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Kunst und Einheit. Das Verhältnis von Kreativität zur göttlichen Einheit

Ausgabe 342

kunst kreativität
Foto: LIGHTFIELD STUDIOS, Adobe Stock

Kunst wird im Islam dann spannend, wenn sie einen Bezug von der Kreativität zur göttlichen Einheit herstellt.

(iz). Von Allah kommen wir und zu Ihm kehren wir zurück. Was wir manchmal vielleicht recht selbstverständlich, manchmal auch vielleicht Anlass bezogen formell von uns geben, ist bei tieferer Betrachtung das ganze Konzept, Auftrag und Inhalt unseres Daseins auf dieser Welt. Von Gernot Galib Stanfel

Die Kapazität unserer Vorstellung kann unmöglich auch nur ansatzweise erahnen oder begreifen, wie oder wer Allah in Seiner ganzen Umfänglichkeit ist. Und das ist nicht nur auf Grund unserer Beschränktheit so, es ist auch der Umstand der völlig gegenteiligen Beschaffenheit unserer selbst im Gegensatz zu Allah.

Illusion

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Kunst betont Allahs Einzigartigkeit

Er ist schon ewig, wir werden gezeugt und geboren. Wir sind nach der Matrix des Propheten Adam geschaffen und gleichen daher einander mehr als wir uns voneinander unterscheiden, Er ist einzigartig und nichts und niemand ist ihm ähnlich.

Am Ende des Qur‘ans, in der letzten Sure vor denen, die uns schützen sollen, erklärt uns Allah das, erklärt Er wer Er ist, wer Er nicht ist. Und wir als die Endlichen, die das zur Kenntnis nehmen, erfahren, wer wir sind und wer nicht.

Und doch – es gibt diesen Teil in uns, der vor uns von Allah geschaffen wurde und mit dem Er mit uns kommuniziert hat „Bin Ich nicht euer Herr“ – und wir haben geantwortet: „Ja“. Wir haben zugestimmt, auch alle die das lesen und der, der es schreibt, zusammen mit allen anderen, die es bereits gegeben hat und noch geben wird.

Es ist Sein Wort, auf das wir geantwortet haben. Und es ist Sein Wort, dass Er uns als endgültige Rechtleitung, durch den am besten und unerreichtesten, die Matrix Adams, Friede sei mit ihm, gefüllt und mehr als die Matrix übertroffen und komplettiert hat.

Foto: openedition.org

Die Rohrflöte – unser Geheimnis sehnt sich nach Rückkehr

Dieser in der Ewigkeit geschaffene Teil von uns, der in die Ewigkeit zurückkehren wird, hat Sehnsucht nach der Erfüllung der Rückkehr. Wie es der Beginn des Opus Magnum des großen Muhammed Dschelaleddin Maulana Rumi, dem „Mathnawi“, im Gedicht über die Rohrflöte beschreibt.

Die Rohrflöte, die uns, weil auch sie Sehnsucht nach dem Ort ihrer Herkunft hat, sentimental klingt und diese Sehnsucht in uns in anzuklingen vermag. Der Klang des Wortes „Iqra“, das der Engel dem Propheten Muhammed, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, als erstes eingegeben hat und das der Prophet, Heil und Segen auf ihm, dann für die Menschen hörbar gemacht hat.

Wie ein Instrument für das göttliche Wort, für das sich der Prophet zur Verfügung gestellt hat und wofür ihn der Engel zweimal drücken musste, damit er völlig leer von allem nicht notwendigen Endlichen war.

Wie die Rohrflöte aus Maulana Rumis Gedicht, die erst zum Rohr gemacht werden muss, indem man sie durchstößt, damit sie sich ganz dem Spieler zur Verfügung stellen kann und das wiedergeben kann, was er ihr einhaucht.

Aus der Widergabe des Wortes, seiner Rezitation, wurden die Rezitationen vieler Sahabis die mit dem Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, lebten, bis sie begannen, die quasi Noten für die Rezitation, die auch gleichzeitig dasselbe physiognomische Tun wie das Singen ist, aufzuschreiben.

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Foto: Arab America Foundation

Aus dem Wort wurde Schrift und Klang

So wurde aus dem Wort die irdische Schrift, wurde aus dem Wort der Klang, wurde aus dem Punkt, von dem Ali Sagt, er war die Wahrheit, aber die Unwissenden haben sie vermehrt, eine Kopie und Vervielfältigung der Punkte selbst, wurden Buchstaben, wurde Schrift.

Auch die Schrift ist Rohr für das Wort und hat ihr Rohr, um sie festzumachen, „Er lehret den Menschen mit dem Schreibrohr, was er nicht wusste“. Der Klang gerinnt durch das Schreibrohr zur Schrift.

Der Islam ist eine Religion des Klanges, nicht der Schrift, denn Schrift ist quasi eingefrorener Klang, der jederzeit durch die Wärme einer menschlichen Stimme, und nur durch diese, wieder lebendig werden kann.

Judentum und Christentum mögen die Schrift, die erzählt, sie lesen, um zu wissen; wir Muslime hören die Schrift, um sie zu hören und zu erleben, um so zu wissen. Aus dem Wort wurde der Klang, der Klang wird gehört.

