Muslimische Autoren bereichern zunehmend die Science-Fiction-Landschaft und schaffen Geschichten, die spekulative Technologie mit eigenständiger Philosophie, Folklore und gelebter Erfahrung verbinden.
(iz). Dieses Subgenre, manchmal auch als „islamische Science-Fiction“ bezeichnet, erforscht Zukunftsvisionen, die von Glauben, kultureller Vielfalt und alternativen Geschichtsverläufen geprägt sind, hinterfragt Stereotypen und erweitert den kreativen Horizont über traditionelle westliche Rahmenbedingungen hinaus. Von Laila Massoudi
Autoren wie Somaiya Daud, Saladin Ahmed und Deena Mohamed nutzen das Genre, um Themen wie Migration, Gerechtigkeit und Identität anzusprechen, wobei sie oft arabische, persische oder südasiatische Einflüsse einfließen lassen.
Ihre Werke hinterfragen die Grenzen zwischen Wissenschaft, Spiritualität und Gesellschaft und bieten nuancierte Visionen von einer Zukunft, in der muslimische Stimmen den technologischen Fortschritt, ethische Dilemmata und interplanetarische Erzählwelten prägen.
Von deutschen bzw. deutschsprachigen AutorInnen wurde dieses Feld bisher kaum bestellt. Jetzt hat N. Alp Uçkan mit „Der Weiße Lammbock“ (im Selbstverlag) einen Anfang gemacht.
„Der Weiße Lammbock“ ist ein politischer Zukunftsroman, der eine dystopische Nah-Zukunft entwirft und diese konsequent als Spiegel gegenwärtiger gesellschaftlicher und technischer Entwicklungen nutzt.
Im Zentrum steht Raschid, ein unspektakulärer, gläubiger Stadtbewohner, der zunächst unauffällig im Raster eines digital gesteuerten Überwachungsstaates funktioniert.
Sein Weg aus der reglementierten Megacity, über den Untergrund der „Crows“ bis hinauf zur verborgenen Berggemeinschaft der „Weisen“, strukturiert den Roman als Initiations- und Bewusstwerdungsgeschichte.

Foto: Szenenbild aus dem 1. Teil von „Dune“, Warner Bros. Entertainment Inc.
Die Welt der Stadt ist dicht und anschaulich gebaut: Social Scores, allgegenwärtige Sensorik, KI-gestützte Verwaltung und militarisierte Polizeieinheiten bilden den selbstverständlichen Hintergrund einer scheinbar stabilen Ordnung.
Besonders gelungen ist, wie das Buch diese Normalität in kleinen Irritationen aufbricht – etwa durch das wiederkehrende Symbol des weißen Lammbocks oder durch die randständigen Figuren, die sich dem System bereits entzogen haben.
Die „Crows“, eine lose Gemeinschaft von Cyberpunks und Aussteigerinnen, sind dabei weniger romantisierte Rebellen, sondern Menschen mit Ecken, Brüchen und eigenen blinden Flecken. Hier gewinnt der Text an sozialer und psychologischer Tiefe.
Mit dem Ortswechsel zum Tal und zur Bergfestung verändert sich die Tonlage merklich. Die „Weisen vom Berg“ leben eine Mischung aus klösterlicher Disziplin, Widerstand und spirituell fundierter Strategiearbeit. Der Roman zeichnet diese Gemeinschaft weder als sektenhaften Erlösungsort, noch sieht er in ihr eine perfekte Gegenwelt.
Er betrachtet sie als ambivalentes Experiment: Hier wird hart gearbeitet, gestritten, gezweifelt – und zugleich wächst eine Kultur, die Spiritualität, Technik und politisches Kalkül miteinander verschränkt.
Raschids Entfernung seines Implantats, das Training, die Einbindung in konkrete Aufgaben und schließlich seine Rolle als Anführer markieren eine nachvollziehbare innere Entwicklung.
Stark ist das Buch immer dann, sobald Technik und Transzendenz direkt aufeinandertreffen: wenn Gebet und rituelle Waschung mitten in einer Hightech-Infrastruktur stattfinden, oder Neuroflux-Fallen und Datencores mit Begriffen von Verantwortung, Opferbereitschaft und jenseitiger Hoffnung verschränkt werden.
Die spirituelle Dimension bleibt dabei nicht abstrakt, sondern ist eng mit Alltag, Körperlichkeit und Gemeinschaftspraxis verbunden. Das unterscheidet den Text von vielen säkularen Cyberpunk-Varianten.
Sprachlich setzt der Roman auf eine Prosa, die vor allem in Natur- und Architekturpassagen überzeugt: das Smogdach der Stadt, das weite Tal im Spät- oder Altweibersommer, die kühle Marmorarchitektur des Bergs bleiben in Erinnerung.
Actionsequenzen – Überfälle, Fluchten, der finale Serverraumeinsatz – sind klar strukturiert und nachvollziehbar, ohne in reine Effektlogik abzurutschen.
N. Alp Uçkan, Der Weiße Lammbock, https://mslmdvlpmnt.com