeichnet eine lebendige Beziehung zur Welt, in der wir uns von etwas anrufen lassen, antworten, und in der eine wechselseitige Transformation stattfindet. Wenn wir sagen, ein Ort habe uns „etwas gegeben“, eine Reise habe uns „verändert“, dann beschreiben wir intuitiv Resonanzereignisse.
Entscheidend ist dabei, dass Resonanz ein Moment der Unverfügbarkeit braucht: Sie lässt sich nicht erzwingen, nicht planen und nicht kaufen. Goethes Idee der Metamorphose klingt hier nach: Der Sinn des Reisens liegt nicht darin unsere Reiseziele zu verändern, sondern uns selbst.
Genau hier liegt das Problem des Massentourismus an. Er versucht permanent, Resonanz verfügbar zu machen: „authentische“ Folkloreabende, arrangierte Begegnungen mit Einheimischen und inszenierte Geheimtipps oder Kunstschnee, wenn die Natur nicht liefert. Rosa illustriert das Geschehen am Beispiel der Schneekanonen: Wir können Schnee technisch erzeugen, aber der Kunstschnee verliert die Fähigkeit, uns in derselben Weise zu berühren wie ein unerwarteter Wintereinbruch.

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Das gilt analog für touristische Produkte: Die exakt erwartungskonforme „Erfahrung“ – die Sehenswürdigkeit, die aussieht wie auf dem Prospekt, das standardisierte Hotelzimmer, die perfekte Voraussehbarkeit – beruhigt die Kontrollbedürfnisse, aber verstellt oft die Möglichkeit echter Resonanz.
Phänomenologisch erzeugt das eine Welt, die stumm geworden ist. Die Städte gleichen sich an, Innenstädte werden zu austauschbaren Konsumkulissen, touristische Hotspots werden so inszeniert, dass sie der vorweggenommenen Bilderlogik entsprechen. Der Reisende bewegt sich durch Räume, in denen alles auf ihn zugeschnitten scheint, aber nichts mehr wirklich antwortet.
Burnout definiert Rosa, als Zustand des umfassenden Verstummens der Resonanzachsen – psychisch wie physisch. In dieser Perspektive erscheint der enttäuschte Urlaub nicht als individuelles Versagen, sondern als strukturelles Problem einer Welt, die systematisch auf Verfügbarkeit statt Beziehung hin organisiert ist.
Situation und Konstellation: Verschwundene Spielräume im Reisen
In seinem neuesten Buch „Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“ analysiert Hartmut Rosa, wie unsere Lebenswelt zunehmend von starren Konstellationen statt offenen Situationen dominiert wird. Eine Situation ist offen, mehrdeutig, verlangt Urteilskraft und echtes Handeln: etwa ein Gespräch in einer fremden Sprache, eine unerwartete Einladung oder eine spontan geänderte Route.
Eine Konstellation hingegen ist durch vorgegebene Optionen strukturiert. Hier herrscht die Logik der binären Wahl, der standardisierten Prozesse und der algorithmischen Führung. Im Reisen zeigt sich dieser Wandel exemplarisch. Buchungsplattformen suggerieren unendliche Wahlfreiheit, bewegen uns aber innerhalb eines engen Rasters von Filtern (Preis, Sterne, Lage, Bewertung), in dem wir vor allem optimieren statt wirklich entscheiden.
Navigations-Apps schreiben uns den Weg vor, sodass wir Straßen nicht mehr erkunden, sondern Routenvorschlägen folgen. Bewertungsportale definieren, was „sehenswert“ ist; der Urlaub wird zur Abarbeitung einer vorstrukturierten Liste. Wir werden zu Vollziehenden in einem fremden Skript, statt als Handelnde Situationen zu gestalten.
Rosa warnt: Wenn Ermessensspielräume schrumpfen, verkümmert unsere Handlungsenergie – wir verlieren die Fähigkeit, mit Unsicherheit, Mehrdeutigkeit und offenen Situationen umzugehen. Gerade der Urlaub, der Ort der Freiheit sein sollte, gerät so in die Logik der Konstellation:
Wir klicken, buchen, folgen, überprüfen – und wundern uns, dass sich die versprochene Freiheit nicht einstellt. Philosophisch stellt sich hier die Frage, ob ein Leben, das überwiegend in Vollzugslogiken organisiert ist, überhaupt noch als „Handeln“ im emphatischen Sinn gelten kann – oder ob wir uns in ein Dasein als FunktionsträgerInnen unserer eigenen Reise-Algorithmen fügen.
