, ,

Abkehr vom bisherigen Mantra: Debatte zur neuen Geopolitik

Ausgabe 368

abkehr carney
Foto: World Economic Forum/via flickr | Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0

Abkehr vom alten Mantra in der Geopolitik: Kanadas Premier reißt in Davos das Schild aus dem Fenster.

(iz). Es war eine Rede, die nicht in das übliche, wohl temperierte Klangbild des Weltwirtschaftsforums in Davos passte. Der kanadische Premierminister Mark Carney nutzte seine Bühne im Jahr 2026 nicht, um die üblichen Lippenbekenntnisse zu globaler Zusammenarbeit und westlichen Werten abzugeben. Von Aiman A. Mazyek

Stattdessen zog er einen klaren Schlussstrich unter eine Ära diplomatischer Floskeln und forderte eine schonungslose Neuausrichtung. Seine Botschaft war so deutlich wie ungewöhnlich: Die Zeit der hohlen Phrasen ist vorbei.

Carney griff direkt die Sprache an, die seit Jahrzehnten das Fundament westlicher Außenpolitik bildet. Mit unmissverständlichen Worten entzog er den klassischen Argumentationsmustern die Legitimität: „Hören Sie auf, sich auf eine regelbasierte internationale Ordnung zu berufen, als ob diese noch so funktionieren würde, wie sie angepriesen wird.“

Dieses Statement war mehr als nur Kritik; es war eine Abrechnung mit einem System, das in der Realität oftmals seine eigenen Prinzipien verrät. Carney machte klar, dass das ständige Beschwören von Regeln, während sie gleichzeitig gebrochen oder selektiv angewendet werden, die Glaubwürdigkeit derjenigen untergräbt, die sie verteidigen wollen.

Der Premier ging noch einen Schritt weiter und dekonstruierte die standardisierten Versicherungen, die bei jedem internationalen Auftritt kanadischer Regierungsvertreter zu erwarten sind.

Anzeige:
Heimwärts - Plural Publications

Er bat sein Publikum – und implizit die globale politische Klasse – darum, ihm nicht länger mit den altbekannten Lügen zu kommen, als da wären: „Wir achten Menschenrechte, Völkerrecht etc.“ Es ist die Absage an eine Politik der frommen Wünsche und unverbindlichen Erklärungen, die in der Praxis oft wirkungslos verhallen.

Das zentrale und wohl prägendste Bild seiner Rede lieferte Carney mit einer einfachen, aber kraftvollen Metapher: „Wir nehmen das Schild aus dem Fenster.“ Dieses „Schild“ steht symbolisch für die zur Schau gestellten, aber oft nicht eingelösten Werteversprechen.

Es ist die Fassade der moralischen Überlegenheit, hinter der sich realpolitisches Versagen verbirgt. Indem Kanada dieses Schild abnimmt, bekennt es sich nicht zu einem Werteverlust, sondern zu einer neuen Ehrlichkeit. 

Wir nehmen das Schild aus dem Fenster. Wir wissen, dass die alte Ordnung nicht zurückkommen wird. Wir sollten ihr nicht nachtrauern. Nostalgie ist keine Strategie, aber wir glauben, dass wir aus diesem Bruch etwas Größeres, Besseres, Stärkeres und Gerechteres aufbauen können. Das ist die Aufgabe der Mittelmächte, der Länder, die in einer Welt der Festungen am meisten zu verlieren und durch echte Zusammenarbeit am meisten zu gewinnen haben.“

1978 schrieb der tschechische Dissident und Schriftsteller Václav Havel, später Präsident, einen Aufsatz mit dem Titel „Die Macht der Machtlosen“ und stellte darin eine einfache Frage: Wie hielt sich das kommunistische System aufrecht? Seine Antwort begann mit einem Gemüsehändler.

Jeden Morgen hängt dieser Ladenbesitzer ein Schild in sein Fenster: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“. Er glaubt nicht daran, niemand tut es, aber er hängt das Schild trotzdem auf, um Schwierigkeiten zu vermeiden, um Konformität zu signalisieren, um zurechtzukommen. Und weil jeder Ladenbesitzer in jeder Straße dasselbe tut, bleibt das System bestehen – nicht allein durch Gewalt, sondern durch die Beteiligung gewöhnlicher Menschen an Ritualen, von denen sie insgeheim wissen, dass sie falsch sind. Havel nannte dies „in einer Lüge leben“.

„Die Macht des Systems beruht nicht auf seiner Wahrheit, sondern auf der Bereitschaft aller, so zu handeln, als wäre es wahr“, kommentiert der Premier weiter, dabei auf Václav Havel berufend.

Carneys Auftritt markiert einen potenziellen Wendepunkt. Es ist der Ruf nach einer Politik, die sich nicht in der Repetition von Mantras erschöpft, sondern die Bereitschaft signalisiert, die komplexe und widersprüchliche Realität des 21. Jahrhunderts anzuerkennen. Seine Rede war keine Kapitulation vor den Herausforderungen einer fragmentierten Weltordnung. Vielmehr war es der Vorschlag für einen neuen Anfang.

Die Botschaft aus Davos 2026 lautet somit: Glaubwürdigkeit wird in Zukunft nicht durch das wiederholte Zitieren von Prinzipien gewonnen, sondern durch die transparente und entschlossene Umsetzung von konkretem, verantwortungsvollem Handeln.

Mark Carney hat das Schild aus dem Fenster genommen. Die Welt wird nun genau beobachten, was dahinter zum Vorschein kommt. Ehrlichkeit mit einem gemeinsamen Neuanfang oder weiter Hegemonialpolitik mit Phrasendrescherei.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert