Ein Theaterstück rund um die Dresdner Oper sucht noch nach ihrem Autor. Hintergründe von Abu Bakr Rieger

(iz). „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“, dichtete einst Heinrich Heine in seinen berühmten Nachtgedanken. Noch immer steht unser Land unter dem Eindruck des furchtbaren nationalistischen Rassenwahns vergangener Tage. Eine Erinnerung, die in Deutschland, mehr oder weniger erfolgreich, bis heute rechtsradikale Parteien klein gehalten hat. Das Gefühl der Sicherheit vor der Verbreitung neuen Ressentiments sollte man daraus lieber nicht ziehen und wenn die deutsch-jüdische Gemeinde wieder vor der Bewegung der Straße warnt, ist dies durchaus ernst zu nehmen.

Die neuen Schweigemärsche in Dresden, mit immerhin 15.000 Teilnehmern, repräsentieren zwar keine parteiähnliche Struktur und betreiben, neben einem in technokratischer Sprache abgefassten „Forderungskatalog“, keine klare politische Agenda, dennoch sind die Demonstrationen Sinnbild von Ängsten geworden. Es ist natürlich nicht undenkbar, dass Teile der Deutschen sich wieder von einem offenen Weltbild hin zu einem dumpfen Nationalismus wenden könnten.

Natürlich gilt es auch bei diesem ernsten Thema die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Die Deutschen gibt es so wenig wie die Ausländer. So engagieren sich, um nur ein Beispiel zu nennen, mindestens 50.000 Deutsche bereits in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe. Für ein grobes Deutschland-Bashing gibt es angesichts verbreiteter Hilfsbereitschaft und der breiten Akzeptanz für ein humanitäres Engagement der Bundesrepublik insofern keinen Grund. Es gilt vielmehr anzuerkennen, dass ein breiter Konsens in der deutschen Gesellschaft, möglichst vielen in Not geratenen Menschen im In- und Ausland zu helfen, nach wie vor trägt.

Die in Dresden Versammelten lassen aber bewusst Raum für andere Spekulationen und dienen so Freund und Feind als willkommene Projektionsfläche. Für die Einen sind sie an sich brave Wutbürger, die aus einer Art politischer Notwehr zum letzten Mittel des Protestes greifen, für Andere sind sie gleich allesamt „Nazis im Nadelstreifenanzug“. Seit Tagen hat sich an diesen Fragen eine ganze Heerschar von Kommentatoren abgemüht, meist ziemlich eindeutig in ihrem Urteil. In Dresden manifestieren sich, so die meisten Beobachter, „diffuse Ängste“ und eine „latente Fremdenfeindlichkeit“. Das Ressentiment sei nur mühsam versteckt hinter dem skurrilen Titel der „europäischen Patrioten“, die gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes kämpfen. Ein Arbeitstitel, der wohl nicht zufällig an Spenglers Vision des „Untergang des Abendlandes“ erinnert, eine These, die in Deutschland zum Begriff der konservativen Revolution gehört.

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Natürlich ist die Angst vor dem angeblichen „Kampf der Kulturen“, wie es einst bei Huntington hieß, nicht nur in Sachsen verbreitet. Es ist eine Angst der Älteren, die spüren, dass die Bedeutung von Kulturen unter den Bedingungen der Globalisierung stetig abnimmt. Es ist auch mangelnde Bildung, die glaubt, der Islam sei selbst eine Kultur. Auch in Dresden gilt aber die Einsicht: Wo immer der Ruf nach Kultur erschallt, ist sie meist schon untergegangen. Viele jungen Sachsen, deren Eltern nun demonstrieren, würde es wohl schwer fallen, zu erklären, was es denn mit der „sächsisch-abendländischen Kultur“ genau auf sich hat. Längst hat die Kultur neuer Medien die alte Folklore der Regionen abgelöst.

Nebenbei erwähnt, sollten wir Muslime hier ein wenig vorsichtig mit Spott sein. Gibt es nicht auch in unserer Gemeinschaft ein Klientel, dass sich aus Angst vor Identitätsverlust in der Idee verlorener heimatlicher Kultur verbarrikadiert?

Rückt man ein wenig weg von dem aktuellen Geschehen rund um die Dresdner Oper, kommt man nicht umhin, sich allerdings wenig überrascht zu zeigen von der Rebellion der Straße. Sie war nur eine Frage der Zeit. Die Bewegung kommt nicht aus dem Nichts, zum Ersten, weil es in Deutschland immer Fremdenfeindlichkeit gab, die allerdings in das Stichwort „Kampf gegen den Islamismus“ politisch korrekt integriert wurde, zum Zweiten weil die Pegida-Welle ihren Ausgangspunkt auch in deutschen Redaktionsstuben hat. Leider gibt es bei letzterem Punkt noch wenig Neigung zur Selbstkritik.

Über Jahre erschienen deutsche, politische Magazine, wenn es um den Islam ging, zuverlässig in Trauerflor. Hunderte Artikel zelebrierten wilde Assoziationsketten zu einigen der schlimmsten Verbrechen der Welt und immer erschien dabei der Islam als „unheimlich, gefährlich oder dumpf“. Die Muslime in Deutschland wurden in eine Position kollektiver Verantwortung gedrängt. Der veröffentlichte Muslim erschien nun im radikalen Modus des Entweder-Oder, als fanatischer Fundamentalist oder als harmloser Esoteriker. Im besten Fall wurde im Feuilleton noch auf das Paradox verwiesen, der Islam sei allerdings in seiner Geschichte weder verantwortlich für Weltkriege, noch müsse er sich über seinen jahrhundertelangen Umgang mit Minderheiten schämen.

Natürlich kann man hier einwenden, heute ist heute. Muslimische Terroristen und Gewalttäter sind wahrlich keine Erfindung deutscher Medien. Es gibt hierzulande de facto eine sehr kleine Minderheit, im Promillebereich, die sich mit den Zielen des IS identifizieren. Es gibt, deutlich größer im Umfang, eine Sympathie für die reaktive Ideologie der Hamas. Wichtiger als diese Phänomene ist aber die Überzeugung der absoluten Mehrheit aller praktizierenden Muslime, dass die Wortkombination „Islamischer Terrorismus“ unmöglich ist.

Nur, genutzt hat dieses klare Bekenntnis in der Öffentlichkeit wenig. Die Bildersprache läuft eindeutig gegen die Muslime. Die Definitionshoheit über wichtige Begriffe der islamischen Terminologie ist längst nicht mehr bei den Muslimen selbst. Der verbreitete Begriff des „Islamisten“ hat zudem eine unbestimmte Schnittmenge ermöglicht, die Orthodoxe, Schwerverbrecher, Funktionäre, aber auch Andersdenkende in ein Lager zusammenfasst. Oft gleiten die Debatten dabei ins Irrationale ab, so wenn ein desperates Grüppchen von „Scharia-Polizisten“ zur Staatsbedrohung hochgeschrieben wird und das politische Feuilleton in dieser Art der Feindbeobachtung zur Hochform aufläuft. „Wir sind so gut, wie sie so böse sind!“, ist das Motto der schöngeistigen Überheblichkeit.

Aus diesem Sud aus Vorurteilen, Fakten und Begrifflichkeiten zieht auch das Ressentiment der Pegida-Bewegung seine Energie. Die vage Formulierung, man sei gegen die Islamisierung des Abendlandes, ist nicht nur schräg, gerade angesichts der Geschichte des europäischen Islam, sie soll vor allem als Klammer hin zur bürgerlichen Gesellschaft dienen. In einer Umfrage der BILD-Zeitung zeigen sich 58 Prozent der Bevölkerung verängstigt über den wachsenden Einfluss des Islam in Deutschland. Eine Statistik, die in den Ohren der Muslime merkwürdig klingt, kämpfen sie doch vergebens für eine profane Gleichberechtigung ihrer Religionsgemeinschaft. Die Angst der Bürger vor der „Islamisierungs-Welle“ nimmt davon wenig Kenntnis. Auch deswegen fordert kaum jemand zumindest die sofortige Umbenennung der Dresd­ner Aktion, denn, so die abgründige Logik, die zumindest im konservativen Lager verbreitet ist, sind wir nicht alle gegen die Islamisierung?

Bewusst offen bleibt in dieser Logik, was genau gemeint ist, mit dem Phantasiegebäude eines „islamischen Europa“. Ist es der Islam im Alltagsbild, sind es die Moscheen, bereits abgedrängt in die Trostlosigkeit unserer Gewerbegebiete, die Minarette, die praktizierenden Muslime? Gerade weil Pegida zu diesen Dingen schweigt und sich der politischen Vermittlung entzieht, ist hier scharfer Argwohn absolut berechtigt. Das Desaster für die Muslime und ihre Vertreter ist gleichzeitig, dass die Straße zunehmend das Klima und die Lebenswirklichkeit der Muslime definiert. So droht, dass Begriffe, Terminologie und schließlich die Rechte der Muslime, im Wege der Mehrheitsfindung definiert werden.

Die Folgen für die islamische Lebenspraxis sind fatal, wenn künftig ahnungslose Dresdner erklären wollen, was noch legitime Religionsausübung ist. Hierher gehört auch die wachsende Unkenntnis über verfassungsrechtliche Garantien, die wir Muslime als deutsche BürgerInnen, nicht etwas als Fremde, völlig zu Recht in Anspruch nehmen. Die These gar, dass die Kombination von Muslim- und Bürgersein sich ausschließt, ist nichts anderes als offener Rassismus.

Auch eine weitere Schlussfolgerung aus dem Phänomen der Pegida kann abgeleitet werden. Es wäre falsch, ähnlich wie es die Pegida versucht, als Muslime ein ebenso abgeschottetes politisches Lager zu bilden. Natürlich ist eine Querdiskussion mit anderen, auch islamkritischen Bewegungen, geboten. Durchaus denkbar, dass auf diese Weise auch das eine oder andere Vorurteil aus dem Diskurs gedrängt werden kann. Natürlich kann diese Diskussion nur auf der Grundlage unserer eigenen Überzeugungen geschehen, sodass eine „Querfront“ mit jeder rassistischen Gruppierung sich schon aus Glaubensgründen verbietet, zumal diese Gruppen wohl auch kaum gesprächsbereit wären.

