Ramadan: Im kosmischen Geschick und seinem menschlichen Ausdruck, der Lebensweise des Islam, spielt der Fastenmonat eine wiederkehrende Rolle.
(iz). In dieser unvergleichlichen Zeit können sich die Anbetenden neu erfinden. Das Fasten – die zeitweise Enthaltsamkeit von weltlichen Einflüssen und die damit einhergehende Verhaltensänderung – fordert den Menschen bis ins Mark heraus.
Wir werden mit inneren Ängsten und mit scheinbar materiellen Selbstverständlichkeiten konfrontiert. Durch Verzicht entheben wir uns dem Alltag und dem Zwang unserer Neurosen. Nicht umsonst begegnen wir hier der Angst vor dem Tod, da wir dem Selbst die scheinbar notwendige Nahrung vorenthalten. In gewissem Sinne reifen wir zu Erwachsenen.

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Große spirituelle Meister wie Imam Busairi beschreiben den Prozess der menschlichen Reifung als „Entwöhnung des Selbst“. Geschieht dies nicht, bleibt der Mensch im Wesentlichen ein zu groß geratener Säugling.
Zu den interessanten Aspekten gehört, dass sämtliche Handlungen im Ramadan keine Metaphysik kennen. Das Innere entspricht dem äußeren Tun. Hier werden beide Welten durch die im Grunde simple, aber doch so komplexe Handlung zusammengeführt.
Nicht umsonst lässt sich das im Fastenmonat empfohlene Tarawwih-Gebet auch mit „Vergeistigung“ übersetzen. Wie groß der Wert der Zügelung der materiellen Gelüste ist, zeigt sich im Versprechen Allahs, dass Er selbst die Belohnung ist.
Denn im Kern steht der Austausch mit Allah. Daher werden alle Dinge, die uns diesem Ziel näherbringen, durch die prophetische Lebensweise empfohlen: freiwilliges Gebet, Lesen des Qur’an und Dhikr. Durch den Ramadan wird erkennbar, dass das Leben auf den Kopf gestellt wird.
Jetzt erleben wir eine Zeit des Wandels: Der Tag wird zur Nacht, der Körper wird dem Befehl des menschlichen Herzens, das die Zufriedenheit seines Herrn sucht, unterstellt. Wie schon Herakles wusste, erfahren wir im Ramadan, dass alles im Fluss ist.
Deswegen kann es in einem authentischen islamischen Erleben auch keine ideologischen Verfestigungen und daher keine Fantasien der Weltbeherrschung geben.

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Der Abend eines Fastentages und das gemeinsame Gedenken Allahs im freiwilligen Gebet sind die Feier des Anderen, da sie nur durch die soziale Erfahrung möglich wird. In keiner anderen Zeit des Jahres wird diese soziale Komponente des Islam so deutlich wie jetzt.
sWichtig ist dies insbesondere für muslimische Jugendliche, für die gerade die gemeinschaftliche Erfahrung und der Austausch mit Allah von Bedeutung sind, um eine eigenständige und lebendige muslimische Identität entwickeln zu können.
