,

Muslimische Reisende werden weltweit immer wichtiger

(ON). Im winterlichen London sind Ahmad und seine Frau gerade von den Flitterwochen auf den Malediven heimgekehrt. Ende 20 träumte das briti­sche Paar vom sprichwörtlichen Inselpa­radies, aber sie suchten nach […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ (Monatsabo) können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

,

Interview mit dem Suchtexperten ­Kurosch Yazdi über die Süchte der Zukunft und was wir dagegen tun können

(iz). Der Mensch ist, so eine bekannte Weisheit, ein Gewohnheitstier. Was aber geschieht mit uns, wenn normales, unschuldiges Verhalten auf einmal schädlich für uns wird? Beim Konsum von Tabak, Zucker […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ (Monatsabo) können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

Exklusiv aus der neuen Ausgabe – Schwerpunkt "Wissen": Gesucht werden freie Orte echter Wissensvermittlung. Von Khalil Breuer

(iz). Bekanntlich sollten Glauben und Handeln eins sein und Theorie und Praxis kein Gegensatz. Um so wichtiger ist es, heute die islamische Lehre und damit die Lebenspraxis selbst, nicht in eine Art der Weltfremdheit abgleiten zu lassen. Es geht uns als ­Muslime um das Hier und Jetzt, das Innen und Außen, das Materielle und Spirituelle.

Diese Einheit der Glaubensüberzeugungen symbolisiert von jeher der Zusammenhang von Moschee und Markt. Die erste Gemeinschaft ist um diesen Zusammenhang gebaut und ohne Kennt­nisse hierüber grundsätzlich missverstan­den. Über Jahrhunderte waren ­diese beiden religiösen Bezugspunkte – wie man in jeder historischen Stadtanlage der ­islamischen Welt unschwer erkennt – ­untrennbar miteinander verbunden. ­Jeder Muslim, unabhängig vom Bildungsgrad, kannte den Ritus und vollzog die ­wichtigsten inneren und ­äußeren Glaubenspraktiken.

Moschee und Markt sind dabei die gro­ßen Freiräume, die der Politik entzo­gen sind. Die großen, auch kontroversen, oft auch feinsinnigen Debatten der Theolo­gen fanden zu jeder Zeit statt, allerdings auf der Grundlage, dass die einfachsten Gesetzlichkeiten, zwischen Gebet und Zakat, nicht etwa zur Disposition standen. Als Muslime müssen wir immer wieder neu lernen: die einfachen Positionen der Glaubensüberzeugungen und die Richtlinien des gerechten Handelns.

Wer sich berufen fühlt, über den ­Islam zu lehren, den kann es nicht kalt lassen, wenn ganze Pfeiler des Islam wegzubrechen drohen. Die erste Frage an die Authentizität des Gelehrten, dem es um das Wohl der Muslime geht, muss heute daher die Frage nach der Zakat sein. Natür­lich erfordert jede Zeit zudem die Betonung und Vertiefung einer bestimmten Seite der Offenbarung und der Lehre.

Es ist logisch, dass eine Lebensform wie der Kapitalismus, die quasi religiöse Züge bekommt und massiv die Schöpfung herausfordert, von jeder Lehre kritisch hinterfragt werden muss. Hier, wenn es um den Kern unserer Zeit geht, müssen wir unsere Quellen – innerhalb einer freien Lehre – entsprechend genau studieren.

Die Authentizität dieser Lehre zeigt sich auch hier im Mittelweg: Der Islam bejaht Eigentum, fordert die freie Marktwirtschaft und tritt für den Handel auf fairer Gegenseitigkeit ein.

Die Debatte um die islamische ­Lehre, die nicht nur dem Leben entfernte Theologie sein will, muss sich ihres eigenen Standpunktes bewusst werden. Das islamische Leben findet nicht in den Türmen der Wissenschaft statt, es kreist noch immer um das alltägliche Wissen über den Gottesdienst in Moscheen und auf Marktplätzen.

Bericht: Anschläge und Polizeischutz – Deutschlands Moscheen im Fadenkreuz des Hasses?

(iz). Zum wiederholten Male wurde die Berliner Ensar-Moschee, die der der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) angeschlossen ist, Ziel einer versuchten Brandstiftung. In der Nacht zum Freitag, den 8. März, wurde dort vorsätzlich ein Feuer gelegt. Es drang über die Fenster in die Moschee ein. Obwohl die Berliner Ermittler bisher nur von Wandalismus ausgehen, dürfte – wie bereits in der Vergangenheit – die Motivlage hier anders gelagert sein.

„Anschläge auf Moscheen und Übergriffe auf Muslime häufen sich in der letzten Zeit. So ist der Brandanschlag auf die Ensar Moschee in Berlin Charlottenburg in einer Reihe von ähnlichen Angriffen auf muslimische Einrichtungen in Deutschland zu sehen.“ sagte hierzu der Sprecher des Koordinationstrat der Muslime, Erol Pürlü. „Wir erhoffen uns daher eine rasche und lückenlose Aufklärung. Für die Zukunft fordern wird diesbezüglich Konzepte, die zum Schutz von Muslimen und muslimischen Einrichtungen in Deutschland dienen“, so Pürlü weiter.

Vor Jahren sicherlich unvorstellbar stehen nun auch in Deutschland einige muslimische Einrichtungen unter Polizeischutz. Dazu gehört die repräsentative Berliner Sehitlik-Moschee. Für die Jurastudentin Betül Ulusoy, die sich bei der Initiative JUMA Jung, Muslimisch, Aktiv engagiert, ist die Gemeinde ihre „Heim-Moschee“. Sie berichtet konkret, wie sich die Bedrohungslage auf diese bekannte Berliner Gemeinde sieht und was der Polizeischutz für Gefühle bei ihr auslöst:

//3// „Also, ich bin des Öfteren in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm. Brandanschläge, Drohbriefe, Schmierereien an Moscheewänden oder sogar das Werfen von Schweinsköpfen sind bei dieser Moschee leider an der Tagesordnung.

Ich weiß gar nicht mehr, nach welchem der Vorfälle das war, aber irgendwann hatten wir Polizeischutz…

Ich habe mich – muss ich ehrlich gestehen – zunächst darüber gefreut, weil ich mich endlich ernstgenommen fühlte. Eimal war während eines Brandanschlags ein Gemeindemitglied, das nachts Wache hielt, in der Moschee. So kann ein Sachschaden schnell zu einem ‘Personenschaden’ werden. Der Gedanke macht einem schon Angst…

Wenn dann die Polizei vor den Moscheetüren steht, vermittelt das im ersten Augenblick Sicherheit, Ernsthaftigkeit – aber zugleich auch noch mehr Unbehagen. Schließlich muss es sich dann jetzt auch tatsächlich um eine ernsthafte Lage handeln, sonst stünde die Polizei nicht da.

Dann habe ich allerdings mit den anderen Moscheeführern [die Moschee bietet regelmäßige Führungen an] und dem Vorstand gesprochen. Sie waren ganz und gar nicht begeistert von dem Polizeischutz.

Für sie wirkte die Polizei vor den Toren eher abschreckend für die Gemeinde und vor allem für Gäste. Die Sehitlik-Moschee wird auch von Nicht-Muslimen gut besucht – täglich finden dort mindestens drei Führungen statt. Sie hatten Angst, dass die Moschee an Vertrauen einbüßen könnte und die sonst für jedermann offenen Tore nun nur eingeschränkt zugänglich waren. Sie haben daher vieles verharmlost und still gehalten, damit die Polizei so schnell wie möglich wieder geht.

Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Ich habe viele jüdische Freunde, aber ich muss ehrlich sagen, dass ich mich immer recht unwohl fühle, wenn ich eine jüdische Einrichtung besuche. Überall sind Kontrollen und Sicherheitsschleusen, und eben Polizeipräsenz. das schreckt ab oder löst Unbehagen aus. Das soll bei uns nicht so sein.

Gerade Moscheen und Muslime sind für ihre Gastfreundschaft und Offenheit bekannt (oder sollten das zumindest sein). Vorbehalte gegen Muslime gibt es genug. Der Polizeischutz schränkt ersteres ein und verstärkt letzteres.

Obwohl es im ersten Moment beruhigend wirkt, bringt, so finde ich, der Schutz im Großen und Ganzen mehr Nachteile…

Das Verhältnis zu den Polizisten war übrigens sehr freundlich und offen. Die Sehtilik-Moschee ist ohnehin in ständigem Austausch mit der örtlichen Polizei und arbeitet in vielerlei Hinsicht mit ihr zusammen und wird selbst zu Polizeifesten eingeladen.

Die gemeinde hat die Polizisten immer begrüßt und hat mit ihnen gescherzt. Das Verhältnis war also glücklicherweise locker und gut, sodass zumindest das kein Problem war. Die unangenehmen Gefühle wären sonst wohl nur verstärkt worden.“

Eine Dossier von Muhammad Sameer Murtaza zur Genealogie der HAMAS

(iz). Kann man objektiv über den Nahost-Konflikt schreiben? Jeder Autor weiß, er sitzt unter dem Vergrößerungsglas der Leserschaft, das jede Äußerung aufmerksam registriert und begierig darauf aus ist, den Autor einzuordnen, um ihn dann entweder auf die Schulter zu klopfen oder zu verdammen.

Nahost-Konflikt – das ist hinsichtlich der weltweiten Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwird, kein Konflikt wie jeder andere. Es ist ein schmerzvoller Konflikt zweier traumatisierter Seiten. Die Juden – als Volk wie auch als Religionsgemeinschaft – haben im christlichen Europa Judenpogrome und den unfassbaren Holocaust erlitten. Die arabischen Einwohner Palästinas – überwiegend Muslime, aber auch Christen – wurden durch die britische und französische Kolonialpolitik wie auch später durch die UNO ihres Selbstbestimmungsrechts beraubt und erfuhren dann im Zuge des ersten israelisch-arabischen Krieges 1948 Vertreibung und Pogrome durch den neugegründeten israelischen Staat.

Beide sind geprägt durch Katastrophen, die jüdische Seite nennt sie Shoah, die palästinensische Seite Nakba. Um jedem Missverständnis vorzubeugen, der Holocaust soll hier nicht relativiert werden in seiner historischen Dimension, aber auf der persönlichen Ebene der Betroffenen ist Verfolgung Verfolgung, ist Unrecht Unrecht, ist Leid Leid. Beide Traumata stiften uns zum mitleiden an und machen diesen Konflikt weit über seine Grenzen hinaus zu einem dermaßen emotional geladenen Konflikt, sodass wir andere Konfliktherde bedauerlicherweise gar nicht mehr wahrnehmen, wie aktuell etwa die Pogrome gegen die Volksgruppe der Rohingya in Myanmar – die laut UNO am meisten verfolgte Minderheit weltweit.

Wie soll oder kann da ein Autor dem Thema gerecht werden? Nur indem er keine Rücksicht auf seine Leserschaft und deren emotionalen Befindlichkeiten nimmt. Wer objektiv, sachlich, an Fakten orientiert und als ehrlicher Makler über einen Konflikt schreiben will, der muss dies nüchtern und emotionslos tun und seine Leserschaft bitten, diesen Schritt mitzugehen.

Der gegenwärtige Nahost-Konflikt ist nicht nur ein religiöser Konflikt – vielmehr haben sich in ihm unterschiedlichste Konfliktfelder miteinander verstrickt und verheddert. Entstanden ist ein gordischer Knoten und so gibt es auf die eine Frage, worum es in dem Konflikt eigentlich geht, auch nicht die eine Antwort. Der Nahost-Konflikt ist ein:

•territorialer Konflikt, bei dem unterschiedliche Akteure unterschiedliche Grenzvorstellungen haben. Um welches Land wird also gestritten? Etwa um das muslimische Palästina oder um das biblische Land Israel (Eretz Israel)? Um einen säkularen israelischen Nationalstaat in den Grenzen von 1967 und einen säkularen palästinensischen Nationalstaat, der den Gazastreifen, die Westbank und Ostjerusalem umfasst, oder geht es um das Nebeneinander eines jüdischen und eines muslimischen Staates in gänzlich neugezogenen Grenzen? Ist nach der Machtübernahme der HAMAS im Juni 2007 im Gazastreifen überhaupt noch ein einziger palästinensischer Staat ein realistisches Unterfangen oder skizziert die de facto Zweiteilung des palästinensischen Gebietes auch möglicherweise das Entstehen zweier palästinensischer Staaten ab, eines islamisch-ideologischen und eines säkular-nationalistischen? Geht es überhaupt noch real-politisch betrachtet um eine Zwei-Staaten-Lösung oder bewegen wir uns auf eine Ein-Staaten-Lösung zu?
Verbunden hiermit stellt sich die Frage, wer denn überhaupt die Akteure dieses Konfliktes sind. Wer streitet da? Sind es Muslime und Juden? Araber beziehungsweise Palästinenser und Israelis? Säkulare Nationalisten oder religiöse Ideologen?

•ökonomischer Konflikt, bei dem es um Ressourcenknappheit und die Aneignung fremder Ressourcen geht. Der Gazastreifen, die Westbank wie auch Israel verzeichnen eine enorm hohe Wachstumsrate der Bevölkerung. Beide Seiten sind hierdurch mit knappen Wohnraum und einem Erschöpfen der vorhandenen landwirtschaftlichen Nutzfläche konfrontiert.
Diese Lage fördert die Gründung israelischer Siedlungen in der Westbank wie auch früher im Gazastreifen und somit die Enteignung der Palästinenser. Dies wiederum schränkt die Siedlungs- und landwirtschaftliche Nutzfläche der Palästinenser in dem ihnen verbliebenen Land weiter ein.
Zudem wird durch die Bevölkerungsentwicklung die kostbare Ressource Wasser für alle Konfliktparteien immer knapper. Schon heute ist der israelische Staat auf das Grundwasser der Westbank existentiell angewiesen, während die dort lebende arabische Bevölkerung bereits jetzt unter einer unregelmäßigen Wasserversorgung leidet.
Längst ist der Gazastreifen auch zu einem Testgebiet neuester Waffen des israelischen Militärs geworden, die hierdurch im Werbematerial als kampferprobt angepriesen werden können, was auf dem internationalen Markt für bessere Verkaufszahlen sorgt. So haben sich die israelischen Militärexporte durch diesen Umstand in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Gegenwärtig ist Israel der viertgrößte Waffenexporteur der Welt.

•ideologischer Konflikt, der die beiden Religionen, den Islam und das Judentum, in ihrer gegenwärtigen geschichtlichen Realisierung verändert hat.
Im Zentrum des ideologischen Islam und des Zionismus steht die Raumbeherrschung. Beide Ideologien setzen sich über die einstige religiös begründete Lebenspraxis der friedlichen Koexistenz von Juden und Muslimen in Palästina hinweg und nehmen die jeweils andere Seite nur noch als Feindbild wahr.
Das Feindbild eint die eigene Seite, presst alles in ein Freund-Feind-Schema, rechtfertigt das Hinwegsetzen über die eigenen religiös begründeten ethischen Werte und Rechtsauffassungen, und mobilisiert für die Auslöschung des Feindes, gleichgültig ob es sich dabei um Kombattanten oder Nicht-Kombattanten handelt.
Hier berühren sich also zwei Extreme, zwei Ideologien, die zugunsten ihres Idols dem Land, die universale Botschaft der Thora und des Qur’an hinter sich gelassen haben, zugunsten des Primat der Raumbeherrschung und einer damit verbundenen pragmatischen Politik, die alles rechtfertigt, um das angestrebte Ziel zu erreichen.

•regionaler Konflikt, da nur zwei arabische Staaten, Ägypten und Jordanien, Israel anerkennen. Darüber hinaus gesteht auch nur eine verschwindend geringe Minderheit muslimischer Staaten (Türkei, Tadschikistan, die Turkstaaten und Senegal) Israel das Existenzrecht zu. Während der Iran offen mit der Auslöschung Israels droht.
Dieser Umstand kann sich nur mit der Gründung eines palästinensischen Staates und Wiedergutmachungsleistungen seitens Israels ändern. Bereits 2002 und abermals 2006 hatte Saudi-Arabien im Namen von 22 arabischen Staaten Israel den Vorschlag unterbreitet, dass die arabischen Staaten es anerkennen, wenn im Gegenzug die Gründung eines palästinensischen Staates in Gaza und Westbank mitsamt Ostjerusalem in den Grenzen von 1967 zugelassen wird.
Des Weiteren besteht zwischen Israel und Syrien ein Konflikt um die von Israel besetzten Golanhöhen und das Ostufer des Sees Genezareth, wodurch der syrische Zugriff auf das Wasser des Sees verhindert wird.

Jedes dieser Konfliktfelder, die wir soeben nur gestreift haben, verdient ein Dossier für sich, um den Nahost-Konflikt in all seinen Facetten zu verstehen. Aber jetzt schon sollte deutlich sein: die Gemengelage dieses Konfliktes, die eine umfassende Friedenslösung erfordert, macht ihn möglicherweise zu einem unlösbare Konflikt.

Verwundern dürfte auch, dass die Religionen nicht als eigenständiges Konfliktfeld aufgeführt wurden. Vielmehr müsste aber die Frage lauten, was mit den beiden Religionen, dem Islam und dem Judentum geschehen ist, die zuvor in diesem Landstrich friedlich nebeneinander lebten. Noch provokanter dürfte die Frage sein, ob nicht gerade die Religionen in ihrer entideologisierten Form Frieden zwischen den abrahamischen Geschwistern stiften können.

Grundlagen I: Die ideologische Salafiyya
Der Islam ist kein Monolith. Unterschiedliche Interpretationen der religiösen Quellen führen auch zu unterschiedlichen geschichtlichen Realisierungen des Islam, die in der Regel friedlich nebeneinander koexistieren.

Die Lage der islamischen Religionsgemeinschaft und Zivilisation in den vergangenen zweihundert Jahren zu beschreiben, ist kein einfaches Unterfangen. Ein Gemisch gewoben aus intellektueller Stagnation beginnend ab dem 13. Jahrhundert, entzog dem islamischen Boden nach und nach jegliche Kreativität des Lebens, jegliche Dynamik in Technik und Wissenschaft, jeglichen materiellen Fortschritt und jegliche Ambiguitätstoleranz.

