, ,

Pax Saudiana? Über Riads neue regionale Geopolitik

Ausgabe 368

krieg gaza Palästina israelisch saudi
Foto: GRAPHIC DESIGN BLOG

Saudi-Arabien nutzt die grundlegenden Verschiebungen im Nahen Osten und der US-Außenpolitik, um sich von einem sicherheitspolitischen Abhängigen der USA zu einem eigenständigen Ordnungsakteur zu wandeln.

(iz). Das Königreich will eine neue regionale Sicherheitsarchitektur um seine eigenen Interessen herum baut. Im Zentrum stehen dabei eine strategische Diversifizierung der Partner – von Washington über Peking bis Islamabad und Ankara – sowie der Versuch, durch neue Verteidigungspakte und Entspannungsinitiativen zugleich Abschreckung und Deeskalation zu verbinden.

Über Jahrzehnte basierte saudische Sicherheit auf der impliziten Formel „Öl gegen Schutz“, die seit dem „Mutual Defense Assistance Agreement“ von 1951 die enge militärische Anbindung an die USA institutionalisierte. Luftverteidigung, Geheimdienstkooperation und Rüstungslieferungen wurden zum Rückgrat einer Ordnung, in der Washington ein Garant der Golfmonarchien war und Riad sich außenpolitisch überwiegend reaktiv verhielt.

Foto: en.kremlin.ru

Mit dem schwindenden Vertrauen in die amerikanische Schutzgarantie, nicht zuletzt nach dem Irakkrieg, Syrienkrieg und wahrgenommenen Zaudern in der Golfkrise, wuchs in Riad die Überzeugung, dass das Königreich selbst zum Architekten seiner Sicherheit werden müsse.

Diese Neuverortung manifestiert sich in einer Politik, die Beobachter als „Pax Saudiana“ beschreiben: Riad versucht, Konfliktlinien zu entschärfen, um sich auf die innere Transformation unter Vision 2030 und den Ausbau regionaler Einflusszonen zu konzentrieren. Die von China vermittelte Normalisierung mit Iran, gefolgt von diplomatischen Signalen in Richtung Syrien, Katar und anderen früheren Rivalen, markiert eine Verschiebung von Stellvertreterkonflikten hin zu kontrollierter Koexistenz.

Dahinter steht weniger Idealismus als das Kalkül, dass Deeskalation Kapazitäten für wirtschaftliche Großprojekte, Infrastrukturkorridore und Investitionsoffensiven freisetzt, die Saudi-Arabien im regionalen Machtgefüge unverzichtbar machen sollen.

Parallel zur Entspannungspolitik treibt Riad den Aufbau eines eigenen Sicherheitsnetzwerks voran, das klassische Bündnisse ergänzt und teils ersetzt. Der Verteidigungspakt mit Pakistan, der eine Beistandsklausel enthält und ausdrücklich auf kollektive Abschreckung gegen Angriffe abzielt, verschiebt das Gewicht in Richtung einer stärker muslimisch geprägten Sicherheitsachse, die zugleich Südasien einbindet.

china

Foto: en.kremlin.ru

Die laufenden Gespräche über einen Beitritt der Türkei zu diesem Arrangement, die manche als Keimzelle einer „islamischen NATO“ deuten, verbinden saudische Finanzkraft mit pakistanischem Nuklearpotenzial und türkischer Rüstungstechnologie und NATO-Erfahrung – eine Kombination, die neue Handlungsfreiheit gegenüber Israel, Iran und auch den USA verspricht.

Gleichzeitig verknüpft die Monarchie ihren regionalen Sicherheitsanspruch mit einer globalen Diversifizierungsstrategie. Die Pekinger Vermittlerrolle in der Annäherung an Iran, die Öffnung für russische und chinesische Waffensysteme sowie die Fortführung amerikanischer Kooperation bei Luftverteidigung und Langstreckenfähigkeiten zeigen, dass Riad keinen Bruch, sondern ein „Hedging“ zwischen Großmächten betreibt. 

So versucht das Königreich, die Konkurrenz zwischen Washington, Peking und Moskau in sicherheitspolitisches Kapital zu verwandeln und sich als unverzichtbarer Partner einer multipolaren Ordnung zu präsentieren, in der regionale Verteidigungspakte, Entspannungsabkommen und wirtschaftliche Verflechtung drei Seiten derselben saudi-zentrierten Sicherheitsarchitektur bilden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert