Freie Märkte?

(iz). Die Islamische Zeitung beteiligt sich seit Jahren an bestimmten Debatten, von der inneren Sicherheit bis zu wirtschaftlichen Fragen. Besonders interessieren uns aber die Fragen der Ökonomie, gerade auch deswegen, weil die Debatte über den Islam inzwischen stark politisiert ist und andere Zusammenhänge, zum Beispiel von Moschee und Markt, in Vergessenheit zu geraten drohen.
De facto ist ein großer Teil des islamischen Wirtschaftsrechts – vom freien Markt, bis zum Zinsverbot oder Vertragsmodellen – heute hochaktuell. Für diese andersartigen Beiträge ernten wir natürlich Widerspruch, Kritik, im Ausnahmefall auch einmal Lob. Ein besonders törichter Beitrag über die IZ tituliert dabei im Internet unter dem absurden Titel „Djihad gegen die Marktwirtschaft“. Der Autorin ging es damals darum, unseren ideellen Beitrag irgendwie mit Krawall zu verknüpfen. Das sachliche Argument dahinter wollte sie natürlich nie verstehen.
Heute sprechen die Fakten für sich. Wenn überhaupt, hätte die Überschrift damals lauten müssen: „IZ setzt sich für Marktwirtschaft“ ein. Ein redlicher Autor würde nun seinen Fehler eingestehen und den Artikel entfernen. Wahr ist, dass wir zu einem sehr frühen Zeitpunkt, weit vor dem Ausbruch der aktuellen Finanzkrise, auf den Zusammenhang von (Geld–)Monopolen und dem Ende der Idee der freien Marktwirtschaft hingewiesen haben. Dieser Umstand ist heute allgemein anerkannt.
In einer Untersuchung über den Konzentrationsprozess im Lebensmittelhandel, hat das Bundeskartellamt gerade die Marktmacht der vier größten Lebensmittelkonzerne in Deutschland untersucht. Sie vereinen, so die Behörde in ihrem Bericht, zirka 85 Prozent des Absatzes im Lebensmitteleinzelhandel.
In Gesprächen mit muslimischen Anbietern sind uns diese Gepflogenheiten bekannt. Wollen kleinere Anbieter in die Regale der Discounter, müssen sie eine „Probezeit“ vorab finanzieren. Sie werden anschließend nur mit großer Verzögerung bezahlt, geraten in Abhängigkeit und werden in zinsbelastete Bankgeschäfte getrieben. Die Discounter haben also den Vorteil, dass sie selbst wie Banken operieren können, oder zumindest über einen gewaltigen Kreditrahmen verfügen. Die Frage ist letztlich auch hier, – wie in zahlreichen Beiträgen der IZ angedacht – ob eine Mäßigung der ökonomischen Macht gelingen kann.
In der islamischen Welt wird das Phänomen der Marktkonzentration übrigens kaum problematisiert. Die Türkei und die arabische Welt konkurrieren vielmehr über den „größten Supermarkt der Welt“, während die klassischen Märkte zur Folklore werden und viele kleine Anbieter nicht mehr mithalten können. Die Frage nach dem Kern „freier Marktwirtschaft“ ist also aktueller denn je und freie Medien, die nicht selbst vom Kapital abhängen, müssen genau diese Fragen in die Gesellschaft transportieren. Die Aufgabe der Verteidigung der freien Marktwirtschaft ist eine wichtige gesellschaftliche Herausforderung, in der Auseinandersetzung mit den mächtigen Monopolen der Geld- und Versorgungswirtschaft.

Exklusiv aus der neuen Ausgabe – Schwerpunkt "Wissen": Gesucht werden freie Orte echter Wissensvermittlung. Von Khalil Breuer

(iz). Bekanntlich sollten Glauben und Handeln eins sein und Theorie und Praxis kein Gegensatz. Um so wichtiger ist es, heute die islamische Lehre und damit die Lebenspraxis selbst, nicht in eine Art der Weltfremdheit abgleiten zu lassen. Es geht uns als ­Muslime um das Hier und Jetzt, das Innen und Außen, das Materielle und Spirituelle.