Eine ermüdete islamische Zivilisation sah sich schließlich einem wiedergeborenen Europa ausgesetzt, dessen Imperialismus und Moderne sie nichts entgegenzusetzen wusste.

Diese Situation hätte eine Ouvertüre für eine eigenständige islamische Erneuerung und Moderne darstellen können; und so verwundert es nicht, dass unzählige solcher Bewegungen, die wir heute unter der Bezeichnung Salafiyya zusammenfassen können, ab dem 18. Jahrhundert allerorts in der muslimischen Welt geboren werden.

Der arabische Ausdruck al-Salaf al-Salih bezeichnet die frommen Altvorderen. Gemeint sind damit die ersten drei Generationen der Muslime. Aus dieser Frühgemeinde hat sich der Islam entwickelt. Sie ist folglich eine wichtige Instanz, wenn es um die Botschaft des Propheten Muhammad geht. Die Salafiyya ist allgemein gesprochen eine Rückbesinnung auf diese Gemeinde zwecks der Erneuerung. Aber inhaltlich könnten ihre Zweige nicht unterschiedlicher sein. Vereinfacht lassen sich vier Strömungen innerhalb der Salafiyya ausmachen: die literalistische Salafiyya, die reformistische Salafiyya, die ideologische Salafiyya und die literalistisch-politische Salafiyya. Für den Kontext dieses Dossiers konzentrieren wir uns auf die ideologische Salafiyya.

Als sich Anfang des 20. Jahrhunderts Ost und West allmählich als Ideologien zu verfestigen begannen und die kolonisierten Länder sich gegen den europäischen Imperialismus erhoben, drohte dem Islam die Bedeutungslosigkeit – der Sozialismus wurde in der arabischen Welt populär und der religionskritische Ton immer schärfer.

In diesem geistigen und politischen Klima war es für den ägyptischen Volksschullehrer Hasan Al-Banna selbstverständlich, den Islam ebenfalls als Ideologie zu deuten. Der Islam wurde in seinem Denken zur dritten Ideologie, die dem Kapitalismus und dem Kommunismus nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen ist. Der Slogan der Muslimbrüder „Der Islam ist die Lösung“ wurde zu einem messianischen Versprechen, das die Massen der Muslime anzog und überzeugte. Der Islam erhielt somit eine ein- und überdimensionale Rolle. Hinter diesem Denken steht der Anspruch, eine eigene Identität zu schaffen, die sich von der westlichen unterscheidet, um nach der langen Zeit des Kolonialismus und der Bevormundung wirklich autark zu sein.

Als bid‘a – nun als politischer Begriff verstanden – wurde daher der Import fremder Einflüsse betrachtet, da der Islam als System selber in der Lage sei, eine Antwort auf alle Probleme zu geben. Man unterscheidet somit zwischen al-wafid (importierten Fremden) und al-mauruth (ererbten und authentischen).

Der Qur’an und die Biographie des Propheten (sira) wurden auf eine politische Gebrauchsanweisung reduziert, um das islamische System zu realisieren. In der Heilserwartung eines islamischen Systems lag natürlich der Wunsch nach Unabhängigkeit und wahrer Autarkie, doch muss kritisch gefragt werden, ob diese vorgegebene Restauration islamischer Legitimität von politischer Macht und Gesetz sich tatsächlich vom Qur’an ableiten lässt oder ob es sich lediglich um eine Verzerrung und Überstrapazierung der Religion handelt.

Schlagwörter wie „islamischer Sozialismus“ und „islamische Demokratie“ machen deutlich, dass es sich bei dem islamischen System vielmehr um eine Übernahme formaler Praktiken, die im Westen entstanden sind, handelt, die jedoch abgeschnitten sind von der Philosophie, vor deren Hintergrund sie entstanden. Werden hier also aus einem Gefühl der Unterlegenheit politische und wirtschaftliche Produkte der Säkularisierung im Nachhinein sakralisiert? Vollends zum Durchbruch gelangte der ideologische Islam durch die iranische Revolution 1979. Mehr als jedes andere Ereignis nährte es die Hoffnung einer enttäuschten muslimischen umma. Mohammed Arkoun schreibt hierzu:

„Während der Westen, nachdem er zur Aufgabe der kolonialen Herrschaft gezwungen worden war, seit den sechziger Jahren eine Suche nach neuen Ausdrucksformen der Moderne in Gang gesetzt hat, hat die muslimische Welt sich von der Moderne losgesagt, um ihr ein ‘islamisches’ Modell entgegenzustellen, das sich jeder wissenschaftlichen Untersuchung entzieht. Dabei handelt es sich um den Triumph eines sozialen Imaginären, das wohl als ‘Islam’ bezeichnet wird, aber in Wirklichkeit nur das irreversible Wirken politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Säkularisierung sakralisiert.“

Durch die Erhebung des Islam zur sakralen Ideologie kann und darf diese nicht hinterfragt werden. Hier wird der Bruch mit dem wissenschaftlichen und kulturellen Vermächtnis der Muslime besonders deutlich. Somit ist der ideologische Islam nicht mehr als Romantik und nostalgische Beschwörung der Vergangenheit, die einer wissenschaftlichen, kritischen und konstruktiven Betrachtungsweise keinen Raum schenkt, anzusehen.

Musterbeispiele islamisch-ideologischer Bewegungen sind die arabische Muslimbruderschaft und die indo-pakistanische Jamaat-e-Islami.

So unterschiedlich diese Reformer und ihre Bewegungen sind, so sehr eint sie die Radikalität nach mehr als 1.000 Jahren islamischer Theologie-, Rechts- und Exegesegeschichte, sowie den daraus gewachsenen etablierten Strukturen erneut nach dem Ursprung, dem ursprünglich islamischen, der qur’anischen Botschaft zu fragen. Dieses Zurückgehen auf die Offenbarung des Gesandten Gottes Muhammad ist die Klammer, die diese unterschiedlichen Strömungen verbindet, gleichwohl sie durch eine unterschiedliche Hermeneutik auch zu unterschiedlichen Antworten gelangten.

Im Zentrum der Salafiyya stehen also die Kritik an den mittelalterlichen Strukturen und Ansichten der muslimischen Gelehrsamkeit und ein Maßnehmen mittels des Qur’an. Durch die Kritik an den Traditionen erhofften sie sich Wandel durch eine eigene, authentische und im Islam verankerte Erneuerung und wenn man so sagen will, eine eigenständige islamische Moderne.

Aber auch für die verschiedenen Erneuerungsbewegungen im Islam gilt, dass sie keinen Alleinanspruch auf die Religion besitzen, dass sie nicht mit dem Islam gleichgesetzt werden dürfen, und dass auch sie sich vor der Botschaft des Qur’an zu verantworten haben. Die zentrale Frage an die einzelnen Strömungen der Salafiyya lautet daher: Haben sie in ihrem religiösen Verständnis das islamische Ur-Zeugnis hinter sich? Oder vertreten sie im Ganzen oder in bestimmten Punkten ein religiöses Verständnis, das nicht vom Qur’an gedeckt wird?

Grundlagen II: Der Zionismus und das zweimal verheißene Land
Der Zionismus, begründet durch den ungarischen Juden Theodor Herzl (1860-1904), verfolgte das Ziel, einen jüdischen Staat in Palästina zu gründen, der allen Juden als Zufluchtsort vor den periodischen antijüdischen Pogromen in Europa dienen sollte. Er war also ein radikaler Lösungsversuch für die zentralen Fragen nach der jüdischen Identität und nach dem Ort der Juden in der Welt. So diagnostizierte der russische Jude und Arzt Leon Pinsker im 19. Jahrhundert: „Die Juden bilden im Schoße der Völker, unter denen sie leben, tatsächlich ein heterogenes Element, welches von keiner Nation assimiliert zu werden vermag, demgemäß auch von keiner Nation gut vertragen werden kann.“

Nach Pinsker würden die Juden stets und überall dem Antisemitismus ausgesetzt sein, da sie bestenfalls Gäste seien, somit nie ebenbürtig, ewig verachtet. Daher müsse das jüdische Volk eine Heimat finden, wo sie ihre eigenen Herren und somit sicher vor Verfolgung wären.

Kritiker des Zionismus weisen daraufhin, dass dieser im Grunde die geistigen Grundlagen und die Sprache des Antisemitismus übernahm. Der Zionismus als Reaktion auf den Antisemitismus sei ein Zugeständnis an ersteren, dass in der Tat das Judentum ein fremdartiges und nicht integrierbares Element sei. Die zionistische Lösung, nämlich die Massenemigration, sei auch den Antisemiten nicht fremd gewesen.

Die wechselhafte Situation der Juden in Europa führte bereits 1882 (-1903) zu einer ersten Einwanderungswelle von 25.000 – 30.000 Juden nach Palästina, die sogenannte erste Aliya. So entstanden die ersten jüdischen Siedlungen in Palästina wie etwa Sichron, Ja’akov, Nes Ziona, Ekron, Jesod HaMa’ala, Gedera, Rechovot, Hadera, Mischmar Hajarden, Ain Seitun und Moza.

Auf dem ersten Zionistischen Weltkongress 1897 in Basel wurde schließlich beschlossen, dass die neue jüdische Heimstätte in Palästina liegen sollte. Um dies zu verwirklichen, sollte die Besiedlung dieses Gebietes mit Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden zur Schaffung einer Infrastruktur gefördert werden. Weiter wurde beschlossen, Einfluss auf Regierungen zu nehmen, die hilfreich sein könnten, das Ziel des Zionismus zu erreichen.

Vor dem Ersten Weltkrieg bemühten sich die Zionisten erfolglos, dem osmanischen Sultan die Erlaubnis einer Kolonialisierung des Heiligen Landes abzuringen, war doch Palästina damals ein infrastrukturell vernachlässigtes Armenhaus, das einzig aus Dörfern bestand. Als sich während des Ersten Weltkrieges abzeichnete, dass Großbritannien und/oder Frankreich die neuen Herren Jerusalems sein würden, begannen die Zionisten auf England und Frankreich einzuwirken. Mit Erfolgt: am 2. November 1917 gab der britische Außenminister Balfour bekannt: „Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird sich nach Kräften bemühen, die Verwirklichung dieses Zieles zu erleichtern, unter der ausdrücklichen Voraussetzung, dass nichts geschehen darf, was die zivilen oder religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status, derer die Juden sich in anderen Ländern erfreuen, beeinträchtigen könnten.“

Mit der inhaltlich unklar formulierten Balfour-Deklaration begab sich Großbritannien aber in Widerspruch mit seinen Versprechungen, die es zuvor den Arabern gemacht hatte, wenn sie sich im Ersten Weltkrieg gegen das Osmanische Reich wenden würden.

In der Hussain-McMahon-Korrespondenz wurde dem Scherifen Hussain am 24. Oktober 1915 versprochen, dass Großbritannien unter Voraussetzung eines arabischen Aufstandes die Unabhängigkeit der Araber anerkennen würde, und zwar südlich vom 37. Breitengrad, abgesehen von den Provinzen Bagdad und Basra sowie von den Gebieten, wo Großbritannien nicht unabhängig von Frankreich entscheiden könne.

Trotz dieser Verlautbarung schlossen am 16. Mai 1916 die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs eine geheime Übereinkunft, in dem ihre Einflusssphären im Nahen Osten nach dem Ersten Weltkrieg festgelegt wurden. Nach dem Sykes-Picot-Abkommen wurde Arabien in fünf Zonen aufgeteilt:

a) Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer sollte einer internationalen Verwaltung unterstellt werden.
b) Haifa und Mesopotamien von der Gegend Tikrit bis zum Golf sollten britisch werden.
c) Die syrische Küste von Tyrus (Sur) bis nach Alexandretta (heute: Iskenderun), Cilicien und die Hauptteile von Südarmenien, von Sivas bis Diyarbakir, sollten französisch werden.
d) Das Landesinnere sollte unabhängig arabisch unter zweierlei Arten von Einfluss werden:
1) Zwischen den Linien Al-Aqaba-Kuwait und Haifa-Tikrit sollte Großbritannien wirtschaftliche und politische Priorität haben.
2) Zwischen den Linien Haifa-Tikrit und der Südecke Französisch-Armeniens oder Kurdistan sollte Frankreich wirtschaftliche und politische Priorität haben.

Später wurden dann noch Russland und Italien in das Abkommen eingebunden. Im Zuge der Oktoberrevolution jedoch veröffentlichte die neugegründete Sowjetunion das Sykes-Picot-Abkommen. Das Osmanische Reich hatte nun ein wirksames Propagandamittel und ließ es augenblicklich in arabischen Zeitungen abdrucken. Großbritannien fürchtete die Folgen und versicherte überstürzt einer Gruppe von sieben syrischen Nationalisten am 11. Juni 1917, dass jene arabischen Territorien, die vor dem Krieg frei und unabhängig waren oder durch militärische Operationen ihrer Bewohner befreit wurden, nach dem Krieg unabhängig sein würden.

Damit wurde Palästina das „zweimal verheißene Land“. Der Theologe Hans Küng gibt bezüglich der Balfour-Deklaration zu bedenken: „Diese so genannte ‘Balfour-Declaration’ scheint eindeutig und doch enthält sie einen Zusatz, den man nicht unterschlagen sollte. Denn in dieser Erklärung heißt es zugleich, dass ‘selbstverständlich nichts unternommen werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte existenter nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status, wie sie die Juden in irgendeinem anderen Land innehaben, präjudiziert’. Und genau hier sollte der Konflikt sich zuspitzen: bei den ‘bürgerlichen und religiösen Rechten existenter nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina’! Denn nicht wenige der führenden Zionisten dachten von Anfang an nur an die eigenen Rechte, die der jüdischen Einwanderer, nicht aber an die der anderen, die Rechte, der seit weit mehr als einem Jahrtausend ansässigen arabischen Bevölkerung.“

Und der Theologe Vierweger schreibt über dieses fatale Gestrick an Zusagen und Versprechungen: „Wie die Araber den Brief von Sir Henry McMahon, so haben auch die Juden die Balfour-Erklärung offensiver ausgelegt als die Briten selbst. Was wurde ihnen wirklich versprochen? Was ist eine »nationale Heimstätte«? Welche Grenzen sollte ihr Gebiet in Palästina haben? Hierüber gingen die Vorstellungen weit auseinander.“

Auch der Zionist Asher Hirsch Ginsberg warnte vor der Ignoranz seiner Mitstreiter gegenüber den palästinensischen Arabern: „Wir neigen gern zu dem Glauben, dass Palästina in diesen Tagen beinahe vollständig unbewohnt und eine unkultivierte Wildnis ist, in der jeder so viel Land erwerben kann, wie er möchte. Aber dies ist in Wirklichkeit nicht der Fall. Es ist schwer, irgendwo in diesem Land arabischen Grundbesitz zu finden, der brach liegt … Wir neigen gern zu dem Glauben, dass alle Araber Wüstenbarbaren sind – ein Volk von Eseln, das nicht erkennt oder versteht, was um es herum vorgeht. Dies ist ein grundlegender Fehler … Die Araber, und hier vor allem die Bewohner der Städte, verstehen sehr wohl, was wir wollen und was wir in diesem Land vorhaben; aber sie verhalten sich so, als ob sie es nicht bemerken, da sie im Augenblick keine Gefahr für sich oder die Zukunft in dem erblicken, was wir tun. Deshalb versuchen sie den besten Nutzen aus diesen neuen Gästen zu ziehen (…) Aber wenn der Tag kommt, an dem der Lebensstandard unseres Volkes im Lande Israel eine derartig hohe Stufe erreicht, dass die örtliche Bevölkerung mehr oder minder verdrängt wird, dann wird diese nicht so einfach ihren Wohnsitz aufgeben.“

Dies wohlwissend hatte Herzl in seinen Tagebüchern festgehalten: „Die arme Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen, indem wir ihnen in den Durchgangsländern Arbeit verschaffen, aber in unserem eigenen Lande jederlei Arbeit verweigern.“

Damit war ein Grundkonflikt geschaffen, der die Identität des späteren demokratischen Staates Israel bis heute belastet, da er als zugleich jüdischer Staat nicht auf diesen fundamentalen Vorbehalt verzichten kann. Denn weil das Land bereits von einem anderen Volk besetzt war, dass hier seit Jahrhunderten seine Heimat hat, nämlich die arabischen Palästinenser, Muslime und Christen, konnte nur durch den Rückgriff auf die biblische Verheißung, dass das Land Israel dem jüdischen Volk vorbehalten sei, die Existenz des Staates Israel legitimiert werden. Der Zionismus betonte den religiösen Aspekt des Landes und erhob ihn zum Staatsfundament. Hierdurch, wenn auch zunächst unter Protest, entwickelte sich ein religiöser Zionismus, der in der Existenz Israels die Antwort sah auf die jahrhundertalte Sehnsucht nach Erlösung und der Rückkehr ins Land der Väter. Und je mehr die Errungenschaften und die Erfolgsgeschichte dieses Staates zunahmen, desto mehr ließen sich die progressiven und orthodoxen jüdischen Richtungen hiervon anstecken und desto mehr nahmen die einstigen theologischen Vorbehalte ab. Scheinbar rückte damit auch der universelle Horizont des Tanach immer weiter in den Hintergrund, was anhand der immer stärker werdenden Siedlungsbewegung zum Ausdruck kommt, deren Vorgehen eine Verweigerung der palästinensischen Existenzberechtigung gleichkommt zugunsten des ideologischen Primats der Raumbeherrschung.

Auf der Pariser Friedenskonferenz nach dem Ersten Weltkrieg sollte der schwelende Konflikt zwischen Arabern und Juden im Sinne des 14-Punkte-Programms des amerikanischen Präsidenten Wilson, das unter anderem das Selbstbestimmungsrecht für alle Völker vorsah, entschärft werden.

