Die Auseinandersetzung mit Freiheit, Verantwortung, Gott und Welt ist dabei keine Angelegenheit einzelner Kulturen oder Traditionen, sondern berührt grundlegende menschliche Erfahrungen.
„Ohne göttliche Begeisterung vermag niemand Gott zu erkennen oder von Gott zu reden.“ (Schelling)
„Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.“ (Goethe)
(iz). Für Muslime in Europa eröffnet die deutsche Geistesgeschichte einen reichen Denkraum, der dazu einlädt, eigene Fragen neu zu stellen und vertieft zu durchdenken. Die Auseinandersetzung mit Freiheit, Verantwortung, Gott und Welt ist dabei keine Angelegenheit einzelner Kulturen oder Traditionen, sondern berührt grundlegende menschliche Erfahrungen.
Gerade deshalb liegt in der Begegnung mit Denkern wie Friedrich Schelling und Johann Wolfgang von Goethe eine besondere Chance. Ihre Gedanken sind nicht nur als kulturelles Erbe zu betrachten, es ist nötig, sie geistig zu durchdringen und in das eigene Nachdenken einzubeziehen.
Schelling ist für Muslime nicht deshalb interessant, weil er zufällig Parallelen zum Islam aufweist, sondern weil er in der Sache das betreibt, was die klassische islamische Geistesgeschichte als Kalam kennt: eine rationale, verantwortungsbewusste Durchdringung von Freiheit, göttlichem Handeln und menschlicher Schuld.
Seine Freiheitsphilosophie versucht, das Verhältnis von göttlicher Schöpfung und menschlichem Willen so zu denken, dass weder Gott zum Urheber des Bösen wird noch der Mensch seiner Verantwortung entkommt. Wer die Diskussionen der Mutakallimun kennt, erkennt hier keine Fremdheit, sondern eine strukturelle Verwandtschaft in einer anderen Sprache.

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Freiheit: eine geistige Wahlverwandtschaft
Goethe wiederum ist für Muslime von anderer, aber nicht geringerer Bedeutung. Er betreibt keine Theologie und kein System, doch seine Denk- und Lebenshaltung erinnert in vielem an das, was im Islam Tasawwuf genannt wird: eine Form geistiger Disziplin, die Einheit nicht behauptet, sondern erfährt und Wahrheit nicht fixiert, sondern lebt.
Goethes Beharren darauf, dass Idee und Wirklichkeit sich nur im Anschauen und in der Tat wirklich berühren dürfen, entspricht einer spirituellen Ethik der Zurückhaltung, die auch den großen Sufis vertraut ist. Erkenntnis ist hier kein Besitz, sondern ein Zustand, keine Erklärung, sondern eine Haltung.
Schelling und Goethe markieren damit zwei komplementäre Wege, die für Muslime heute von besonderer Bedeutung sind: Der eine denkt Freiheit und Verantwortung begrifflich bis in die Tiefe durch, der andere bewahrt die Einheit des Wirklichen vor vorschneller Festlegung. Zwischen Kalam und Tasawwuf, zwischen begrifflicher Klärung und gelebter Innerlichkeit, eröffnet ihr Denken einen Raum, in dem muslimisches Selbstverständnis in Europa nicht defensiv, sondern dialogisch und souverän Gestalt gewinnen kann.
Wenn Denken Verantwortung berührt
Ausgehend von dieser doppelten Verwandtschaft lässt sich erkennen, dass Goethe und Schelling weniger Gegensätze darstellen als zwei unterschiedliche Weisen, mit derselben Grundfrage umzugehen.
Ihre Nähe im Ausgangspunkt und ihre Verschiedenheit im Umgang mit Freiheit, Verantwortung und Einheit machen sichtbar, wo philosophische Klärung notwendig ist und wo geistige Zurückhaltung geboten bleibt. In dieser Spannung entfaltet sich das Gespräch, in dem sich deutsche Klassik, Idealismus und islamische Geistesgeschichte auf unerwartet fruchtbare Weise berühren.
Die Frage nach dem Bösen ist nie nur eine theoretische. Sie berührt unser Bild vom Menschen, von Gott und von Verantwortung. Wer das Böse erklärt, greift tief in das moralische Selbstverständnis einer Kultur ein. Gerade deshalb lohnt es sich, diese Denktraditionen miteinander ins Gespräch zu bringen, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen.
Im Kern sind Goethe und Schelling von einer gemeinsamen Überzeugung getragen: Die Welt ist nicht sinnlos, Freiheit ist real, und der Mensch ist verantwortlich. Doch sie gehen unterschiedlich damit um, wie weit diese Überzeugung begrifflich und metaphysisch ausgesprochen werden darf.

