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Deen@Work: Firmen profitieren von Vielfalt ihrer Mitarbeiter

Ausgabe 370

Deen Work
Foto: Fuad Harzallah

„IZ-Begegnung“ mit Fuad Harzallah von der Plattform Deen@Work über Herausforderungen und Chancen von Muslimen am Arbeitsplatz.

(iz). Fuad Harzallah ist 29 Jahre alt, gebürtiger Münchner und Familienvater. Nach seinem Studium in Business Administration und Technologie- sowie Innovationsmanagement arbeitete er im Vertrieb und in der Unternehmensberatung. Zuletzt war er als Unternehmensberater an der Schnittstelle von Business und IT tätig – mit Fokus auf digitale Geschäftsmodelle und innovative Lösungen.

Derzeit ist er Geschäftsführer der Plattform Deen@Work. Deen@Work ist eine Plattform, die Muslime unterstützt, ihren Berufsalltag im Einklang mit ihren religiösen Werten zu gestalten und sich dazu auszutauschen. Sie bietet Raum für Vernetzung, Wissenstransfer und Praxisimpulse rund um Themen wie Arbeitskultur, Karriere und gelebten Glauben im Job.

Islamische Zeitung: Magst du dich kurz vorstellen – was ist dein Hintergrund, wo kommst du beruflich her?

Fuad Harzallah: Mein Name ist Fuad Harzallah, ich bin gebürtiger Münchner, 29 Jahre alt und Familienvater. Ich habe in München Business Administration studiert und im Master Technologie- und Innovationsmanagement. Während des Studiums habe ich bereits gearbeitet, insbesondere im Vertrieb und in der Unternehmensberatung.

In den letzten Jahren war ich vor allem als Unternehmensberater tätig – mit Fokus auf Business und IT, insbesondere auf Herausforderungen aus der Perspektive von Geschäftsmodellen, Vertrieb und der Entwicklung digitaler Lösungen und Produkte. Dabei konnte ich umfangreiche Erfahrungen sammeln, die ich heute in meinen weiteren Tätigkeiten einbringe.

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„Es gibt positiven Beispiele“

Islamische Zeitung: Wie ist aus deiner beruflichen Ausbildung und Berufserfahrung das Projekt Deen@Work entstanden?

Fuad Harzallah: Wenn wir Muslime im Arbeitsleben betrachten, dann kenne ich viele der Herausforderungen aus erster Hand – sei es durch Bekannte, Freunde oder Kollegen. Gleichzeitig habe ich, Gott sei Dank, auch sehr positive Erfahrungen gemacht, die ich immer wieder mit anderen geteilt habe.

Ein Beispiel: Mein damaliger Vorgesetzter hat einmal gesehen, dass ich öfter mit etwas in der Hand an ihm vorbeigelaufen bin, und fragte: „Was hast du denn da dabei?“ Es war ein Gebetsteppich. Ich habe ihm erklärt, dass ich in einem Raum bete. Für ihn war das völlig selbstverständlich. Er meinte: „Das passt für mich, du kannst den stillen Raum buchen. Und wenn der belegt ist, haben wir genug andere Räume, die du nutzen kannst.“

Diese Haltung habe ich auch in meinen weiteren Stationen in der Beratung erlebt. Er hat sogar bei gemeinsamen Mahlzeiten darauf geachtet, dass keine ungeeigneten Zutaten enthalten sind – selbst bei Kleinigkeiten.

Als ich solche Erfahrungen in meinem Umfeld geteilt habe, kam oft die Reaktion: „Wo gibt es denn so einen Arbeitgeber?“ Und genau an diesem Punkt ist die Idee entstanden. Mir wurde klar: Es gibt solche positiven Beispiele – aber sie sind kaum sichtbar.

Gleichzeitig gibt es viele Herausforderungen, über die nicht offen gesprochen wird. Deen@Work ist aus dem Gedanken entstanden, genau diese Realität sichtbar zu machen – sowohl die positiven Beispiele als auch die bestehenden Herausforderungen.

Foto: Freepik.com

„Bewertungs- und Jobplattform für glaubensfreundliche Arbeitsplätze“

Islamische Zeitung: Was bietet ihr mit eurer App an?

Fuad Harzallah: Deen@Work ist die erste Bewertungs- und Jobplattform für glaubensfreundliche Arbeitsplätze.

Für Arbeitnehmer bedeutet das: Sie können Arbeitgeber auf Basis konkreter Kriterien einsehen und vergleichen – noch bevor sie sich bewerben.

