Unsere heutige Ökonomie belastet nicht nur Menschen, sondern auch die Natur. Finden sich Alternativen in der Tradition? (Renovatio). Die Insel Misali, die zum Sansibar-Archipel im Indischen Ozean gehört, ist ein […]
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Unsere heutige Ökonomie belastet nicht nur Menschen, sondern auch die Natur. Finden sich Alternativen in der Tradition? (Renovatio). Die Insel Misali, die zum Sansibar-Archipel im Indischen Ozean gehört, ist ein […]
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Die „islamischen Wirtschaft“: Überlegungen zu den Fallstricken eines unreflektierten Modernisierungsprojekts. (iz). Gelegentlich taucht in meinem Feed eine Flut von Konferenzplakaten auf. „Islamische Wirtschaft“. „Islamisches Finanzwesen“. Wegweisende Referenten. Großartige Themen. Das […]
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(iz). Angriffe auf Tanker, Raffinerien und Gasanlagen von Saudi-Arabien bis Katar, Luftschläge gegen Ziele auf der iranischen Insel Charg sowie immer neue Drohungen haben zentrale Knotenpunkte des Energiehandels verwundbar gemacht.
Der Preis für Rohöl ist deutlich gestiegen und Terminkontrakte signalisieren anhaltende Knappheit. Für eine Weltwirtschaft, die sich erst von Pandemie, Ukrainekrieg, Inflation und Zinsschock erholt, ist das ein weiterer Schlag von außen.
Besonders exponiert sind Europa und Asien. Die EU importiert den Großteil ihres Öl- und Gasbedarfs und bleibt trotz des Ausbaus erneuerbarer Energien an die globalen Märkte gebunden.
Steigende Energiepreise wirken sich direkt auf die Handelsbilanz, Unternehmensgewinne und private Haushalte aus. Energieintensive Branchen drosseln ihre Investitionen oder verlagern ihre Produktion, da sie die höheren Kosten nur begrenzt weiterreichen können.
Der finanzpolitische Spielraum vieler Staaten ist nach den letzten Krisen gering: Zusätzliche Entlastungspakete würden die Schuldenquote weiter in die Höhe treiben, ohne die strukturelle Abhängigkeit zu verringern.
Foto: ipopba, Freepik.com
Für die Geldpolitik entsteht ein Dilemma, weil Zinssenkungen zwar die Rezession abmildern, zugleich aber einen neuen Inflationsschub befeuern könnten.
Parallel dazu erreichte der Schock die Finanzmärkte. Die Aktienkurse energieabhängiger Industrien – von der Chemie- über die Luftfahrt- bis zur Logistikbranche – gerieten unter Druck, da Anleger Gewinnwarnungen und steigende Kapitalkosten einpreisten. Die Schifffahrt leidet unter höheren Versicherungsprämien und Umwegkosten, wenn Routen um Krisengebiete herumgeführt werden müssen.
Während breite Indizes deutlich an Wert verloren, legten Rüstungsindustrie und Energiekonzerne zu. Die Anleihemärkte reagierten mit steigenden Renditen: Das heißt, Risikoaufschläge für hochverschuldete Staaten nehmen zu, weil Investoren zusätzliche Kompensation für die Unsicherheit verlangen.
Damit verteuert sich die Refinanzierung dort, wo neue Ausgaben zur Abfederung der Energiepreise politisch am dringendsten erscheinen.
In vielen Schwellenländern verstärkt der Ölpreisschub bestehende Schwächen. Importierende Staaten in Afrika und Asien müssen mehr für Treibstoff und Dünger zahlen, wodurch Haushalte, Staatsbudgets und Handelsbilanzen gleichzeitig belastet werden. Ihre Währungen geraten unter Druck, wenn Investoren Kapital in als sicherer wahrgenommene Märkte umschichten.
Den Regierungen bleibt nur die Wahl, entweder Subventionen auszuweiten und ihre Verschuldung zu erhöhen oder die Preise an die Verbraucher weiterzugeben und damit soziale Spannungen zu riskieren.
Die Entwicklungsbanken warnten, dass höhere Energie‑ und Transportkosten die Armutsbekämpfung um Jahre zurückwerfen können, weil Lebensmittel teurer werden und öffentliche Investitionsprogramme gekürzt werden müssen.
Selbst unter den Ölproduzenten verläuft die Bruchlinie durch die betroffenen Regionen. Staaten mit beschädigter Infrastruktur oder blockierten Seewegen verlieren Einnahmen, während jene außerhalb der Konfliktzone von hohen Preisen profitieren.
Foto: en.kremlin.ru
Die reichen Golfmonarchien verfügen zwar über große Devisenreserven und Staatsfonds, die kurzfristige Ausfälle abfedern können.
Gleichzeitig steigen die politischen Risiken, wenn Diversifizierungsprojekte ins Stocken geraten und der Golf als sicherer Investitions- und Tourismusstandort an Attraktivität verliert.
Für Regierungen, deren Legitimität auf hohen Staatsausgaben und subventionierten Lebenshaltungskosten beruht, ist der Ölpreis somit zugleich Puffer und potenzielle Bruchstelle. Insbesondere für Dubai ist dieser Krieg existenzgefährdend.
Ökonomische Institute und Energieagenturen sehen drei zentrale Übertragungskanäle eines Irankrieges: teurere Energie, verschlechterte Finanzierungsbedingungen und eine wachsende Unsicherheit, die Investitionen hemmt.
Bereits jetzt sind Krisensymptome erkennbar: schwankende Märkte, steigende Risikoaufschläge für Staatsanleihen und verschärfte Verteilungskonflikte um knappe öffentliche Mittel. Während rohstoffnahe Konzerne und Teile der Finanzbranche profitieren, drohen einkommensschwachen Haushalten in reiche und armen Ländern Einkommensverluste.
Aus Sicht vieler Fachleute ist dies weniger eine naturgegebene Folge des Krieges, sondern vielmehr das Ergebnis anhaltender Entscheidungen von Regierungen, die für fossile Abhängigkeiten votieren.
Solange diese Struktur fortbesteht, wird der Konflikt mit dem Iran nicht nur eine Episode der Gewalt bleiben, vielmehr den Auftakt zu einer längeren Phase erhöhter ökonomischer und politischer Instabilität bilden.
(iz). In den letzten Jahrzehnten hat sich der Mehrheit des globalen muslimischen Diskurses beim Thema Geld und Finanzen – jenseits einer Minderheit kritischer Stimmen – auf Formalfragen und die Machbarkeit eines „islamischen Finanzwesens“ konzentriert.