Diese Einheit der Glaubensüberzeugungen symbolisiert von jeher der Zusammenhang von Moschee und Markt. Die erste Gemeinschaft ist um diesen Zusammenhang gebaut und ohne Kennt­nisse hierüber grundsätzlich missverstan­den. Über Jahrhunderte waren ­diese beiden religiösen Bezugspunkte – wie man in jeder historischen Stadtanlage der ­islamischen Welt unschwer erkennt – ­untrennbar miteinander verbunden. ­Jeder Muslim, unabhängig vom Bildungsgrad, kannte den Ritus und vollzog die ­wichtigsten inneren und ­äußeren Glaubenspraktiken.

Moschee und Markt sind dabei die gro­ßen Freiräume, die der Politik entzo­gen sind. Die großen, auch kontroversen, oft auch feinsinnigen Debatten der Theolo­gen fanden zu jeder Zeit statt, allerdings auf der Grundlage, dass die einfachsten Gesetzlichkeiten, zwischen Gebet und Zakat, nicht etwa zur Disposition standen. Als Muslime müssen wir immer wieder neu lernen: die einfachen Positionen der Glaubensüberzeugungen und die Richtlinien des gerechten Handelns.

Wer sich berufen fühlt, über den ­Islam zu lehren, den kann es nicht kalt lassen, wenn ganze Pfeiler des Islam wegzubrechen drohen. Die erste Frage an die Authentizität des Gelehrten, dem es um das Wohl der Muslime geht, muss heute daher die Frage nach der Zakat sein. Natür­lich erfordert jede Zeit zudem die Betonung und Vertiefung einer bestimmten Seite der Offenbarung und der Lehre.

Es ist logisch, dass eine Lebensform wie der Kapitalismus, die quasi religiöse Züge bekommt und massiv die Schöpfung herausfordert, von jeder Lehre kritisch hinterfragt werden muss. Hier, wenn es um den Kern unserer Zeit geht, müssen wir unsere Quellen – innerhalb einer freien Lehre – entsprechend genau studieren.

Die Authentizität dieser Lehre zeigt sich auch hier im Mittelweg: Der Islam bejaht Eigentum, fordert die freie Marktwirtschaft und tritt für den Handel auf fairer Gegenseitigkeit ein.

Die Debatte um die islamische ­Lehre, die nicht nur dem Leben entfernte Theologie sein will, muss sich ihres eigenen Standpunktes bewusst werden. Das islamische Leben findet nicht in den Türmen der Wissenschaft statt, es kreist noch immer um das alltägliche Wissen über den Gottesdienst in Moscheen und auf Marktplätzen.

Was ist die große Transaktion?

(iz). Wir leben in einem Zeitalter, in dem das Edle Recht des Islam auf einen ­Schatten seiner selbst reduziert wurde. Was bleibt, sind Kapitel über rituelle ­Reinigung, Gebet (As-Salat), ­Fasten […]

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Ökonomie: Die muslimischen Eliten und ihre Inaktivität in Sachen Finanzkrise. Ein Beitrag von Sulaiman Wilms

(iz). Der zeitgenössische muslimische Diskurs konnte oder wollte die Relevanz der ökonomischen Lehre des Islam bisher nicht verstehen. Was diese heute sein kann, wenn eine grenzenlose Wirtschaft und ihre Strukturen die ­Politik in die Defensive drängen, wurde von den muslimischen Eliten weder formu­liert, noch debattiert.

Es ist festzuhalten, dass es sich bei meinen Überlegungen nicht um eine individuelle „Meinung“ handelt. Vielmehr sind dies nachvollzieh­bare Positionen, die sich im Laufe unse­rer redaktionellen Arbeit ­kristallisier­ten – auch durch den direkten Austausch mit qualifizierten Gelehrten.