Thema wäre bei der „Rettung des Abendlandes“ insofern zusammenzuwirken, als dass es uns Deutschen um die Stiftung neuer Kultur, neuer sozialer Solidarität, neuer ökonomischer Gerechtigkeit in Zeiten totalen Konsums gehen muss. Überhaupt sollte man die eigentlichen Themen unserer Zeit nicht aus den Augen verlieren. Bei aller Hysterie und verständlicher Empörung über ­Pegida lohnt es sich, hier kurz inne zu halten.

Wir leben natürlich im vorgegeben Takt der „Breaking News“, erleben auch eine inszenierte Gesellschaft, mit inszenierten Konflikten. Ohne den Strom der Medien und den Techniken der kanalisierten Aufmerksamkeit, könnte kaum eine politische Bewegung in Deutschland sich auf Dauer halten. Es gilt daher, unbeeindruckt den Fokus und die Aufmerksamkeit auf die richtigen Fragen zu lenken. Vergessen wir also nicht die Konstellation der künftigen Verteilungskämpfe, die uns alle im Kern betrifft. Sie finden rund um das kollabierende Finanzsystem statt, dem eigentlichen Bezugspunkt unserer Zeit.

Hier wurzeln auch gleichzeitig die berechtigten Ängste vor der Dynamik eines drohenden Straßenkampfes. Was passiert mit den bieder wirkenden Wutbürgern von Dresden in Zeiten echter wirtschaftlicher Verwerfungen? Wer gibt der stummen Bewegung am Ende die Sprache? Was werden pseudo-konservative Postillen wie die „Junge Freiheit“, eines Tages schreiben, fordern, wenn sie weniger entschiedenen Widerstand, als vielmehr Rückenwind verspüren?

Rudolf Augstein hat in einem Kommentar auf Spiegel-Online zu Recht darauf hingewiesen, dass Sarrazins medialer Aufstieg „zum dunklen Stern einer Philosophie des Ressentiments“ mit der globalen Finanzkrise zusammenfiel. Der Sieg des Finanzkapitalismus führt bereits zur Krise der parlamentarischen Demokratie, ohne dass die Straße dabei groß aufmuckt. Die These, der Islamismus in Deutschland sei die künftige Schlüsselgefahr für die Existenz der Demokratie, konnte nie wirklich überzeugen, sie ist eher Teil eines Ablenkungsmanövers. Alle Formen des radikalen politischen Islam, so bedrohlich sie agieren mögen, sind schlussendlich nur Garanten für die Etablierung des starken Staates unter den Augen der paralysierten Öffentlichkeit.

Die mobilisierte Straße macht Angst, oder lenkt sie auch ab?

„Die Stimmung, die in Dresden nun zu Tage tritt, wurde in zahlreichen Redaktionsstuben mit deutscher Gründlichkeit vorbereitet – mit dunklen Titeln und kühnen Assoziationsketten.“

(iz). Was ist das nun in Dresden: das einfache Schweigen der Lämmer – brav und gewaltfrei – oder eben eine konzertierte politische Aktion von „Rassisten“, die zur Rettung des Abendlandes und des Christstollens aufmarschieren? Wie alle radikalen Befürworter und Gegner des Islam dürfen auch diese „Patrioten“ sich über eifrige mediale Begleitung freuen. Bilder gibt es reichlich, Inhalte und Begriffsdefinitionen dagegen nicht. Das Volk im Lande wird so nicht klüger. Die Mobilisierung, oder auch die Inszenierung der Straße, folgt der großen Dramaturgie eines angeblichen „Kampfes der Kulturen“. Glauben wir daran?

Die Stimmung, die in Dresden nun zu Tage tritt, wurde in zahlreichen Redaktionsstuben mit deutscher Gründlichkeit vorbereitet – mit dunklen Titeln und kühnen Assoziationsketten.

Interessant ist auch, dass bis heute die Demonstranten-Versteher aus der Politik keine ganz einfache Minimalforderung an die Dresdner stellen: nämlich Rechte, V-Leute und Rabauken klar auszugrenzen und sofort den schwachsinnigen Titel der Veranstaltung zu ändern.

Oder ist es doch genau dieser Titel, der die neue gewünschte Klammer darstellt, die künftig eine verunsicherte bürgerliche Gesellschaft zusammenhalten soll? Inklusive der Überzeugung, es sei der böse Islam, nicht etwa die Finanz- und Sicherheitsindustrie, die unsere Demokratie fundamental gefährdet?

Das Spektakel „Straße“ hat einige Nebeneffekte. Sie liefert die Illusion der Rückkehr des Politischen und definiert das Thema. Nur, wer spricht noch über Schulden, Banken und Bankenkrisen oder demonstriert gar dagegen? Die aktuelle Destabilisierung Russlands – nicht mit Waffen, sondern mit dem guten, alten Mittel der Währungsmanipulation – begleitet ganz gut die antiquierte Idee der souveränen Staaten im Zeitalter der Finanztechnologie.

Auch die AfD, einst angetreten, ganz nüchtern die Frage nach der Qualität des Geldes zu stellen, ist wieder auf dem Niveau der Straße gelandet.