Die dunkle Triade: Natur, Andere, Selbst
Rosa beschreibt in seiner Theorie die Moderne als „mehrfaches Aggressionsverhältnis“ zur Welt: gegen Natur, andere Menschen und uns selbst. Im Tourismus tritt diese triadische Aggression besonders deutlich zutage. Gegen die Natur richtet sie sich in Form von ökologischen Schäden: Kreuzfahrtschiffe, die Meeresökosysteme belasten, Flugverkehr, der die Klimakrise verschärft, Overtourism, die fragilen Landschaften überstrapaziert.
Wir reisen, um Schönheit zu erfahren, und tragen gleichzeitig zu ihrer Zerstörung bei. Gegen andere Menschen äußert sich diese Aggression in der Umformung von Lebensräumen zu reinen Kulissen. Städte wie Barcelona, Venedig oder Dubrovnik erleben, wie Wohnraum zu Ferienwohnungen wird, lokale Infrastruktur touristischen Bedürfnissen untergeordnet und Bewohner in die Rolle von Statisten im eigenen Alltag gedrängt werden. Overtourism zerstört nicht nur ökologische, sondern auch soziale Resonanzräume – Orte, an denen sich das Leben der Einheimischen verwurzelt und wiedererkennt.
Schließlich richtet sich die Aggression gegen uns selbst. Die Reise wird zur Bühne der Selbstoptimierung: Wir müssen permanent zeigen, dass wir „etwas aus unserer Zeit machen“, dass wir ein intensives, reiches Leben führen.
Slow Travel zwischen Kritik und Komplizenschaft
Vor diesem Hintergrund erscheint Slow Travel als naheliegende Gegenbewegung. Zeit, so ließe sich im Anschluss an Rosa sagen, ist eine Grundvoraussetzung für Resonanz: Begegnungen, Vertrautheit und Transformation brauchen Dauer und Wiederholung. Allerdings warnt Rosa explizit davor, Entschleunigung als einfache Lösung zu missverstehen. „Langsamer machen reicht nicht“, hält er der Achtsamkeits- und Slow-Bewegung entgegen, wenn die strukturellen Beschleunigungslogiken unangetastet bleiben.
Resonanz hängt nicht an der bloßen Geschwindigkeit, sondern an der Art der Weltbeziehung. Ein langsamer, aber vollständig instrumenteller Aufenthalt – etwa im abgeschotteten Luxusresort – kann ebenso entfremdet sein wie ein schneller Städtetrip. Umgekehrt kann auch eine kurze, intensiv gelebte Begegnung im Zug oder auf der Straße ein resonantes Ereignis sein.
Soziologisch droht Slow Travel zudem selbst von der Beschleunigungslogik vereinnahmt zu werden. Es wird zum Marktsegment, zum Lifestyle-Produkt. Wer „slow“ reist, signalisiert Bewusstsein, Nachhaltigkeit, Tiefe – und kapitalisiert diese Haltung in sozialen Medien. Die Kritik spricht hier von Scheinresonanz: Produkte, die Resonanz versprechen, aber letztlich nur eine raffiniertere Form der Verfügbarmachung darstellen.
Die Gefahr besteht, dass Slow Travel nicht das Paradigma wechselt, sondern lediglich dessen Vorzeichen: An die Stelle der Quantität vieler Orte tritt die Quantität „intensiver“ Erfahrungen, die wiederum gesammelt, optimiert und ausgestellt werden.

Foto: hafizismail, Adobe Stock
Resonanz statt Tempo: Reisen als Weltbeziehung
Eine resonanzorientierte Reisepraxis verschiebt die Prioritäten. Zeit statt Raum: lieber zwei Wochen in einer Region als einmal rund um den Kontinent. Analog statt digital: Momente nicht primär als Inhalte für die Außenperspektive dokumentieren, sondern als Ereignisse, in denen man selbst im Spiel ist.