Hier bemühte sich Thomas Edward Lawrence (gest. 1935), besser bekannt als Lawrence von Arabien, den von den Briten erkorenen arabischen Führer Faisal (gest. 1933) davon zu überzeugen, eine politische Allianz mit den Zionisten einzugehen. Auch Sykes versicherte Faisal, dass die Zionisten keinen jüdischen Staat ausrufen würden. Dies war Sykes von Chaim Weizmann (gest. 1952) versichert worden, damals einflussreiches Mitglied der jüdischen Gemeinde in Großbritannien, später Präsident des Staates Israel, der noch am 26. April 1918 einer Gruppe Jerusalemer Bürgern entgegnete: „Glaubt denen nicht, die unterstellen, dass wir die politische Macht in diesem Lande am Ende des Krieges in unsere Hände nehmen wollen.“

Zur Jahreswende 1918/1919 kam es schließlich zu einem Treffen zwischen Faisal und Weizmann, im Londoner Carlton-Hotel. Lawrence sollte als Übersetzer fungieren. T.E., der die beiden zusammenführte, war der Überzeugung, dass eine öffentliche Unterstützung des Zionismus seitens der Araber eine gute Politik sei und das Wohlwollen der amerikanischen und britischen Delegation erwirken würde. Bereits 1918 hatte Weizmann Faisal in Al-Aqaba aufgesucht und ihm gesagt: „Wenn er ein starkes und blühendes Araberreich aufbauen will, sind es wir, die Juden, und wir allein, die ihm dabei behilflich sein können. Wir können ihm die erforderliche finanzielle und organisatorische Hilfe leisten. Wir werden seine Nachbarn sein und keine Gefahr für ihn darstellen, da wir keine Großmacht sind und es nie sein werden.“

Faisal schrieb anschließend seinem Vater dem Scherifen Hussain, dass die Zionisten nicht daran interessiert seien, einen Staat zu gründen, sondern als Bürger in Palästina leben und zum Aufbau der Infrastruktur beitragen wollen. Doch hinter den Kulissen stellten die Vertreter des Zionismus andere Forderungen, so schreibt Küng: „Schon 1919 hatte die Zionistische Weltorganisation – die Balfour-Erklärung als ihre Magna Charta benutzend – auf der Pariser Friedenskonferenz eine Landkarte vorgelegt. In ihr umfasste die ‘Heimstätte’ der Juden ganz Palästina, inklusive Transjordanien – also weit mehr als die seit 1967 besetzten Gebiete eines ‘Groß-Israel’. Dies blieb, wie der Altzionist und Historiker Simcha Flapan (1954-1981 Sekretär der Mapai-Partei und Leiter des Referats für Arabische Angelegenheiten) erst neuerdings herausgearbeitet hat, die mehr geheim als offen propagierte Zielvorstellung der maßgebenden zionistischen Führer, wobei man untereinander nur über die Methoden – ob mehr diplomatisch und evolutiv oder mehr gewaltsam-militärisch – im Streite lagen. 1937 etwa hat der 20. Zionistische Kongress mit Unterstützung aller Fraktionen bestätigt, die Juden hätten ein unveräußerliches Recht, in allen Teilen Palästinas zu siedeln – auf beiden Seiten des Jordans! (…) Schon lange hatte sich freilich gezeigt: Mit der Balfour-Erklärung war im Grunde eine widersprüchliche Position formuliert worden. Sie trug entscheidend mit dazu bei, dass Palästina zu einem der umkämpftesten Länder der Erde wurde. Denn das eine war den Kennern der Lage und auch den führenden Zionisten von vornherein bekannt, was freilich von vielen, die im Geist des europäischen Nationalismus und Kolonialismus auftraten, unterschätzt wurde: Palästina war eben gerade nicht das ‘Land ohne Volk’, in welches das ‘Volk ohne Land’ so einfach einziehen konnte.“

Trotz Faisals Annäherung an die Zionisten verlief die Konferenz nicht zu Gunsten der Araber. Der Vorschlag Präsident Wilsons, eine interalliierte Kommission nach Syrien zu entsenden, um den Willen des Volkes zu ermitteln, brachte Frankreich ebenfalls dazu, eine solche Kommission nach Mesopotamien und Palästina entsenden zu wollen. Dies konnte aber nicht im Interesse Großbritanniens und der Zionisten sein. So lehnte Großbritannien die Entsendung einer solchen Kommission ab, und auch die Zionisten übten massiven Druck auf amerikanische Politiker aus, sodass dieses Vorhaben scheiterte. Schließlich gingen Frankreich und England einen Handel ein, bei dem die Engländer trotz des Sykes-Picot-Abkommens das erdölreiche Mossul erhalten und im Gegenzug dafür Faisal und Syrien fallen lassen sollten. Damit war jede Aussicht gescheitert, das Sykes-Picot-Abkommen aufzuheben: „Die Erdölspekulanten hatten begriffen, dass man mit einer Reihe rivalisierender Araberstaaten, denen jedes Einigkeitsgefühl fehlt, leichter um Konzessionen und Ertragsanteile feilschen könne als mit einem großen, unabhängigen Araberstaat im Nahen Osten.“

Zwischen den Arabern und den zionistischen Kolonialisten kam es nun zu immer heftigeren Auseinandersetzungen. Schießereien waren an der Tagesordnung. Der britische Versuch einer gemeinsamen Verfassung scheiterte 1922 am arabischen und 1935 am zionistischen Widerstand. In der Folge brach ein Bürgerkrieg aus, verbunden mit Terroraktionen beider Seiten. Küng schildert die Geschehnisse wie folgt: „Schon 1920 organisierte der Rechtszionist Jabotinsky deshalb die Hagana, jene jüdische Untergrundarmee (…). Ostern 1920 wagte sie in Jerusalem die erste offene Konfrontation mit den hocherregten arabischen Massen. Jabotinsky wurde samt der Führung der Hagana von den Briten verhaftet, aber wieder freigelassen. 1925 gründete er, jetzt in offenen Zwist mit dem gemäßigten Weizmann, seine eigene aggressive New Zionist Organisation mit faschistischen und terroristischen Zügen, die auf ‘einen jüdischen Staat auf beiden Seiten des Jordans’ und auf ‘soziale Gerechtigkeit ohne Klassenkampf’ (…) hinarbeitete. Die Araber Palästinas, meinte Jabotinsky, könnten sich ja schließlich in anderen arabischen Ländern ansiedeln, die Juden nicht. Aber nicht nur er, auch Ben-Gurion, dessen gesamte Politik von Anfang an auf eine größtmögliche territoriale Ausdehnung der jüdischen ‘Heimstatt’ ausgerichtet war, rechnete mit sogenannten ‘Umsiedlungen’ (‚Transfers’) der arabischen Bevölkerung’: Im Zeitalter des Nationalismus, Imperialismus und Kolonialismus (von den Umsiedlungsaktionen Stalins und Hitlers zu schweigen) waren sie ja als Mittel der Politik weithin akzeptiert; England und Frankreich hatten ja gerade eben auch – entgegen der britischen Zusage an die Araber! – den ganzen Nahen und Mittleren Osten mit zum Teil willkürlichen Grenzen und ‘Einflusszonen’ aufgeteilt (…). (…) Schon längst hatte so jener endlose Kreis von Gewalt und Gegengewalt begonnen, der in den Jahren 1936-1939 einen ersten Höhepunkt erreichte und der bis heute Israel und die Welt in Atem hält. Jabotinsky war seit 1937 Kommandeur der seit 1931 von der Hagana abgespaltenen terroristischen Untergrundbewegung Irgun (…). Die Irgun wollte durch geplante Provokationen und willkürlichen Bombenattentate bewusst Hass und Feindschaft säen und versuchen, die Araber mit jenen terroristischen Methoden und Praktiken zu bekämpfen, die dann dreißig Jahre später der Al-Fatah, der palästinensischen Terrororganisation unter der Leitung von Jasir Arafat, als Vorbild dienen sollten.“

Einen weiteren Teilungsplan 1937 lehnten die Araber ab, der aber „von Ben-Gurion, dem Führer der Arbeiterpartei, der stärksten Kraft innerhalb des Zionismus, jedoch aus klugen taktischen Erwägungen akzeptiert wird. Doch das eine scheint für die Briten klar: Die Errichtung eines jüdischen Staates gegen den Willen der Araber kommt nicht in Frage (so noch in einem Weißbuch 1939).“

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte Großbritannien die jüdische Einwanderung zu beschränken. Die Antwort der Zionisten war ein Guerillakrieg gegen die Briten. Küng fasst die Ereignisse wie folgt zusammen: „[Die Irgun] (zusammen mit der LEHI) trägt die Verantwortung für terroristische Anschläge in den arabischen Märkten von Jerusalem und Haifa, für die Ermordung des britischen Nahost-Bevollmächtigten Lord Moyne (1944), für die teilweise Sprengung des von der britischen Regierung benutzten Hotels King David in Jerusalem mit 91 Todesopfern (1946) sowie für die überall auf der Welt mit Empörung zur Kenntnis genommene Ermordung (durch die LEHI) auch des UNO-Vermittlers Graf Folke Bernadottes (1948), nachdem er einen neuen Teilungsplan vorgelegt hatte: terroristische Anschläge, die von der Jewish Agency (ihre Residenz war 1948 von den Arabern gesprengt worden) und der Hagana offiziell stets verurteilt, aber faktisch toleriert wurden.“

Trotz dieser Gewaltakte erhielt das zionistische Vorhaben durch die Shoah, der Vernichtung des europäischen Judentums, neue und verstärkte Akzeptanz und Unterstützung in der westlichen Welt.

Die Muslimbruderschaft und Palästina
Der Totalanspruch der zionistischen Ideologie mit dem die muslimischen Einwohner Palästinas konfrontiert waren, lud zum Import eines andernorts gewachsenen ideologischen Islam ein: nämlich der ägyptischen Muslimbruderschaft unter Führung Hasan Al-Bannas (gest. 1949).

Durch den Konflikt zwischen zionistischen Kolonialisten und ansässigen Arabern in Palästina sah auch Hasan Al-Banna sich gezwungen, eine Position zu den Geschehnissen einzunehmen. Grundsätzlich war ihm an einem guten Verhältnis zum Judentum gelegen. So äußerte er tiefe Betroffenheit darüber, dass die Juden in Europa wiederholt Verfolgung und Unrecht ausgesetzt waren, allerdings könne Gerechtigkeit nicht darin bestehen, dass man nun den Arabern in Palästina das Gleiche antue.

Andere Muslimbrüder schlugen einen schärferen Ton an und bezeichneten die Juden als die historischen Feinde der Muslime. So äußerte Salih Al-Aschmawi: „Jeder Jude ist ein Zionist. Diese Tatsache wird bekräftigt durch vergangene Zwischenfälle und Experimente. Diese Tatsache ist so klar wie die Mittagssonne und kann nicht verändert oder geleugnet werden.“ und „Es ist die Wahrheit und ihre Essenz, dass die zionistische Frage nichts anderes ist, als eine jüdische Frage mit alledem, was das Wort beinhaltet.“

Zunehmend wurde in den Reihen der Muslimbruderschaft der Zionismus mit dem Judentum gleichgesetzt, womit jeder Jude als ein Feind des Islam angesehen wurde.

Hasan Al-Banna behielt dagegen lange Zeit seine differenzierte Sichtweise bei. Er störte sich nicht daran, dass Menschen jüdischen Glaubens sich in Palästina niederlassen, aber er lehnte die Etablierung eines jüdischen Staates ab und zwar aus folgenden Gründen: 1) Jerusalem war die erste Gebetsrichtung des Islam und ist der drittheiligste Ort im Islam, 2) es ist die Wirkungsstätte vieler Propheten, 3) die Himmelsreise des Propheten Muhammad habe in Jerusalem stattgefunden, 4) Palästina beherberge zahlreiche Gräber von Prophetengefährten, 5) ein jüdischer Staat stelle eine Gefahr für die nationale Sicherheit Ägyptens dar, da er als ein Bollwerk des westlichen Imperialismus dienen würde und 6) eine geographische Unterbrechung zwischen den arabischen Ländern Nordafrikas und Asiens darstelle, und 7) ein jüdischer Staat, der vom Westen massiv unterstützt werden würde, könnte die ägyptische Wirtschaft bedrohen.

Wohl unter dem Eindruck, dass die jüdischen Siedlungen, die Kibbuzim und die Moschavim zunehmend zu Wehrdörfern ausgebaut wurden, glaubte auch Al-Banna, dass der Konflikt nun nicht mehr diplomatisch, sondern nur noch durch Gewalt gelöst werden könne. Salih Al-Aschmawis Blatt al-nadir druckte am 26. Dezember 1938 folgende Stellungnahme des Obersten Führers der Muslimbruderschaft ab: „Die Muslimbrüder werden ihr Leben und ihr Vermögen opfern, um jeden Winkel Palästinas mitsamt seiner arabischen und islamischen Identität bis zum Jüngsten Tag zu sichern.“

Gegenüber dem ägyptischen Premier Muhammad Mahmud äußerte er im Mai 1939: „(…) die Briten und die Juden werden nur eine Sprache verstehen, die Sprache der Revolution, Stärke und des Blutes.“

Und die Charta der später gegründeten HAMAS vom 18. August 1988 schmückt sich mit der Aussage Al-Bannas: „Israel wird bestehen und so lange bestehen bleiben, bis der Islam es annulliert, so wie er davor Bestehendes annulliert hat.“

Hinsichtlich der zunehmend militanteren Position Al-Bannas darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass Großbritannien eigenmächtig und ohne Hinzuziehung der arabischen wie auch der jüdischen Seite, quasi über den Köpfen der Betroffenen hinweg, Kommissionen ins Leben rief, die Teilungspläne erstellten ohne diese hinzuzuziehen. Die Hinwendung zur Gewalt war auf beiden Seiten auch in Teilen Ausdruck der eigenen Ohnmacht.

Mit einem Bündel an Aktionen und Maßnahmen waren es nun die Muslimbrüder, die das Thema Palästina in den Fokus der arabischen Öffentlichkeit rückten. Noch 1938 konnten arabische Politiker wie der ägyptische Premierminister Muhammad Mahmud desinteressiert äußern: „Ich bin der Premierminister von Ägypten, nicht von Palästina.“ Dies änderte sich nun durch die Muslimbrüder. Das Spektrum ihrer jahrelang andauernden Protestaktionen soll im Folgenden angerissen werden:

• Wiederholte Telegramme an die UNO, an die britische Regierung und die politischen Führer der arabischen Welt mit der Bitte, der christlichen und muslimischen Bevölkerung in Palästina beizustehen.

• Veröffentlichungen von Publikationen und Zeitungsartikeln, die auf die Situation in Palästina aufmerksam machten. Seit 1933 war der Palästinakonflikt fester Bestandteil in ihrer Wochenzeitung jarida al-ikhwan al-muslimin und al-nadir. Bücher wie Feuer und Zerstörung in Palästina dokumentierten auf 80 Seiten und mit 50 Abbildungen Gewalthandlungen seitens der britischen Armee gegenüber den Palästinensern. Prompt wurde das Buch verboten und die Polizei bemühte sich fieberhaft, die Druckstätte zu finden. Als dies nicht gelang, wurde Hasan Al-Banna verhaftet. Der Führer der Muslimbruderschaft erklärte sich ad hoc zum Autor der Schrift und verlangte, vor Gericht gestellt zu werden. Doch auf britischer Seite befürchtete man, dass Al-Banna den Prozess als Plattform nutzen könnte, um die breite Öffentlichkeit über den Inhalt des Buches zu informieren, und so ordnete der britische Botschafter die Freilassung Al-Bannas an.

• Seit 1935 organisierten die Muslimbrüder Spendenaufrufe für Palästina. Nach den Freitagsgebeten informierten sie die Moscheebesucher über die aktuellen Geschehnisse und riefen zu Spenden auf.

• Die Muslimbrüder gingen dazu über, die Juden in Ägypten als Fünfte Kolonne des Zionismus zu betrachten und riefen dazu auf, die ägyptischen Juden wirtschaftlich zu boykottieren. Hierzu erstellten sie Listen mit den Adressen von Geschäften mit jüdischen Inhabern. Unterhalb der Liste stand geschrieben: „Die Piastre, die du an diese Geschäfte bezahlst, steckst du eigentlich in die Hosentasche eines Juden in Palästina, der davon Waffen kauft und deine muslimischen Brüder in Palästina tötet.“

• Wiederholt forderte die Muslimbruderschaft von den ägyptischen Juden ein klares Bekenntnis zur arabischen Welt, und damit zu einem arabischen Staat in Palästina, sowie die Verurteilung des Zionismus. Andernfalls würden sie ihnen als Kollaborateure gelten, denen man den Jihad erklären müsse. Die Stimmung wurde noch verschärft, als ans Tageslicht kam, dass ägyptische Juden wöchentlich Geldsummen und Waffen von Ägypten nach Palästina schmuggelten. Ägyptische Juden wie Leon Castro, die sich dem Zionismus verpflichtet fühlten, nutzten die Synagogen als Propagandaplattform, um Unterstützung für die Juden in Palästina zu organisieren. Für den Muslimbruder Umar Al-Tilmisani war dies der Beweis, dass alle ägyptischen Juden Zionisten sind und Ägypten bedrohen. Er warnte sie, dass man entsprechende Maßnahmen gegen sie ergreifen würde.

• Zudem organisierten die Muslimbrüder landesweite Demonstrationen. Bei einer solchen Protestbekundung am 2. November 1945 kam es zu Gewaltausbrüchen gegen jüdische Geschäfte, bei denen fünf Menschen starben und ca. 200 verletzt wurden. Während Hasan Al-Banna diese Ausschreitungen verurteilte, äußerte der Musimbruder Salih Al-Aschmawi, dass die Juden selbst die Brandsätze gelegt hätten.

• Ab 1935 nahm die Muslimbruderschaft Kontakt zu den islamischen Gruppen in Palästina auf. Damit wurde der Grundstein für eine enge Zusammenarbeit gelegt und die Muslimbruderschaft begann die Palästinenser mit Waffen zu versorgen.

Im Kairoer Hauptquartier der Organisation nahm ein 29-köpfiges Palästina-Komitee, angeführt von Hasan Al-Banna, seine Arbeit auf.