Außerhalb des Systems – (geistiger) Stillstand auf PEGIDA-Kundgebung. Ein Augenzeugenbericht aus Dresden

(iz). In Kälte ausharren. Kälte, die das Wetter mit sich bringt. Minusgrade, die am Leibe zehren, die Füße gefrieren lassen. Eine Kälte, die eine Freude ist in Anbetracht der frostigen Gesinnung, welche sich Woche für Woche in der Öffentlichkeit einer Landeshauptstadt artikuliert. Denn das Abendland schlägt zurück und „Dresden zeigt wie’s geht.“

Montag, ein Tag in der Woche der für vielerlei berüchtigt ist: Wochenstart, blau, schwarz, rosig, schwierigster Arbeitstag und Sturz einer Weltordnung. Das Gedächtnis an Montagsdemonstrationen, die ihren Beitrag zum Ende des bipolaren Systems der Welt beigetragen haben, sind gerade hier im kollektiven Bewusstsein. Symbolträchtig, wenn in Sachsen Versammlungen an eben diesen Montagen abgehalten werden, so dass allein die Ehrfurcht vor diesem Tag so mancher Person ein Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung suggeriert.

Im Folgenden soll es nicht um Fragen gehen, nicht um Interviews oder Zitate, nicht um Katastrophe oder Untergang, sondern um exemplarische Geisteshaltung, beobachtet und bewertet nach subjektiven Maßstäben.

Bei Betreten der Kundgebung eine ganz persönliche Begrüßung auf dem Gelände eines Skateparks: schallendes Gelächter und Hohn, nach einem Witz über die Abstinenz vieler Muslime vom Alkohol und kräftigen Schlucken aus der Bierflasche. Die Klientel, wie man gerne liest, ist genauso divergent, wie auf vielen Demonstrationen, in denen gesellschaftliche Belange adressiert werden. Studierende, Rentner, Kinder, Funktionsjacken, Mäntel, Hosen, Röcke, lange Haare, Glatzen unter Mützen. Und präsentiert wird ein geschlossenes Weltbild, außerhalb des Systems.

In Zeiten von unklaren Linien in so vielen Belangen des Lebens, lechzen Menschen nach eindeutigen Strukturen, Bildern und gelebtem Miteinander. Dafür dienlich sind Feindbilder und einfache Lösungen. Eine sich scheinbar täglich verkomplizierende Welt, die undurchsichtig und gefährlich ist, braucht für viele, die Halt suchen und Angst haben, eben simple und schnelle Antworten. Schon immer waren äußere und innere Feinde ein Garant für Einheit, gelebt wird das bei der Anhängerschaft der Pegida. Die eigentliche Divergenz innerhalb der Spaziergängerschaft äußert sich vor allem durch das unterschiedlich laute Applaudieren nach gewissen Äußerungen der Redner.

Wenn zum Beispiel eine Bürgermeisterin einer sächsischen Kleinstadt mit den Worten zitiert wird, dass aufgrund des Fehlverhaltens einzelner keine weiteren Flüchtlinge mehr aufgenommen werden, brechen fast alle Anwesenden zu einem Jubel aus, den deutsche Straßen seit der Fußball Weltmeisterschaft nicht mehr vernommen haben, abgesehen von den anderen Demonstrationen, die das Abendland erretten wollen, HoGeSa et cetera.

Diese Feindbilder sind eben jene Flüchtlinge, die „sowieso zu 95 Prozent Wirtschaftsflüchtlinge sind“, sowie Medien, mit denen man tunlichst keinen Kontakt haben solle, denn auf diesen „gleichgeschalteten Kanälen“ werden „Sätze verdreht“ und „Wahrheiten bewusst verschwiegen“. Weitere mittlerweile dezidierte Feindschaften bestehen selbstverständlich zum Islam und den Muslimen, welche als völlig fremd gelten. Das Wesen der Muslime wird subversiv mit gängigen islamophoben Klischees untermauert: Zwangsehe, Konversion, Ehrenmord, ISIS, Enthauptungen. Die etablierten Parteien gelten ebenso als Erzfeinde, korrumpiert und zusammenarbeitend mit den „linksfaschistischen Gutmenschen“, repräsentieren sie in der Denkweise auf dem Dresdner Lingnerplatz eben nicht das Volk.

Das Volk spielt hierbei eine enorme Rolle. In Anlehnung an den Slogan der Demonstrationen gegen die SED beruft sich die Masse auf die Zugehörigkeit zu einer Volksgemeinschaft. Und nur die Edelsten dieser Gemeinschaft stehen zusammen auf dieser Kundgebung, als eine Bewegung zum Schutze unser aller Identität. Auch deshalb werden Parolen gegen Flüchtlinge und Muslime mit lautstarkem Bekundungen des Sachverhaltes untermauert und wieder und wieder „Wir sind das Volk“ krakeelt, nur getrübt durch sporadische und leisere Forderungen von Einzelpersonen oder Gruppen getrübt, die „Abschieben!“ oder „Erschießen!“ ohne Widerspruch der Nebenleute rufen dürfen. Humanismus nur für Weiße, nur für Europäer. Immerhin darf ein stolzer Niederländer reden und auf gebrochenem Deutsch davon berichten, dass es mittlerweile kleine „Fast-Kalifate“ in holländischen Städten gibt. „Das Volk“ klatscht und hat Angst vor Stellvertreterkriegen in deutschen Städten, die nach Meinung der Pegida bereits existieren, von den Medien jedoch nur heruntergespielt werden.