Zugleich setzt eine solche Praxis eine Haltungsänderung voraus, die Rosa mit den Begriffen „Unverfügbarkeit“ und „Ermessensspielräume“ umkreist. Unverfügbarkeit meint die Bereitschaft, nicht alles zu kontrollieren, nicht alles im Voraus zu wissen, Raum zu lassen für das, was sich entzieht und überrascht.
Ermessensspielräume bedeuten, Entscheidungen nicht Algorithmen zu überlassen, sondern Situationen zuzulassen, die Urteilskraft und Kreativität erfordern: Umwege, spontane Gespräche und Richtungswechsel.
Die unbequeme Frage: Wie viel Reisen ist genug?
So verlockend die Idee einer resonanzorientierten Reiseethik ist, sie führt zu einer unbequemen Frage: Wie viel Reisen ist überhaupt noch vertretbar? Rosa beschreibt die Spätmoderne als von mehrfachen Krisen durchzogen: ökonomisch, ökologisch, politisch und psychologisch.
Der Massentourismus verschärft alle vier: Er verstärkt Klima- und Umweltprobleme, reproduziert globale Ungleichheiten, verschiebt städtische Strukturen zugunsten der Besuchenden und trägt zur individuellen Erschöpfung bei. Eine konsequente Anwendung von Rosas Denken auf das Reisen legt daher nahe, dass „anders reisen“ auch „weniger reisen“ bedeuten könnte – zumindest in der Form fernmobilen, ressourcenintensiven Tourismus.
Weltreichweite ist dann nicht mehr das zentrale Kriterium; entscheidend ist die Qualität der Weltbeziehung. Resonante Erfahrungen lassen sich nicht auf Fernreisen beschränken – sie können ebenso im Wald vor der Haustür, im Park der eigenen Stadt, in der Wiederentdeckung vertrauter Orte entstehen.

Foto: Hajj on Horseback / Facebook
Eine andere Art des Reisens
Rosas Soziologie bietet keine fertigen Rezepte für die „richtige“ Reisetechnik, aber sie schärft den Blick für die Strukturen, in die unser Reisen eingebettet ist. Wer seine Begriffe ernst nimmt, wird anders auf Flugangebote, Buchungsplattformen, Bucket Lists und Reiseblogs blicken.
Über kurz oder lang werden sich die Angebote der Reiseindustrie in ihrer technologischen Perfektion annähern und sich durch ihre inhaltlichen Angebote, die den Sinn des Reisens berücksichtigen, unterscheiden.
Der eigentliche Differenzfaktor liegt in der Hermeneutik der Reise – in der Art, wie Resonanz, Geschichte und Spiritualität in die algorithmisch erzeugten Reiseerzählungen eingeworben werden und KI bewusst als Mit-Autor, nicht als Ersatz des menschlichen Reisenden versteht.
Eine andere Art zu reisen wäre eine Praxis, die nicht auf Weltaneignung, sondern auf Weltbeziehung zielt. Sie wäre weniger darauf aus, die eigene Identität durch möglichst viele Destinationen zu polieren, und mehr darauf, Orte, Menschen und Natur als Gegenüber ernst zu nehmen.
Resonanztourismus im engeren Sinn – kleine Anbieter, die auf Qualität und Begegnung setzen, Regionen, die Masse begrenzen und Tiefe fördern – sind erste Laboratorien solcher Alternativen.
Entscheidend ist jedoch nicht das Label, sondern die Haltung: Bin ich bereit, mich stören, überraschen, verändern zu lassen? Am Ende steht eine einfache, aber radikale Frage: Wollen wir die Welt haben – oder mit ihr in Beziehung treten?
Im ersten Fall werden wir weiter schneller, weiter, billiger reisen – und uns wundern, warum die Welt immer stummer wird. Im zweiten Fall werden wir Tempo, Distanz und Häufigkeit unserer Reisen anders bestimmen – und den nächsten Urlaub als Übung in lebendiger Weltbeziehung gestalten.
Der Unterschied zeigt sich nicht in der Zahl unserer Reiseziele, sondern darin, ob die Welt uns noch antwortet, wenn wir unterwegs sind.