Der 20-jährige Said Ramadan wurde im Oktober 1945 beauftragt, die islamischen Führer Palästinas zu bewegen, Teil der Muslimbruderschaft zu werden. Insbesondere die Fürsprache des palästinensischen Großmufti Muhammad Amin Al-Husaini sollte hierbei ausschlaggebend sein, dass sich die ersten Zweigstellen der Muslimbruderschaft in Jerusalem etablierten, die sich aus Gelehrten, Anwälten, Händlern und Schaikhs zusammensetzten. Es folgten innerhalb von drei Wochen weitere Zweigstellen in Haifa, Hebron, Jaffa sowie Gaza und erste Ansätze zeigten sich in Ramallah, Lydda, Ramla und Jericho.

Die Muslimbruderschaft in Palästina sah als ihre zentrale Aufgabe, die 1) Übermittlung islamischer Verhaltens- und Moralprinzipien, 2) die Verbreitung der Werte des Qur’an, um ein modernes Leben auf der Grundlage des Islam zu führen, 3) das Streben nach einem höheren Lebensstandard für die Bevölkerung, 4) den Kampf gegen die Armut und den Analphabetismus und 5) die Bewahrung und Verteidigung der Rechte der Muslime zu gewährleisten.

Die palästinensische Muslimbruderschaft soll im Februar 1946 über 15.000 Mitglieder gehabt haben. Im darauf folgenden Jahr sollen die Zahlen sogar auf 20.000 Muslimbrüder angestiegen sein, bei lediglich 20 bis 25 Zweigstellen. Man kann davon ausgehen, dass diese Zahlen maßlos übertrieben sind, würde dies doch bedeuten, dass jede Zweigstelle über 800 Mitglieder verfügte.

• Schließlich versuchten die Muslimbrüder auch durch militante Drohgebärden Druck auf die ägyptische Regierung auszuüben, aber auch entsprechende Warnsignale an die britische Besatzungsmacht auszusenden, wenn man beispielsweise im Anschluss an die Konferenz in Zagazig am 5. September 1938 öffentlichkeitswirksam polterte, die ägyptische Jugend sei bereit, die heiligen Stätten der Christen und Muslime gegen die Aggressionen der Kolonialmächte und Zionisten zu verteidigen.

Wie viele der politischen Parteien Ägyptens in der damaligen Zeit, verfügte auch die Muslimbruderschaft über einen militärischen Geheimapparat, seine Existenz war nur den wenigsten Muslimbrüdern selber bekannt, hatte Al-Banna doch gelehrt: „Geheimhaltung ist notwendig zu Beginn jeder Bewegung für die Sicherheit und Selbsterhaltung dieser Bewegung.“ Ursprünglich gegründet worden, um das Land notfalls auch mittels Gewalt von der britischen Besatzungsmacht zu befreien, zog man nun auch in Erwägung, den Geheimapparat für eine militärische Auseinandersetzung mit den jüdischen Kolonialisten einzusetzen.

Diese Überlegungen entwickelten sich nicht im luftleeren Raum. Die jüdischen Siedler hatten im britischen Mandatsgebiet mit der Hagana selber eine schlagkräftige Untergrundarmee aufgebaut, die die jüdischen Siedlungen und politischen Ziele des Zionismus verteidigen sollte. Zunehmend bediente sich die zionistische Seite – wie bereits erwähnt – hierzu Terroranschläge, um ihre Gegner auszuschalten.

Der britische Premierminister Churchill (gest. 1965) äußerte desillusioniert über das zunehmende Primat der Gewalt: „Wenn unsere Träume vom Zionismus im Rauch einer Attentäter-Pistole enden und die Arbeiten für seine Zukunft eine neue Gruppe von Gangstern hervorbringt, schlimmer als Nazi-Deutschland, dann müssen viele – auch ich – unsere Position überdenken, die wir so konsequent und lange in der Vergangenheit eingenommen haben.“

Im Februar 1947 fassten die Briten den Entschluss, das kostspielige Engagement in Palästina auf- und das Mandat an die UNO abzugeben. Eine UNO-Kommission empfahl das Mandatsgebiet in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufzuteilen und eine separate Enklave Jerusalem zu bilden unter Verwaltung der UNO. Der Plan sah vor, 56,5 Prozent des Gebietes den 650.000 Juden und 43,5 Prozent den 1.135.000 arabischen Einwohnern zu zusprechen. Dieser Teilungsplan wurde schließlich am 29. November 1947 von der UNO-Generalversammlung mit der Resolution 181 mit 33 gegen 13 Stimmen und 10 Enthaltungen angenommen. Zu den ablehnenden Stimmen gehörten Afghanistan, Ägypten, Griechenland, Indien, Irak, Iran, Jemen, Kuba, Libanon, Pakistan, Saudi-Arabien, Syrien und die Türkei, also vor allem die muslimische und die unmittelbar betroffene arabische Staatenwelt. Umso mehr musste für die muslimische Welt der Staat Israel als ein unnatürliches, künstliches Konstrukt erscheinen, eine westliche Kolonie.

Am 14. Mai 1948 proklamierte David Ben-Gurion den Staat Israel, einen Tag später erklärte die neu gegründete Arabische Liga diesem den Krieg. Dies löste eine Massenflucht der arabischen Bevölkerung aus, die Pogrome fürchtete. Und wo die arabischen Einwohner nicht weichen wollten, verübten die Israelis, so der Historiker Benny Morris, auch Massaker, willkürliche Tötungen wie etwa in Sahila (70-80 Ermordete), Deir Yassin (100-110 Ermordete), Lod (250 Ermordete), und Dawayima (mehrere hundert Ermordete). Morris rechtfertigt dieses Vorgehen der israelischen Seite, da ansonsten „kein Staat entstanden [wäre]. Das muss klar sein. Das lässt sich nicht vermeiden. Ohne die Vertreibung der Palästinenser, wäre hier kein jüdischer Staat entstanden.“ Nach dem Historiker Pappe begannen aber die Vertreibungen und Pogrome bereits vor dem 15. Mai und wären somit auch ohne den Krieg fester Bestandteil der Politik Israels gewesen. Um die Geisteshaltung, die hinter diesen Gräuel steckt zu verstehen, sagt Pappe über die ersten Zionisten in Palästina: „Aber dann kam die zweite, die wichtige Einwanderergruppe. Das waren die Zionisten des 20. Jahrhunderts, jene, aus denen die zionistische Führung hervorging, Männer wie Ben Gurion und viele andere. Sie kamen 1905/1906. Sie waren sehr arm und hatten keinen Ort zum leben. Und wer half ihnen? Die Palästinenser. Es existiert dort eine traditionelle Gastfreundschaft, das ist eine jahrtausendealte Kultur. Man gibt Fremden Nahrung und Unterkunft. Man brachte ihnen bei, das Land zu bestellen. Und was schrieben Leute wie Ben Gurion in ihre Tagebücher? >Dieser Platz ist voll von Ausländern.< Die Menschen, die sie aufnahmen, waren für sie die Ausländer. Wenn man das versteht, versteht man die zionistische Mentalität. Dahinter verbirgt sich die Einstellung: Ich will diese Leute nicht sehen, weil sie Ausländer sind, die sich etwas angeeignet haben, was mir gehört. Die Palästinenser sind Fremde und Eindringlinge, und wir werden sie hinauswerfen.“

Nachdem Israel den ersten israelisch-arabischen Krieg gewonnen hatte, annektierte es weitere Gebiete, sodass es eine territoriale Erweiterung von 56 auf 77 Prozent erfuhr. Auf dem verlassenen Land der Araber entstanden so 186 neue jüdische Siedlungen.

Die Muslimbruderschaft hatte bereits im Oktober 1947, also schon vor der Abstimmung der UNO im November über die Teilung Palästinas, damit begonnen, Kämpfer zu rekrutieren, die dann mit Zustimmung der ägyptischen Regierung durch Militäroffiziere ausgebildet wurden. Am 18. Oktober war dann das erste Bataillon zusammengestellt, das zweite folgte am 6. März 1948 und das dritte erreichte Palästina im Mai 1948. Die syrische und die trans-jordanische Muslimbruderschaft entsendeten ebenfalls jeweils ein Bataillon. Insgesamt sollen schätzungsweise 1.500 Muslimbrüder in Palästina gekämpft haben. Al-Banna war gerade mit der Zusammenstellung eines vierten Bataillons beschäftigt, das er selber anführen wollte, als die Muslimbruderschaft am 8. Dezember 1948 aufgrund innerpolitischer Querelen in Ägypten verboten und die ägyptische Armee aufgefordert wurde, die Muslimbrüder festzunehmen.

Der islamisch verbrämte Antisemitismus
Der Konflikt zwischen dem ideologischen Islam und dem ideologischen Zionismus brachte auf Seiten der Muslime etwas neues hervor, dass vorher nicht da war: einen islamisch verbrämten Antisemitismus.

Rabbi Mark Cohen, Professor an der Princeton University, referierte auf der dritten Konferenz für religiösen Dialog in Doha 2005, dass die Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in der islamischen Frühzeit in Medina eine feindselige Konfrontation war, deren Ursache jedoch nicht religiösen, sondern politischen Ursprungs war.

Ein Teil der jüdischen Stämme in Medina fühlte sich durch die zahlenmäßige Überlegenheit der Muslime entscheidend bedroht, war doch das eingependelte Machtgefüge in der landwirtschaftlich prosperierenden Oase nun empfindlich gestört. Mehr noch, sie fühlten sich übergangen, denn es waren die beiden arabischen und vormals polytheistischen Stämme der Aus und der Khazradsch, die in Eigeninitiative Muhammad und seine Anhänger nach Medina eingeladen und ihm zunächst die Rolle eines Schlichters zugeteilt hatten. Doch Muhammads Bedeutung und damit auch sein Einfluss wuchsen exponentiell und veränderten Medina grundlegend.

Diese anfängliche Konfliktsituation galt den nachkommenden Generationen von muslimischen Gelehrten aber nicht als essentieller Urkonflikt, sondern wurde in seinem damaligen Kontext verstanden und darin eingeschlossen. Anders ausgedrückt: aus den Erfahrungen der muslimischen Frühgemeinde mit ein paar jüdischen Stämmen konnten keine Schlüsse für spätere Beziehungen zum Judentum an sich gezogen werden. Das Gemisch an positiven wie negativen Aussagen über Juden im Qur’an musste folglich ebenfalls differenziert betrachtet werden. Die positiven Verse galten den Gelehrten als fundamentaler als die negativen, die im Rahmen des medinensischen Konfliktes verstanden wurden. Diese Interpretation wurde durch einen Vers, der zu den letzten Offenbarungen gehörte, die dem Gesandten Gottes Muhammad zuteil wurden, be- und gestärkt:

„Heute sind euch alle guten Dinge erlaubt.
Auch die Speise derer, denen die Schrift gegeben wurde, ist euch erlaubt, so wie eure Speisen ihnen erlaubt sind.
Und (erlaubt sind euch zu heiraten) tugendhafte Frauen, die gläubige sind, und tugendhafte Frauen von denen, welchen die Schrift vor euch gegeben wurde, sofern ihr ihnen ihr Brautgeld gegeben habt und tugendhaft mit ihnen lebt, ohne Unzucht, und keine Geliebten nehmt. Wer den Glauben verleugnet, dessen Werk ist fruchtlos, und im Jenseits ist er einer der Verlorenen.“
(5:5)

Trotz aller erfahrenen Unterschiede und Konflikte zwischen Juden und Muslimen, unterstreicht dieser Vers, so der verstorbene Professor Falaturi, dass Juden (und auch Christen) aufgrund ihrer monotheistischen Ausrichtung gesellschaftlich voll akzeptiert werden sollen, indem zu einer Tisch- und Ehegemeinschaft mit Juden eingeladen wird. Letzteres bedeutete in der arabischen Gesellschaft des 7. Jahrhunderts nicht nur eine Verbindung zwischen zwei Personen, sondern zugleich einen Vergesellschaftlichungsprozess von zwei Großfamilien oder sogar zwei Stämmen. Dies steht im Einklang mit den universellen Prinzipien des Islam, die in Versen, wie dem nachstehenden formuliert sind: „Siehe, die da glauben, auch die Juden und die Christen und die Sabäer – wer immer an Gott glaubt und an den Jüngsten Tag und das Rechte tut, die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn. Keine Furcht kommt über sie, und sie werden nicht traurig sein.“ (2:62)

Der Exeget Muhammad Asad sah in diesen Passagen eine grundsätzliche Lehre des Islam: „Mit einem aufgeschlossenen Weitblick ohnegleichen in irgendeinem anderen religiösen Glauben wird hier die Vorstellung von >Rettung und Heil< von nur drei Bedingungen abhängig gemacht: Glaube an Gott, Glaube an den Tag des Gerichts und rechtschaffenes Handeln im Leben.“

Im Mittelalter war es, so Rabbi Cohen, eher die Regel als die Ausnahme, dass Juden als geschützte Leute, von den muslimischen Herrschenden hinsichtlich ihres Lebens, ihrer Religionsausübung, ihrer wirtschaftlichen Freiheit und ihrer Bewegungsfreiheit Schutz erfuhren – natürlich waren Muslime und Juden in der damaligen Zeit nicht gleichgestellt. Aber sie wurden nicht zur Konversion gezwungen, ihre Gemeinden waren autonom und im Geschäftsleben waren sie mit den Muslimen gleichberechtigt. Cohen spricht zwar nicht von einem Goldenen Zeitalter jüdisch-muslimischen Zusammenlebens, aber doch von einem harmonischeren Nebeneinander als es die jüdischen Geschwister im christlichen Europa erfuhren.

In diesem Zusammenhang machte Rabbi Cohen in seinem Beitrag eine interessante Bemerkung hinsichtlich der Abwesenheit eines jüdisch-muslimischen Dialogs im Mittelalter: Dieser sei gar nicht von Nöten gewesen, denn über was hätte man diskutieren sollen. Beide glaubten sie an den einen Gott, sahen in Jesus nicht Gottes Sohn, glaubten an ein offenbartes Gesetz, und sahen Glaube und Tat als die zwei Seite einer Medaille an. Juden und Muslime, so Cohen, fühlten sich einander nicht fremd. Deswegen seien muslimische Polemiken gegen Juden und das Judentum im Mittelalter verglichen mit der Masse anti-jüdischer Polemiken in der christlichen Welt eine Seltenheit geblieben. Ausschreitungen gegen Juden als Juden habe es so gut wie nie gegeben.

Das Verhältnis zum Judentum begann sich erst ab dem 19. Jahrhundert zu verändern. Auf muslimischer Seite verlor man das Bewusstsein für eine Unterscheidung zwischen dem eigenen Wahrheitsanspruch und der Existenz mehrerer Heilswege als Ausdruck von Gottes Barmherzigkeit. Damit verbunden fielen die Muslime hinter die islamische Toleranzkonzeption des Mittelalters zurück, statt sie notwendigerweise weiterzuentwickeln. Hinzu kamen der schwelende Palästinakonflikt und die Begegnung der Araber mit dem europäischen Antisemitismus.

Es waren arabische Christen, die als Erstes europäische antisemitische Traktate ins Arabische übersetzten. Das erste Werk dieser Art erschien 1869 in Beirut, das die angeblichen Bekenntnisse eines zum Christentum konvertierten Rabbiners über die Grausamkeiten der jüdischen Religion beinhaltete. Die erste Übersetzung der Protokolle der Weisen von Zion wurde am 15. Januar 1926 in der Zeitschrift raqib sahyun (Beobachter Zions) veröffentlicht, die in Jerusalem von der römisch-katholischen Gemeinde herausgegeben wurde. Eine weitere Übersetzung aus dem Französischen, erneut angefertigt von einem arabischen Christen, erschien etwa zwei Jahre später in Buchform in Kairo. Eine Übersetzung aus dem Englischen, erstmals aus muslimischer Feder, erfolgte dann 1951. Bald schon stand dem arabischen Leser eine Flut antisemitischer Lektüre zur Verfügung, die ausnahmslos christlichen, europäischen und amerikanischen Ursprung waren.

In dieser ersten Phase wurden antisemitische Anklagen einfach wiederholt – allerdings unter Ausschluss des Rassengedankens und der säkular-messianischen Vorstellung einer Endlösung, wie es der Antisemitismus der Nazis kannte. Dadurch, dass Juden zu den Leuten der Schrift gehören und somit eine von Gott anerkannte Gemeinschaft sind, kann der islamisch verbrämte Antisemitismus den Gedanken einer Endlösung überhaupt nicht aufnehmen und integrieren. Islamische Antisemiten wollen den Staat Israel auslöschen, nicht aber das jüdische Volk.

Die Muslime wurden also mit dem Bild des Juden als Freimaurer, als Großkapitalist, als Kommunist, als Umstürzler und als Verschwörer mit dem Ziel der Weltherrschaft vertraut gemacht. Diese Bilder dienten dann als eine plausible Erklärung, weshalb der israelische Staat im ersten israelisch-arabischen Krieg den Sieg davontrug und weshalb die Zionisten die Unterstützung der jeweils führenden Macht – zuerst Großbritannien, dann die USA – erlangen konnten.

In einer zweiten Phase, wurden diese Vorstellungen verinnerlicht, assimiliert und islamisiert. Dieser islamisch verbrämte Antisemitismus zieht sich durch die meisten Werke des Muslimbruders Sayyid Qutb (gest. 1966) und erhält durch seine sechsbändige Exegese des Qur’an fi zilal al-Qur’an (Im Schatten des Qur’an) eine „heilige“ Legitimation. Nach Qutb beginnt die Feindschaft zwischen Juden und Muslimen mit ihrer Auflehnung gegen den Prophet Muhammad in Medina. Seit die Juden militärisch geschlagen wurden, würden sie sich ununterbrochen bemühen aus dem Schatten heraus mit ihren Eigenschaften der List und der Verschlagenheit den Islam zu zerstören. So stände hinter den christlichen Kreuzzügen, die mit dem europäischen Kolonialismus ihre Fortsetzung fänden, und dem Kommunismus, der nach Qutb eine jüdische Erfindung ist, das Weltjudentum. Ziel der Juden sei die Weltherrschaft, an deren Ende nur das Judentum selber überleben soll. Der Kampf gegen die Juden sei daher zum Wohle der gesamten Menschheit.