Grundsätzlichere Überlegungen zur Natur eines, alle ideologische Grenzen ignorierenden Geldsystems sowie zur Ethik unserer Zahlungsmittel blieb häufig ein Spartenthema.
Anfang Dezember machte im Internet ein englischsprachiger Beitrag (auch als Video auf einigen YouTube-Kanälen verfügbar) ohne Nennung eines Autoren die Runde. Darin wird der wegweisende Gelehrte Imam Al-Ghazali und sein Werk auf die Verbindung von Geld und Ethik hin befragt.
Die IZ-Redaktion zitiert auszugsweise jene Punkte, die durch Belege anerkannt bzw. inhaltlich plausibel sind.
Foto: IZ Medien
Wenn Menschen über die Ursprünge des ökonomischen Denkens nachdenken, kommen ihnen meist Adam Smith, Karl Marx oder gar Aristoteles in den Sinn, sofern sie in der Schule aufgepasst haben.
Aber es gibt eine weniger bekannte Wahrheit, die sich in der mittelalterlichen Welt verbirgt und in der westlichen Geschichtslehre kaum Beachtung findet. Vor fast tausend Jahren, lange bevor es Kapitalismus oder Zentralbanken gab, sprach ein muslimischer Gelehrter eine Warnung aus, die noch heute in jeder Finanzkrise nachhallt.
Er sagte, wenn Geld seinen moralischen Kompass verliert, verfaulen Gesellschaften von innen heraus. Um Al-Ghazali, einen der einflussreichsten Denker des Islam, zu verstehen, muss man sich eine Welt vorstellen, die sowohl vertraut als auch fremd erscheint.
Wir schreiben das Jahr 1100 n. Chr. – Europa ist zersplittert, arm und kämpft sich gerade aus den Trümmern des Frühmittelalters heraus.
Unterdessen erstreckt sich die islamische Welt von Andalusien in Spanien bis nach Persien und darüber hinaus. Ihre Städte sind reich, überfüllt und hoch entwickelt. Bagdad, Damaskus, Kairo.
Sie sind finanzielle und intellektuelle Zentren. Auf den Handelswegen herrscht reger Verkehr mit Karawanen, die Seide, Gewürze, Textilien und Silber transportieren. Gelehrte diskutieren über Philosophie, Recht, Astronomie und Medizin.
Die Märkte sind belebt, die Herrschaftsgebiete reich. Der Wohlstand verändert die Gesellschaft schneller, als irgendjemand vollständig begreifen kann. In dieser Welt des boomenden Handels und der zunehmenden Ungleichheit tritt ein Gelehrter namens Abu Hamid Al-Ghazali in Erscheinung. Er ist teils Philosoph, Jurist, Theologe und auch Kritiker.
Stellen Sie sich ihn als einen Denker vor, der ohne mit der Wimper zu zucken sowohl den Zweck der Seele wie die Existenzberechtigung eines Währungssystems erklären konnte. Was ihn einzigartig machte, war nicht sein Ansehen. Es ist seine Weigerung, den Status quo zu akzeptieren.
Er sah eine Welt, in der der Wohlstand wuchs, die Märkte wuchsen, und doch fühlte sich etwas nicht richtig an. Eine Wirtschaft, die äußerlich florierte, hingegen innerlich verfiel. Man muss sich nicht besonders anstrengen, um die Parallelen zur heutigen Zeit zu erkennen.
Er begann, eine Frage zu stellen, die nur wenige wagten: Was passiert, wenn eine Zivilisation schneller reich wird, als sie weise wird? Um das zu beantworten, richtete er sein Augenmerk auf das Konzept des Geldes selbst. Das ist der Teil, der die meisten westlichen Zuschauer überrascht.

Foto: Shutterstock
Er war einer der ersten Philosophen, der es unter moralischen und systemischen Gesichtspunkten untersuchte. Während Aristoteles Geld als praktische Erfindung betrachtete und spätere Ökonomen es mathematisch analysierten, beobachtete Al-Ghazali psychologische und spirituelle Auswirkungen auf eine Gesellschaft.
Er fragte, wie es das Verhalten, Anreize, Vertrauen und letztlich das Schicksal von Nationen prägt. Um seine wirtschaftlichen Ideen zu erkennen, muss man zunächst verstehen, wie er Geld im Kern sah. Für Al-Ghazali war es nicht dazu gedacht, angebetet, gehortet oder als Statussymbol verwendet zu werden.
Es war ein Werkzeug – nichts weiter. Ein Vermittler des Austauschs. Er verglich es mit einem Spiegel. Er hat an sich keinen Wert. Dieser ergibt sich aus dem, was er reflektiert. Mit Geld verhält es sich genauso.
Gehortetes Kapital ist tot. Für ihn war Reichtum, der in Truhen verschlossen, in Räumen versteckt oder in Höfen vergraben war, nicht nur nutzlos.
Er war sozioökonomisch destruktiv. Ungenutztes Geld zirkuliert nicht. Es ernährt keine Arbeiter, finanziert nicht Handel und unterstützt keine Familien. Es erstickt das Wirtschaftsleben. Er beschrieb es als das Einfrieren des Blutkreislaufs der Gesellschaft.
Eine Aussage, die ohne Weiteres in jeder modernen Kritik an Ungleichheit vorkommen könnte. Aber Al-Ghazali beklagte sich nicht einfach nur über Gier.
Seine Argumentation war systemisch. Wenn die Reichen Geld horten, schaffen sie Knappheit. Nicht weil Ressourcen fehlen, sondern weil der Geldkreislauf blockiert ist. Die Preise verzerren sich. Die Märkte brechen zusammen. Die Menschen leiden.
Diese Kritik führt zu einer weiteren wichtigen Idee. Spekulation zerstört Vertrauen. Al-Ghazali hatte keine Geduld mit Händlern, die Preise manipulierten, künstliche Knappheit schufen oder Krisen ausnutzten, um Gewinne zu machen. Er sah spekulatives Verhalten nicht als clevere Strategie, sondern moralische Korruption. Profit ohne Beitrag. Wer vom Leid anderer profitiert, schrieb er, bereichert sich daran.
Und das war seiner Ansicht nach ansteckend. Sobald sie sich festgesetzt hat, breitet sie sich über Märkte, Institutionen und dann die gesamte Gesellschaft aus. Wenn dies wie ein Kommentar zu modernen Finanz- und Geschäftspraktiken klingt, dann ist es das. Nur, dass es 900 Jahre früher geschrieben wurde. Aber Al-Ghazali war nicht gegen Gewinne bzw. das Geschäftsleben.
Er forderte keine Klöster oder Gelübde der Armut. Er glaubte fest an Handel. Er wusste, dass Märkte natürlich und notwendig sind. Und war der Ansicht, dass Reichtum sinnvoll sein könne.
Sein eigentliches Ziel war unehrliche Ökonomie zu verhindern, d.h. Betrug, Lügen, die Verwendung falscher Gewichte, das Verbergen von Mängeln und Produkten oder die Manipulation von Informationen.

(iz). Ein großer Teil des Alltags ist direkt oder indirekt von Ökonomie geprägt – durch Arbeit, Verbrauch und Dienstleistungen. Befragungen zeigen, dass rund ein Drittel bis die Hälfte der wachen Tageszeit mit ökonomisch relevanten Tätigkeiten verbunden ist.
Nimmt man Konsum hinzu (Einkäufe, Preisvergleiche, Mediennutzung mit Werbung oder Finanzentscheidungen), kann man ausgehen, dass ca. 35-45 % des Alltags im weiteren Sinne so dominiert sind. Angesichts dieser Hegemonie überrascht es, in welch geringem Maße er unter MuslimInnen reflektiert wird.
Foto: Shutterstock
Zu den Unterteilungen im Verständnis von Allahs Din gehört die von „‘Ibadat“ und „Mu’amalat“. Der erste Begriff beschreibt Aspekte der Anbetung in ihrer individuellen wie gemeinschaftlichen Form – von der Gebetswaschung bis zur Abfolge der Hajj-Rituale.
Mit Mu’amalat bezeichnet man Regelungen für zwischenmenschliche und ökonomische Beziehungen: das Gebiet der sozialen, zivilrechtlichen und wirtschaftlichen Geschäfte unter Menschen.
Darunter fallen u.a. Verträge und Handel, Schulden, Darlehen sowie Kredite, anvertraute Güter und Schenkungen. Dabei stützen sich die Juristen für sie auf dieselben Rechtsquellen wie bei den ‘Ibadat: Qur’an, Sunna, Konsens der Gelehrten, das Vorbild der Leute von Medina, Qiyas u.v.a.m. Ein Blick in die wesentlichen Rechtsbücher der formativen Frühphase des Rechts zeigt, dass sie ca. ein Drittel aller Kapitel ausmachen.
Bei kernökonomischen Fragen sind es – je nach Text – 15-25 Prozent der Inhalte. Ein Blick auf die Biographie des Propheten und seiner engsten Gefährten zeigt, wie wichtig Handel war.
Der Gesandte Allah handelte vor der Offenbarung mit Waren und war bekannt für seine Vertrauenswürdigkeit (Al-Amin), was seine spätere ethische Autorität im Wirtschaftsleben untermauerte. Kaufen bzw. Verkaufen – und Unternehmertum insgesamt – galten seitdem als Hauptquelle der Versorgung.
Gehen wir in die Jetztzeit, zeigt sich eine krasse Veränderung im Verständnis und der Prioritätensetzung. Dafür gibt es mindestens zwei Indikatoren: Im Rahmen der umfangreichen FAU-Erhebung „Wechselwirkungen“ (siehe S. 10) wurden die zentralen Freitagspredigten der beiden größten türkischgeprägten Moscheeverbände (DITIB und IGMG) thematisch kategorisiert.
Bei den 1065 Khutbas der IGMG von 2006-2024 behandelten 19 Predigten das Thema „Wirtschaftsethik“. Bei der DITIB (672 erfasst, 2011-2023) waren es 13 Stück. Hier ist anzumerken, dass sich einige davon im wiederholten oder auf das Individuum fokussierten.
Foto: W. Dechau
Es sieht in der akademischen Wissensproduktion, namentlich der „Islamischen Theologie“ kaum anders aus. Ein erster Blick auf im Netz verfügbare Dissertationslisten einiger Lehrstühle ergibt Folgendes: Von den 137 angegebenen offenen oder abgeschlossenen Dissertationen behandelten 3-4 ökonomische Fragen.
Hierbei gilt es anzumerken, dass mindestens zwei von ihnen „Islamic Banking“ bzw. „Islamic Finance“ behandeln; ein Geschäftszweig, dem eine Wissenschaft, die sich der Kritik als Methode verschrieben hat, erstaunlich unkritisch begegnet wird.
Dieses offenkundige Desinteresse hat verschiedene Ursache. Für Muslime als „Konsumenten“ von Medien und Diskursen gilt das Gleiche wie in der Gesamtbevölkerung: Alles um Wirtschaft und Finanzen ist „unsexy“. Hinzukommt wie im Rest der Republik eine niedrige Grundbildung bei ökonomischen Fragen. Dafür sind sie zu komplex und machen zu viele „Kopfschmerzen“.
Für Muslime spezifisch ist einerseits ein gewisses „Schubladendenken“, das sich rein auf die ‘Ibadat fokussiert und versucht, den Rest in das Weltbild zu integrieren. Andererseits eine Vorstellung, man sei machtlos und damit kein Akteur mit einer eigenen Verantwortung gegenüber unserem Herrn und Seiner Schöpfung. Nur: Wie können wir von uns behaupten, in der Nachfolge des Gesandten Allahs zu stehen, und dabei die prophetische Wirtschaftsethik ignorieren?
Die Zakatwissenschaft ist ein Bestandteil des Fiqh und regelt sehr viele Details. Die wesentlichen Prinzipien sind auf unsere heutige Situation in Deutschland zu übertragen. Eine Folge weiterer Artikel widmet sich diesem Ansatz. Von Dr. Leila Momen
Zakat, die dritte Säule des Islams, ist eine religiöse Pflichtabgabe für Wohlhabende und das Recht der Armen. Sie dient der Reinigung des Vermögens und des Herzens und fördert den verantwortungsbewussten Umgang mit Reichtum. Zur Zakat verpflichtet sind alle Muslime, deren Vermögen, das sie ein Mondjahr (Haul) lang besitzen, den Nisab (Zakat-Erhebungsgrenze) überschreitet. Der Nisab wird tagesaktuell nach dem Wert für 85 Gramm Gold bestimmt.
Im Qur’an werden acht Empfängergruppen für die Zakat (Sure 9, Vers 60) bestimmt. Im Qur’an werden diese Gruppen als Empfänger adressiert, da die Zakat dazu beitragen soll, verschiedene soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen und Probleme zu lösen.
Die Zakat beträgt in der Regel 2,5 % des zakatpflichtigen Vermögens, zu dem im Wesentlichen Geld, auch Kryptowährungen, Wertpapiere, Gold, Silber, Immobilien und Handelswaren gehören. Privat genutztes Vermögen wie die eigene Wohnung, Hausrat und Kleidung sind ausgenommen. Schulden können abgezogen werden. Die genaue Berechnung der Zakat erfordert eine sorgfältige Bewertung des Vermögens und der Schulden, um sicherzustellen, dass der korrekte Betrag entrichtet wird.