Was macht der ­akademische Betrieb?
Der akademische Ansatz geriert sich als Avantgarde des islamischen Denkens – so wird er zumindest von außen beschrieben -, kann relevante Zeitfragen aber nicht beantworten. Zwischen akade­mischer Profession, die sich von der klassischen Lehre abhebt, und dem Experten­tum des „Diskurses“, existiert Islam meist nur als esoterische Morallehre oder als soziales Problem. Vergleichen wir diesen mit allgemeinen anerkannten Quellen der traditionellen islamischen Lehre, könnte man meinen, dass es sich hier um verschiedene Welten handelt.

Was die Relevanz des Islam angesichts einer unaufgeklärten Wirtschafts- und Geldsphäre ist, wurde von diesen Eliten bisher nicht formuliert. Zumindest nicht, wenn wir vom fragwürdigen „islamischen Finanzwesen“ absehen, dass im Umfeld der Muslimbruderschaft entstand, bis es von globalen Bankern geschluckt ­wurde.

In seinem Buch „Neo-Moslems“ erwähnt Eren Güvercin die Krise des Kapit­alismus und die Möglichkeit von Alternativen im Islam: „Typisch für den modernistischen Islam, wie er sich im 19. und 20. Jahrhundert gebildet hat, ist das völlige Fehlen einer kritischen Reflexion über die Mechanismen und Folgen ­einer kapitalistischen Wirtschaftsweise. Schaut man nach Saudi-Arabien und den dort dominanten Wahabismus (…), wird klar, dass der Islam keine Rolle spielt (…). Es sei denn, man zählt dazu, dass es in der Bank getrennte Schalter für Frauen und Männer gibt.“

Die Bilanz der innermuslimischen Debatte – nach Jahren der Finanz- und Wirtschaftskrise – fällt mager aus. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in letzter Zeit ein Dokument zur Zakat vom „orga­nisierten Islam“ oder der akademischen Elite gegeben hätte. Die einzige ­Ausnah­me sind Verbände oder Hilfsorganisatio­nen, die Spender animieren wollen. Der Gelehrte Abdulhakim Murad rückt das Fehlen der ökonomischen Debatte in den globalen Kontext: Heute gebe es in ­keiner muslimischen Gesellschaft eine islamische Ökonomie. „Die nationalen Eliten und die Logik der Globalisierung stehen der Wiedergeburt eines ursprünglichen, auf das islamische Recht basierenden Wirtschaftens entgegen.“

Wo bleibt das Leben?
Ein Blick auf die Rechtswerke Muwat­ta’ (von Imam Malik), Mudawwana oder viele andere Bezugspunkte des islamischen Denkens belegt, dass ein ganzheit­licher Din nicht nur aus Anbetung besteht, sondern ebenso aus Verhaltensmustern in den sozio-ökonomischen Transaktionen (Mu’amalat). Kurz nach den „Fünf Säulen“ handelt das Standard­werk von Imam Malik zu zwei Dritteln von Verträgen, Kaufen und Verkaufen, Geschäftsformen, Erbschaften, Geschen­ken usw.

Es ist eine bittere Ironie, dass man sich manchmal bei Autoren wie Bernard ­Lewis – sicher kein Freund des Islam – informieren muss, wenn man etwas über Dinge wie Gilden lernen will. Wo ist die Elite, die in Auqaf, Gilden oder ­Märkten praktische Inspirationen sieht? Was uns fehlt, sind mehr Alexanders, die unsere Gordischen Knoten durchschlagen.

Der Gang zur Quelle
Einige zeitgenössische Gelehrte aus dem Westen, die ihre Verwurzelung in der islamischen Tradition nachhaltig auf die Moderne anwenden, leisteten etwas, was der universitären Elite bisher versagt blieb. Mit dem Erfahrungshorizont der Moderne und einer fundierten islamischen Ausbildung bei traditionellen Lehrern befragten sie ihr Wissen vom Din auf seine Relevanz für die heutige Zeit.

