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Weibliche Perspektiven des Fastens

Ausgabe 322

weiblich Zeit Iftar
Foto: Nate Pesce, flickr | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Weibliche Perspektiven werden besonders im Ramadan angesprochen: Passives Mitgefühl müsse in aktiven Beistand und Unterstützung münden, denn „das Fasten hat auch soziale Ziele.

(iz). ls ich alt genug war und zu fasten begann, ging die Sonne gegen 16.00 Uhr unter. Man könnte sagen, das war Fasten deluxe. Trotzdem habe ich damals meine Mutter alle zehn Minuten aufgesucht, um meinen Hunger zu beklagen.

Irgendwann hatte sie genug: Ich faste ja freiwillig. Also, wenn ich jammern wolle, solle ich lieber mein Fasten brechen. Und wenn ich es für sie täte, anstatt für Allah, könne ich immer noch heimlich etwas essen. Sie hat wohl gewusst, dass ich damit auf einen Schlag begreifen würde. Sie hatte vollkommen recht. Seitdem faste ich ganz anders. Oder sagen wir, seitdem faste ich.

Ein weiblicher Blick auf den Ramadan

Mariem Dhouib war islamische Gelehrte, Lehrerin und Mitbegründerin von Madrasah e.V. Sie riet einmal dazu, sich vor dem Ramadan zu besinnen und mit den eigenen Absichten auseinanderzusetzen. „Wir müssen uns vorher im Klaren sein“, erklärt sie, „welchen Sinn unsere Handlungen haben sollen, und für wen wir sie verrichten. Sprich: Wer ist Allah, wer bin ich, und wie ist unsere Bindung?“.

Denn das Fasten ist eine ganz besondere Form des Gottesdienstes, „eine verdeckte Ibadah”. Wer fastet, hat von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang nichts zu sich genommen, obwohl er genügend Gelegenheiten dazu hätte, sich jenseits der anerkennenden Blicke seiner Mitmenschen dem Fasten beispielsweise durch einen Schluck Kaffee zu entziehen. Das Fasten ist also frei und geheim – und damit einzig und allein für Allah.

„Die mehrheitliche Meinung der Gelehrten besagt, dass die wertvollste Nacht im Jahr, Lailat-ul-Qadr, auf die letzten zehn Tage des Ramadans fällt. In diesem Monat, der der einzig namentlich erwähnte im Qur’an ist, wurde das Wort Allahs erstmalig herabgesandt“, erklärt Mariem Dhouib. 

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Der Prophetengefährte Salman Al-Farisi hat überliefert, dass der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, am letzten Tag von Scha’ban sagte:

„O Menschen, ihr seid beschattet von einem großartigen und gesegneten Monat, ein Monat, in dem sich eine Nacht befindet, die besser als eintausend Monate ist. Allah machte das Fasten in diesem Monat zur Pflicht und machte das Beten in der Nacht zu einer freiwilligen Handlung. Wer auch immer in ihm versucht, Allah durch eine gute Tat näher zu kommen, wird wie jemand belohnt, der eine Pflicht (zu einer anderen Zeit) erfüllte. Wer auch immer eine Pflicht in ihm ausführt, wird wie jemand belohnt, der siebzig Pflichten (zu einer anderen Zeit) erfüllte. Er ist der Monat der Geduld (Sabr) und der Lohn der Geduld ist das Paradies. Er ist der Monat der Spende. Er ist der Monat, in dem die Versorgung eines Gläubigen vermehrt wird.“

Dies sei der Grund, weshalb Muslime mit „Allahuma baligh’na Ramadan“, so Dhouib, darum beten, den Ramadan zu erleben. Wir würden so daran erinnert, „dass die Erntesaison des Jahres, welches die Gelehrten auf zwei Hälften teilen, uns nicht selbstverständlich gewährleistet wird“. Die Begründung hierfür ist die Vergänglichkeit des Lebens.

