Algorithmen verändern unsere Reiseerfahrung. Von der Kunst, zum richtigen Zeitpunkt am passenden Ort zu sein.
(iz). Zwischen Abflugtafeln, Jetlag und den endlosen Scrollbewegungen auf dem Smartphone passiert manchmal etwas Merkwürdiges: Eine Reise beginnt als Plan – und endet als Erfahrung, die sich dem Plan entzieht. Es ist, als würde Zeit unterwegs ihre Form wechseln.
Nicht weil Uhren anders ticken, sondern weil wir anders anwesend sind. Es ist eine Kunst, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Reisen kann in gewissem Maße als eine Form der Katharsis erlebt werden.
Die Kunst des Reisens
Der Prozess der Katharsis, also die emotionale Reinigung oder Läuterung, ist nicht nur auf Kunst und Theater beschränkt, sondern kann unterwegs durch intensive, transformative Erfahrungen entstehen. Reisen, insbesondere wenn es mit Herausforderungen und intensiven Erlebnissen verbunden ist, führen ebenso zu einer tiefen emotionalen Reinigung.
Reisen ermöglicht nicht nur, dem Alltag zu entfliehen und die gewohnten, vielleicht stressigen oder belastenden Umstände hinter sich zu lassen, sondern einen Raum für Selbstreflexion und innere Klarheit zu schaffen.
Vom Leben im richtigen Augenblick
Zu den eindrücklichen Erfahrungen des Reisens gehört die existentielle Zeiterfahrung. Wir alle kennen das Phänomen: die Zeit, die man reisend verbringt, kann lang werden oder sehr schnell vorbei sein. „Eine Stunde kann je nach unserer Stimmung, unserem Lebensalter oder unserer Tätigkeit dahinkriechen oder dahinrasen, sich beschleunigen oder verlangsamen, aber auf der Uhr ist jede Stunde gleich“, schreibt die Philosophin Joke Hermsen.
In ihrem faszinierenden Buch über die Kunst des „Kairos“, weist sie auf eine andere Zeiterfahrung hin, die auch für uns bedeutsam ist: „Während Chronos für die universelle, statische und quantitative Zeit steht, die notwendig ist, um die Zeit in einen linearen Zusammenhang zu versetzen, steht Kairos für den subjektiven, dynamischen und qualitativen Moment, der gerade den spezifischen und sich ständig verändernden Umständen Rechnung trägt und darum zu einem Wandel der Erkenntnis führen kann.“
Man soll beim Reisen die Erwartung für diese besondere Momente, jenseits der Reiseplanung, hoch halten. Wir denken über diesen Doppelcharakter der Zeit nach: den Unterschied zwischen der chronologisch vorgestellten Uhrzeit und den Augenblicken, wo sie die Möglichkeit einer erweiterten Erfahrung des Bewusstseins birgt.
Wir haben chronisch zu wenig Zeit – Chronos, der alte Mann mit der Sanduhr in Hand, versinnbildlicht das ewige Voranschreiten der Zeit, der wir so oft hinterher hetzen.
Für die griechischen Dichter war Kairos „alles, was für den Menschen gut ist.“ Im Moment der Aufmerksamkeit sehen wir eine Zäsur in den gewohnten Ereignisketten und die Möglichkeit echter Veränderung.
Der Philosoph Henri Bergson schrieb schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts über die Schwierigkeit in der Moderne, sich wiederzufinden. „Die meiste Zeit leben wir unserer selbst äußerlich, wir gewahren von unserem Ich nur sein entfärbtes Phantom, den Schatten (…). Wir leben eher für die Außenwelt als für uns (…) eher als daß wir selbst handeln, werden wir gehandelt.“

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Das Aussteigen fällt schwer
Vielen Reisenden fällt es in diesen Zeiten schwer, aus der Informationsflut unserer Zeit, an die uns unsere Smartphones permanent erinnern, auszusteigen. Heute ist es vor allem die Angst und die Depression, Ablenkung und Zerstreuung, die das Seelenleben gefährden.
„Die innere Emigration funktioniert nicht mehr, weil die Infiltration des Realen uns in jedem Rückzugsraum einholt“, stellt der Philosoph Peter Sloterdijk in einem Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“ treffend fest. Wir müssen vorsichtig sein – gerade unterwegs – mit den äußeren Eindrücken, die uns erreichen. Die Unterscheidung, was tatsächlich wichtig ist oder was nicht, gehört zu den bedeutsamen Übungen.
