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Claim zu Islamfeindlichkeit: Gedenktage alleine reichen nicht!

Muslimfeindlichkeit Islamfeindlichkeit Gedenktag
Foto: CLAIM / Laurent Hoffmann

Islamfeindlichkeit: Der 15. März ist in Berlin in diesem Jahr erstmals offizieller Gedenk- und Aktionstag.

Berlin (iz). Doch aus Sicht von Expertinnen und Experten reicht ein symbolischer Termin allein nicht aus, um den Alltag vieler Musliminnen und Muslime sicherer zu machen. In Politik und Zivilgesellschaft wächst der Druck, den neuen Tag mit konkreten Maßnahmen gegen antimuslimischen Rassismus zu unterfüttern.

Islamfeindlichkeit: UN-Gedenktag mit Ursprung in Christchurch

Der Hintergrund des Datums liegt außerhalb Deutschlands: Die UN‑Generalversammlung hat 2022 den 15. März zum „International Day to Combat Islamophobia“ erklärt. Die Resolution reagiert auf das rechtsterroristische Attentat im neuseeländischen Christchurch 2019, bei dem ein Rechtsextremist 51 Menschen in zwei Moscheen ermordete.

Die UN betonen seitdem, Terrorismus und gewaltbereiter Extremismus dürften nicht einer Religion zugeschrieben werden, und fordern die Staaten auf, Muslime besser vor Hass, Diskriminierung und Gewalt zu schützen.

Berlin hat diesen Impuls aufgegriffen und den 15. März – in Ergänzung zum zivilgesellschaftlich etablierten 1. Juli, dem Gedenktag – als eigenen Gedenk‑ und Aktionstag eingeführt. Ein entsprechender Beschluss im Abgeordnetenhaus verpflichtet den Senat, das Thema in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen und den Austausch mit Moscheegemeinden gezielt zu suchen.

Alarmierende Zahlen zu antimuslimischem Rassismus

Die aktuelle Jahresbilanz der Melde‑ und Informationsstelle Report! Berlin, die von der Allianz CLAIM getragen wird, zeichnet ein deutliches Bild einer strukturellen Problemlage. Für 2024 wurden in der Hauptstadt 644 muslimfeindliche Übergriffe und Diskriminierungen dokumentiert – ein Anstieg von mehr als 68 Prozent gegenüber 2023 mit 382 Fällen. Statistisch sind das fast zwei Vorfälle täglich in Berlin.

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Auch die polizeiliche Statistik zur politisch motivierten Kriminalität weist keinen Rückgang aus. Bis zum 31. Dezember 2025 registrierten die Behörden 172 islamfeindliche Straftaten, bereits mehr als im Vorjahr mit 166 Fällen nach Nachmeldungen. Fachleute gehen von einem erheblichen Dunkelfeld aus, weil viele Betroffene Vorfälle nicht melden oder diese im institutionellen Alltag gar nicht erst als rassistische Taten erkannt werden.

​Studien bestätigen den gesellschaftlichen Nährboden für solche Verbrechen. Der Berliner Monitor kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Einwohner antimuslimischen Aussagen zustimmt.

Auf Bundesebene zeigt die EU‑Grundrechteagentur (FRA), dass 68 Prozent der befragten Musliminnen und Muslime in Deutschland bereits rassistische Diskriminierung erfahren haben – einer der höchsten Werte im europäischen Vergleich.

Aktuelle Erhebungen wie der Motra‑Monitor verweisen zudem auf einen bundesweiten Anstieg muslimfeindlicher Einstellungen: 43 % der Bevölkerung teilen laut Studie antimuslimische Haltungen, knapp 29 % vertreten eine manifeste Muslimfeindlichkeit.