Es handelt sich hierbei oft um Menschen, deren Segregation aus der Alltäglichkeit so weit vorangeschritten ist, dass sie in ihrem kleinen, subsummierten Weltbild Abläufe und Phänomene erklären. Dabei tangiert es in keiner Weise, was der Rest dazu zu sagen hat, ob dieser „Rassismus!“ ruft oder nicht. Vollkommene Skepsis gegenüber Journalisten, die bei ihrer Arbeit gehindert werden, während gleichzeitig immer wieder – nicht zu Unrecht – die Freiheit der Meinung eingefordert wird. Latente Abneigung gegen alles „etablierte“, bewusste Anknüpfung an die „Helden der Wende“ und die bittere Sorge davor, nochmals alles zu verlieren. Dieses Mal nicht an die Treuhand oder die Nachbarn, sondern an die gierigen und schmutzigen „Mohrenköpfe“ aus dem Morgenland, dem scheinbaren Antagonisten des angeblich hiesigen christlichen Abendlandes.

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Was macht Salafiten attraktiv?

„Viele Jugendliche sind heutzutage nicht mehr fähig, in einer Gemeinschaft zu agieren. Sie möchten keine lästigen Vorsitzenden, Imame oder irgendwelche Autoritäten ertragen.“ Von Murat Demiryürek (iz). Das Original übt auf […]

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Bosbach: Politiker und Medien in der Pflicht. Politiker warnen vor islamfeindlichen Pegida-Demonstrationen

(KNA). Innenpolitiker warnen vor einer Teilnahme an Demonstrationen der „Patrioten Europas gegen Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida). „Jeder kann für oder gegen etwas demonstrieren. Aber man sollte sich nicht für extreme politische Ziele instrumentalisieren lassen, die man selbst nicht teilt“, sagte der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Dienstag).

Er sieht Politik und Medien in der Pflicht, über die Hintermänner und die wahren Absichten der Kundgebungen aufzuklären. Seiner Ansicht nach geht es den Veranstaltern um die gezielte „Verankerung radikaler Ansichten in der Mitte der Gesellschaft“. In mehreren deutschen Städten hatten am Montag Anti-Islam-Kundgebungen und Gegendemonstrationen stattgefunden

Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD), erklärte gegenüber derselben Zeitung, er habe dieses Thema auf die Tagesordnung der Innenministerkonferenz in dieser Woche gesetzt. Zugleich warf er den Initiatoren der Demonstrationen gegen eine vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“ vor, sie schürten „mit ausländerfeindlicher Hetze und islamfeindlicher Agitation Vorurteile und Ängste.“ Es mache ihm Sorgen, „dass Rechtspopulisten und Rechtsextremisten hier aggressiv Stimmung machen – und das auf dem Rücken der Menschen, die sowieso schon alles verloren haben“.

In den „Hooligans gegen Salafisten“ („HoGeSa“), die sich zuletzt in Köln und Hannover getroffen hatten, sieht Jäger ebenfalls ein ausländerfeindliches und rechtsgerichtetes Sammelbecken. „Sie missbrauchen ein politisches Thema, um ihre Gewaltbereitschaft auszuleben“, sagte der SPD-Politiker. „Das kann und wird eine wehrhafte Demokratie nicht hinnehmen.“ Jäger kündigte zugleich eine wissenschaftliche Untersuchung zur Zusammensetzung und Motivation von „HoGeSa“ an.

CDU-Innenexperte Bosbach geht bei aller Kritik an den Demonstrationen aber auch davon aus, dass die Mehrheit der Bevölkerung durchaus in der Lage sei „zu unterscheiden zwischen dem Islam als Religion und den Strömungen Islamismus und Salafismus.“

Ein Bericht von Norbert Müller zur Debatte der SCHURA Hamburg über den Salafismus

„Cefli Ademi forderte in seinem Vortrag, dass man sich des Themas Salafismus oder IS nicht dadurch entledigen könne, in dem man erkläre, dies habe mit dem Islam nichts zu tun. Vielmehr müssten Muslime die inhaltliche Auseinandersetzung suchen und verdeutlichen, dass dies eine modernistische Abweichung von jeglichem traditionellen islamischen Rechtsverständnis darstelle.“

(iz). Die wichtigen Debatten müssen wir Muslime unter uns selbst organisieren und sie nicht von Dritten über uns führen lassen. Ansonsten werden gerade die muslimen Verbände aus den üblichen Verdachts- und Distanzierungsritualen nicht heraus kommen. So lautet eine Erfahrung, die man bei SCHURA Hamburg konsequent umzusetzen versucht. Da Salafismus ein aktuell gesellschaftlich äußerst brisantes aber anscheinend innerislamisch wahrnehmbar kaum diskutiertes Thema ist, organisierte SCHURA am letzten Samstag im November (29.12.2014) hierzu eine ganztätige Tagung.

Zielgruppe waren in erster Linie die Verantwortlichen in den Mitgliedsgemeinden, insbesondere deren Jugendliche. Diese waren auch zahlreich in die Klosterschule im Stadtteil St. Georg gekommen und zeigten sich dann sehr diskussionsfreudig, so dass die Tagung schon insoweit als Erfolg gewertet wird. Als Referenten waren Cefli Ademi, Jurist und Postdoc an der Universität Münster, der Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza sowie der Imam und Prediger Abdelhay Fadil aus Dortmund geladen, um das Thema Salafismus aus theologischer, politischer und gesellschaftlicher Sicht anzugehen.