In der griechischen Philosophie sind es die Tragödien, die dem Menschen die Bewältigung der Affekte von Furcht und Mitleid aufzeigen sollen und zu einer „Katharsis“, einer Reinigung, führen sollen. „Affekte sind“, nach Aristoteles, „Erregungen, infolge deren die Menschen ihre Stimmung ändern und verschiedenartig urteilen, Erregungen, die mit Lust- und Unlustgefühlen verbunden sind, wie Zorn, Mitleid, Furcht und andere der Art sowie ihre Gegensätze.“
Der Philosoph argumentierte, dass die Affektbeeinflussung nicht schädlich sei. Denn der Ablauf der Tragödien, mit ihrer Lösung des Konfliktes, befreit von dem Druck, der durch sie erregten Affekten. Sein Lehrer Platon war skeptisch angesichts dieser Form der Reinigung. Er befürchtete generell, dass geistige und emotionale Einflüsse in der Seele eine langfristige, unbeherrschbare, oft negative Eigendynamik entfalten.
In diesem Jahrhundert erleben wir zahlreiche Tragödien, Kriege und Herausforderungen, von denen man sagt, dass es keine simplen Lösungen mehr gibt. Die Flut der Bilder, die Darstellung von Gewalt und Exzessen, die Vielzahl wahrer und falscher Informationen beeinflussen den eigenen Zustand unbemerkt. Es fällt schwer abzuschalten. Man neigt heute dazu, gerade wenn man an die irrationalen Gewaltausbrüche denkt, die Einwände Platons wieder ernster zu nehmen.
Der Blick in den Abgrund bleibt nicht folgenlos
Fest steht, der Blick in die Abgründe unserer Zeit bleibt nicht folgenlos. Das Reisen ermöglicht in eine andere Dimension der „zeitlosen“ Erfahrung einzutauchen.
Heute verändern Algorithmen verändert die Welt der Reiserfahrung. Die entscheidenden Momente auf einer Reise lassen sich aber nicht planen. In Wirklichkeit reist man oft, ohne genau zu wissen, wonach man sucht, und findet etwas, das man nicht erwartet hat: eine Begegnung, eine Stimmung, einen Satz, der bleibt. Erst im Rückblick wirkt es, als sei man zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.
Algorithmen versprechen Orientierung. Sie berechnen Routen, schlagen Inhalte vor, optimieren Zeitfenster. Sie wissen, wann man posten sollte, welche Strecke die schnellste ist, welche Entscheidung statistisch die beste wäre. Zeit wird dabei messbar, vergleichbar, effizient. Doch das, was Kairos meint, entzieht sich dieser Logik. Der richtige Moment ist kein Punkt auf der Uhr, sondern ein Ereignis. Er entsteht, wenn Aufmerksamkeit, Ort und Handlung zusammenfallen.

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Das wahre Reisen macht diesen Unterschied erfahrbar
Wer unterwegs ist, merkt schnell, dass der Plan nur ein Gerüst ist. Verspätungen, Umwege, spontane Entscheidungen öffnen Räume, in denen etwas geschehen kann. Oft sind es gerade die ungeplanten Stunden – das Bleiben statt Weitergehen, das Verlieren statt Finden –, in denen sich Bedeutung verdichtet. Der Ort wird nicht wichtig, weil er empfohlen wurde, sondern weil man anwesend war.
Das steht im Kontrast zur technischen Steuerung des Alltags. Navigationssysteme wissen, wo man ist, aber nicht, wann etwas geschieht. Empfehlungsalgorithmen liefern das Passende, aber selten das Entscheidende. Sie arbeiten mit Wahrscheinlichkeit, nicht mit Sinn. Der „richtige Moment“ wird berechnet, simuliert, vorhergesagt – und verliert dabei seine Offenheit. Was sich ereignet, wird ersetzt durch das, was erwartbar ist.
Damit verändert sich auch die Vorstellung von Schicksal. Früher galt es als unverfügbar, heute erscheint es als leise Vorstrukturierung: Welche Wege sichtbar werden, welche Menschen auftauchen, welche Optionen realistisch scheinen. Es ist kein Zwang, eher eine Lenkung. Doch Wahrscheinlichkeit kann sich wie Notwendigkeit anfühlen. Wenn alles vorausgewählt ist, wird die Abweichung anstrengend.