Eine Differenzierung der Juden von damals und heute sei nicht nötig, da die jüdische Psyche und Verhaltensweise in jeder Generation gleich bleibe. Damit dienen antisemitische Verschwörungstheorien im islamischen Gewand Qutb zur hinreichenden Welterklärung für den Niedergang der Muslime. Das Bündnis der Juden mit den anderen Feinden des Islam, nach Qutbs Weltanschauung waren dies die Christen, sei daher eine Selbstverständlichkeit. Eindringlich warnt Qutb seine Leser, dass niemand sich täuschen lassen solle, es handle sich bei den Konflikten der Gegenwart um politische oder wirtschaftliche Auseinandersetzungen. Als naive und verwirrte Muslime verhöhnt er jene, die nicht sehen könnten, dass der Konflikt zwischen der jüdisch-christlichen und der muslimischen Welt ein religiöser und ideologischer sei.

Nach Benz ist die zentrale Botschaft von Verschwörungstheorien stets die angebliche Feindschaft einer Minderheit gegen die Mehrheit. Auch bei Qutb wird aus der zahlenmäßig bedeutend kleineren jüdischen Religionsgemeinschaft ein monolithischer globaler Weltverschwörer. Gänzlich unreflektiert greift Qutb politische Schlagwörter seiner Zeit auf, wenn er vom Weltzionismus, von den kreuzfahrenden Kirchen und dem Weltkommunismus schreibt, die gemeinsam den Islam bekämpfen.

Qutbs geschlossenes Feindbild „des“ Juden, das von einer konstitutionellen Schlechtigkeit aller Juden ausgeht, erfährt auch keine Veränderung durch die positiven jüdischen Gestalten des Qur’an, wie z. B. den Herrscher Saul und den Propheten-Königen David und Salomon. Stattdessen werden Fehlverhalten von Juden überbetont und dienen dazu, die Unveränderbarkeit des jüdischen Charakters zu belegen.

Der jüdische Gelehrte Moses Mendelsohn (gest. 1786) hatte einst prägnant festgehalten, dass Antisemiten den jetzt lebenden Juden die Fehler ihrer Vorfahren vorhalten, „ohne zu bedenken, dass aller der gerügten Untugenden ungeachtet, der gesetzgebende Gott unserer Väter (…) es gleichwohl möglich gefunden, diesen rohen Haufen zu einer ordentlichen, blühenden Nation umzubilden, die erhabene Gesetze und Verfassung, weise Regenten, Feldherren, Richter und glückliche Bürger aufzuweisen hat“.

Es ist wichtig festzuhalten, dass diese Form des Antisemitismus nicht im Islam selber wurzelt, sondern gänzlich ein Produkt unserer Zeit ist. Dies wird deutlich, wenn man aktuell die Situation der Juden auf dem Balkan betrachtet. Während in Kroatien, Serbien und Griechenland antisemitische Literatur den Büchermarkt derzeit überschwemmt, Synagogen wie jene in Dubrovnik wiederholt mit antisemitischen Schmierereien verunstaltet werden, griechische Tageszeiten ungeniert antisemitische Karikaturen abdrucken, Juden wie jene in der Stadt Osijek anonyme Drohbriefe erhalten, serbische Faschisten Todeslisten mit jüdischen Namen online stellen, und Juden in Griechenland angegriffen werden, treten antisemitische Tendenzen in Bosnien und Kosovo am schwächsten auf. Was die Gesellschaft dort, von jener des übrigen Balkans wesentlich unterscheidet und prägt, ist dass sie mehrheitlich muslimisch ist. Daher schreibt Cohen: „Die meisten wissen nichts mehr von den Freundschaften, die Juden im „alten Land“ mit den Muslimen pflegten. Sie haben vergessen, dass bis zum 20. Jahrhundert – und in einigen Fällen bis in die 1940er-Jahre hinein – viele Mitglieder der Arabisch sprechenden jüdischen Mittelklasse tief in die arabische Gesellschaft und Kultur verwurzelt waren, wie ihre mittelalterlichen Vorfahren, die die arabische und islamische Kultur mit ganzem Herzen angenommen hatten: Philosophie, Naturwissenschaft, Medizin, Schriftgelehrsamkeit und Poesie. Diese Vorfahren lebten in keiner interreligiösen Utopie, aber in einem Zeitalter der Koexistenz, das wie ein ferner Spiegel dessen wirkt, was in unserer Gegenwart immer noch möglich wäre.“

Die Muslimbruderschaft in Palästina
Nach Ende des ersten israelisch-arabischen Krieges benötigte die Muslimbruderschaft in Palästina vor allem Zeit, um sich zu reorganisieren und sich auf die veränderte Lage einzustellen.

Daher konzentrierte man sich wieder auf die ursprüngliche Programmatik, nämlich der Vermittlung des Islam, um eine rechtschaffene Generation hervorzubringen.

Finanzielle Unterstützung erhielten sie hierbei seitens der Mutterorganisation in Ägypten und von Muslimbrüdern aus der Golfregion. Denn die Realität – insbesondere im Gazastreifen – war nach dem Krieg geprägt durch extreme Armut, Flüchtlingen, die notdürftig in Lagern untergebracht worden waren, und dem Zusammenbrechen der traditionellen Sozialstruktur. Trotz einiger militanter Töne war der Befreiungskampf auf unbestimmte Zeit verlegt worden. Und so widmeten sich die Muslimbrüder in den kommenden Jahrzehnten dem Aufbau einer Infrastruktur für die palästinensische Bevölkerung. Dabei standen zwei Projekte im Mittelpunkt:

– Moscheebau. Von 1967 bis 1987 stieg die Zahl der Moscheen in der Westbank von 400 auf 750, im Gazastreifen von 200 auf 600 – mitfinanziert vom israelischen Militär.

Der israelische Militärgouvernor in Gaza, Brigadier General Yitzhak Segev erklärte, es sei das Ziel gewesen, die Muslimbruderschaft als Gegengewicht zur PLO aufzubauen: „Die israelische Regierung gab mir ein Budget und die Militärregierung gibt es an die Moscheen.“ Auch Brigadegeneral a. D. Benjamin Ben Eliezer, der von 1983 bis 1984 Koordinator der israelischen Politik in den besetzten Palästinensergebieten war, erklärte: „Hinsichtlich der [Palästinenser] Gebiete hat es noch nie ein klares, langfristig angelegtes politisches Konzept gegeben, weil es keine nationale Einigung über die dort zu verfolgenden Ziele gab. Niemand machte sich die Mühe, in die Zukunft zu schauen. (…) Alle betrachteten die Lage durch die Sicherheitsbrille: Was zählte, war, politische Subversion zu verhindern und Prozesse zu blockieren, die zu Terrorakten führen könnten. In diesem Zusammenhang sagte man damals, lasst uns als Gegengewicht zur PLO den Islam gedeihen lassen. Sie [die Palästinenser] sollten sich lieber mit Gott als mit Terrorismus beschäftigen.“

Ähnlich äußerte sich auch Moshe Arens, Israels Verteidigungsminister von 1982 bis 1984: „Zweifelsohne sah man darin (in den Aktivitäten der Islamisten) ein gesundes Phänomen, das die PLO stoppen könnte. Von Seiten des Militärs und des Inlandgeheimdienstes Schabak gab es wohl auch den Versuch, die Fundamentalisten als Gegengewicht zur PLO zu fördern. So hatte man mir bei Amtsantritt mitgeteilt. De facto wurde jedenfalls nichts unternommen, um sie aufzuhalten.“

Die Muslimbruderschaft bestreitet natürlich jede Kooperation mit der israelischen Besatzungsmacht und sieht in solchen Verlautbarungen vielmehr einen Versuch ihrer Diskreditierung.

– Sozialeinrichtungen. Ein Beispiel für eine Sozialeinrichtung der Muslimbruderschaft ist das Islamische Zentrum in Gaza, das eine Moschee, eine Poliklinik, eine Jugendsporthalle, einen Kindergarten, eine Festhalle, ein Frauenzentrum und ein Almosen-Komitee beherbergt. 1978 erhielt es eine offizielle Lizenz von der israelischen Besatzung und fungiert als Hauptquartier der palästinensischen Muslimbruderschaft.

Daneben wurden in den Palästinensergebieten Kindergärten, Schulen, Bibliotheken, Sportclubs, Wohltätigkeitsorganisationen und die Islamische Universität Gaza gebaut.

Als der Muslimbruder Khalil Al-Wazir (1935-1988) 1957 einen Plan vorlegte, der zum Ziel hatte, eine neue militante Organisation zu schaffen, die aber keinerlei offizielle Verbindung zur Muslimbruderschaft besaß, um so deren Infrastruktur vor israelischer Vergeltung zu schützen, und die auch kein islamisches Programm besitzen sollte, um so auch nichtreligiöse Palästinenser anzusprechen, winkte die Führung der Muslimbruderschaft ab. Al-Wazir trat daraufhin aus und gründete mit Yasir Arafat (1929-2004) die FATAH. Als Reaktion hierauf distanzierten sich die Muslimbrüder von der neuen Bewegung und lehnten jede Teilnahme am bewaffneten Widerstand kategorisch ab – zumindest bis zur Gründung der HAMAS 1987.

Diese passive Haltung wurde von vielen Palästinensern als Duldung der Besatzung empfunden, während es die säkularen, nationalistischen Gruppierungen waren, die aktiven bewaffneten Widerstand gegen die israelische Besatzungsmacht für die palästinensische Sache leisteten. Hierdurch geriet die islamisch-ideologische Bewegung zunehmend in die Kritik und wurde geradezu verhöhnt, wann denn das spezifische Datum sei, an dem die Erziehung einer neuen Generation von Muslimen abgeschlossen sei, sodass man auf die Unterstützung der Muslimbruderschaft hoffen dürfe.

Aber auch innerhalb der Organisation waren insbesondere junge Mitglieder frustriert über diese Situation. Schließlich verließen 1980 islamische Aktivisten, aufgeputscht durch die islamische Revolution im Iran 1979, die Muslimbruderschaft, um den Islamischen Jihad zu gründen. Während 1984 eine Gruppe junger Muslimbrüder auf Eigeninitiative hin versuchten eine bewaffnete Zelle zu gründen. Das Unterfangen wurde zu einem Fehlschlag, die israelische Besatzungsmacht erfuhr davon und nahm alle 13 Mitglieder fest. Dieser stümperhafte Aktionismus lässt erahnen, wie sehr die jugendlichen islamischen Aktivisten frustriert waren und wie groß der Druck auf die Führung der Bruderschaft gewesen sein muss, diese Stimmung schleunigst zu kanalisieren.

Denn immer stärker geriet die Muslimbruderschaft in eine Glaubwürdigkeitskrise. Der Islamische Jihad kritisierte, dass man verwundert sei, wie eine Organisation, die sich dem Jihad verschrieben habe, sich diesem nun enthalte. Die Muslimbruderschaft sei von ihrem klaren Weg abgekommen. Und FATAH-Mitglied As‘ad Al-Saftawi meinte 1988, dass die Jugend sich nicht mehr länger von der islamischen Organisation vertrösten lasse. Dies und die Weigerung mit palästinensischen Organisationen zusammenzuarbeiten, die sich nicht auf den Islam beziehen, isolierte die Muslimbruderschaft zunehmend und verhinderte, dass sie in Palästina zu einer Massenbewegung wurde.

Die Geburt der HAMAS
Die erste Intifada 1987 zwang schließlich die Muslimbruderschaft zum Handeln.

Auslöser war ein schwerer Verkehrsunfall am 8. Dezember, bei dem ein israelischer Lastwagen mit zwei Sammeltaxis zusammenstieß, deren Fahrgäste palästinensische Tagelöhner waren, auf dem Weg zurück in ihre Flüchtlingslager. Die Folge: vier Tote. Dieses Ereignis war der Tropfen, der das Fass angestauter Wut über das menschenunwürdige Leben unter israelischer Besatzung und die Ohnmacht gegenüber der israelischen kolonialistischen Siedlungspolitik zum Überlaufen brachte. Allerorts in den besetzen Gebieten fanden in der Regel friedliche, manchmal aber auch von gewalttätigen Ausschreitungen begleitete Massendemonstrationen statt, die auf ein Ende der Besatzung pochten.

Tags darauf versammelten sich die Führer der palästinensischen Muslimbruderschaft, um ihr Vorgehen in dieser Krise zu besprechen. Man befand sich in einem ideologischen Dilemma. Die Intifada kam für die Muslimbrüder völlig überraschend. Nicht an ihr zu partizipieren, hätte der islamischen Bewegung einen Großteil ihres Nachwuchses gekostet und ihr Ansehen nachhaltig in der palästinensischen Bevölkerung beschädigt. Aber wie sollte man diesen Wandel kommunizieren, wenn man noch kurz zuvor proklamiert hatte, die Zeit des Jihad sei noch nicht gekommen und dass man zunächst eine rechtschaffene Generation erziehen müsse?

Der Ausweg stellte die Gründung der HAMAS dar, ein Akronym für harakat al-muqawama al-islamiya (Bewegung des islamischen Widerstandes), zugleich bedeutet das Wort Eifer.

Im Grunde griffen die Muslimbrüder in Teilen die Idee von Al-Wazir auf. Die HAMAS war als eigenständige Organisation gedacht zum Schutz der institutionellen Struktur der Muslimbruderschaft.

Erst Monate später, als sich abzeichnete, dass die Intifada von Dauer sein würde, nämlich bis 1993, gab man sich in einem Flugblatt als Arm der Muslimbruderschaft zu erkennen: „Die Bewegung des Islamischen Widerstandes, der mächtige Arm der Gesellschaft der Muslimbrüder, die ihren ersten Imam um die Jahreszeit 1949 als Märtyrer in Ägypten geopfert und die Märtyrer auf der gesegneten Erde Palästinas gestellt hat, würdigt die Durchhaltekraft unserer Anhänger und Aktivisten (…) und überhaupt unseres gesamten Volkes in unserem besetzten Land, seine Opfer und seine außergewöhnliche brüderliche Solidarität. Sie ruft es auf, die Intifada fortzusetzen.“

In der HAMAS findet der religiöse Zionismus schließlich seinen ideologischen Wiederpart, der für das Primat der Raumbeherrschung den universellen Horizont des Qur’an und seine ethischen Werte unterordnet und mittels des islamisch verbrämten Antisemitismus den Anderen zum Feindbild erklärt, gegen das jedes Mittel legitim ist, selbst die unislamischen Selbstmordattentate. Die Extremen berühren sich. So heißt es in der HAMAS-Charta (Hervorhebungen durch den Autor): „Die Islamische Widerstandsbewegung ist einer der Flügel der Muslimbrüder in Palästina. Die Bewegung der Muslimbrüder ist eine internationale Organisation, und sie ist die bedeutendste der islamischen Bewegungen in der modernen Zeit. Sie zeichnet sich aus durch tiefes Verständnis, präzise Vorstellung und vollkommene Ganzheitlichkeit aller islamischen Konzepte auf den verschiedensten Gebieten des Lebens: in Denken und Glauben, in Politik und Wirtschaft, in Erziehungs- und Sozialwesen, in Rechts- und Regierungswesen, in [religiöser] Unterweisung und Bildung, in Kunst und Medien, in Mysterium und Martyrium und auf den anderen Gebieten des Lebens.“ (Artikel 2)

„Die Feinde haben seit langer Zeit geplant und ihre Planung präzisiert, umso zu erreichen, was sie erreicht haben. (…) Sie strebten danach, gewaltige und mächtige materielle Reichtümer anzuhäufen und sich ihrer zur Verwirklichung ihres Traumes zu bedienen. So erlangten sie durch das Vermögen die Kontrolle über die internationalen Medien- und Nachrichtenagenturen, Presse, Verlage, Rundfunk und andere. Durch das Vermögen lösten sie Revolutionen in verschiedenen Teilen der Welt aus, um ihre Interessen zu verwirklichen und Gewinne zu erzielen. Sie standen hinter der Französischen Revolution und den meisten Revolutionen hier und da, von denen wir gehört haben und hören. Mit dem Vermögen bildeten sie die Geheimorganisationen, die in den verschiedenen Teilen der Welt verbreitet sind, um die Gesellschaften zu zerstören und die Interessen des Zionismus zu verwirklichen, wie die Freimaurerei, die »Rotary« und »Lion Clubs«, die »Söhne des Bundes« und andere. Es sind allesamt subversive Spionageorganisationen. Mit dem Vermögen konnten sie die Kontrolle über die kolonialistischen Staaten erlangen und sie zur Kolonisierung vieler Länder veranlassen, um die Reichtümer jener Länder abzuschöpfen und dort ihre Unmoral zu verbreiten (…). Sie standen hinter dem Ersten Weltkrieg, wo sie es schafften, den Staat des islamischen Kalifats zu beseitigen, und wo sie (…) die Balfour-Erklärung erhielten und den Völkerbund schufen, um die Welt mittels dieser Organisation zu beherrschen. Und sie standen hinter dem Zweiten Weltkrieg, wo sie (…) die Errichtung ihres Staates anbahnten und wo die Bildung der Organisation der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrates anstelle des Völkerbundes anregten, um damit die Welt zu beherrschen. Es gibt keinen Krieg, der hier oder da im Gang ist, ohne dass sie ihre Finger dahinter im Spiel haben. (…) So unterstützten die kolonialistischen Kräfte im kapitalistischen Westen und im kommunistischen Osten den Feind mit aller verfügbaren Kraft, materiell und menschlich, wobei sie sich in den Rollen untereinander abwechseln. Sobald der Islam in Erscheinung tritt, schließen sich ihm gegenüber die Kräfte des Unglaubens zusammen, denn die Gemeinschaft des Unglaubens ist ein und dieselbe.“ (Artikel 22)

„Die Islamische Widerstandsbewegung ist ein Glied in der Kette des Dschihad in der Konfrontation mit der zionistischen Invasion.“ (Artikel 7)

„Die Initiativen und die so genannten Friedenslösungen sowie die internationalen Konferenzen zur Lösung der Palästina-Frage stehen im Widerspruch zum Bekenntnis der Islamischen Widerstandsbewegung, denn die Aufgabe irgendeines Teiles von Palästina bedeutet einen Teil der Religion aufzugeben.“ (Artikel 13)

Schlusswort
Es ist zu simpel, zu realitätsfern den Nahost-Konflikt, die Israelis und die Palästinenser, die Juden und die Muslime, den Zionismus und die HAMAS in ein Gut-Böse-Schema zu pressen. Beide Seiten sind Opfer, beide Seiten sind Täter. Sinnlos ist für die Gegenwart und die Zukunft die Diskussion, wer als erstes mit dem Unrecht begann, wichtiger und konstruktiver wäre eine Debatte darüber, wie weiteres Unrecht verhindert und der blutige Streit zwischen den abrahamischen Geschwistern beendet werden kann. Kann er dies überhaupt noch? Wer ist Freiheitskämpfer? Wer ist Terrorist? Wer ist Aggressor? Wer ist Verteidiger? Bedienen sich nicht beider Seiten unmenschlicher Methoden, um die eigenen ideologischen Ziele zu erreichen? Beide Seiten sind verstrickt in Unschuld und Schuld, in einen Kreislauf der Gewalt und Gegengewalt aus dem es kein Entrinnen gibt, solange man sich nicht von den eigenen Ideologien lösen kann und zum eigenen religiösen Ethos zurückkehrt. Denn die geistigen Wurzeln des Zionismus und des ideologischen Islam liegen nicht in den religiösen Quellen von Judentum und Islam, sondern sie sind im Europa des frühen 20. Jahrhunderts zu finden.

