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Interview: Warum heute noch Literatur?

Ausgabe 359

literatur
Foto: Ahmet Aydin

IZ-Begegnung mit dem Literaturwissenschaftler, Autor und Referenten Ahmet Aydin über die anhaltende Relevanz der Weimarer Klassik und warum die Person des Autors wichtig bleibt.

(iz). Im Sommer 1995 erschien die erste von mittlerweile 359 Ausgaben der „Islamischen Zeitung“ – damals produziert von einer Gruppe begeisterter junger Muslime in der Klassikerstadt Weimar. Von Beginn an setzten wir auf die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe Deutschlands und Europas. Goethe, Schiller und das ganze Phänomen jenes Ortes standen für uns nicht nur räumlich am Anfang.

Von nichtmuslimischer Seite wurde das zunächst bespöttelt, dann kritisiert, bis sich die Erkenntnisse von Fachleuten wie Von Arnim und Mommsen verbreiteten. Heute ist Goethes Arbeit über den Islam nicht mehr zu leugnen.

Von muslimischer Seite wurde die IZ anfangs dafür belächelt. Zum einen war es für sie in den 1990er und frühen 2000er Jahren nicht immer nachvollziehbar, warum man Weimar als Symbol positiv besetzen wollte. Zum anderen wurde der Redaktion in den vergangenen 10-20 Jahren vorgeworfen, mit dem Thema „Deutschtümelei“ zu betreiben, eurozentrisch zu sein oder wichtigere Fragen zu ignorieren.
Wie relevant eine andere, konstruktive Herangehensweise ist, zeigen die „Kulturkämpfe“ der letzten Jahre sowie der weltweite Aufstieg völkischer Narrative; Phänomene, die Denker und Schriftsteller von Goethe über Rilke bis Thomas Mann gewiss grundsätzlich ablehnen würden.

Die „Islamische Zeitung“ hat diese Beschäftigung nie als „goetheanischen“ Selbstzweck betrieben, sondern war vom Gedanken geleitet, dass sich kulturalistische Missverständnisse in der Auseinandersetzung von Europäern mit dem Islam dadurch mindern ließen, wenn man deren Weite und Offenheit für das Phänomen freilegt.

Im Folgenden dokumentieren wir Auszüge aus einem längeren Gespräch mit unserem Autor Ahmet Aydin. Der vor 33 Jahren in der Lessingstadt, Wolfenbüttel, geborene Literaturwissenschaftler und Speaker-Poet begeistert sich seit seinem 16. Lebensjahr für Dichtung, Literatur, ihre Vermittlung und das Schreiben.

In dieser Funktion hat er diverse Seminare gegeben. Diese bietet er kundenorientiert auch jugendlichen Muslime an, die er auf sie zugeschnitten an das poetische Erbe der europäischen und der islamischen Kulturen heranführt.

Aydin ist unter anderem auf Instagram (@westoestlicherpoet) und X (@westostPoet) präsent und beschäftigt sich mit den Themen Kultur, Kommunikation und Kreativität.

Spielt Literatur heute eine Rolle?

Islamische Zeitung: Spielt Literatur heute eine Rolle? Gibt es in diesem Moment weiterhin Menschen, die sich von einem Text in Wallung bringen lassen – wie es über die frühen Araber oder Griechen berichtet wurde?

Ahmet Aydin: Was wir verkennen, ist, dass es in der Vergangenheit oft so war, dass herausragende Bücher erst einmal nichts veränderten und prägten. Shakespeare hat als Dramatiker die Welt beeinflusst. Aber so, wie wir ihn heute kennen, ist er ein Produkt der deutschen Sturm und Drang-Bewegung. Schiller, Goethe und Herder haben ihn großgemacht und in Deutschland entdeckt. Danach wurde er für England wieder interessanter.

Wir denken oft, dass Texte die Welt revolutionierten. Eine meiner Thesen lautet, nicht diese Titel haben das getan, sondern die Art und Weise, wie sie und ihre Ideen vermarktet und inszeniert wurden. Was man damals mit einem Buch gemacht hat, ist heute mit YouTube, TikTok oder Instagram möglich. Es gibt so viele Kanäle, auf denen jemand sich inszenieren und Ideen voranbringen kann.

Hier wird die Frage interessant: Was ist wichtiger, das eigentliche Produkt oder meine Fähigkeit, es an den Mann zu bringen? Schiller bspw. hat sich radikal inszeniert. Er hat die Gedichte von Bürger in einer Rezension zerschmettert, um sich in Szene zu setzen.

Goethe selbst war nicht nur Autor, sondern eben zusätzlich Finanzberater, also zeitweise Wirtschaftsminister, musste eine Währung bewerten usw. Er suchte Sponsoren, die er überzeugen wollte, um Steuern niedrig zu halten. Nur eine Minderheit seiner Bücher waren anfänglich „Bestseller“. Trotzdem entfalteten sie extreme Wirkung.