Kairos setzt hier an – nicht als romantische Gegenfigur zur Technik, sondern als Haltung. Er verlangt Präsenz. Im Moment sein heißt nicht, alles festzuhalten, sondern aufmerksam zu bleiben für das, was sich zeigt.
Das kann bedeuten, ein Gespräch nicht zu unterbrechen, einen Ort nicht sofort zu verlassen, eine Entscheidung zu treffen, die nicht optimal, aber stimmig ist. Freiheit entsteht dann nicht durch maximale Wahl, sondern durch Anwesenheit.
Kairos ist kein Rückzug aus der Moderne, sondern eine Erinnerung daran, dass Bedeutung nicht berechnet werden kann. Algorithmen können helfen, sich zu orientieren. Entscheidend bleibt jedoch, ob man bereit ist, anzukommen. Vielleicht liegt darin eine zeitgemäße Form von Schicksal: Am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein, heißt dann nicht, geführt zu werden, sondern offen zu bleiben – für das Ereignis, das sich nicht ankündigt, aber alles verändern kann.

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Auch Islam kennt Zeitvorstellungen
Diese Vorstellung ist nicht nur westlich-philosophisch. Auch im Islam existiert die Idee einer „bestimmten Zeit“ – eines Moments, an dem sich etwas erfüllt, ohne dass er berechnet werden könnte. Man trifft sein Schicksal nicht, weil man es geplant hat, sondern weil seine Zeit gekommen ist. Der Mensch reist, entscheidet, verpasst Abzweigungen, bleibt stehen oder geht weiter. Doch das Ereignis tritt erst ein, wenn der Moment reif ist. Nicht früher, nicht später.
Darin liegt eine auffällige Nähe zum Kairos. Auch hier ist Zeit kein neutrales Kontinuum, sondern ein Träger von Bedeutung. Der richtige Augenblick lässt sich nicht erzwingen, nur erkennen. Er verlangt Präsenz, nicht Kontrolle. Handeln ja – aber ohne die Illusion, den Moment selbst herstellen zu können. Sinn entsteht nicht aus Optimierung, sondern aus Passung.
Gerade hier berühren sich Kairos und die islamische Idee der bestimmten Zeit als leise Gegenfiguren zur technischen Steuerung. Sie erinnern daran, dass nicht alles Entscheidende vorhersagbar ist. Dass man am richtigen Ort nicht immer dort ist, wo man hingeführt wird.
Und dass die richtige Zeit nicht unbedingt die effizienteste ist. Vielleicht liegt darin eine zeitgemäße Form von Freiheit: Man bewegt sich durch eine berechnete Welt, ohne sich vollständig berechnen zu lassen. Man folgt Wegen, ohne den Moment zu kennen – und erkennt ihn erst, wenn man da ist.

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Ajal: die festgesetzte Zeit
Im Qur’an heißt es mehrfach, dass jedes Leben, jedes Ereignis, jede Gemeinschaft eine bestimmte Zeit hat: „Jede Gemeinschaft hat eine (festgesetzte) Frist. Und wenn nun ihre Frist kommt, können sie (sie) weder um eine Stunde hinausschieben noch sie vorverlegen.“ (Sure 7:34)
Die „bestimmte Zeit“ ist dabei kein Countdown, sondern eher eine Schwelle, an der sich etwas erfüllt. Gott erschafft Himmel und Erde „in Wahrheit und für eine bestimmte Zeit“ (vgl. Sure 30:8). Zeit ist hier teleologisch gedacht: auf Sinn hin, nicht auf Messung.
Die Parallele zu Kairos ist auffällig, weil beide qualitative Zeit meinen, Bedeutung über Messbarkeit setzen und oft erst im Nachhinein als „richtig“ erkannt werden. Im Qur’an ist die „bestimmte Zeit“ kein günstiger Moment im pragmatischen Sinn, sondern ein existentieller: Wenn er eintritt, verändert sich etwas unwiderruflich.
Am Ende ist das vielleicht die eigentliche Reiselektion: Chronos bringt uns an Orte – Kairos bringt Orte in uns zum Klingen. Man kann Tickets buchen, Routen speichern, Empfehlungen abarbeiten. Aber der Moment, der bleibt, ist selten der optimierte.