Sama (Hören) ist der Auftrag. Ist die tiefgehende Meditation der Mevlevi-Derwische und die anderer, spiritueller Traditionen, in der sich der Körper in der Meditation um die eigene Achse dreht, um in einem Moment alle Richtungen zu einer zu machen, zu der, die das Herz, der Wohnstätte Allahs in uns, der Kaaba in uns, so umkreist und sich ihm zuwendet.

Es ist die spirituelle Tradition der Mevlevi, welche die besten Musiker des Islam hervorgebracht hat und welche die Kunst der Musik im Islam maßgeblich geprägt hat.

Foto: Parham Moieni, Unsplash

Aus der Einheit entstand scheinbare Vielfalt

Aus dem Wort wurde Klang, aus dem Punkt wurde Schrift. Aus dem Einen wurde unsere wahrgenommene Vielfalt. Die Vielfalt der Unendlichkeit, welche die Vorstellung vom Paradies prägt, wurde und wird auf den zahllosen bildnerischen und architektonischen Kunstwerken der Muslime seit Jahrhunderten symbolisch wiedergegeben, in Mustern sich wiederholender, spiral- und kreisförmiger Girlanden und Formen.

So ähnlich hatte Goethe auch das Wort des Qur‘ans empfunden, wie er im Vorwort zum „West-Östlichen Divan“ schreibt. Goethe, der sich im reifen Alter an den Weisheiten der muslimischen Poeten und ihrer mehrschichtigen Dichtung orientiert. 

Es ist nicht die verpönte Dichtung die im Qur‘an erwähnt wird, deren Erzeuger sich als Schöpfende inszenieren. Die wirkliche islamische Poesie ist eine Beschreibung des Unbeschreibbaren, der Bewegung der Seele, die den Autor demütig, nur auf seinen Namen beschränken lässt, wie es in vielen spirituellen Gedichten nachzulesen ist.

„Ich“ wird da vermieden, denn „Ich“ ist Angesichts der Gegenwart Allahs schon an der Grenze zum Frevel der Beigesellung. Solch eine tiefgehende Spiritualität hat die klassische islamische Kunst getragen, dass nicht nur die Poeten ihre Person auf den Namen reduziert hatten, sondern dass auch bildende und angewandte Künstler absichtlich einen Fehler in ihr Kunstwerk einbauten, denn niemand kann etwas Perfektes schaffen, außer Allah.

Die Haltung der muslimischen Künstler und ihr Umgang mit der Kunst ist ein demütiger, geprägt vom Akhlaq, dem schönen Verhalten. Denn was kann schöner sein, als der Mensch, der Schönheit lebt? Und „Allah ist schön und liebt die Schönheit“.

Allah liebt den Menschen, den er aus Liebe geschaffen hat. Diese Beziehung zu Ihm ist das Wesen der islamischen Kunst, nicht eine bestimmte Form, Kunstform oder Sprache.

Und doch – eines Tages wird jedes durch den Menschen Geschaffene vergehen. Bleiben werden die Berührungen der Seelen, wenn dies durch die Kunst möglich war und die Seelen ein Stück näher zu Allah gebracht hat. Denn „Alles vergeht, außer Sein Angesicht“, so wird alles wieder zum Punkt zurückkehren, aus dem es gekommen ist.

Auf Deutsch kommt das Wort „Kunst“ von „können“. Muslime konnten seit es den uns bekannten formellen Islam gibt, sich dem Wort Allahs zur Verfügung stellen. 

Auch wenn wir dabei das Risiko in Kauf nehmen, dass Kunst so unberechenbar wie das Leben ist und sich der Kontrolle der Systematiker und Formalisten entziehen muss, mögen wir als Muslime wieder viel mehr den Wert und die essenzielle Wichtigkeit von Kunst und Künstlern schätzen, fördern und davon als Methode in der Lehre und Pädagogik, zur Heilung und Therapie, sowie für alle zur Erbauung und Erhebung der Seele, profitieren.

Ein Kommentar zu “Kunst und Einheit. Das Verhältnis von Kreativität zur göttlichen Einheit

  1. Ein wichtiger Beitrag, der die Verbindung des Künstlers als Kanal für die Schönheit Allahs betont. Und als Konsequenz die Annäherung des Menschen, der sich in seiner Seele von einem Kunsterlebnis angezogen fühlt. Es ist also eine Bewegung von oben nach unten und von unten nach oben. So wird der Künstler in seiner künstlerischen Ausdrucksweise zur Brücke zwischen hier und dort, zwischen Sein und Nicht-Sein, das man zwar nicht sehen, aber mit den Antennen der höheren Sinne spüren kann. Das Können (als Ursprung v. Kunst im Deutschen) ist also das Vermögen des Künstlers, die Seele der Menschen zu berühren. Man denkt an das Gute und Wahre und Schöne – im Ursprungstext der Genesis noch verdichtet in einem einzigen Wort. (TOV). Dieses orientalisch-islamische Verständnis von Kunst und ihrem Verhältnis zur Gesellschaft liegt ein weites Bewusstsein zugrunde, das den eigenen Platz im Universum kennt und in Hingabe akzeptiert, das sich nicht zum Herrscher über die Schöpfung aufschwingt und damit letztlich am Verlust der eigenen Verortung zugrunde gehen muss. Danke für diesen Beitrag . Danke dafür, die Flamme der Schönheit als Wegweisende hochzuhalten in Zeiten der Herausforderung so mancher Verdunkelung. Licht über Licht.

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