Foto: pict rider, Adobe Stock

Islamische Zeitung: Friedrich Nietzsche bezeichnete Goethe, den er bewunderte, in Hinblick auf die Deutschen als ein „Ereignis ohne Folgen“. Er warf ihnen damit vor, dessen Vorbild nicht aufgegriffen und weitergeführt zu haben. Und heute wird die „Kultur“ häufig benutzt, um sie in Abgrenzung von Muslimen als Monstranz vor sich herzutragen. Wie real sind diese Symbole?

Ahmet Aydin: Was Nietzsche über ihn und seine Wirkung in der Heimat sagte, stimmt definitiv. Es scheint hier so zu sein. Allerdings hatte er einen Effekt in den Vereinigten Staaten oder England, wo er bspw. vom US-amerikanischen Transzendentalismus um Emerson aufgegriffen wurde. Dieser meinte über den Dichter, er habe die moderne Existenz in Poesie gekleidet.

Und ich füge gerne hinzu, an Deutschland ging das so aber leider vorbei. Um es mit Goethe zu sagen, der selbst verallgemeinerte: Die Deutschen konnten die Philisterei nicht loswerden. Was hieß das für ihn? Von anderen zu verlangen, dass sie so denken wie ich. Aber auch, sich nicht für Dinge begeistern zu können, weil das naiv sei.

Was kann er uns heute geben? Eine gelungene Lebensführung, die sich einerseits den Künsten widmet und andererseits mitten im Leben steht. Er war sich Dingen wie dem manchmal schwierigen Umgang mit Verlegern, der Bedeutung von Infrastruktur oder der Verwaltung von Finanzen bewusst.

Der Autor als Kritiker der eigenen Verhältnisse

Islamische Zeitung: Harsche Kritik an den eigenen Verhältnissen ist in dieser Kultur nicht unbekannt. Viele kennen den berühmt-berüchtigten Beginn des „Hyperion“ von Hölderlin „Und so kam ich unter die Deutschen…“. Geht bei der Beschäftigung mit Dichtern und Denkern unter, dass diese ihre Umstände kritisch sahen?

Ahmet Aydin: Hölderlin wurde übrigens für diese Worte scharf kritisiert. Andere vor ihm haben ähnlich gedacht. Wieland hat Vergleichbares geschrieben. Die Großen aus dieser Phase waren sich darin einig. Alle benutzten in ihren Briefen Beschreibungen Begriffe wie „Barbaren“.

Was war damit gemeint? Nicht, dass Deutschland per se oder in Gänze barbarisch ist bzw. war. Sondern, dass diese Barbarei eine Möglichkeit des Menschen ist. Würde man bspw. Goethe heute kennenlernen, könnten wir von ihm profitieren. Praktisch hieße das, mit Person unterschiedlichster Herkunft und Abstammung respektvoll umzugehen.

Er hat es geliebt, inmitten der Bevölkerung zu sein und sie zu beobachten. Ebenso war sein Verhältnis zur Religion. Er konnte mit dem Christentum, wie es ihm vermittelt wurde, kaum etwas anfangen; und wahrte gleichzeitig Achtung und Würde vor religiösen Menschen.

Er hatte viele Facetten: Einerseits kritisierte er die zeitgenössischen Deutschen, räumte andererseits ebenso ein, dass der Begriff „Vaterland“ auch bei ihm Gefühle auslöst.

Was viele nicht wissen: Goethe hat sich aktiv am Aufbau einer intellektuellen und akademischen Landschaft der damaligen Zeit beteiligt. Er hat, wenn man so sagen möchte, Elitenförderung betrieben und Menschen angezogen. Er zog Herder nach Weimar; Fichte, Schelling usw. nach Jena,  Durch ihn kam Schiller in die Universitätsstadt, der seinerseits andere Geister anzog.

Islamische Zeitung: Und jetzt zur Gegenwart. Wie sieht seine Relevanz im 21. Jahrhundert aus?

Ahmet Aydin: Derzeit haben über 20 % aller Menschen auf dem Arbeitsmarkt einen Zuwanderungshintergrund. Wie soll man sich in solch einer Lage miteinander umgehen? Wir können Führungskräfte hier ihre Mitarbeiter gut anleiten?

Da ist Goethes Denken ein Beispiel, wie es funktionieren kann. Sein Denkstil sorgt dafür, dass im Büro eine schönere Atmosphäre ist und Menschen respektvoller miteinander umgehen. Aber dazu muss man ihn erst mal kennenlernen und begreifen. Zu diesem Zweck sollte man ihn kennen und verstehen.

Weltbevölkerung

Foto: Abigail, Adobe Stock

Wie wichtig ist der Autor?

Islamische Zeitung: Das heißt, die Person des Schriftstellers ist ähnlich wichtig wie sein Werk?