Es gibt keinen festgelegten Termin für die Zahlung der Zakat. Sie wird einmal im Mondjahr fällig, also alle 354 Tage.
Die linguistische Bedeutung des arabischen Wortes Zakat ist Reinigung und Wachstum.
Fachspezifisch lässt sich die Zakat wie folgt definieren: Das Entrichten eines genau festgelegten Anteils von Vermögenswerten an berechtigte Personen unter Berücksichtigung besonderer Bedingungen.
Das arabische Wort Sadaqa kann synomym für Zakat verwendet werden und wird auch im Quran als Synomym verwendet (Sure 9, Vers 60), es kann aber auch eine andere Bedeutung im Sinne von freiwilliger Gabe bzw. Spende haben. Auf Deutsch lässt sich Zakat mit sozialer Pflichtabgabe vom Vermögen.
Die Zakat ist eine gottesdienstliche Handlung, die im Qur’an 28 Mal im Zusammenhang mit dem Gebet erwähnt wird. Die Zakat schützt vor negativen Charaktereigenschaften wie Geiz und Gier und fördert Ethik und Moral. Die Zakat fördert den verantwortungsbewussten Umgang mit Vermögen.
Die Zakat ist ein wichtiges Element einer Finanz- und Sozialordnung. Sie trägt zur Förderung des sozialen Friedens einerseits und der Wirtschaft andererseits durch die Vermeidung von Geldhorten und die Investition in produktive und gewinnbringende Projekte bei. Durch die Umverteilung des Vermögens wird die soziale Gerechtigkeit gefördert. Durch die Förderung der Wirtschaft, die auch die Schaffung von Arbeitsplätzen inkludiert, wird wirtschaftliches Wachstum und Stabilität gewährleistet. Da die Zakat dort verteilt werden soll, wo sie eingezogen wird, trägt sie zum Wohlstand der jeweiligen Kommune bzw. des jeweiligen Landes bei.
Zakat ist eine göttliche Vorschrift und eine religiöse Pflicht, während Steuern öffentlich-rechtliche Abgaben sind, die vom Staat erhoben werden. Die Höhe und Bemessungsgrundlage der Zakat sind unveränderbar, während Steuern durch Gesetzgebung angepasst werden können. Zakat ist zweckgebunden und kommt ausschließlich bedürftigen Muslimen und anderen eingegrenzten Empfängergruppen zugute, während Steuern für eine Vielzahl von öffentlichen Zwecken verwendet werden, einschließlich Infrastruktur und sozialer Dienste.
Foto: Chinnapong, Shutterstock
Zu den zakatpflichtigen vermehrungsfähigen Vermögenswerten gehören grundsätzlich Bargeld und Kontoguthaben, Kryptowährungen, Wertpapiere wie Aktien, Anteile an Fonds und ETFs, Immobilien (zum Handel), Handelsware, Gold und Silber, landwirtschaftliche Produkte und Viehbestand (Nutztiere).
Die Zakat beträgt in der Regel 2,5 % des Geldbetrags, des Kontoguthabens, des aktuellen Wertes der jeweiligen Kryptowährung, des Marktwertes bzw. Kurswertes der jeweiligen Wertpapieres, wenn diese mit der Absicht des kurzfristigen Wiederverkaufs erworben werden. Dasselbe gilt für Immobilien, die gehandelt werden und für Handelsware, die (per se) erworben wird, um sie wieder zu veräußern. Bei Wertpapieren mit längerfristiger Halteabsicht (Investition), wird als Bemessungsgrundlage in der Regel ein pauschaler Prozentsatz von 25 % des aktuellen Kurswertes zugrunde gelegt.
Auf selbst genutzte Immobilien ist keine Zakat zu zahlen. Dasselbe gilt für den Marktwert von vermieteten Bestandimmobilien; nur die Mieteinnahmen unterliegen der Zakat, sofern die weiteren Voraussetzungen erfüllt sind.
Gemäß der Mehrheit der Rechtsschulen besteht eine Zakatpflicht für Gold und Silber nur dann, wenn diese der Investition bzw. der Kapitalanlage dienen und nicht für den persönlichen Gebrauch als Schmuck bestimmt sind. Andere Edelmetalle wie Platin sind ebenfalls grundsätzlich zakatpflichtig, wenn sie mit der Absicht der Kapitalanlage gehalten werden.
Für landwirtschaftliche Produkte und Viehbestand gelten spezielle Berechnungen sowohl im Hinblick auf die Bemessungsgrundlage der Zakat als auch den Prozentsatz.
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Zakatpflichtig ist jemand, wenn er Muslim ist, die Geschlechtsreife erlangt hat und geschäftsfähig ist (persönliche Merkmale der Zakatpflicht). Die Geschäftsfähigkeit betrachten nicht alle Rechtsschulen als Voraussetzung für die persönliche Zakatpflicht.
Vermögen ist zakatpflichtig, wenn Eigentum und Besitz (uneingeschränkte Verfügungsmacht) in Bezug auf das Vermögen besteht, das Vermögens wachstums- bzw. wertsteigerungsfähig ist und der Nisab ein Mondjahr lang überschritten wird (sachliche Merkmale der Zakatpflicht).
Sofern Kinder über Vermögen verfügen, besteht nach der Mehrheit der Rechtsschulen eine Zakatpflicht in Bezug auf dieses Vermögen; allerdings sind die Eltern bzw. der Vormund verpflichtet, die Zakat für die Kinder aus ihrem Vermögen zu entrichten.
Die im Qur’an (Sure 9, Vers 60) abschließend enumerativ genannten acht Empfängergruppen umfassen Arme und Bedürftige, die Mitarbeiter der Zakat-Verwaltung, diejenigen, deren Herzen gewonnen werden sollen, unfreie Menschen, die befreit werden sollen, Schuldner, diejenigen, die auf dem Wege Allahs sind und Reisende.
Die wichtigste Empfängergruppe sind Arme und Bedürftige, die ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenen Mitteln bestreiten können bzw. trotz Erwerbstätigkeit nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügen. Menschen, die staatliche Unterstützung erhalten, sollten damit ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Oft geraten diese Menschen jedoch unverschuldet in eine Schuldensituation und könnten dann als Schuldner zakatberechtigte Empfänger sein. In Bezug auf die Empfängergruppe derjenigen, die auf dem Wege Allahs sind, könnten mit einer weiten Auslegung gesellschaftlich sinnstiftende Projekte durch die Zakat finanziert werden.