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Cefli Ademi forderte in seinem Vortrag, dass man sich des Themas Salafismus oder IS nicht dadurch entledigen könne, in dem man erkläre, dies habe mit dem Islam nichts zu tun. Vielmehr müssten Muslime die inhaltliche Auseinandersetzung suchen und verdeutlichen, dass dies eine modernistische Abweichung von jeglichem traditionellen islamischen Rechtsverständnis darstelle. Er erläuterte dies ausgehend von den Begriffen „Scharia“ und „Fiqh“. Dabei betonte Ademi, dass traditionelle Gelehrte sich immer der Relativität ihrer Rechtsmeinungen bewusst waren. Dadurch sei immer die Existenz einer Pluralität der Positionen selbstverständlich gewesen. Ein Verlangen nach dem Absoluten beziehungsweise dem „wahren Islam“ habe nicht bestanden. Ademi appellierte an die anwesenden Muslime, ein solches Verständnis positiv zu besetzen und selbstbewusst zu vertreten.

Eine historisch-politische Betrachtung zur Salafiyya nahm anschließend Muhammad Sameer Murtaza vor. Danach habe der Kolonialismus in islamischen Gesellschaften eine traumatische Krise ausgelöst. Man habe nun die traditionelle Rechtslehre als in der Nachahmung erstarrt wahrgenommen und nun in reformerischer Absicht einen unmittelbaren Zugang zu Qur’an und Sunna gesucht. Aus diesem Impuls seien in ihrer Ausformung sehr unterschiedlicher Strömungen von Salafiyya hervorgegangen: Die rationalistisch orientierte Reform-Salafiyya von Al-Afghani und Abduh genauso wie die politisch-ideologische Salafiyya von Al-Banna und Maududi sowie schließlich die literalistische Wahhabi-Salafiyya und – eine Verbindung aus den beiden vorgenannten – die literalistisch-ideologische Khalifats- und Dschihadi-Salafiyya von Al-Qaida, Hizb-ut-Tahrir und IS (sogen. Islamischer Staat).

Murtaza bewertet diese unterschiedlichen Strömungen differenziert: Den rationalistischen Reformismus sieht er im Grunde positiv, insbesondere dessen Impuls zu einem neuen Idschtihad. Die Muslimbruderschaft und ähnliche Bewegungen hätten einerseits den Muslimen einen sozialen Aktivismus gebracht, andererseits den Islam Verideologisiert. Alle Formen des Wahabi-Salafismus hätten sich dagegen gegenwärtig zu einem erheblichen Problem entwickelt: Insbesondere der Ungeist des Takfir, der sich, etwa gegenüber Sufismus und Schiiten, zu einem geradezu eliminatorischen Hass steigere, zeige seinen insgesamt destruktiven Charakter.

Nach einer längeren Pause für Gebet und Mittagessen näherte sich Abdelhay Fadil dem Thema von einer anderen Seite: Selbstkritisch und pointiert machte er auf bestimmte Strukturen und Verhaltensweisen in muslimischen Gemeinden und Familien aufmerksam, die einer Radikalisierung von Jugendlichen Vorschub leisten. Statt zu eigenständigem Denken und Kritikfähigkeit zu erziehen, dominierten autoritäres Verhalten und Denkverbote. Dies nehme jungen Menschen die Luft zum Atmen und treibe so manchen in die Rebellion und mache dann empfänglich für Extremismus.

Die lebhaften Diskussionen nach jedem der Vorträge zeigten ein großes Bedürfnis nach Auseinandersetzung zu diesem Thema. Es ist gerade die Aufgabe der islamischen Verbände und Religionsgemeinschaften, hierfür Raum zu geben. Leider besteht – und das bekam SCHURA auch im Vorfeld der Tagung zu spüren – eine große Scheu, auch kontroverse Debatten zuzulassen. Die Folgen sind fatal: Was in der Moschee keinen Platz findet, verlagert sich in das Internet. Nur zu oft haben Extremisten auch leichtes Spiel, weil in den Moscheegemeinden man entweder nicht willens oder in der Lage ist, ihnen in fundierter wie selbstbewusster Weise entgegenzutreten.

Auch aufgrund der positiven Resonanz dieser Tagung will SCHURA Hamburg die inhaltliche Auseinandersetzung weiter führen – auch zu anderen Themen. Die nächste Tagung ist im Januar geplant.

Frankreichs Nationalversammlung für Anerkennung Palästinas

Jetzt stimmen auch Frankreichs Parlamentarier für die Anerkennung eines Staates Palästina. Das zwingt die Regierung aber nicht, dem zu folgen. Sie setzt zunächst noch auf eine baldige Verhandlungslösung.

Paris (dpa). Die französische Nationalversammlung hat für eine Anerkennung eines Staates Palästina neben Israel gestimmt. Mit 339 gegen 151 Stimmen riefen die Abgeordneten die linke Regierung auf, diesem politischen Schritt zu folgen.