Im Gegensatz zum gescheiterten Diskurs der arabischen Welt, bestand ihre Antwort nicht darin, den Kapitalismus zu „islamisieren“. Vielmehr ­analysierten sie die Ökonomie und das ihr zugrunde liegende Geldsystem vis-à-vis des klassischen islamischen Rechts. Die Konsequenz war zeitgemäß und vorwärtsweisend, hatte aber gleichermaßen eine feste Rückbindung zum prophetischen Vorbild. Ihr Symbol sind der Islamische Golddinar und die freien Märkte.

Ein historisches Beispiel für ökonomische Relevanz ist der Andalusier Ibn Ruschd (Averroes). Er schrieb mit seiner „Bidajat“ nicht nur ein sehr wichtiges theoretisches Werk (mit einem großen Kapitel über Verträge und Verkäufe), sondern befasste sich eingehend mit Wucher (Riba).

Weil der Qur’an und unser Din zu allen Zeiten relevant sind, forschten ­diese Gelehrten in den Quellen nach ökonomi­schen Aspekten. Muslime prägten ­wieder die ersten islamischen Münzen, organisierten Märkte und schufen online-Bezahlsysteme auf Gold- und Silberbasis. Die Dauerkrise und das Scheitern inflationärer Papiergeldwährungen geben ihnen Recht. Apologeten des „Islamic Banking“ hingegen haben nicht viel mehr vorzuweisen, als das wohlige Gefühl, ein moralisch korrekter Teil des Kapitalismus zu sein.

Zakat: Die gefallene Säule
Messen wir den Entwicklungsstand der muslimischen Community und ihrer Eliten an der Zakat, könnten wir skeptisch werden. In der akademischen Debatte und in Verlautbarungen des ­“organisier­ten Islam“ bleibt sie marginal. Wird sie praktiziert, dann in Form von Spenden an Familienmitglieder, als Ermächtigung für muslimische Verbände sowie als ­quasi Entwicklungshilfe für die „Dritte Welt“. Ansonsten herrscht Funkstille. Nicht ohne Grund schrieb Schaikh ‘Abdulhaqq Bewley vor mehr als 12 Jahren in der IZ von der Zakat als einer „gefalle­nen Säule“.

Wir Muslime müssen ihren fundamen­talen Charakter erkennen. An mehr als 30 Stellen bringt Allah sie sprachlich mit dem Gebet zusammen, wodurch ihr der gleiche Rang zukommt. Außerdem wird sie, im Gegensatz zur Spende, genommen und nicht gegeben. Dieses „Nehmen“ setzt voraus, dass sich Muslime einer lokalen Gemeinde auf einen Verantwortlichen einigen, den sie ermächtigen, sie zu nehmen – und in kürzester Zeit vor Ort verteilen.

Innerhalb der Rechtsschulen wird die Versendung der Zakat ins Ausland entweder vollkommen abgelehnt, oder nur als extremste Notlösung geduldet. Die Behauptung, es gebe keine Empfänger in unserer Nähe, da diese ja Hartz-IV beantragen könnten, dokumentiert ein Missverständnis. Zwei Dinge darf man mit der Zakat nicht: Moscheen bauen oder Verbandsstrukturen finanzieren.

Die intellektuellen Eliten der muslimischen Gemeinschaft stehen in der Pflicht, den essenziellen Aspekt der ­Zakat wieder zu entdecken. Auch dann, wenn dies bisher im universitären oder im verbandspolitischen Betrieb kein Thema war. Ein weiteres Jahrzehnt der Obsession mit „Identität“, „Integration“ und „Repräsentation“ können wir uns nicht leisten.

Schweigen der Lämmer
„Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“, ist das bekannte Diktum Max Horkheimers. Soweit es die Mu’a­malat betrifft, kann man diese Feststellung dahingehend abwandeln: Wer aber zur Ökonomie schweigt, hat auch nichts Relevantes über den Islam zu sagen. Wie kann man Führung beanspruchen, wenn man die Frage nach Geld und ­Ökonomie so konsequent ausblendet, wie es heute geschieht? Es sei denn, man akzeptiert, dass der Islam eine esoterische ­Moralleh­re sein soll.