Die Verteilung der Zakat-Mittel kann gleichmäßig auf alle acht Gruppen erfolgen, wobei die meisten Gelehrten eine gleichmäßige Verteilung nicht für erforderlich halten. In Ausnahmefällen ist die Zahlung an eine einzige Gruppe erlaubt, wobei der Fokus auf der ersten Gruppe der Armen und Bedürftigen liegt.
Nichtmuslime, vermögende Muslime, arbeitsunwillige Muslime, Muslime, die schwere Sünden begehen, und die Familie des Propheten Muhammad (s) sowie Familienangehörige (direkte Nachkommen Kinder und Enkel, Eltern und Großeltern, Ehepartner (mit Ausnahme einer Rechtsschule)) sind nicht berechtigt, Zakat zu empfangen. Ausnahmen bestehen für Nichtmuslime, deren Herzen erwärmt werden sollen, und für die Mitarbeiter der Zakat-Verwaltung.
Alle Rechtsschulen stimmen darin überein, dass die Zakat, an dem Ort verteilt werden soll, an dem sie entrichtet wird. Die Reichweite des Ortes wird jedoch unterschiedlich definiert. Die Entrichtung und Verteilung der Zakat in einem Land bzw. Staat könnte man als konsensfähige Auslegung zugrunde legen, wobei einzelne Gelehrte die Verteilung der Zakat (teilweise) in anderen Ländern als möglich erachten z.B. wenn es in dem Land, in dem die Zakat entrichtet wird, die Zakateinnahmen die Höhe der erforderlichen Zakat zur Deckung des Bedarfs der zakatberechtigten Empfängergruppen übersteigt.
Die Zakat wird für fast alle Vermögensarten grundsätzlich nach Ablauf eines Mondjahres fällig. Bei landwirtschaftlichen Erträgen ist in der Regel aufgrund des Erntezyklus der tatsächliche Zeitpunkt der Reife als maßgeblich.
Bei erstmaliger Zahlung der Zakat gilt der erste Termin, bei dem das zakatpflichtige Vermögen den Nisab überschreitet, als erstes Datum, ab dem die Zakat-Dauerberechnung durchgeführt wird, d.h. nach Vollendung eines Mondjahres, gerechnet ab dem ersten Termin, ist die Zakat erstmals zu entrichten und ebenso in den Folgejahren zu dem Termin, wenn das zakatpflichtige Vermögen durchgehend über dem Nisab liegt. Sollte die das zakatpflichtige Vermögens den Nisab zu irgendeinem Zeitpunkt unterschreiten, wird zum Zeitpunkt des Überschreitens des Nisab ein neuer Termin festgelegt.
Sofern passend und möglich, wählen viele zakatpflichtige Muslime für ihre Zakatfälligkeit einen Tag während des Monat Ramadan, da Allah die guten Taten in dieser Zeit besonders belohnt.
In begründeten (Ausnahme)fällen ist es auch erlaubt, die Zakat für mehrere Jahre im Voraus zu entrichten, wobei eine spätere Anpassung erforderlich sein kann, wenn das zakatpflichtige Vermögen geringer oder höher als geschätzt war.
Die absichtliche Nichtbeachtung der Pflicht und die Weigerung zur Zahlung zählt zu den großen Sünden. Wird die Zakat nicht gezahlt bzw. zu niedrig berechnet und zu wenig Zakat gezahlt, muss eine Korrektur erfolgen. Nicht-berechtigte Empfänger müssen die erhaltene Zakat zurückerstatten. Bereits im Diesseits können Sanktionen z.B. durch Dürre und Hungersnot erfolgen, wie es im Qur’an beschrieben wird (Sure 9, Verse 34, 35).
Foto: Carl Davies, CSIRO | Lizenz: CC BY-SA 3.0
Zakatul-fitr ist eine Pflicht für alle Muslime zum Ende des Ramadan. Sie dient der Reinigung und dem Ausgleich für Verfehlungen im Monat Ramadan. Die Berechnung der Zakatul-fitr ist unabhängig vom Nisab und richtet sich nach den örtlichen Gegebenheiten. In Deutschland beträgt sie derzeit ca. 10 €. Sie kann während des gesamten Ramadan gezahlt werden, spätestens jedoch am 1. Eid-Tag vor dem Gebet, teilweise wird der Zeitraum für ihre Entrichtung enger gefasst. Nur eine Rechtsschule vertritt die Auffassung, das die Zakatul-fitr auch an bedürftige Nichtmuslime verteilt werden kann.
* Dieser Text entstand in Verbindung mit Zakat Deutschland e.V. Geplant ist in Folge eine lose Artikelreihe zum Thema.
BERLIN/KABUL (GFP.com). Nach dem Abzug des Westens aus Afghanistan suchen die Vereinten Nationen die Bevölkerung des Landes mit dem Nötigsten zu versorgen.
Eine UN-Geberkonferenz in Genf konnte am gestrigen Montag Hilfszusagen von mehr als einer Milliarde US-Dollar einwerben; die Bundesrepublik stellte 100 Millionen Euro in Aussicht. Hintergrund ist, dass es dem Westen während der 20-jährigen Besatzungszeit nicht gelungen ist, die afghanische Wirtschaft aufzubauen: Sie blieb von umfangreichen Zahlungen aus dem Ausland abhängig, die bestimmte Sektoren aufblähten – etwa Dienstleistungen für westliches und Regierungspersonal –, aber nicht für den Aufbau einer auch nur annähernd eigenständigen Produktion sorgten.
Während korrupte Regierungsfunktionäre unter den Augen des Westens Milliardensummen nach Dubai schleusten, verarmte die Bevölkerung zusehends; bereits vor dem Abzug des Westens war gut die Hälfte der Afghanen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Dass die Hilfsgelder nach der Machtübernahme der Taliban nicht mehr fließen und die USA Sanktionen in Kraft gesetzt haben, versetzt der afghanischen Wirtschaft den Todesstoß.
Afghanistans wirtschaftliche Lage war bereits vor der blitzartigen Übernahme der Macht durch die Taliban katastrophal. Nach fast 20 Jahren westlicher Besatzung machten laut Berechnungen der Weltbank humanitäre Hilfe, westliche Entwicklungsgelder und westliche Ausgaben für das Militär immer noch rund 43 Prozent des afghanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus; drei Viertel der Regierungsausgaben wurden aus Unterstützungsprogrammen finanziert.
Der hohe Mittelzufluss hielt die afghanische Wirtschaft in Abhängigkeit: Er blähte diejenigen Sektoren auf, die, etwa Dienstleistungen, von westlichem Personal genutzt und vom Westen finanziert wurden, führte aber dazu, dass andere wichtige Branchen, vor allem industrielle, vernachlässigt wurden.