Ahmet Aydin: Definitiv. Er hart seine Schriften nicht als alleiniges Hauptwerk begriffen. Goethe war Teil einer Stadtgesellschaft, agierte am Hof als Freund und Berater von Carl August. Er hatte das Ziel, ihre Kultur und die seines Landes zu bereichern. Regional wirkend hat er bspw. den „Tarquato Tasso“ geschrieben.

Dieser ist nichts anderes als die Beschreibung des Hoflebens inkl. Ratschläge an Herrschende und Autoren. Mit seinem lokalen Schaffen aber setzte er sich in Relation zur Menschheitsgeschichte. Einer der Gründe, warum sich Leute über die Zeiten hinaus für ihn begeistern.

Islamische Zeitung: Das heißt, für Dich muss der Künstler nicht hinter seinem Werk zurücktreten?

Ahmet Aydin: Nur bedingt. Er hat das ja auch getan. Dahinter verschwinden bedeutet hier allerdings, dass ich nicht nur über Themen schreibe, die ausschließlich einen selbst betreffen. Ich denke nicht nur an meine Community oder Filterblase. Andernfalls beschränkt man sich. Einerseits setze ich mich in den Kontext des Ganzen, vergesse andererseits nicht, dass man immer eine eigene Perspektive hat.

Eine reine Objektivität funktioniert nicht. Goethe sprach ja mit Hegel, der seine Antithese und Synthese lobte. Der Weimarer wandte ein, dass solche Methoden nicht dazu missbraucht werden dürften, um das Wahre unrichtig und das Falsche stimmig erscheinen zu lassen. Auch den Einwand des Philosophen, der das als „krank“ bezeichnete, sagte er, man sähe doch, was die Menschen tun.

Um es so zu sagen: Ich kann nicht zurücktreten vom Werk, aber versuche es. Das ist mein aufrichtiges Bemühen.

Islamische Zeitung: Für das Subjekt mag es keine reine Objektivität geben. Als soziales Phänomen in der Annäherung an den Anderen kann es im Sinne vom Common Sense durchaus eine verbindliche Wirklichkeit geben…

Ahmet Aydin: Ja, definitiv. Wenn wir das Thema Führungskräfte nehmen, haben diese verschiedene Mitarbeiter. Wie objektiv kann man in ihrer Bewertung sein? Der Vorgesetzte wird immer seine eigene Perspektive haben. Daher müssen wir uns unseres Verstandes bedienen, um allen gegenüber gerecht handeln zu können.

Goethe hat das selbst in seinem Leben versucht. Obwohl er besonders eng mit Schiller befreundet war, hat er in dessen Streit mit Schlegel versucht, die beiden wieder anzunähern.

Das ist ein Punkt, den wir begreifen müssen. Sein Ansatz hat das Potenzial die Gesellschaft zu vereinen. Das ist nicht romantisch gemeint. Man wird sich aneinander reiben, Ideen gegeneinanderprallen lassen. Ziel muss sein, die überpersönlichen Zustände zu verbessern.

Goethe Divan

Foto: Alexander Johrmann | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Der unbürgerliche Goethe

Islamische Zeitung: Um abschließend beim Mann Goethe zu bleiben. Er stammte aus der bürgerlichen Klasse, pflegte zeitgleich teils einen unbürgerlichen Lebensstil – von der offenen Tafel im Haus am Frauenplan bis zu seiner Beziehung und Ehe mit Christiane Vulpius.

Ahmet Aydin: In seinem Haushalt war es Alltag, dass Besucher bzw. Gäste kamen und gingen. Es gibt eine umfassende und treffende Beschreibung von ihm durch seinen Wetzlarer Freund Johann Chr. Kestner, der ein rationaler Mann war.

Darin heißt es, er habe eine „außerordentlich lebhafte Einbildungskraft“, sei „heftig in seinen Affekten“ und habe eine „edle Denkungsart“. Und jetzt kommt das Entscheidende: Er ist ein Mensch von Charakter. Er tut, was ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es nun gefällt oder nicht.

Ob Mode, oder Lebensart – jeder Zwang war ihm verhasst. Er störte andere nicht in ihren Vorstellungen. Kestner beschrieb ihn mit dem Wort „merkwürdig“. Im damaligen Sprachgebrauch meinte das „bemerkenswert“.

Nein, er hat kein typisch bürgerliches Leben geführt. Dazu gehörte seine zeitweise unübliche „wilde Ehe“ mit Christiane. Zu seiner Zeit war sie schon eine Art Skandal. Schillers Frau war zeitlebens davon skandalisiert; selbst noch, als der Dichter ihr seinen Namen gab.

Für ihn blieb das Menschliche, auch Praktische wichtig. Er hat Kontakt zu den Leuten gepflegt. Auch noch, als er Reichtum und Einfluss besaß. Obwohl man sich im Haus anmelden musste, er hatte ja zu tun, war Besuch immer möglich. Heine war dort, Hölderlin auch. Die Liste seiner Gäste im Laufe der Jahre würde den Rahmen sprengen.

Islamische Zeitung: Lieber Ahmet, vielen lieben Dank für das Gespräch.