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Goethes Grenze, Schellings Tiefe
Goethe steht für eine Haltung der Zurückhaltung. Er ist überzeugt von einer inneren Einheit von Idee und Wirklichkeit, aber er setzt ihr klare Grenzen. Idee und Erscheinung treffen sich für ihn nur im Höchsten und im Gemeinsten: im anschauenden Erleben einer Einheit und in der Tat, also im verantwortlichen Handeln.
Auf den mittleren Stufen – in Theorie, System und metaphysischer Erklärung – trennen sie sich. Dort, wo Begriffe die Erscheinung überholen, sieht Goethe eine Gefahr. Nicht weil er die Idee leugnet, sondern weil er fürchtet, dass Erklärung das ersetzt, was eigentlich gelebt und verantwortet werden muss.
Diese Haltung erklärt auch Goethes Distanz gegenüber Schellings Freiheitsphilosophie. Schelling teilt Goethes Grundintuition einer lebendigen, sinnhaften Wirklichkeit. Auch für ihn ist Freiheit real, und auch für ihn ist das Böse nicht bloß ein Mangel oder ein Irrtum.
Doch Schelling geht einen Schritt weiter als Goethe: Er versucht, die Möglichkeit des Bösen ontologisch zu begründen. Freiheit ist bei ihm so beschaffen, dass sie notwendig die Möglichkeit des Guten und des Bösen enthält. Das Böse wird nicht von Gott gewollt, sondern durch den freien Willen des Menschen verwirklicht, aber seine Möglichkeit ist metaphysisch abgesichert.
Genau hier setzt Goethes Unbehagen ein. Seine Sorge ist nicht, dass Schelling das Böse dem Menschen zuschreibt. Darin stimmen beide überein. Seine Sorge ist, dass das Böse erklärbar wird und dass es einen Grund in Gott erhält. Was erklärt wird, so fürchtet Goethe, verliert etwas von seiner Unbedingtheit.
Schuld droht, vom Handeln ins Sein verschoben zu werden. Goethe will, dass das Böse nackt bleibt: als Tat, Verfehlung und Verantwortung. Es soll nicht bloß als ontologisch verständliche Notwendigkeit angesehen und dadurch banalisiert werden.

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Kalam als verantwortete Tiefe
An diesem Punkt tritt die islamische Kalam-Tradition in das Gespräch und verschiebt die Perspektive. Die klassischen Kalam-Gelehrten vertreten eine Position, die bemerkenswert nahe an Schelling liegt und zugleich Goethes Sorge ernst nimmt.
Sie sagen: Gott ist der Schöpfer aller Handlungen, auch jener, die wir böse nennen. Doch der Mensch ist der Wollende, der Erwerber seiner Tat. Gott erschafft eine Handlung nicht unabhängig vom Menschen, sondern entsprechend der Willensrichtung, die der Mensch frei wählt. Das Böse geht vom Menschen aus, auch wenn es als Wirklichkeit von Gott geschaffen wird.
Damit wird eine klare Unterscheidung eingeführt: zwischen ontologischer Ermöglichung und moralischer Zuschreibung. Gott bleibt gerecht und gut, weil Er das Böse nicht um seiner selbst willen will. Der Mensch bleibt voll verantwortlich, weil er es frei intendiert.
Die metaphysische Tiefe dient hier nicht der Entlastung des Gewissens, sondern der Absicherung der Freiheit. Schuld wird nicht erklärt, um sie zu entschuldigen, sondern um sie überhaupt erst sinnvoll zuschreiben zu können.
In diesem Licht erscheint Goethes Sorge verständlich, aber nicht alternativlos. Die Kalam-Tradition zeigt, dass eine metaphysische Begründung der Möglichkeit des Bösen nicht notwendig zur Relativierung von Verantwortung führen muss. Sie zeigt, dass man Freiheit ontologisch ernst nehmen kann, ohne sie ethisch zu unterlaufen. Schelling bewegt sich in einer ähnlichen Richtung, wenn auch mit anderen Begriffen und in einem anderen geistigen Horizont.
Vielleicht lässt sich der Unterschied so fassen: Goethe schützt die Verantwortung, indem er die Grenze des Sagbaren bewacht. Schelling und die Kalam-Theologen schützen sie, indem sie die Tiefe des Seins durchdenken. Beide Wege entspringen derselben Ernsthaftigkeit gegenüber Freiheit und Schuld.
Für eine islamische Gegenwart, die sich weder mit einem platten Determinismus noch mit einer oberflächlichen Moral zufriedengeben will, kann dieses Gespräch fruchtbar sein.
Es erinnert daran, dass Glauben und Denken nicht darin bestehen, das Böse zu erklären oder zu verdrängen, sondern darin, die Freiheit des Menschen so ernst zu nehmen, dass Verantwortung möglich bleibt – vor Gott, sich selbst, den Menschen und der Natur.
Auftakt und Einladung
Die Gedanken in diesem Essay verstehen sich nicht als Abschluss, sondern als Auftakt. Er möchte erste Verbindungslinien sichtbar machen und dazu ermutigen, die hier angedeuteten Zusammenhänge zwischen Goethe, Schelling und der islamischen Tradition weiterzudenken. Die Fragen nach Freiheit, Verantwortung und dem Bösen verlangen nach genauer Lektüre, begrifflicher Schärfe und historischer Tiefe.
Gerade darin liegt eine Aufgabe für Studierende und Forschende an den Universitäten. Die Fragen nach Freiheit, Verantwortung und dem Bösen gehören nicht ins Archiv, sondern ins Zentrum gegenwärtigen Denkens. Sie verlangen nach genauer Lektüre, nach vergleichender Arbeit und nach dem Mut, tradierte Grenzen zwischen sogenannten „europäischen“ und „islamischen“ Denkformen neu zu vermessen.
Wer sich auf diesen Weg begibt, wird nicht nur philosophische Parallelen entdecken, sondern auch lernen, die Eigenlogik der jeweiligen Traditionen ernst zu nehmen.
Das hier eröffnete Gespräch lädt dazu ein, weitergeführt zu werden: in Seminaren, in Abschlussarbeiten, in interdisziplinären Forschungsprojekten. Es bietet die Chance, eine gemeinsame Sprache für Fragen zu entwickeln, die uns alle betreffen, ohne die Unterschiede einzuebnen, die Denken erst fruchtbar machen.
Wir alle sind Teil von etwas Größerem. Wir alle leben, weil Er der Lebendige ist. Alles Lebendige geht von Ihm als Ur-Lebendigen aus. Etwas beitragen zum Leben können wir alle.