Nicht nur „Islamkritiker“, auch viele Muslime haben einen vorrangig politischen Zugang zum Islam. Ein Blick in den Qur’an und die rechtlichen Standardwerke zeigt, dass es deutlich mehr ökonomische und wirtschaftliche Regeln als politische gibt: das Wucherverbot, die Pflicht der Zakat sowie die Erwähnung von (Gold-)Dinar und (Silber-)Dirham.

Was ist Geld im Islam? Schaikh ­Imran Hossein definiert es so: „Geld im Islam sind entweder wertvolle Metalle wie Gold und Silber, oder haltbare Lebensmittel. So kam es, dass auf dem Markt von Medina bei Mangel an Gold- und Silbermünzen haltbare Waren wie Datteln als Zahlungsmittel verwendet wurden.“ Da sich Gold und Silber als praktisch erwiesen, wurden sie von vielen Kulturen anderen Zahlungsmittel vorgezogen.

Es waren die Salaf, die das Verhältnis von Silber zum Gold festlegten. Dabei stützten sie sich, wie Ibn Khaldun in der „Muqadimma“ schrieb, auf die zur Zeit des Propheten benutzten Münzen. Laut Imam Al-Qurtubi gehört die Garan­tie der Münzen neben der Marktaufsicht zu den grundlegenden Aufgaben der politischen Autorität. Dinar und Dirham sind die (Doppel-)Währung des Islam. Auf ihnen basieren die Transaktionen der Scharia: Zakat, Mahr, Fidja, Kaffara und andere.

Das positive Gebot der Zakat und die Parameter des prophetischen Vorbilds für Verträge, Märkte und korrekte Maße bilden die Grundlage für ein Wirtschaften, das Gerechtigkeit, soziale ­Mobilität und Wohlstand für die Allgemeinheit ermöglicht. Dem angeschlossen sind Stiftungen und Gilden, die in weiten ­Teilen der islamischen Geschichte hochkomple­xe Lösungen für sozio-ökonomische Probleme ermöglichten.

Apologeten des Bankings
Die andere Seite ist das Verbot des Wuchers. Im Qur’an, der Sunna und im Recht wird Riba als extrem gravierend beschrieben. Eine Sache, der Allah und Sein Gesandter „den Krieg erklärt haben“ (Al-Baqara, 279). Diejenigen, die damit beschäftigt sind, sind wie jene, „die Schaitan mit Wahnsinn geschlagen hat“ (Al-Baqara, 275). Die Gelehrten bezeichnen Riba als schwerwiegende Untat, die nicht in dieser Welt gesühnt werden kann.

Riba hat schädlichste Folgen für die Gleichheit des Marktes. Der Wucher eröffnet die Tür für soziale Ungleichheit und Unterdrückung. Das Wort bedeutet im Arabischen „Exzess“ oder „Überschuss“. Der malikitische Gelehrte Qadi Abu Bakr ibn Al-’Arabi definiert ihn in seinem Werk „Ahkam Al-Qur’an“ so: „Jeder Überschuss zwischen dem Wert der gegebenen Güter und ihrem Gegenwert [dem Wert der empfangenen Güter].“

Während das traditionelle Recht auf die Verhinderung von Riba abzielte, gingen die Modernisten ab Ende des 19. Jahrhunderts den gegenteiligen Weg. Sie wollten die Nachahmung des Westens und seiner scheinbar erfolgreichen Macht­instrumente. Daraus erwuchs unter anderem die Idee der „islamischen Bank“ – und Versicherungen, Börsen, Hypothe­ken etc. Damit dies gelingen konnte, musste das Recht dekonstruiert und etablierte Vertragsformen neu definiert werden. Heute hat sich daraus der Riesenmarkt des „islamischen Finanzwesens“ entwickelt. Kontrolliert wird dies von Großbanken und nutzt vor allem ­deren, mehrheitlich nichtmuslimischen Anteils­eignern. An der ökonomischen Wirklichkeit der muslimischen Welt hat es nichts Greifbares verändert, noch die sozio-ökonomische Lage muslimischer Minderheiten – trotz des Hypes – im Wes­ten verbessert.