Dabei haben sie auch die Möglichkeit, ihre eigenen Erfahrungen anonym zu teilen und so anderen einen realistischen Einblick in den Arbeitsalltag zu geben. Dazu gehören zum Beispiel Fragen wie: Gibt es Gebetsmöglichkeiten? Ist das Tragen eines Hijabs im Arbeitsumfeld akzeptiert? Wird bei Veranstaltungen oder im Arbeitsalltag auf passende Alternativen geachtet, etwa im Hinblick auf halal Optionen? So entsteht mehr Transparenz darüber, wie ein Arbeitsumfeld tatsächlich gelebt wird.

Gleichzeitig bietet die Plattform auch Arbeitgebern die Möglichkeit, sich entsprechend zu positionieren. Sie können zeigen, welche Rahmenbedingungen sie schaffen und wie sie mit dem Thema Glauben im Arbeitsalltag umgehen.

Gerade im Kontext von Diversität und Inklusion wird dieser Aspekt oft nicht ausreichend berücksichtigt – obwohl glaubensorientierte Menschen ein fester Teil der Belegschaft sind. Unternehmen können über Deen@Work ihre Maßnahmen sichtbar machen und zusätzlich Stellenanzeigen veröffentlichen, die entsprechend eingebettet und positioniert sind.

Islamische Zeitung: Es gibt unterschiedliche Branchen, stark abweichende Betriebsgrößen, verschiedene Betriebstypen. Es gibt Unternehmen wie große Konzerne, die global aktiv sind, und andere Firmen, die nur regional arbeiten. Gibt es Branchen oder Betriebsarten, die es Muslimen eher leichter machen als der Rest?

Fuad Harzallah: Ja, auf jeden Fall. In klassischen Büro- oder Corporate-Umfeldern gibt es in der Regel mehr Möglichkeiten, bestimmte Rahmenbedingungen zu schaffen – zum Beispiel durch die Nutzung eines Meetingraums oder eines ruhigen Bereichs für das Gebet.

In anderen Bereichen, wie etwa im Handwerk oder in der Dienstleistungsbranche mit viel Außeneinsatz, sind die Gegebenheiten natürlich anders.

Trotzdem geht es aus meiner Sicht nicht darum, sofort perfekte Lösungen zu erwarten, sondern zunächst um ein grundlegendes Verständnis dafür, dass dieses Thema überhaupt relevant ist.

Der erste Schritt ist Sichtbarkeit und Dialog – sowohl auf Arbeitgeber- als auch auf Arbeitnehmerseite. Und selbst in Bereichen, in denen bestimmte Dinge schwerer umzusetzen sind, geht es darum, gemeinsam nach praktikablen Lösungen zu suchen.

„Viele Unternehmen bieten bereits Möglichkeiten an“

Islamische Zeitung: Ich würde gerne kurz in die Geschichte zurückkehren. Die Vorstellung, Muslime würden etwas völlig Neues auf dem Arbeitsmarkt einbringen, stimmt ja so nicht. Wir hatten in Deutschland die großen Anwerbungen ab den 1960er-Jahren. Ich erinnere mich, wie ich Anfang der 1990er Jahre mal in einer Moschee des Münchener MAN-Werks war. In Rüsselsheim gab es mindestens eine eigene Moschee für die Arbeiter. Dass sich größere Unternehmen auf die Bedürfnisse von Muslimen einstellen, ist keine völlig neue Sache, oder?

Fuad Harzallah: Ja, das stimmt – solche Beispiele gab es schon früher, und es gibt sie auch heute noch.

Gleichzeitig hat sich die gesellschaftliche Realität weiterentwickelt. Wenn man sich den Bevölkerungsanteil anschaut, sieht man, dass heute etwa jede 15. Person in Deutschland muslimisch ist. Und es betrifft nicht nur Muslime, sondern generell Menschen, die ihren Glauben im Alltag praktizieren möchten.

Viele Unternehmen bieten bereits entsprechende Möglichkeiten an.

Was aus meiner Sicht jedoch oft fehlt, ist eine breitere Transparenz darüber – und ein ganzheitlicher Blick auf das Thema. Denn es geht nicht nur um einzelne Aspekte wie Gebetsmöglichkeiten. Es betrifft auch Fragen wie: Wie werden Menschen im Bewerbungsprozess wahrgenommen? Welche Erfahrungen machen Frauen mit Hijab im Berufsalltag?