Zugleich war die Währung, der Afghani, wegen des stetigen Mittelzuflusses überbewertet, was sowohl Exporte verteuerte und damit erschwerte als auch Importe erleichterte; auch das schwächte die afghanische Produktion. Hinzu kam, dass die afghanische Rentenökonomie Korruption begünstigte, wogegen wiederum die westlichen Mächte nicht ernsthaft einschritten: Die Regierung in Kabul wie auch die in den Provinzen herrschenden Warlords waren in der Lage, aus den auswärtigen Hilfszahlungen stets gewaltige Summen für sich abzuzweigen.
Diese Summen haben Analysen zufolge Milliardenbeträge erreicht. Schlagzeilen machten zuletzt Berichte, Ex-Präsident Ashraf Ghani habe bei seiner Flucht aus Kabul in die Vereinigten Arabischen Emirate große Mengen an Bargeld mit sich geführt; von weit über 100 Millionen US-Dollar war die Rede. Ghani streitet dies ab.
Tatsache ist jedoch, dass bereits zuvor Fälle bekannt geworden waren, bei denen afghanische Regierungsfunktionäre mit Millionenbeträgen etwa nach Dubai einreisten. Laut einer Untersuchung, die im Juli 2020 von der Carnegie Endowment for International Peace mit Hauptsitz in Washington publiziert wurde, sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Kontext mit Korruption Milliarden US-Dollar aus Afghanistan nach Dubai abgeflossen.
Gleichzeitig nahm die Armut im Land immer mehr zu. Der Bevölkerungsanteil der Afghanen, die unterhalb der Armutsschwelle lebten, stieg von 33,7 Prozent im Jahr 2007 auf 54,5 Prozent im Jahr 2016. Bereits im Juli appellierten die Vereinten Nationen an wohlhabende Staaten, zusätzliche Mittel für Afghanistan zur Verfügung zu stellen: Rund 18 Millionen Afghanen, die Hälfte der Bevölkerung, seien auf humanitäre Hilfe angewiesen. Ein Drittel der Bevölkerung sei unterernährt, die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren sogar akut.
Der Abzug des Westens trifft die afghanische Wirtschaft, die ohnehin unter einer der schlimmsten Dürrekatastrophen und der Covid-19-Pandemie leidet, in gleich mehrfacher Hinsicht schwer. Zum einen waren westliche Soldaten, Mitarbeiter von Hilfs- und Entwicklungsorganisationen sowie weiteres Personal schon an sich ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, da sie Unterkünfte anmieteten, Dienstleistungen in Anspruch nahmen und anderes mehr. Unmittelbar weggefallen sind die Mittel, die der Westen für den Unterhalt der – offiziell – rund 300.000 afghanischen Soldaten zahlte; und auch wenn ein erheblicher Anteil von ihnen nur auf dem Papier existierte und ihr Sold abgezweigt wurde: Eine sechsstellige Zahl an Afghanen steht nun ohne Einkommen da.
Ähnliches gilt, dies beschreibt das Afghanistan Analysts Network (AAN) in einer umfassenden Analyse, für viele der rund 420.000 Staatsangestellten, denen die Taliban ohne ausländische Hilfe keine Löhne zahlen können. Dies hat Folgen für den gesamten Dienstleistungssektor, der sich zu erheblichen Teilen aus ihren Ausgaben finanzierte. Die AAN-Analyse zitiert eine Studie der Weltbank, der zufolge rund 2,5 Millionen Afghanen zuletzt im Dienstleistungs- oder im Baugewerbe tätig waren – gut 77 Prozent aller Beschäftigten in den Städten.
Hinzu kommen von den Vereinigten Staaten verhängte Strafmaßnahmen sowie Sanktionen gegen die Taliban. Die Biden-Administration hat bereits im August die afghanischen Devisenreserven, soweit sie Zugriff auf sie hat, eingefroren. Von den insgesamt neun Milliarden US-Dollar liegen allein sieben – in Form von Bargeld, Gold oder Anleihen – bei der US-Zentralbank; über sie kann Kabul nun nicht mehr verfügen.
Dies gilt auch für weitere im Ausland gelagerte Gelder. Den Taliban werde es allenfalls gelingen, 0,2 Prozent der Devisenreserven anzuzapfen, heißt es. Weil Washington zudem Sanktionen gegen die Taliban aufrechterhält, sind alle Lieferungen nach Afghanistan, insbesondere auch humanitäre, durch US-Repressalien bedroht; und auch wenn die Biden-Administration bekundet hat, humanitäre Hilfe sei von den Sanktionen ausgenommen, so wird dennoch, ähnlich wie bei Hilfslieferungen nach Iran, von schwerer Verunsicherung berichtet.
Das wiegt besonders schwer, da Afghanistan aufgrund der spezifischen ökonomischen Entwicklung unter westlicher Besatzung massiv von Importen abhängig ist: Über ein Viertel des Reisbedarfs, bis zu 40 Prozent der Zutaten für Brot und mehr als drei Viertel des elektrischen Stroms müssen laut AAN durch Einfuhren gedeckt werden.
Die Lage ist hochbrisant – vor allem aus humanitärer, für den Westen besonders aus politischer Perspektive. Bleiben die Sanktionen gegen die Taliban in Kraft und die westlichen Zahlungen aus, droht eine humanitäre Katastrophe; die Vereinten Nationen schlossen zuletzt nicht aus, dass 97 Prozent der afghanischen Bevölkerung Mitte 2022 unter die Armutsschwelle rutschen könnten. Das brächte immenses menschliches Leid.
Der Westen sucht, davon unbeeindruckt, sein Geld als Druckmittel gegen die Taliban einzusetzen. Außenminister Heiko Maas bekräftigte auf der Afghanistan-Geberkonferenz der Vereinten Nationen am gestrigen Montag in Genf, Berlin werde sich auf „reine Nothilfe“ für die Bevölkerung beschränken; sämtliche weiteren Zahlungen blieben ausgesetzt. Sollte damit die Spekulation verbunden sein, ein Ausbleiben der gewohnten Gelder werde die Bevölkerung veranlassen, den Druck auf die Taliban zu erhöhen und sie womöglich zu stürzen, dann könnte dies – darauf weist etwa das AAN hin – nicht nur zu einer Massenflucht in Richtung Europa führen, sondern auch die Bereitschaft der Taliban zunichte machen, Terroristen, etwa diejenigen des ISKP (Islamic State Khorasan Province), von Angriffen auf westliche Ziele abzuhalten.