Die Entscheidung der Kammer ist nur symbolisch und für die Regierung unter Staatspräsident François Hollande nicht bindend. Der Entschließungsantrag dazu war von der Parlamentsmehrheit der Sozialisten eingebracht worden. Sie setzte die Resolution auch gegen den Widerstand des konservativen Lagers durch.

Frankreich will Palästina nach den Worten von Außenminister Laurent Fabius dann als Staat anerkennen, wenn es nicht in naher Zukunft eine Verhandlungslösung im Nahostkonflikt gibt. Paris unterstütze Pläne der Vereinten Nationen für einen weiteren Verhandlungsspielraum von zwei Jahren, hatte er während einer Debatte der Nationalversammlung gesagt: „Wenn diese Anstrengungen scheitern, und wenn dieser letzte Versuch für eine Verhandlungslösung keinen Erfolg hat, dann wird Frankreich seine Verantwortung mit der unverzüglichen Anerkennung des Staates Palästina wahrnehmen“. Fabius fügte hinzu: „Wir sind bereit.“

Befürworter erhoffen sich von der Anerkennung einen Beitrag zur Lösung des Nahostkonflikts. Der sozialistische Fraktionschef Bruno Le Roux hatte es unakzeptabel genannt, dass der Weg zum Frieden zwischen Israelis und Palästinensern täglich schmaler werde: „Palästinensische und israelische Politiker müssen ihre Verantwortung übernehmen.“ Über die Palästina-Resolution soll am 11. Dezember der Senat abstimmen.

Bisher haben weltweit 135 Länder Palästina als souveränen Staat anerkannt. Die Parlamente in London und Madrid votierten ebenfalls für einen Staat Palästina; auch dort ist dies keine Verpflichtung für die Regierungen. Die meisten westlichen Länder vertreten wie die USA oder Deutschland die Auffassung, dass ein palästinensischer Staat erst nach einer Friedenslösung anerkannt werden sollte.

Die Berliner Schnauze: Es gibt weitaus nervigere Dinge als die Wiederkehr der Weihnachtszeit

(iz). Alle Jahre wieder. Radikalisierte Fanatiker fällen in ihrem Religionswahn hunderttausende Bäume auf deutschem Boden. Gutmenschen unterstützen es – und die Medien schweigen. Ihr Glaube besagt, dass ein übergewichtiger Rentner […]

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Der Historiker Thomas Weiberg führt in die deutsch-osmanische Freundschaft ein

(iz). Aber wer im Okzident kennt unsere Geschichte? Wer unterzieht sich der Mühe, sie kennenzulernen?“ Mit diesem Stoßseufzer rätselte schon Sultan Abdul Hamid II (1842-1918) vor 100 Jahren über die Bereitschaft Europas, sich mit dem damaligen Osmanischen Reich fair auseinanderzusetzen. Natürlich sind diese Fragen heute noch aktuell, man denke nur an die, von türkischer Seite oft als unfair empfundenen, Debatten über die Rolle der modernen Türkei oder die mediale Begleitung der Politik des neuen „Sultans“ von Ankara, dem türkischen Präsidenten Tayyib Erdogan.

Es ist das Verdienst des Historikers Thomas Weiberg, in seinem neuen Buch einen Versuch der Objektivierung der Debatte um den berühmten osmanischen Regenten vorzulegen. Auch mit der Absicht, wie der Autor im persönlichen Gespräch versicherte, die heutigen Kontroversen um die Türkei und den Islam besser auszuleuchten. Seinen Beitrag versteht Weiberg dabei nicht etwa als Romantisierung der Vergangenheit, sondern als den Versuch, die geschichtlichen Grundlagen heutiger Probleme zu verdeutlichen. Weiberg zitiert dabei treffend den türkischen Romancier Ahmet Tanpinar: „Die Vergangenheit, das heißt die Geschichte, ist für die Gesellschaft, was das Gedächtnis für das Individuum ist“.

In dem vorliegenden Buch geht es Weiberg darum, die Person des Sultans weder zu verherrlichen noch zu verdammen, sondern ein möglichst ausgewogenes Bild herauszuarbeiten. Dem Historiker gelingt dies, weil er nicht nur die persönlichen Erinnerungen des Regenten übersetzt und in das Buch einfügt, er auch in seinem thematischen Teil keine umfassende Biographie vorlegt, sondern sich auf die wichtigsten Fragen seiner Regierungszeit beschränkt und mit zahlreichen Quellen die unterschiedlichen Stimmen und Beurteilungen der Zeitgenossen des Kalifen für sich sprechen lässt. So entsteht ein faszinierendes Bild einer Zeit, die im Spannungsfeld der Begegnung von Islam und Technik, von Globalisierung und wirtschaftlichen Interessen, von Demokratie und persönlicher Herrschaft steht.

Wer aber war dieser Sultan Abdul Hamid II? „Man entdeckt eine autoritäre Persönlichkeit, extrem um ihre Vorrechte und Rechte besorgt, jeden Eingriff in ihre Macht zurückweisend, ein gewiegter Stratege ohne Skrupel, ein geschickter Diplomat“ zitiert Weiberg den Engländer Georgon aus seiner Bioraphie. Tatsächlich gelang es dem Monarchen, drei Jahrzehnte lang den Zerfall eines Reiches, über drei Kontinente ausgreifend, zumindest zu verzögern. Eine beinahe unmögliche Aufgabe, auf der einen Seite der Versuch, das arme Land mit Hilfe der westlichen Industriestaaten zu modernisieren, zum Beispiel durch den Bau der Eisenbahn nach Bagdad, auf der anderen Seite den Ansturm der europäischen Großmächte, die das Reich beherrschen und seiner eigenständigen Traditionen berauben wollen, abzuwehren. So agiert der Monarch und sein Hofstaat inmitten eines komplizierten Geflechts von geopolitischen Machenschaften, diplomatischen Intrigen und wirtschaftlichen Interessen. Das Wunder dabei ist, dass der beinahe „ohnmächtige“ Herrscher seine Machtposition über drei Jahrzehnte hält. Welche Mittel er dazu nötig hat, auch um innenpolitische Gegner wie die Armenier auszuschalten, betrachtet Weiberg mit der nötigen Distanz. „Bis heute scheint es daher schwierig, den Anteil, den Abdul Hamid II selbst an diesen Ausschreitungen hatte, zu bestimmen“ beurteilt Weiberg die Faktenlage eher vorsichtig. Auf der anderen Seite geht Sultan Adul Hamid auch für Weiberg als Reformer in die Geschichte ein, so begründet er nicht nur ein modernes Erziehungswesen, sondern er sorgt auch dafür, dass über einhundert Mädchenschulen in Istanbul eingerichtet werden.

Interessant lesen sich die Passagen, gerade aus heutiger Perspektive, über die Rolle der Medien im Umgang mit dem Herrscher und seiner Politik. Weiberg zeigt in vielen Zitaten, wie sich in der Betrachtung über die Osmanen immer wieder rassistische Motive und Vorurteile verbergen. Hier bringt der Historiker eine verbreitete Stimmung auf den Punkt: „Es lässt sich auch zugespitzter ausdrücken, vielen Europäern jener Epoche mag es geradezu unfassbar erschienen sein, dass es auch in den politischen Lagern außerhalb der fest gefügten europäischen Welt Menschen gab, die sich ihnen gewachsen zeigten, bei denen sie an Grenzen stießen, Menschen eben, die eine begründete Vorstellung von den Dingen hatten und dabei nicht von vornherein bereit waren, die europäische Überlegenheit bedingungslos anzuerkennen.

Natürlich schildert Weiberg in wichtigen Passagen detailliert das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Osmanen, bleibt aber auch hier dankenswerterweise seinem eher nüchternen Stil treu. Natürlich ging es bei diesem Verhältnis zweier Monarchen nicht um eine naive Männerfreundschaft, sondern in erster Linie um politische und wirtschaftliche Interessen. Sultan Abdul Hamid schreibt 1898 über das Verhältnis zu Deutschland recht lapidar: „Deutschland ist die einzige Macht, der wir mit einiger Sicherheit den Bau unserer Eisenbahnen anvertrauen können, denn wir können sicher sein, dass für Deutschland ökonomische und finanzielle Interessen vorrangig sind.“

Bei allem Geschäftssinn dürfte dabei auch hilfreich gewesen sein, dass der deutsche Kaiser dem Islam und der osmanischen Kultur durchaus offen und respektvoll begegnete. Seinem Vetter Nikolaus II schrieb er 1898 aus Damaskus unter dem Eindruck seiner Orientreise: „Meine persönliche Empfindung beim Verlassen der Heiligen Stadt war, dass ich mich tief beschämt den Moslems gegenüber fühlte, und dass ich, wenn ich ohne Religion dorthin gekommen wäre, sicherlich Mohammedaner geworden wäre.“

Man muss schlussendlich das Buch von Thomas Weiberg als Pflichtlektüre einstufen, zumindest für alle, denen es um ein vertieftes, auch geschichtlich begründetes Verhältnis zur historischen und aktuellen Türkei geht. Aber auch für das Verstehen der Rolle des Islam in unserer Zeit gibt das Buch wichtige Impulse, denn die moderne Begegnung von „Islam und Technik“, die sich in der Regierungszeit des Sultans vollzieht, ist nach wie vor eine intellektuelle Herausforderung für Muslime in aller Welt.

Thomas Weiberg, Mein Sultan möge lange leben! 528 Seiten, Simurg Verlag

Muslime fordern anderen Umgang mit Flüchtlingen

Düsseldorf (KNA). Anlässlich des Integrationsgipfels im Kanzleramt am heutigen Montag hat der Zentralrat der Muslime in Deutschland Bund und Länder dazu aufgerufen, das große Potenzial von Flüchtlingen zu erschließen. „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Flüchtlingen“, sagte Zentralratschef Aiman Mazyek der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ (Montag).

Für Flüchtlinge sollten Integrationskurse verbindlich werden, zudem sollten ihre Qualifizierungen frühzeitig erfasst und ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt nicht verwehrt werden.

Mazyek verwies auf neue Studien, wonach Migranten ein Plus von 22 Milliarden über die staatlichen Leistungen hinaus für das Gemeinwohl erwirtschaften. Dieses Potenzial könne durch Abbau von Arbeitsmarktbeschränkungen, Anerkennung von Bildungsabschlüssen und Ausweitung von Deutschkursen noch gesteigert werden.