Das Thema ist insgesamt vielschichtig – es geht um Rahmenbedingungen, Wahrnehmung und gelebte Unternehmenskultur. Und genau in diesen Bereichen gibt es weiterhin Unterschiede

Islamische Zeitung: Wir haben Reportagen dazu gemacht und in den letzten 20 Jahren viele Leute interviewt. Dabei sind uns unterschiedliche individuelle Strategien begegnet, wie Menschen ihre Arbeit und ihre religiöse Praxis am Arbeitsplatz in Einklang bringen. Wenn man ein Spektrum entwirft, gibt es einen Anteil von Leuten, die echte Probleme haben – aber das waren oft Firmen, bei denen das Betriebsklima insgesamt gestört war. Am anderen Ende hat man eine Minderheit, bei der alles gut läuft. Die Mehrheit der Menschen, mit denen wir gesprochen haben, sagte: „Ich komme da so durch.“ Sie schaffen ihre Gebete, und jemand ohne Kundenkontakt rollt dann zum Beispiel um 13:15 Uhr kurz seinen Gebetsteppich aus. Von vielen habe ich gehört, dass es „irgendwie immer geht“. Kannst du das bestätigen?

Fuad Harzallah: Ja und nein. Bei mir persönlich ging es. Es gibt Berufe, in denen es sehr gut funktioniert. Und da wir eine Bewertungsplattform sind, erreichen uns auch viele Rückmeldungen.

Man hört von Arbeitnehmern, die auf der Arbeit gebetet haben und daraufhin gekündigt wurden. Offiziell lautet der Kündigungsgrund nicht „wegen des Gebets“, da das rechtlich so nicht möglich ist. Aber mit Blick auf das Umfeld und die Situation erkennt man, dass diese Person im Unternehmen nicht erwünscht war, weil sie glaubensorientiert war und sich die Zeit für das Gebet nehmen wollte.

Oder es geht um Mitarbeiterinnen, die vorher keinen Hijab getragen haben und dann damit anfangen. Wir sprechen mit vielen Frauen, die Diskriminierung erleben, nachdem sie das Kopftuch tragen. Sie werden mit anderen Augen gesehen, ihre Qualifikation wird nicht mehr gleich bewertet oder ist kaum erwünscht – obwohl sie hochqualifiziert sind.

Eine Erfahrung, die mir in Erinnerung geblieben ist: Ich habe in meiner Jugend miterlebt, wie am Telefon einer Frau eine Absage erteilt wurde, während ich daneben stand. Sinngemäß hieß es: „Sie sind sehr gut qualifiziert, Ihr Profil passt perfekt – aber wir können uns nicht vorstellen, dass Sie als Dozentin vorne stehen und unterrichten.“

Das ist mir später, im Kontext von Deen@Work, wieder bewusst geworden. Genau solche Fälle gibt es – und oft werden sie nicht offen angesprochen oder offiziell sichtbar.

Islamische Zeitung: Gehen wir davon aus, dass eine Person ihre Firma nicht unbedingt verlassen möchte. Wie gesagt, oft kommt es ja zum Streit, weil das Betriebsklima insgesamt schlecht ist – unfähige Betriebsführung, gestörtes Verhältnis von Angestellten und Chef. Was würden Sie jenen raten, die sich nicht sofort etwas Neues suchen wollen? Was ist aus Ihrer Sicht der beste Weg – ebenfalls arbeitsrechtlich gedacht – zu einer Konfliktbeilegung? Wie kann eine Lösung aussehen zwischen dem, was der Arbeitnehmer möchte, und dem, was die Geschäftsführung bereit ist zu tun?

Fuad Harzallah: Das Feld ist breit. Deen@Work fokussiert sich nicht nur auf Bewerber und Jobs, sondern vor allem auch darauf, Mitarbeitende abzuholen, die bereits in der Firma sind, und ihnen zu zeigen, dass es glaubensfreundliche Arbeitsumfelder gibt.

Wenn ich als Mitarbeiter in einem Unternehmen bin und die Ausgangslage habe, dass bestimmte Kriterien nicht erfüllt werden – etwa, dass ich mir keine Zeit für das Gebet nehmen kann oder als Frau mit Hijab anders behandelt werde –, ist der erste Weg immer der Dialog.

Es ist wichtig, Kollegen zu suchen, die ähnliche Herausforderungen haben, und gemeinsam das Gespräch mit dem nächsthöheren Vorgesetzten zu suchen.

Ein Beispiel: Wenn ich eine Möglichkeit haben möchte, auf der Arbeit zu beten, und aktuell nur auf ungeeignete Orte ausweiche, kann es ein gemeinsames Anliegen sein, dafür einzutreten, dass es einen stillen Raum gibt.

Erlebe ich als Frau mit Hijab Diskriminierung, kann ich mich an den Betriebsrat wenden und mir dort Unterstützung holen. Es gibt zudem zahlreiche externe Beratungsstellen, die in solchen Situationen unterstützen.