Vor diesem Hintergrund haben die Vereinten Nationen gestern Zusagen für Hilfen im Wert von mehr als einer Milliarde US-Dollar erhalten; die Bundesrepublik hat einen Beitrag von bis zu 100 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Nach UN-Schätzungen würde dies, sofern die Zahlungen tatsächlich eintreffen – das ist in vergleichbaren Fällen oft nicht geschehen –, eine Weile für das Nötigste reichen.
Alles weitere ist Gegenstand von Sondierungen und Verhandlungen, die gerade erst begonnen haben und bei denen nicht die afghanische Bevölkerung, sondern das westliche Bestreben, Einfluss auf die neue Regierung in Kabul zu nehmen, im Vordergrund steht.
Die Taliban sprechen von ihren „Freunden“ in China, die Afghanistan wiederaufbauen wollten. Zwar tritt Peking in das Machtvakuum, das die USA hinterlassen haben. Aber Investitionen erfordern Sicherheit. So ist China vorsichtig. Kann es den Taliban überhaupt trauen? Von Andreas Landwehr
Peking (dpa/iz). Die Hoffnungen der Taliban auf baldige wirtschaftliche Hilfe aus China zum Wiederaufbau Afghanistans könnten enttäuscht werden. Nach ihrer Machtübernahme in Kabul setzen die Militanten auf den großen Nachbarn, der die „Gotteskrieger“ schon früh als die neuen Herrscher des Landes diplomatisch aufgewertet hatte. „China ist unser wichtigster Partner und bedeutet für uns eine grundlegende und außergewöhnliche Chance, denn es ist bereit, zu investieren und unser Land neu aufzubauen“, sagte ihr Sprecher Sabiullah Mudschahid der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“.
Mit Chinas Hilfe planen die Taliban ein Comeback des schwer angeschlagenen Afghanistans. In dem Land gebe es „reiche Kupferminen, die dank der Chinesen wieder in Betrieb genommen und modernisiert werden können“, sagte der Sprecher. Der Wert der Bodenschätze in Afghanistan wird tatsächlich auf eine Billion US-Dollar geschätzt. Nur fehlt es an Investitionen und Infrastruktur, um den Reichtum auch zu bergen – vor allem aber mangelt es an der nötigen Sicherheit.
Erstmal verspricht Peking nur humanitäre Nothilfe und Impfstoffe gegen die Pandemie in einem Wert von 200 Millionen Yuan, umgerechnet 26 Millionen Euro. China ist diplomatisch aktiv, das von den USA nach ihrem Rückzug hinterlassene Machtvakuum auszufüllen. Außenminister Wang Yi spricht mit den Nachbarländern. Afghanistan ist am Donnerstag auch wichtiges Thema des Brics-Gipfels mit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping, Russlands Wladimir Putin und den anderen Staats- und Regierungschefs aus Indien, Brasilien und Südafrika.
Die Erwartungen der Taliban, China könnte den Wiederaufbau maßgeblich mitfinanzieren, wirken aber unrealistisch. So hat Peking die Milliardeninvestitionen in seine Infrastrukturinitiative der „Neuen Seidenstraße“ (Belt and Road Initiative) zum Aufbau neuer Handelswege schon heruntergefahren. Auch verweisen Experten in China auf die schlechte Sicherheitslage in Afghanistan und beäugen die Taliban misstrauisch.
Selbst früher, vor dem Ausbruch der Pandemie, als die Lage vergleichsweise stabil war, gab es keine größeren Investitionen Chinas. Zwei große chinesische Projekte in Afghanistan sind schon damals nicht ans Laufen gekommen. So erhielt 2008 ein Unternehmen aus China einen auf drei Milliarden US-Dollar geschätzten Zuschlag für die Entwicklung einer der größten Kupferlagerstätten weltweit in Mes Aynak. Und 2011 wollte ein chinesischer Konzern die Ölfelder am nördlichen Grenzfluss Amudarja erschließen. Nichts ist passiert.
„Deswegen denke ich, dass China gerade jetzt, wo es nicht nur potenziell, sondern tatsächlich Instabilität in fast allen Bereichen in Afghanistan gibt, nicht viel investieren wird“, sagt Professor Shi Yinhong von der Pekinger Volksuniversität. „Afghanistan hat jetzt drastische Veränderungen durchgemacht“, sagt der Experte. „Es gibt weder angemessene Sicherheit, noch lässt sich über nachweisliche und vergleichsweise langfristige, vernünftige Stabilität sprechen.“
Schon im befreundeten Pakistan, wo China im Rahmen der „Seidenstraße“ rund 60 Milliarden US-Dollar in Infrastruktur für den China-Pakistan Wirtschaftskorridor investiert hat, gebe es „feindliche Kräfte“, die chinesische Unternehmen und Personal attackiert haben, hebt der Professor hervor. Auch die Taliban an sich seien „komplex“, sagt Shi Yinhong auf eine Frage nach rivalisierenden Gruppen.
Ob China den Taliban überhaupt trauen kann? „Die chinesische Regierung hofft darauf, aber sie ist nicht naiv“, sagt der Professor. So haben die neuen Herrscher in Kabul versprochen, niemandem zu erlauben, vom Boden Afghanistans aus chinesische Interessen zu gefährden. Gemeint sind Extremisten und Unabhängigkeitskräfte, die China in seiner angrenzenden Region Xinjiang fürchtet – dem ehemaligen Ostturkestan. Dort gehen die Chinesen gegen muslimische Uiguren vor, haben Hunderttausende von ihnen in Umerziehungslager gesteckt.
Es hat schon eine gewisse Ironie: Während China in Xinjiang mutmaßliche Extremisten bekämpft, stellt es sich in Afghanistan an die Seite militanter Islamisten, die die Chinesen als ihre „Freunde“ preisen. Aber von echtem Vertrauen ist in Peking wenig zu spüren. „Ohne Beweise oder Prüfung über eine beträchtliche Zeit kann niemand glauben, dass die Taliban, die in der Vergangenheit untrennbar mit der ostturkestanischen Bewegung verbunden waren, so schnell und definitiv ihr Versprechen halten werden, das sie Chinas Regierung gegeben haben“, sagt Shi Yinhong.