Literatur
Abu-Amr, Ziad (1993): HAMAS: A Historical and Political Background. In: Journal of Palestine Studies 22 (4): 5-19.
Abu-Amr, Ziad (1994): Islamic Fundamentalism in the West Bank and Gaza. Muslim Brotherhood and Islamic Jihad. o. O.
Ahmad, Hisham H. (1994): HAMAS. From Religious Salvation to Political Transformation: The Rise of Hamas in Palestinian Society. Jerusalem.
Al-Ghazali, Sa’id (1988): Islamic Movement versus National Liberation. In: Journal of Palestine Studies 17 (2): 176-180.
Al Yahya, Eid (2006): Travellers in Arabia. British Explorers in Saudi Arabia. London.
Andrews, Richard (o. J.): Der Spion des Lawrence von Arabien. Auf geheimer Mission für einen jüdischen Staat. Berlin.
Arkoun, Mohammed (1999): Der Islam. Annäherung an eine Religion. Heidelberg.
Assad, Muhammad (2009): Die Botschaft des Koran. Düsseldorf.
Baumgarten, Helga (2006): HAMAS. Der politische Islam in Palästina. München.
Baumöhl, Gila (2012): „Juden und Muslime müssen ihre Feindbilder aufgeben“. Internet: http://www.hr-online.de/website/specials/wissen/index.jsp?rubrik=68728&key=standard_document_44112066 (24.02.2013).
Benz, Wolfgang (2007): Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung. München.
Chehab, Zaki (2007): Inside HAMAS. The untold Story of Militants, Martyrs and Spies. New York.
Cohen, Mark (2012): Wie Europa den Muslimen die Judenfeindschaft brachte. Internet: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article6072685/Wie-Europa-den-Muslimen-die-Judenfeindschaft-brachte.html (23.02.2013).
Croitoru, Joseph (2007): Hamas. Der islamische Kampf um Palästina. München.
Doha Third Conference for Religions Dialogue (2005): Conference Daily Speeches. Internet: http://www.qatar-conferences.org/dialogue/english/daily.html (01.11.2011).
El-Awaisi, Abd Al-Fattah Muhammad (1998): The Muslim Brothers and the Palestine Question 1928-1947. London.
Falaturi, Abdoljavad (1992): Toleranz und Friedenstraditionen im Islam. Köln.
Feldman, Yotam (2012): Israel hat sich an den Gazakrieg gewöhnt. Internet: http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-11/israel-gaza-militaer-hamas-angriffe (05.02.2013).
Gilbert, M. (1991): Churchill. A Life. New York.
Gholamasad, Dawud (2006): Selbstbild und Weltsicht islamistischer Selbstmord-Attentäter. Tödliche Implikationen eines theozentrischen Menschenbildes unter selbstwertbedrohenden Bedingungen. Berlin.
Hintze, Rolf-Henning (2009): Der Zionismus war eine koloniale Bewegung. Internet: https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/2009/12-05/005.php (23.02.2013).
Hroub, Khaled (2004): HAMAS after Shaykh Yasin and Rantisi. In: Journal of Palestine Studies XXXIII (4): 21-38.
Hroub, Khaled (2006): A „New HAMAS“ Through Its New Documents. In: Journal of Palestine Studies XXXV (4): 6-27.
Koch, Werner (1995): Lawrence von Arabien. Leben und Werk in Texten und Bildern. Frankfurt am Main.
Kooperation für den Frieden (2010): Dosier III. Der Israel- Palästina-Konflikt. Bonn.
Küng, Hans (1991): Das Judentum. München.
Legrain, Jean-François (1997): HAMAS: Legitimate Heir of Palestinian Nationalism? In: Esposito, John L.: Political Islam. Revolution, Radicalism, or Reform? London: 159-178.
Lewis, Bernard (1986): „Treibt sie ins Meer!“ Die Geschichte des Antisemitismus. Frankfurt am Main.
Mendelsohn, Moses (2005): Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum. Hamburg.
Murtaza, Muhammad Sameer (2009): Lawrence von Arabien und die Neugestaltung des Nahen Osten. Norderstedt.
Murtaza, Muhammad Sameer (2010): „Laßt uns die Feindbilder auf beiden Seiten einreißen“. Internet: http://islam.de/15933 (05.02.2013).
Murtaza, Muhammad Sameer (2011): Das „Projekt Weltethos“ als Vermittler zwischen Juden und Muslimen. Internet: http://islam.de/files/pdf/projekt_weltethos_vermittler.pdf. (24.02.2013).
Murtaza, Muhammad Sameer (2011): Die ägyptische Muslimbruderschaft – Geschichte und Ideologie. Berlin.
Murtaza, Muhammad Sameer (2012): Die Würde des Menschen in Tora und im Qur’an. In: Ökumenische FriedensDekade: Mutig für die Menschenwürde: 10-11
Murtaza, Muhammad Sameer (2012): Gemeinsames Kernethos von Judentum und Islam. Was kann das „Projekt Weltethos“ zum jüdisch-muslimischen Dialog beitragen? In: Islam – Kultur – Politik (Jan-Feb): 3-4.
Murtaza, Muhammad Sameer (2012): Islamische Philosophie und die Gegenwartsprobleme der Muslime. Reflexionen zu dem Philosophen Jamal Al-Din Al-Afghani. Tübingen.
Murtaza, Muhammad Sameer (2012): Jenseits von Eden. Was die Anschläge von Toulouse bedeuten und vor welche Herausforderungen sie die muslimische Community stellen. Internet: http://islam.de/20027 (24.02.2013).
Murtaza, Muhammad Sameer (2012): Mohammeds Erben. Was ist Salafismus – und warum wurde er zu einer gewalttätigen Ideologie? In: Die Zeit 26: 10.
Murtaza, Muhammad Sameer (2012): Sayyid Qutbs hermeneutische Methoden und Auslegung des Qur'ans am Beispiel der Sure al-baqara. In: Karimi, Milad; Khorchide, Mouhanad: Jahrbuch für Islamische Theologie und Religionspädagogik. Freiburg: 39-61.
Nüsse, Andrea (1998): Muslim Palestine. The Ideology of Hamās. o. O.
Quṭb, Sayyid (1999): In the Shade of the Qur’ān. Leicester.
Reinhard, Wolfgang (1996): Kleine Geschichte des Kolonialismus. Stuttgart.
Rieger, Abu Bakr (2012): Die Feuerpausen sollten beide Seiten zum Nachdenken nutzen. Internet: http://www.islamische-zeitung.de/index.cgi?id=16296 (05.02.2013).
Saleh, Mohsen (2007): Hassan Al-Banna’s Centenary … Attitude towards Palestinian cause. Internet: http://www.ikhwanweb.com/article.php?id=820 (17.02.2011).
Simpson, Colin u. Knightley, Philip (1969): Das Geheimleben des Lawrence von Arabien. Hamburg.
Stewart, Desmond (1982): Lawrence von Arabien. Magier und Abenteurer. Düsseldorf.
Thorau, Peter (2010): Lawrence von Arabien. Ein Mann und seine Zeit. München.
Thorwald, Jürgen (1979): Aufrechnen bekundet Unwissenheit. In: Spiegel 6: 193-195.
Vierweger, Dieter (2011): Streit um das Heilige Land. Was jeder vom israelisch-palästinensischen Konflikt wissen sollte. München.
Wildangel, René (2007): Zwischen Achse und Mandatsmacht. Palästina und der Nationalsozialismus. Berlin.
Wilms, Sulaiman (2012): „Die simple Unterteilung in Gut und Böse“. Internet: http://www.islamische-zeitung.de/?id=16280 (24.02.2013).
Wilson, Jeremy (2000): Lawrence von Arabien. Die Biographie. München.
Zückmantel, Anja; Morris, Benny (2007): Ben-Gurion war ein Transferist. In: Inamo 49: 32-33.

Muhammad Sameer Murtaza M.A. ist Islamwissenschaftler bei der Stiftung Weltethos (http://www.weltethos.de/). Seit 2010 setzt er sich mit der Vortragsreihe Gemeinsames Kernethos von Judentum und Islam für ein besseres Verständnis zwischen den beiden Religionen ein.

Erinnerung an das Massaker von Kandahar

(Emran Feroz’s Blog). Genau vor einem Jahr geschah eines der schrecklichsten Massaker seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes. Siebzehn Menschen wurden in einem Dorf in Kandahar kaltblütig ermordet. Bei ihnen handelte es sich überwiegend um Frauen, Kinder und Greise. Als Täter wurde den Medien ein US-Soldat namens Robert Bales vorgestellt. Diesem Mann wird bald sicherlich eine Strafe widerfahren, doch mit Gerechtigkeit wird sie nichts zu tun haben.

Robert Bales wird als alkoholkrank und psychisch labil beschrieben. Nachdem seine Ehe scheiterte, zog er in den Irak-Krieg. Diesen verließ er traumatisiert. Dann wurde er nach Afghanistan geschickt. Dort erlebte er, wie sein Kamerad ein Bein verlor. Die Nacht darauf schlich er sich aus dem Lager und begab sich in das nahe gelegene Dorf, um dort Amok zu laufen. Nachdem Bales mehrere Menschen im Dorf ermordet hatte, ging er wieder ins Hauptquartier. Dieses verließ er kurze Zeit später ein zweites Mal, um in ein anderes Dorf zu gehen und noch einmal zu morden. So lautet bis heute die offizielle Version.

Sie steht im krassen Gegensatz zu den Zeugenberichten aus Kandahar. Schon vor einem Jahr hatte ich geschrieben, dass die Dorfbewohner etwas anderes erzählten. Sie sprachen keineswegs von einem Einzeltäter, sondern von mehreren Soldaten, die womöglich unter Alkoholeinfluss standen. Diese Aussagen bestätigten die Angehörigen der Opfer auch während einer offiziellen Anhörung, die von Präsident Hamid Karzai geleitet wurde. Das afghanische Untersuchungsteam kam ebenfalls zu einem Schluss, welcher der amerikanischen Version widerspricht. Shakeba Hashimi, eines der Mitglieder der damaligen Kommission, ist bis heute der Meinung, dass mindestens fünfzehn bis zwanzig Soldaten an dem Massaker beteiligt waren.

Währenddessen will man in Washington und anderswo nichts davon wissen. Stattdessen “entschädigte” man die Hinterbliebenen mit 50.000 US-Dollar und begann damit, Bales den Prozess zu machen. Selbstverständlich begann dieser Prozess in den Vereinigten Staaten und nicht am Hindukusch. Nachdem man den Medien vor einem Jahr Bales als Sündenbock verkauft hatte, flog man ihn so schnell wie möglich aus Afghanistan aus.

Hinterbliebene wie Mohammad Wazir, ein einfacher Bauer, verlangen Gerechtigkeit. Wazir verlor in jener Nacht elf Familienmitglieder. Heute ist er weder Vater, noch Sohn, noch Ehemann. Auch einer seiner Brüder sowie dessen Frau und Kind wurden in jener Nacht getötet. Mit 50.000 Dollar kann er seinen Sohn und seine fünf Töchter nicht wieder zum Leben erwecken. Er verlangt eine gerechte Strafe, obwohl er weiß, dass er und alle anderen Hinterbliebenen machtlos sind.

Die Offiziellen im Weißen Haus wollten von Anfang an die wahren Hintergründe des Massakers vertuschen. Damit waren sie erfolgreich, denn kein einziger Zeuge aus Kandahar hat bis jetzt persönlich vor dem Gericht ausgesagt. Es kam lediglich zu Befragungen via Videoübertragung. Die westlichen Medien sowie die amerikanische Regierung zeigen bislang nur mäßiges Interesse an den Geschichten der Opfer. Warum sollten sie auch? Sie haben im labilen Robert Bales einen perfekten Sündenbock gefunden, den man ohne Weiteres als „verrückt“ abstempeln konnte.

Mohammad Wazir fragt sich, warum man einem angeblich „Verrückten“ eine derartig große Verantwortung überlasst. Warum gibt man diesem „Verrückten“ eine Waffe und was wäre gewesen, wenn er seine eigenen Kameraden ermordet hätte? All diese Fragen werden wohl lange, wenn nicht sogar für immer unbeantwortet bleiben. Das Einzige was zurückgeblieben ist, sind Trauer und Schmerz. Auch über das geringe Interesse der Weltöffentlichkeit bezüglich dieses Falles kann man nur klagen.

Die Deutsch-Afghanin Lela Ahmadzai hat die Opfer des Massakers besucht und dazu einen Kurzfilm gedreht. Er zeigt nicht nur die unvorstellbare Trauer dieser Menschen, sondern auch ihren Stolz, mit erhobenem Haupt weiterzuleben.

Emran Feroz ist ein junger Autor und Blogger, der über den Nahen Osten, Islam und Migration schreibt. Er veröffentlichte unter anderem in renommierten Medien wie „zenith-online“, „Freitag“ oder der „jungen Welt“. Dieser Beitrag wurde im „Hintergrund” veröffentlicht.

Bundeswehr betreibt die Einbindung von Muslimen

Berlin/Koblenz (GFP.com). Die Bundeswehr forciert die Rekrutierung junger Muslime. Integraler Bestandteil der dazu in Gang gesetzten Propagandamaßnahmen ist es, die deutschen Streitkräfte als „bunte Truppe“ darzustellen, die rigoros gegen jede Form von Rassismus und Diskriminierung vorgeht. In einem offiziellen „Arbeitspapier“ der Bundeswehr findet sich zudem der „Hinweis an Vorgesetzte“, mit den Angehörigen islamischer Religionsgemeinschaften „angemessen“ umzugehen und etwa von ihnen vorgebrachte Wünsche nach Gebetsräumen soweit wie möglich zu erfüllen. Verwiesen wird hier auch darauf, dass ein muslimischer Soldat, der entgegen den militärischen Dienstvorschriften einen „längeren Bart“ trägt, „zu einem akzeptierten Gesprächspartner in Afghanistan werden kann“. Bereits seit längerem setzen die deutschen Streitkräfte Muslime als „Sprachmittler“ im Rahmen von Kriegsoperationen ein – am Hindukusch unter anderem bei der für Propaganda und Spionage zuständigen „Truppe für Operative Information“. Damit einher gehen Bemühungen der militärischen Führung, für die seelsorgerische Betreuung muslimischer Armeeangehöriger islamische Feldgeistliche, sogenannte Militärimame, in Dienst zu stellen.

Mit Allah im Flecktarn
Aktuelle Publikationen der Bundeswehr lassen den klaren Willen erkennen, verstärkt junge Muslime zu rekrutieren. So berichtet das Militärmagazin „Y“ unter der Überschrift „Mit Allah im Flecktarn“ über den Alltag des 21-jährigen Hauptgefreiten Usama Pervaiz, der im Unterstützungsbataillon des Kommandos „Operative Führung Eingreifkräfte“ freiwillig Wehrdienst leistet. Der Sohn pakistanischer Eltern ist voll des Lobes über die deutschen Streitkräfte. Während seine deutschstämmigen Kameraden „neugierig“ auf seine Kultur seien, komme die Bundeswehr seinen religiösen Vorstellungen weitgehend entgegen, erklärt Pervaiz: „Das Essen der Truppenverpflegung ist hier leider nur ansatzweise an muslimische Bedürfnisse angepasst. (…) Das ist aber kein großes Problem. Ich bin von der Teilnahme an der Gemeinschaftsverpflegung befreit und bekomme das Geld dafür ausgezahlt.“

Freitagsgebet im Einsatz
Auch auf den Webseiten der Bundeswehr, die für eine Karriere bei der deutschen Armee werben, finden sich entsprechende Beiträge. Berichtet wird hier über muslimische Militärangehörige, die als Besatzungssoldaten in der serbischen Provinz Kosovo eingesetzt sind. Geradezu überschwänglich bedanken sie sich für die Möglichkeit zum Besuch eines islamischen Gotteshauses: „Im Einsatz, im Kosovo, zum Freitagsgebet in die Moschee zu dürfen, ist besonders schön.“ Organisiert wurde der Moscheebesuch vom katholischen Feldgeistlichen der Truppe, der mit folgenden Worten zitiert wird: „Als Seelsorger fühle ich mich auch für die muslimischen Soldaten in der Bundeswehr mitverantwortlich, und wenn es möglich ist, versuche ich sie in ihrer Glaubensauslebung in allen Belangen zu unterstützen.“ Dass die Muslime im Sold der deutschen Streitkräfte in Uniform an islamischen Gottesdiensten teilnähmen, störe im Kosovo „niemanden“, heißt es abschließend.[3]

Antirassismus à la Bundeswehr
Parallel dazu ließ der von migrantischen Bundeswehrangehörigen gegründete Verein „Deutscher Soldat“ jüngst mehrfach öffentlich verlauten, Rassismus sei „nicht symptomatisch“ für die deutschen Streitkräfte: „Im Gegenteil: Er ist dort weniger verbreitet als in der Gesellschaft insgesamt.“ Zwar bestünden insbesondere bei muslimischen Gemeinden „noch viele Vorurteile“ über die Truppe, jedoch habe sich diese mittlerweile „gewandelt“: „Sie ist heute bunt.“ Anlass der Statements war ein von Bundeswehrsoldaten verübter rassistischer Angriff: Am 15. Februar hatten vier Unteroffiziere auf dem im Libanon stationierten Schnellboot „Hermelin“ ihren asiatischstämmigen Vorgesetzten misshandelt und als „Mongo“ bezeichnet.

Militär als Integrationsinstanz
Das für die politisch-weltanschauliche Schulung der Truppe verantwortliche „Zentrum Innere Führung“ der Bundeswehr hat unterdessen sein „Arbeitspapier“ zum Umgang mit den deutschen Soldaten „muslimischen Glaubens“ neu aufgelegt. Das Militär wird hier als „wesentlicher Ort“ bezeichnet, „an dem die Integration muslimischer Staatsbürger gefordert und gefördert wird“ – verbunden mit entsprechenden „Hinweise(n) für die Vorgesetzten“. Diese werden explizit aufgefordert, sich ihren Untergebenen gegenüber „angemessen“ zu verhalten und gegebenenfalls auch „Freiräume“ für „Einzelfallentscheidungen“ zu nutzen. So liege es etwa „im klugen Ermessen eines Vorgesetzten, ob er einem Soldaten oder einer Soldatin mit Blick auf einen muslimischen Feiertag Erholungsurlaub oder Dienstausgleich gewährt“. Auch dürfte es „in der Praxis“ nur „geringere Schwierigkeiten“ bereiten, muslimischen Militärs den Wunsch nach einem Gebetsraum zu erfüllen, heißt es. Selbst der geltende „Bart- und Haarerlass“, dem zufolge Bärte und Koteletten „kurz geschnitten“ sein müssen, wird von den Autoren des „Arbeitspapiers“ in Bezug auf Muslime relativiert: „Es sind durchaus Situationen denkbar, in denen ein deutscher Soldat mit einem längeren Bart zu einem akzeptierten Gesprächspartner in Afghanistan werden kann.“ Die zuletzt genannte Aussage verweist auf die Funktion, die Muslime aufgrund der ihnen zugesprochenen „interkulturellen Kompetenz“ im Rahmen der Kriegsoperationen der Bundeswehr wahrnehmen: Insbesondere am Hindukusch werden sie als sogenannte Sprachmittler für den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung eingesetzt. Dabei arbeiten sie entweder für den jeweiligen Kommandeur des deutschen ISAF-Kontingents oder für die auf Propaganda- und Spionagetätigkeiten spezialisierte „Truppe für Operative Information“ (german-foreign-policy.com berichtete ).

Militärimame
Mit der von Seiten der Bundeswehr offensiv verfolgten Strategie der „Integration“ von Muslimen korrespondiert die erklärte Absicht, islamische Feldgeistliche, so genannte Militärimame, in Dienst zu stellen. Presseberichten zufolge sind sowohl der Leiter der „Zentralen Koordinierungsstelle Interkulturelle Kompetenz“ am „Zentrum Innere Führung“, Oberstleutnant Uwe Ulrich, als auch der Pastoralreferent des Katholischen Militärpfarramtes, Thomas R. Elßner, „von der Notwendigkeit der Beschäftigung eines Militärimams auf die gleiche Weise überzeugt“. Beide forderten erst unlängst die muslimischen Dachverbände in Deutschland auf, hierzu Stellung zu nehmen: „Diese Organisationen müssen festlegen, von wem und auf welche Weise die religiösen Dienstleistungen im Militär angeboten werden.“

Afghanistans Exportschlager Mohnanbau

(Emran Feroz’s Blog). Seit Ende 2001 ist der Drogenanbau am Hindukusch enorm gestiegen. Kurz vor dem Einmarsch der westlichen Soldaten – sprich, während des Höhepunkts der Taliban-Herrschaft – stammten fünf bis zehn Prozent des weltweiten Schlafmohns aus Afghanistan. Mittlerweile sind es mehr als neunzig Prozent. Die meisten Abnehmer sitzen im Ausland, während das Zentrum der Drogenproduktion die südliche Provinz Helmand ist. Diese steht hauptsächlich unter britischer Kontrolle.

Afghanischer Opiumbauer
Afghanistan war einst bekannt als ein Land der Granatäpfel, Melonen und Trauben. Weltweit wusste man, dass bestes Obst aus Afghanistan stammt. Auch andere Waren wie Lapislazuli, der berühmte, blau glänzende Stein, gehörten zu den wichtigsten Exportwaren. Der gegenwärtige Exportschlager des Landes hat jedoch nichts mit gesunden Früchten oder schönen Mineralgesteinen zu tun. Heutzutage weiß man vor allem, dass der „schwarze Afghane“ aus Afghanistan stammt und dass das Land zu den größten Schlafmohnproduzenten der Welt gehört.

Der Drogenanbau hat in Afghanistan eine lange Geschichte
Schon die süchtigen Mogul-Herrscher Indiens bezogen ihren Schlafmohn aus einigen Teilen des heutigen Afghanistans. Später, während der Anglo-Afghanischen Kriegen, fiel die Droge auch ins Auge der Briten. Dass die Briten damals viel vom Drogenhandel hielten, bewiesen der Erste sowie der Zweite Opiumkrieg, der zwischen Großbritannien und dem Kaiserreich China ausgetragen wurde. Beide Male verließen die Chinesen das Schlachtfeld als Verlierer und wurden dazu gezwungen, den Opiumhandel zu dulden.

Da es jedoch nie zu einer erfolgreichen Kolonialisierung Afghanistans kam, mussten die Briten ihre Pläne ändern und sich zurückziehen. Nun, im 21. Jahrhundert, kann man Zeuge werden, wie der Drogenanbau und Handel in Afghanistan unter westlicher Besatzung regelrecht blüht.

Anfang der 1990er, während der Regierungszeit Burhanuddin Rabbanis, stieg der Schlafmohnanbau in Afghanistan maßgeblich. Die Regierung Rabbanis bestand hauptsächlich aus Kriegsverbrechern und Warlords. Auch der einstige Präsident, der 2011 durch ein Selbstmordattentat getötet wurde, wurde von Human Rights Watch für zahlreiche Menschenrechtsverbrechen verantwortlich gemacht. Es ist nicht verwunderlich, dass die damaligen Akteure sich durch den Drogenanbau bereicherten. Da der Westen sich nach dem Sieg gegen die Sowjets zurückgezogen hatte, musste eine andere Geldquelle her, damit man sich weiterhin Waffen beschaffen und gegenseitig bekriegen konnte.

1996 wurde die Warlord-Regierung aus Kabul verjagt und die Taliban unter Mullah Omar rissen die Macht an sich. Der Drogenanbau ging jedoch weiter. Die Taliban-Regierung war wie jede andere Regierung auf Steuern angewiesen. Da viele dieser Steuern von Drogenbaronen stammen, zog man es vor, den Opiumanbau vorerst nicht zu verbieten, obwohl er den Regeln des Islams widersprach. Erst, nachdem die Staatskasse etwas gefüllt war und die Handelsrouten im Norden des Landes ebenfalls unter Taliban-Kontrolle standen, erklärte man den Drogenbossen den Kampf.

Im Sommer 2000 ging daraus eine der erfolgreichsten Anti-Drogen-Kampagnen der Welt hervor. Mullah Omar, der damals auch auf Andrang der UN handelte, erklärte den Drogenanbau offiziell für „unislamisch“ und verbannte ihn. Dieses Verbot bewies sich innerhalb kürzester Zeit als äußerst effektiv. So schrumpfte zum Beispiel die Drogenproduktion in Helmand, der ertragreichsten Provinz des Landes, auf null Prozent.

Ein Jahr später begann der Einmarsch der westlichen Soldaten
Die Taliban wurden verjagt und plötzlich florierte der Drogenanbau am Hindukusch ein weiteres Mal. Gegenwärtig stammen mehr als neunzig Prozent des weltweiten Opiums aus Afghanistan. Die wichtigsten Produzenten befinden sich in den südlichen Provinzen Kandahar und Helmand. Der Drogenanbau in Kandahar liegt fest in der Hand des Karzai-Clans. Es ist kein Zufall, dass ein Sprössling dieser Sippe im Präsidentenpalast residiert. Ahmad Wali, einer von Karzais Brüdern, der 2011 getötet wurde, gehörte zu den größten und wichtigsten Drogenhändlern des Landes. Er war bekannt für seine Verbindungen zur CIA und stand laut „New York Times“ auf deren Gehaltsliste. Ein weiterer Bruder Karzais, Qayum, ist ebenfalls ein führender Mann im Drogengeschäft.

Unabhängig davon stellte die britische Zeitung „Independent“ im Januar 2010 fest, dass die CIA jene Flugzeuge, die hauptsächlich für die Entführung sogenannter Terrorverdächtiger benutzt wurden, auch für den Transport von Drogen verwendet hat. Unter anderem fand man im Wrack eines solchen Flugzeugs, welches 2004 in Nicaragua abgestürzt war, eine Tonne Kokain. Vor einigen Tagen wurde außerdem bekannt, dass die afghanische Fluggesellschaft Kam Air mit ihren Maschinen Opium ins benachbarte Tadschikistan geschmuggelt haben soll. Die Fluggesellschaft bestreitet jedoch jegliche Vorwürfe und meint, dass es dafür keinerlei Beweise gebe.

In der Provinz Helmand sind hauptsächlich britische Soldaten stationiert. In den ländlichen Gebieten dominieren die Taliban, weshalb es auch des Öfteren zu Kampfhandlungen kommt. In der Vergangenheit wurden schon mehrmals Tonnen von Schlafmohn konfisziert und verbrannt. Dennoch wächst der Opiumanbau. Mittlerweile werden allein in Helmand mehr Drogen produziert als in Kolumbien, Marokko oder Burma. Demnach hat das meiste Heroin auf den Straßen Europas, vor allem in Großbritannien, seinen Ursprung in Helmand.

Yousef Ali-Waezi, ein Regierungsbeamter und Berater Karzais, warf im Dezember 2001 den britischen Besatzern eine Mitbeteiligung am afghanischen Drogenhandel vor. Ali-Waezi meinte unter anderem, dass der Opiumanbau in Helmand von den Briten nicht nur toleriert, sondern auch gefördert werde. Diesbezüglich gab es keine Stellungnahme seitens der britischen Regierung. Großbritanniens ehemaliger Premierminister Tony Blair meinte einst, dass der Kampf gegen den Drogenanbau einer der Hauptgründe für die Intervention gewesen sei.

Fakt ist, dass der Drogenanbau in Afghanistan weiterhin florieren wird
Es wird zwar immer so getan, als ob alles dagegen unternommen werde, doch die Realität beweist das Gegenteil. Alle wichtigen politischen Akteure in Afghanistan sind am Anbau interessiert, denn jeder profitiert davon. Auf der einen Seite befinden sich die Taliban sowie die ehemaligen Warlords der Nordallianz. Die Taliban, die einst strikt gegen den Schlafmohnanbau vorgingen, haben gegenwärtig keine andere Wahl, denn irgendwie muss ihr Widerstand gegen die afghanische Armee und gegen die Besatzer finanziert werden.

Die Warlords der Nordallianz, die größtenteils in der Regierung sitzen und hohe Ämter bekleiden, achten stets auf ihre persönliche Bereicherung. So wie sie in den 1990ern den Opiumanbau förderten, so tun sie es heute noch. Das Problem ist, dass sie aufgrund der westlichen Unterstützung weiterhin unantastbar bleiben werden.

Auf der anderen Seite kann man die Briten und die Amerikaner beobachten. Ein Rückblick in die Geschichte zeigt, dass Großbritannien schon seit eh und je eine besondere Verbindung zum Drogenhandel pflegte. Das Gleiche gilt in etwa für die USA, die dieses Spiel nicht nur in Afghanistan spielen, sondern in nahezu ganz Südamerika.

Die genannten Protagonisten zwingen den einfachen afghanischen Bauer, Opium anzubauen. Denn solange die Lebensgrundlage dieses Bauern nicht gesichert ist, solange er aufgrund von billigem, ausländischem Getreide nicht konkurrenzfähig ist, solange wird sich auch nichts ändern.

Emran Feroz ist ein junger Autor und Blogger, der über den Nahen Osten, Islam und Migration schreibt. Er veröffentlichte unter anderem in renommierten Medien wie „zenith-online“, „Freitag“ oder der „jungen Welt“.

Brauchen wir einen Öko-Islam in Deutschland?

Dieser Beitrag wurde als Positionen zur Tagung „Wie ‘grün’ ist der Islam? – Umwelthandeln und Klimaschutz aus muslimischer Perspektive“ in der Evangelischen Akademie Loccum, Niedersachsen, am 5.11.2010 vorgetragen und ist hier für die IZ aktualisiert.

(iz). Als Vorstandsmitglied der Schura Niedersachsen, als Geologe und Muslim, mit der Erfahrung privater Mitwirkung in Umweltgruppen und 30 Jahren beruflicher Tätigkeit im kommunalen Umweltschutz, Umweltverwaltungsrecht und Umweltbildung in Südniedersachsen, erwächst aus dem Thema der Tagung „Wie grün ist der Islam“ unmittelbare Verantwortung. Deshalb gilt besonderer Dank der Evangelischen Akademie Loccum, denn das Thema Umweltschutz und Islam muss in Deutschland noch erweckt werden und in der Tat hat diese Tagung im November 2010 Anstöße gegeben!

Vorweg einige provokante Fragen
Hätte der frühe Homo sapiens – wäre er schon Christ gewesen – das Mammut nicht ausgerottet?
Wären Fischer aus Sansibar nachhaltiger auf Walfang gegangen als Fischer aus Nantucket?
Deutsche Flüsse 1970 – 201; die Gewässergüte wurde von Klasse 3-4 auf 1,5-2 angehoben: Wo ist der religiöse Einfluss?
Wer hat gesagt: „Du bist ein Gast der Natur, benimm Dich!“? Diese Erkenntnis scheint mir ganz ohne Offenbarungsreligion daher zu kommen.
Solardach, Fassadendämmung und Dreifachverglasung am Moscheeneubau in Deutschland: motiviert dazu der Islam, das Einsparen von Energiekosten oder zwingt nicht dazu ganz schlicht das moderne Baurecht mit der Energieeinspar-Verordnung?

Vorweg meine These: Wir brauchen keinen Öko-Islam in Deutschland!
In den islamischen Quellen (Qur’an und Sunna) gibt es zwar zahlreiche Prinzipien und Praktiken, die einen ethischen Umgang mit der Schöpfung und konkretes Umwelthandeln (u.a. Naturschutz, Wasserschutz) berühren und anschlussfähig wären für eine Entwicklung von Öko-Islam.

Umweltschutz in seiner komplexen Ursache-Wirkungsbeziehung – denken wir nur an die globale Erderwärmung und den Klimaschutz – erschließt sich eher kaum aus dem qur’anischen Islam; eher noch punktuell aus dem Vorbild des Propheten. Umweltschutz ist aber vielmehr ein Thema praktischer Vernunft und der Erkenntnis mit dem Ziel des Gemeinwohls. Dessen Wahrung und Entwicklung jedoch ist islamisches Gebot.

Die Bewahrung der Schöpfung ist im Qur’an genau so wenig wie in der Bibel ein Leitthema, denn zur Zeit der Textgenese war die faktische Einwirkung des Menschen auf die Umwelt – im Vergleich zu den heutigen Dimensionen – eher gering. Gleichwohl gab es massive Probleme – aber wohl eher ohne Problembewusstsein: die paläolithische Ausrottung von Mammut, Wollhaarnashorn, Höhlenbär, Riesenhirsch und anderen eiszeitlichen Großsäugern, wie oben in der Frage angedeutet, sowie die römische Entwaldung perimediterraner Räume für (Schiff-)Bauholz; dies aber mit bereits gravierenden regionalen Folgen des Klimawandels und der Agrarbedingungen.

Wir müssen also heute nach Argumenten für die Schöpfungsbewahrung im Qur’an geradezu suchen. Dies ist aber Gebot, denn der Qur’an entfaltet seine Wirkung überzeitlich. Die Entwicklung einer schöpfungsorientierten Blickweise – wenn nach ihr Bedarf besteht – steht weitgehend für den Islam in Deutschland aus. Hier kennt jeder Muslim bereits ein zentrales Hadsch-Gebot: im Ihram, also während des Weihezustandes auf der Pilgerfahrt nach Mekka, darf man keine Pflanzen pflücken oder Tiere jagen. Das Sich-selbst-Zurücknehmen wird jährlich im Ramadan eingeübt. Die Sozialabgabe (Zakat) knüpft begrifflich an die Pflicht an, sein Einkommen als Gottesgabe erst dann sich aneignen zu dürfen, wenn man es durch Teilen zugunsten von Bedürftigen „gereinigt“ hat.

In den „modernen“ Gesellschaften dominiert nicht die Erwartung, als höchstes Glück eines jüngsten Tages Gottes Angesicht teilhaftig zu werden; hier stellt sich das „Glück“ durch erfolgreiche Teilhabe am weltlichen Konsum ein. Wie schlimm, dass so viele Muslime im Lande sich auch hier hinein integrieren! Heißt es doch im Qur’an in der Sure Al-Takatur (Das Streben nach Mehr):

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen
Das Streben nach Mehr lenkt euch ab, bis ihr die Gräber besucht.
Aber nein! Ihr werdet es bald erfahren.
Wiederum: Aber nein! Ihr werdet es bald erfahren.
Aber nein! Wenn ihr es nur mit Gewissheit wüsstet! Ihr werdet das Höllenfeuer sehen.
Doch, ihr sollt es noch mit dem Auge der Gewissheit sehen.
Dann werdet ihr, an jenem Tage, nach dem Wohlstand befragt.