AfD demos

Foto: Shutterstock.com

„Keine Einzelfälle, sondern Alltag“

Für CLAIM ist damit klar, dass der neue Gedenktag die Wirklichkeit vieler Leute widerspiegelt, die in Berlin leben, arbeiten oder zur Schule gehen. „Wir sprechen nicht über Einzelfälle, sondern über eine strukturelle Realität – und über den Alltag vieler Menschen in dieser Stadt“, sagte Rima Hanano von CLAIM. Antimuslimischer Rassismus treffe Betroffene auf der Straße, in Bildungseinrichtungen, am Arbeitsplatz und im Kontakt mit Behörden.

Sie knüpft konkrete Erwartungen an den 15. März: Der Tag könne ein wichtiges Signal sein, müsse aber mit politischen Schritten verbunden werden. Genannt werden der bessere Schutz von Betroffenen, der Ausbau von Beschwerde‑ und Antidiskriminierungsstrukturen in Verwaltung und Bildung sowie niedrigschwellige Beratungs‑ und Meldestellen.

Ebenso fordert CLAIM eine konsequentere Erfassung und Strafverfolgung von Hasskriminalität, um aus Einzelfallberichten belastbare Strukturen der Prävention und Intervention zu entwickeln.

Foto: Wolfgang Staudte | Lizenz: CC-BY-NC 2.0

Mit Blick auf die Berliner Wahlen im September verweist das Projekt auf die wirtschaftlichen Folgen eines aufgeheizten Klimas. Wer die Hauptstadt als offene, vielfältige Metropole stärken wolle, müsse das Phänomen ernst nehmen – Engagement gegen Rassismus sei zugleich menschenrechtliche Verpflichtung und Teil einer Standortpolitik, die im Zeichen des Fachkräftemangels um qualifizierte Zuwanderung wirbt.

Wie sich antimuslimischer Rassismus im Alltag konkret äußert, zeigt eine Reihe von Fällen, die Report! Berlin für 2025 dokumentiert hat.

– Im Februar wurden am S‑Bahnhof Grünau zwei Mädchen im Alter von 14 und 16 Jahren am Kopftuch gezerrt, geschlagen und mit einem Messer verletzt.

– Im März erhielt eine Moschee in Neukölln ein Drohschreiben mit Gewaltaufrufen gegen Musliminnen und Muslime.

– Im Dezember wurde eine 65‑jährige Kopftuchträgerin am U‑Bahnhof Gesundbrunnen rassistisch beleidigt, bespuckt und zu Boden gestoßen.

Muslimfeindlichkeit

Foto: Dirk Enters/CLAIM

Zwischen Signalpolitik und Verpflichtung

In der Hauptstadtüolitik gilt der neue Gedenk‑ und Aktionstag vielen als überfälliges Signal an die rund eine halbe Million Musliminnen und Muslime in der Stadt. Nach Darstellung der Regierungsfraktionen soll der 15. März Schulen, Kultureinrichtungen, Medien und andere Akteure einladen, sich intensiver mit antimuslimischem Rassismus auseinanderzusetzen und entsprechende Bildungs‑ und Dialogformate zu entwickeln.

Gleichzeitig begleitet die Einführung des Tages eine Debatte darüber, wie konsequent der Senat die eigene Verpflichtung umsetzt. Während zivilgesellschaftliche Organisationen seit Jahren auf eine systematische Erfassung und Auswertung antimuslimischer Vorfälle drängen, bleibt die Implementierung umfassender Maßnahmen in Verwaltung und Sicherheitsbehörden vielerorts unvollständig.

Auch innerlinke Kontroversen über die Zusammenarbeit mit bestimmten Moscheegemeinden oder Trägern zeigen, dass praktische Antirassismusarbeit immer wieder politische Konfliktlinien berührt.

​Dennoch sehen Organisationen wie CLAIM im 15. März eine Chance, Themen auf die Tagesordnung zu setzen, die andernfalls leicht marginalisiert würden. „Es muss sich viel tun, damit Rassismus jeglicher Art nicht immer weiter zunimmt“, sagt Hanano und knüpft an die Forderung der UN an, dass der Gedenktag mehr sein soll als ein jährliches Ritual.

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