Aber Peking ist pragmatisch. Denn es geht nicht nur um Xinjiang, sondern auch darum, dass Afghanistan ein Nährboden für Terrorismus und eine Quelle der Unsicherheit für Chinas Interessen in ganz Zentralasien und in Pakistan werden könnte. Selbst wenn China echte Sorgen über die Bereitschaft der Taliban habe, ihre Versprechen einzuhalten, seien die Beziehungen und der potenzielle Gewinn für Peking „einfach zu wichtig, um ignoriert zu werden“, glaubt der Sicherheitsexperte Derek Grossmann von der Rand Corporation. „Ähnlich wichtig ist das Risiko, die Taliban damit zu verärgern, ihnen verspätet die Anerkennung und Legitimation zu geben, die sie ersehnen, was Chinas Sicherheitsinteressen gefährden könnte.“
(iz). Die Islamische Zeitung beteiligt sich seit Jahren an bestimmten Debatten, von der inneren Sicherheit bis zu wirtschaftlichen Fragen. Besonders interessieren uns aber die Fragen der Ökonomie, gerade auch deswegen, weil die Debatte über den Islam inzwischen stark politisiert ist und andere Zusammenhänge, zum Beispiel von Moschee und Markt, in Vergessenheit zu geraten drohen.
De facto ist ein großer Teil des islamischen Wirtschaftsrechts – vom freien Markt, bis zum Zinsverbot oder Vertragsmodellen – heute hochaktuell. Für diese andersartigen Beiträge ernten wir natürlich Widerspruch, Kritik, im Ausnahmefall auch einmal Lob. Ein besonders törichter Beitrag über die IZ tituliert dabei im Internet unter dem absurden Titel „Djihad gegen die Marktwirtschaft“. Der Autorin ging es damals darum, unseren ideellen Beitrag irgendwie mit Krawall zu verknüpfen. Das sachliche Argument dahinter wollte sie natürlich nie verstehen.
Heute sprechen die Fakten für sich. Wenn überhaupt, hätte die Überschrift damals lauten müssen: „IZ setzt sich für Marktwirtschaft“ ein. Ein redlicher Autor würde nun seinen Fehler eingestehen und den Artikel entfernen. Wahr ist, dass wir zu einem sehr frühen Zeitpunkt, weit vor dem Ausbruch der aktuellen Finanzkrise, auf den Zusammenhang von (Geld–)Monopolen und dem Ende der Idee der freien Marktwirtschaft hingewiesen haben. Dieser Umstand ist heute allgemein anerkannt.
In einer Untersuchung über den Konzentrationsprozess im Lebensmittelhandel, hat das Bundeskartellamt gerade die Marktmacht der vier größten Lebensmittelkonzerne in Deutschland untersucht. Sie vereinen, so die Behörde in ihrem Bericht, zirka 85 Prozent des Absatzes im Lebensmitteleinzelhandel.
In Gesprächen mit muslimischen Anbietern sind uns diese Gepflogenheiten bekannt. Wollen kleinere Anbieter in die Regale der Discounter, müssen sie eine „Probezeit“ vorab finanzieren. Sie werden anschließend nur mit großer Verzögerung bezahlt, geraten in Abhängigkeit und werden in zinsbelastete Bankgeschäfte getrieben. Die Discounter haben also den Vorteil, dass sie selbst wie Banken operieren können, oder zumindest über einen gewaltigen Kreditrahmen verfügen. Die Frage ist letztlich auch hier, – wie in zahlreichen Beiträgen der IZ angedacht – ob eine Mäßigung der ökonomischen Macht gelingen kann.
In der islamischen Welt wird das Phänomen der Marktkonzentration übrigens kaum problematisiert. Die Türkei und die arabische Welt konkurrieren vielmehr über den „größten Supermarkt der Welt“, während die klassischen Märkte zur Folklore werden und viele kleine Anbieter nicht mehr mithalten können. Die Frage nach dem Kern „freier Marktwirtschaft“ ist also aktueller denn je und freie Medien, die nicht selbst vom Kapital abhängen, müssen genau diese Fragen in die Gesellschaft transportieren. Die Aufgabe der Verteidigung der freien Marktwirtschaft ist eine wichtige gesellschaftliche Herausforderung, in der Auseinandersetzung mit den mächtigen Monopolen der Geld- und Versorgungswirtschaft.
(iz). Bekanntlich sollten Glauben und Handeln eins sein und Theorie und Praxis kein Gegensatz. Um so wichtiger ist es, heute die islamische Lehre und damit die Lebenspraxis selbst, nicht in eine Art der Weltfremdheit abgleiten zu lassen. Es geht uns als Muslime um das Hier und Jetzt, das Innen und Außen, das Materielle und Spirituelle.
Diese Einheit der Glaubensüberzeugungen symbolisiert von jeher der Zusammenhang von Moschee und Markt. Die erste Gemeinschaft ist um diesen Zusammenhang gebaut und ohne Kenntnisse hierüber grundsätzlich missverstanden. Über Jahrhunderte waren diese beiden religiösen Bezugspunkte – wie man in jeder historischen Stadtanlage der islamischen Welt unschwer erkennt – untrennbar miteinander verbunden. Jeder Muslim, unabhängig vom Bildungsgrad, kannte den Ritus und vollzog die wichtigsten inneren und äußeren Glaubenspraktiken.
Moschee und Markt sind dabei die großen Freiräume, die der Politik entzogen sind. Die großen, auch kontroversen, oft auch feinsinnigen Debatten der Theologen fanden zu jeder Zeit statt, allerdings auf der Grundlage, dass die einfachsten Gesetzlichkeiten, zwischen Gebet und Zakat, nicht etwa zur Disposition standen. Als Muslime müssen wir immer wieder neu lernen: die einfachen Positionen der Glaubensüberzeugungen und die Richtlinien des gerechten Handelns.
Wer sich berufen fühlt, über den Islam zu lehren, den kann es nicht kalt lassen, wenn ganze Pfeiler des Islam wegzubrechen drohen. Die erste Frage an die Authentizität des Gelehrten, dem es um das Wohl der Muslime geht, muss heute daher die Frage nach der Zakat sein. Natürlich erfordert jede Zeit zudem die Betonung und Vertiefung einer bestimmten Seite der Offenbarung und der Lehre.
Es ist logisch, dass eine Lebensform wie der Kapitalismus, die quasi religiöse Züge bekommt und massiv die Schöpfung herausfordert, von jeder Lehre kritisch hinterfragt werden muss. Hier, wenn es um den Kern unserer Zeit geht, müssen wir unsere Quellen – innerhalb einer freien Lehre – entsprechend genau studieren.
Die Authentizität dieser Lehre zeigt sich auch hier im Mittelweg: Der Islam bejaht Eigentum, fordert die freie Marktwirtschaft und tritt für den Handel auf fairer Gegenseitigkeit ein.
Die Debatte um die islamische Lehre, die nicht nur dem Leben entfernte Theologie sein will, muss sich ihres eigenen Standpunktes bewusst werden. Das islamische Leben findet nicht in den Türmen der Wissenschaft statt, es kreist noch immer um das alltägliche Wissen über den Gottesdienst in Moscheen und auf Marktplätzen.
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