Islamische Zeitung: Wenn alle Stricke reißen: Wir leben ja in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Es gibt keinen Boom, kein großes Wirtschaftswachstum. Würdest du dann trotzdem dazu raten: „Wenn du dein Deen nicht leben kannst, dann such dir eine andere Stelle“?

Fuad Harzallah: Das ist ein sehr wichtiger Punkt, den du ansprichst. Ja, ich würde mich in solchen Fällen nach Stellen umschauen, die glaubensorientiert sind – vor allem dann, wenn es mir sehr wichtig ist und meine Produktivität, Zufriedenheit und langfristige Weiterentwicklung in dieser Firma nicht gegeben sind. In der aktuellen wirtschaftlichen Lage kommen weitere Faktoren hinzu.

Ein wichtiger Punkt ist jedoch: Arbeitgeber, die zeigen, dass sie glaubensfreundlich sind oder ein solches Umfeld bieten, haben Mitarbeitende, die sich wohlfühlen.

Ich bekomme viele Rückmeldungen von Menschen, die ihre Firma gar nicht wechseln möchten, weil das Umfeld glaubensfreundlich ist – weil sie beten können, den Hijab tragen können und sich als Teil der Belegschaft fühlen.

Allein aus ökonomischer Sicht erspart sich ein Unternehmen dadurch erheblichen Aufwand und Kosten bei der Neubesetzung von Stellen sowie bei der Motivation von Mitarbeitenden, weil diese sich in ihrem Arbeitsumfeld wohlfühlen.

Bevor die Leute „innerlich kündigen“

Islamische Zeitung: Manager, BWLer, Wirtschaftsingenieure beschreiben alles gerne in Zahlen. Gibt es bspw. aus dem englischsprachigen Raum Studien bzw. Daten, die zeigen, dass, wenn eine Firma sich korrekt verhält und einen gewissen Freiraum gewährt, Produktivität, Mitarbeiterbindung bzw. wirtschaftlicher Erfolg steigen?

Fuad Harzallah: Mitarbeiter können innerlich bereits gekündigt haben, bevor sie es offiziell tun. Das kostet das Unternehmen schon vorab Produktivität und führt oft dazu, dass die Person irgendwann ganz ausscheidet.

Es gibt verschiedene Berichte dazu. Studien zeigen, dass die Kosten für die Neueinstellung eines Mitarbeiters schnell mehrere tausend Euro betragen können – je nach Position auch deutlich mehr. Weitere Untersuchungen gehen davon aus, dass bis zu 30 % des jährlichen Gehalts eines Mitarbeiters bei einer Neubesetzung anfallen können.

Man muss sich nur vorstellen: Jemand kündigt, ist in den nächsten Monaten weg, eine andere Person muss eingearbeitet werden. Unternehmen investieren dabei viel in Stellenanzeigen, Employer Branding und die Gewinnung neuer Talente. Hier geht es schnell um Summen, die sich innerhalb weniger Monate auf ein Jahresgehalt belaufen können.

Foto: Freepik.com

„Stärkere Vernetzung muslimischer Unternehmer“

Islamische Zeitung: Die Rolle von Unternehmern, Start-up-Gründern, oder allen, die ökonomisch was auf die Beine stellen, wurde in den letzten Jahren in der muslimischen Community nicht betont. Natürlich wünschen sich viele Eltern, dass ihre Kinder BWL studieren bzw. Geschäftsleute werden, aber die mögliche Funktion wirtschaftlich tätiger Menschen ist eher unterbewertet. Welche positive Rolle können sie für die Community künftig spielen?

Fuad Harzallah: Im Kontext von Deen@Work geht es darum, dass Arbeitgeber zeigen: Bei uns sind alle willkommen. Es bleibt nicht bei einer Charta auf der Website, sondern es geht darum, Menschen einzustellen – unabhängig davon, ob sie religiös leben oder nicht – und sie als Teil des Teams zu verstehen.

Allein dadurch, dass Unternehmen diese Vorbildfunktion einnehmen und zeigen, wie es in der Praxis funktionieren kann, werden bestimmte Werte sichtbar. Weitere Arbeitgeber können das aufgreifen oder selbst umsetzen, wenn sie es bei anderen sehen.

Gleichzeitig sehen wir in den letzten Jahren eine stärkere Vernetzung muslimischer Unternehmer. Sie zeigen, dass wir ein Teil der Gesellschaft sind und uns aktiv einbringen.

Mit unserem Verhalten, unseren Werten und auch im Umgang mit Themen wie Nachhaltigkeit wirken wir sowohl in die Community hinein als auch in die Gesellschaft insgesamt.

Islamische Zeitung: Lieber Fuad Harzallah, wir bedanken uns für das Gespräch.

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