Die Zeit nach dem Fasten

Wie sieht das Jahr nun für den Muslim aus? Nach dem Fastenmonat besteht unsere Aufgabe darin, „die Früchte des Monats – die guten Taten – aufrechtzuerhalten“. Wobei die besten Taten die fortwährenden, die regelmäßigen sind, „auch wenn es wenige sind“, so Dhouib. In den Monaten vor Ramadan kann manch ein „Energietank“ aufgebraucht sein, manch regelmäßige, freiwillige Guttat wird vielleicht nicht mehr verrichtet.

„Da ist es ratsam, sich vorzubereiten; die klugen Leute warten nicht erst auf den Ramadan, um Änderungen und Umstellungen zu machen.“ Im Monat der Vergebung, dem Radschab, und im Scha’ban, dem Monat des Propheten, „befassen wir uns spätestens mit unserer Beziehung zu Allah, unseren Absichten und dem Sinn unserer Handlungen.

Islam Sadaqa Solidarität Nächstenliebe

Foto: Shutterstock

Wer die Zeit vor Radschab verpasste, sollte den Radschab nicht verpassen. Wer Radschab verpasst hat, sollte Scha’ban nicht verpassen. Und wer auch Scha’ban verpasst hat, sollte schließlich Ramadan nicht verpassen“.

Auch die Propheten vor Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, haben die Botschaft des Fastens an ihre Völker herangetragen. „Unsere nichtmuslimischen Mitmenschen kennen diese Enthaltsamkeit also meist schon“, wenn auch in anderer Form.

Ob es für den Muslim eine besondere Verantwortung in diesem Monat gibt, wollte ich von ihr wissen. „Ich bin Botschafter Muhammads, das ist nicht anders als sonst, und zwar auf die beste Art und Weise. Durch Großzügigkeit, Sanftheit, Barmherzigkeit – durch meinen Charakter“, lautet die Antwort der Gelehrten.

Passives Mitgefühl mit Bedürftigen müsse in aktiven Beistand und Unterstützung münden, denn „das Fasten hat sowohl individuelle, als auch soziale Ziele. Das Prinzip der Solidarität und Geschwisterlichkeit der Muslime ist im Islam tief verankert. Wenn Bindungen im Laufe des Jahres Schwäche oder Schaden erfahren haben, ist es im Monat des Qur’ans an der Zeit, sie zu bereinigen und Versöhnung zu veranlassen.“

Foto: jahmaica, Adobe Stock

Als Beistand gelte, so Mariem Dhouib, natürlich auch die Wohltätigkeit; wie das Spenden einer Mahlzeit zum Fastenöffnen, selbst wenn es nur durch eine Dattel oder einen Schluck Milch erfolge.

Allerdings warnt die Gelehrte davor, Zusammenkünfte und soziale Kreise dazu zu nutzen, durch unprofessionelle Debatten – etwa über die richtige oder falsche Anzahl der Einheiten des freiwilligen Tarawwihgebets – für Spaltung zwischen den Menschen zu sorgen. Zu zweifelhafter und weitverbreiteter Schwarz-Weiß-Malerei wünscht sie sich daher Distanz.

Ramadanstimmen

Foto: Pexels/Thirdman

Ich möchte von ihr wissen, was denn individuelle Ziele des Fastens sein könnten. „Taqwa, zum Beispiel“, lautet ihre Antwort. Das werde oft mit „Gottesfurcht“ übersetzt, es ist aber viel mehr. Durch das Fasten als Akt der Anbetung von Allah übt sich der Hungernde in Aufrichtigkeit, die sich nicht nur auf den körperlichen Verzicht beschränkt, sondern ganzheitlich wirkt.

Sie nennt noch weitere Aspekte: „Sabr (Geduld) in den grundlegendsten Bedürfnissen walten lassen, Selbstkontrolle erlernen und mit wenig gut zurechtkommen.“

Das Fasten ist also Kopfsache und rückt den Fokus vom Körperlichen hin zur höher gestellten Seele. „Natürlich ist es wichtig, im Monat des Qur’ans diesen auch viel zu lesen. Worum es aber immer geht, ist, den Qur’an zu leben.“

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