Klarer ist aus Qur’an und Sunnah das Gebot der Gerechtigkeit abzuleiten, hier als Anspruch des gleichen allgemeinen Zugangs zu den natürlichen Ressourcen, die wir als Gabe des Schöpfers zu unserem Wohle auffassen dürfen. Dazu gehört horizontale Gerechtigkeit, also zwischen den Menschen heute; mehr noch: Gerechtigkeit in der Zeitachse, also zwischen den Generationen. Im hiesigen Kontext als Nachhaltigkeit bezeichnet, ein frühneuzeitlicher Leitgedanke der deutschen Forstwirtschaft. Generationengerechtigkeit: im Islam lässt sich anknüpfen an das wiederholte qur’anische Verbot des Verbrauchs des Vermögens von Waisenkindern durch Pflegeeltern. Bei näherer Betrachtung finden wir, dass das islamische Familienrecht vorrangig auf die Existenz- und Identitätssicherung der je nachwachsenden Generation, also der Kinder, abstellt. Die Entwicklung der öffentlichen Haushalte lehrt uns, dass unsere Generation jetzt schon auf Kosten der Enkelkinder lebt; die Bankenkrise, eigentlich nur ein Fenster in die Krise der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, hat dies überdeutlich gemacht. Das Zinsverbot im Islam ist ein starkes Argument in der finanzwirtschaftlichen Ausrichtung der Gesellschaft im Hinblick auf mehr Generationengerechtigkeit.

Wenn also der Islam in Deutschland und der „modernen“ Welt etwas zum Umweltschutz beitragen kann, dann ist es vielleicht dieser Gedanke der Generationengerechtigkeit, der als Leitbegriff weiterzuentwickeln wäre. Dies betrifft die nachhaltige Bewirtschaftung erneuerbarer Ressourcen (Holz, Wasser, Landwirtschaft und Fischerei, aber auch Atemluft), aber ebenso die vorausschauende Sicherung der Verfügbarkeit fossiler Ressourcen nach Menge, Wirtschaftlichkeit und Zugang: Öl-Gas-Kohle, Erze, Steine und Erden. Dazu gehört auch die sichere Verwahrung atomarer Hinterlassenschaft.

Gerechte Verteilung knapper Güter
Der Islam nahm seine geschichtlich geographische Entwicklung aus überwiegend ariden Gebieten. Wasser ist Lebenselixier und knapp. Seine Bewirtschaftung, also Gewinnung, gerechte Verteilung, Reinhaltung und sparsame Nutzung als Trinkwasser, besonders aber für die Landwirtschaft stellt stets eine außerordentliche Herausforderung dar. Rechtsgeschichtlich betrachtet, stellt sich das Wasserrecht als das älteste und regional bis heute tradierte Rechtsgebiet der Menschheit dar. Das Wasserrecht wiederum zählt zum Kernbereich des Umweltrechtes. Der Islam hat eigene Rechtselemente mitgebracht und in den Ländern existierende Rechtsordnungen und Technologien übernommen und weiterentwickelt. Zentral ist – neben Reinhaltungsgrundsätzen – die Regelung, wonach Wasser Gemeingut ist und nicht gehandelt werden darf: ein äußerst aktuelles Thema weltweit, aber zur Zeit auch in Impulsen einer diesem zuwider laufenden europäischen Gesetzgebung.

Überragende Beispiel der orientalischen Wasserwirtschaft sind die zum guten Teil noch heute bewirtschafteten Bewässerungsanlagen im maurischen Andalusien, besonders aber die Qanate im Iran. Diese mit unzähligen Lichtlöchern und ausschließlich mit Schlegel und Eisen bzw. Hacke, Kratze und Trog vorgetriebenen „Wasserläufe“ (bergtechnisch für horizontale Stollen zur Wasserführung) entnehmen natürlich gespeicherte Sickerwässer der Schuttfächer von Gebirgsfüßen und führen das i.d.R. ganzjährig verfügbare Wasser als Trink-, Kraftwasser und für die landwirtschaftliche Bewässerung über oft dutzende von Kilometern unter verflachendem Terrain bis in die Siedlungen bzw. Städte. Die Qanate sind mit z.T. 5.000 Jahren weit älter als der Islam, ihre Technik und Bewirtschaftung wurden übernommen und bis heute unverändert weitergeführt. Ein altes Beispiel ist das Qanat von Gonabad, mit einem Mutterbrunnen von 350 m Tiefe und einem Alter von über 2.500 Jahren. Zum Vergleich: der berühmte Ernst-August-Stollen im Westharz (fertiggestellt 1864) misst samt Flügelörtern gut 30 km, etliche Qanate im Iran messen über 60-100 km!

Hinter Verteilungsgerechtigkeit und Generationengerechtigkeit steht als Ziel der gute alte deutsche Begriff des Gemeinwohls. Als maslaha kommt es im Kontext des islamischen Rechts vor, ja, es ist hier auch als Handlungsgebot zu verstehen. Dies korrespondiert mit dem qur’anischen Verbot der Verschwendung. Damit hätten wir drei starke islamische Triebfedern eingegrenzt: Schöpfungsbewahrung, Generationengerechtigkeit und Gemeinwohl. Eine reine oder anteilige Orientierung an „Natur“, also Natur als Ersatzreligion, ist Schirk!

Umweltästhetik
Natur, heile Natur, die reine Schöpfung ist uns Menschen mit ihrem Sinn für Ästhetik auch stets ein Ort von Schönheit: Wälder, alte Bäume, Seen, der Strand und die Felsen, Berge und Flussauen, artenreiche Grassteppen, Dünen, der Dschungel und die Wüsten, das ewige Eis, die Farben und der Duft der Blumen und Blüten: all dies bezeugt in ihrer Schönheit, Lieblichkeit und Gewaltigkeit den Schöpfer. Der Mensch bedarf solcher Orte und solcher Momente für die Hygiene seiner Seele. Sie verkommt in der Betonwüste. Natur- und Artenschutz, Landschafts- und Naturdenkmalschutz und damit auch die Vorsorge für die Erholung des Menschen in der Natur fallen zutiefst in die Vorstellungswelt des Islam. Man betrachte nur die Szenerien iranischer oder osmanischer Miniaturmalerei, die Vierzeiler Omar Khayyams, das Mathnawi von Rumi, die Kunst und Tradition der Gärten: realiter oder virtuell – auf Teppichen.

Zurück in den Alltag
Den Muslimen in ihrer Mehrheit in Deutschland fehlen in Bezug auf den Umweltschutz weitgehend identitätsstiftende Vorbilder innerhalb ihrer Community. Solche müssen wachsen. Umweltschutz stand – auch infolge der sozialen Genese der muslimischen Gemeinschaften in Deutschland – nicht auf der Agenda der Verbände oder Ortsmoscheen. Auf die Agenda ist aber im Zuge der Integrationsdebatte und des Nachrückens der nachwachsenden Generation in das Bildungsbürgertum hinein das Gebot der Partizipation in zivilgesellschaftlichen Einrichtungen – mithin auch solcher des Umweltschutzes – getreten. Als gläubige Bürger können sich Muslime in vielen solchen Organisationen beteiligen und gute eigene Ideen und Werte einbringen. Auch soweit sie Migranten sind, sind sie nicht Menschen, die noch an einer Religiosität festhalten; als Gläubige handeln sie in dieser Gesellschaft aus ihrer Verantwortung vor Gott, durchaus im Sinne der Präambel des Grundgesetzes. Hierzu die Muslime und ihre Jugend zu erziehen, das ist eine exzellente Aufgabe im Spannungsfeld zwischen öffentlichen Bildungsträgern, Landesverband und Mitgliedgemeinden.

Was könnte Schura Niedersachsen für einen grünen Islam in Niedersachsen leisten? Gäbe es etwa Leuchtturmprojekte? Ziel wären vorrangig Bildung und daraus abgeleitet eine Partizipation von Muslimen und ihren Gemeinden mit Umweltverbänden:

Ausloten der Potentiale für einen „Grünen Islam“ im Kontext der derzeit laufenden Verhandlungen der muslimischen Verbände mit dem Land über den Abschluss eines Staatsvertrages.
Entwicklung eines umfassenden Halal-Gedankens in Bezug auf die Ernährung und ihre Produktionsbedingungen: „Jeder Ort ist ein Schlachthaus und jeder Tag ist Ramadan!“ könnte man in Anlehnung an eine andere islamische Parole ausrufen. Das heißt: eine sozial, umwelt- und gesundheitsgerechte Ernährung über das ganze Jahr – auch im Sinne von Enthaltsamkeit – und tierschutz-, flächen- und klimaschutzorientierte Fleischproduktion und ein ebensolcher, durch Zurückhaltung geprägter Fleischkonsum. Strikt halal geschächtet, aber voller Masthormone, Schadstoffe und transportbedingten Leidens? Viel Fleisch – Wohlstand – man ist angekommen! Rund um die Uhr in jedem Supermarkt die viele Meter lange Kühltheke mit billigem Fleisch und z.T. undurchsichtigen Fleischprodukten. So etwas hat es in der ganzen Geschichte der Menschheit noch nie gegeben! Morgens den Schalter mit bismallah umgelegt und zigtausend Hähnchen laufen bis Feierabend durchs nach Mekka ausgerichtete Elektromesser: halalzertifiziert, aber was hat dieser Fleischrausch mit Islam zu tun? Sollten wir nicht – als Vorbild für die ganze Gesellschaft – die Ernährungsweise des Propheten (s.a.s.) vorleben, der auch in guten Zeiten seinen Magen nie ganz füllte: „Ein Drittel Essen, ein Drittel Trinken, ein Drittel Luft“. Wie oft hat unser gesegneter Prophet überhaupt Fleisch gegessen, der uns doch sonst in allem als Vorbild gilt?
Schächtverbote in Deutschland führen zu unnötigen Tiertransporten, deutsche Schafhalter unterliegen der neuseeländischen Konkurrenz, überschüssiges, aber natur- und artenschutzwürdiges Grünland bedarf der Beweidung; hier sollten niedersächsische Schafzüchter und muslimische Verbraucher an einem Strang ziehen; sie haben gemeinsame Interessen!
Verbandsintern kann der Umweltschutzgedanke, auch durch Berufung eines/einer Umweltbeauftragten im Vorstand fest institutionalisiert werden, wie dies schon seit vielen Jahren bei den Kirchen bewährte Praxis ist.
Rahmenvereinbarungen mit Umweltverbänden mit Rückkopplung an die Schura-Mitglieder, also die Moscheevereine, zur Entwicklung von Modellprojekten und zur Umweltbildung.
Dazu kann auch die modellhafte Entwicklung einer „grünen“ Moschee gehören, etwa als zukünftige großstädtische zentrale Haupt- oder Freitagsmoschee. Umweltschutz findet draußen statt: Muslime in der Zuwanderungsgesellschaft leben extrem urban. Exkursionen in die niedersächsische Landschaft, also qualifizierte Führungen zu Natur, Umwelt, Heimat und regionaler Geschichte für alle Generationen sind hilfreich. Wo sie stattfinden, ist das Echo stets positiv.
In der islamischen Tradition hat die Gartenbaukunst hohen Stellenwert; hier ist – gerade auch für Menschen aus agrarischem Milieu – ein weites Betätigungsfeld. Gute Erfolge liegen ja mit internationale Schrebergärten vor: Integration und Umweltinformation beim Plausch überm Gartenzaun.
Schon banal ist die Vermittlung haushaltsnaher Alltagsinformationen: Infos und Beratung etwa über Mülltrennung (Grüner Punkt), Wasser- oder Energieeinsparung (Drosseln, Heizungsventile) kommen besser an, wenn sie mehrsprachig vorgelegt und in die Tiefe der Haushalte – gern auch durch Auslage in Moscheen – verteilt werden.

Vorweg stand meine These: Wir brauchen keinen Öko-Islam in Deutschland! Damit wollte ich überzogene Hoffnungen dämpfen. Aber wir brauchen Hoffnung, Zuversicht und Vertrauen. Mir gab dies vor 25 Jahren ein Buch des britischen Paläontologen Dougal Dixon: „After Man“, in dem der Autor die Entwicklung der Stammbäume und Arten nach dem Aussterben der Hominiden recht linear fortschrieb. Damit kommen wir zur Übereinstimmung mit dem Qur’an: Der Mensch ist nur ein Teil, ein austauschbarer Teil der Schöpfung. Vögel, Pflanzen: Alles hat sein Gebet. Damit sagt Gott auch: wir können Sein Schöpfungswerk nicht vernichten, nicht beeinträchtigen. Seine Schöpfung ist größer. Wenn es die Menschen eines Tages nicht mehr gibt: nichts, aber auch gar nichts wird im ganzen Universum davon Notiz nehmen. Der wahre Islam kennt kein anthropozentrisches Weltbild. Der Mensch steht nicht im Mittelpunkt der Schöpfung und ist nicht Ziel der Schöpfung, ist nicht Gottes Abbild. Gott sagt im Qur’an sinngemäß: Wenn ihr Menschen versagt, ersetze Ich euch durch eine andere Schöpfung. Nur eine Statthalterschaft wird erwähnt, unsere Aufgabe ist es, in dieser die Pflicht zur Verantwortung und zum Respekt vor der Schöpfung zu sehen, aus Liebe zum Schöpfer.

Wir sehen, Islam ist ein Kern von Umweltschutz. Dessen Umsetzung in konkretes Umwelthandeln beruht aber auf den besonderen Geschenk Gottes an die Menschheit: der Vernunft. Deshalb habe ich – um am Beispiel der Bewältigung des sansibarischen Dynamitfischens in tropischen Korallenriffen zu bleiben – „Bauchschmerzen“, das bessere Handeln aus konkreten und im islamischen Recht fixierten Begriffen festzumachen, hier wird aus der Vernunft abgeleitetes Handeln sekundär im Islam eingeordnet. Der Islam wird zum Vehikel; die Umsetzung wird den Ulema als örtlichen Multiplikatoren schmackhaft gemacht, wenn man ihm nur viel islamischen „Stallgeruch“ verleiht. Wenn es der Umwelt zuliebe funktioniert, dann soll es im Einzelfall so sein. Mir scheint der Islam dort vergewaltigt, wo wir das klare Sprechen aus Erkenntnis und Vernunft hintanstellen.

Denken und Handeln aus Vernunft bedarf eines soliden Fundaments aus Wissen, mithin Bildung. Bildung ist die Voraussetzung für eine innere Freiheit im Denken zur Erlangung von Erkenntnis, religiöser wie wissenschaftlicher. Bildung ist ein Menschenrecht. Der Islam aber stellt nicht nur auf Rechte ab, er kennt auch Pflichten. Bildung ist im Islam eine Pflicht, für die Gemeinschaft und jedes Individuum.

Ob das umweltwidrige Handeln haram – oder im Deutschen gar Sünde – ist und wie es im theologischen Diskurs mit Folgen belegt ist, das wäre eine Aufgabe von Forschung. Hier einen Weg umwelttheologischer Rechtfertigung für Deutschland zu finden, das wird eine reizvolle Aufgabe für die neu eingerichteten Lehrstühle für Islamische Studien, etwa in Osnabrück, Münster, Frankfurt oder Tübingen.

„Noch heutigen Tages verlässt der Iranier, sooft er nur kann, die Stadt und lässt sich in der weiten, sandfarbenen Ebene, die für ihn das Land darstellt, mit einem neuen Teppich und einem Samowar an einem Bächlein nieder. Wenn er dann in seinem Garten aus Wolle, dem einzigen farbigen Flecken weit und breit, neben seinem dampfenden Wasser sitzt und Gedicht von Hafiz rezitiert, möchte er mit niemandem auf der Welt tauschen.“ (A. Godard: Die Kunst des Iran.;Berlin 1964; S. 171.)

Ägypten: Kerry schlägt neue Regierung vor

„Nicht willkommen“, so hieß es auf Plakaten, die zahlreiche Demonstranten dem neuen US-Außenminister John Kerry in Kairo entgegenhielten.

Kairo (dpa/iz). Der neue US-Außenminister John Kerry forderte bei seinem Antrittsbesuch in Ägypten – einem Schlüsselverbündeten der USA in der Region – die regierenden Muslimbrüder auf, einen Schritt auf die so genannten „säkularen“ Parteien zuzugehen. Der Opposition riet er, sich an der für April geplanten Parlamentswahl zu beteiligen. Er sagte nach einem Gespräch mit Außenminister Mohammed Amr: „Ich möchte betonten, dass ich nicht gekommen bin, um mich in ägyptische Angelegenheiten einzumischen, sondern um unsere Meinung darzulegen.“

Seit den fünfziger Jahren gibt es Gerüchte über eine Zusammenarbeit zwischen CIA und der Bewegung. Ägypten gilt als wichtigster strategischer US-Partner in der Region und hat eine Schlüsselstellung für die Sicherheit Israels. Heute argumentieren Beobachter wie der Journalist William Engdahl, dass die „Demokratisierung“ Ägyptens mit Hilfe der Bruderschaft Teil einer umfassenden Strategie Amerikas ist.

//2l//Laut Informationen der arabischen Zeitung „Al-Sharq Al-Awsat“ schlug Kerry während seines Aufenthalts in Kairo außerdem die Bildung einer Einheitsregierung unter Beteiligung der Opposition vor. Fast alle liberalen und linken Parteien wollen die Wahl boykottieren, der am 22. April beginnen soll. Sie kritisieren das Wahlgesetz und befürchten, dass die Muslimbrüder die Wähler mit „Geschenken“ manipulieren werden.

Über die politische Zerrissenheit Ägyptens hinaus ist das größte Problem des Landes am Nil die immer noch ungelöste Wirtschaftslage, einer der Faktoren, die überhaupt den Aufstand gegen Ex-Diktator Mubarak motivierten. Damals mussten die einfachen Ägypter rund 40 Prozent ihres monatlichen Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Die Präsidentschaft von Mohammed Mursi könnte an der Unzufriedenheit der Massen über weiter steigende Lebensmittelpreise scheitern.

//3r//Beobachter gehen davon aus, dass die ökonomische Zwangslage von Mohammed Mursi dessen Handlungsspielraum extrem einenge. Insbesondere, weil Ägypten nach den Worten Mursi dringend auf einen neuen Kredit des Internationalen Währungsfonds über 4,8 Milliarden US-Dollar angewiesen sei. Sollte die Kreditvereinbarungen nach den kommenden Parlamentswahlen im Sommer abgeschlossen werden, steht zu befürchten, dass der Einfluss der internationalen Finanzinstitutionen auf die Wirtschaftspolitik Ägyptens noch wesentlich weiter steigen werden.