Es ist ironisch, dass immer mehr Nichtmuslime die Unmöglichkeit unserer ökonomischen Verhältnisse erkennen und händeringend nach praktikablen Alternativen suchen. Zeitgleich dazu war die einzige ökonomische Handlung des „organisierten Islam“ in der letzten Zeit die Legitimierung der – schwer in Mitleidenschaft gezogenen – WestLB in Form ­einer „Fatwa“, um einem auf Muslime zugeschnittenen Fonds einen „islamischen“ Anstrich zu verleihen.

Diejenigen, die für den Islam in Deutschland sprechen, denen Wissen gegeben wurde oder die zur wachsenden akademischen Elite gehören, sind gefragt. Verharren sie in ihrer Nische oder ­tragen nichts Relevantes zu den Problemen unserer Zeit bei, kann es passieren, dass ­Allah andere hervorbringen wird.

Dieser Artikel ist die gekürzte und überarbeitete Version eines Textes, der in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Horizonte – Zeitschrift für muslimische Debattenkultur“ erschienen ist.

Der politische Islam verstellt den Blick auf eine wesentliche Dimension unserer Lebenspraxis. Von Abu Bakr Rieger

(iz). Präsidenten kommen und gehen in diesen Tagen, die Krise bleibt. Vielleicht ist der Wechsel im Führungspersonal und die spektakuläre Suche nach politischen Größen ­deswegen so spannend, weil sie uns einige Tage über unser eigentliches Dilemma hinweg tröstet. Wir müssen uns schon aus Vernunftgründen eingestehen, dass der alte Kapitalismus nicht mehr funktioniert. Es sind die bekannten Sensationen, die uns nachhaltig sorgen müssen. Europa hat Schulden in einer Größenordnung, die eine Rückzahlung illusorisch erschei­nen lassen und, wenn wir nichts tun, unsere gewohnten Gesellschaftsordnungen unter unheimlichen Veränderungsdruck setzen werden. Unsere Politik hat bisher, angesichts der größten ökonomischen Krise der Menschheitsgeschichte und angesichts der globalisierten Macht des Kapitals, keine einleuchtende Zukunftsvision hervorbringen können.

Unsichere Zeiten
In Griechenland erleben wir gerade, wie schnell das totgeglaubte Monster des Nationalismus oder des Kommunismus wieder in Europa auferstehen kann. Die Mobilisierung der griechischen Bevölke­rung, die selbst nur ein Bruchteil des Hilfspakets erhält, gegen weitere Einschränkungen oder Sparmaßnahmen gehört zu den aktuellen Schreckensszenarien der Brüsseler Finanzjongleure. Die Prognosen sprechen von einer Verfestigung autoritärer Bürokratien und von der weiteren Einschränkung der politischen Souveränität. Befürchtet werden, nicht nur in Athen, künftig neuartige Staaten, deren Sicherheitsapparate und Verwaltung über Generationen hinaus vor allem die geordnete Abwicklung der Schulden kontrolliert. Wer seine ­Steuern und Zinsen nicht bezahlt, wird zum Staatsfeind. Die nationale Politik hat nicht nur ihren eigenen Entscheidungsspielraum eingegrenzt, sondern als Option, die dem Menschen erlaubt, zwischen wesentlich verschiedenen Entwürfen zu wählen, ausgedient. Im Mutterland der Demokratie heißt das praktisch, dass, unabhängig von künftigen Wahlen, jede Athener Regierung die Vereinbarungen mit der EU befolgen muss.

Teil des Problems
Die Muslime, auch in der 3. Generation noch immer in erster Linie als Immi­granten wahrgenommen, werden von ­einer Mehrheit der europäischen Bevölkerung bisher als Teil des Problems, nicht aber Teil der Lösung wahrgenommen. Man unterstellt ihnen bisweilen, den angeblichen Konsens der europäischen Gesellschaften von innen aufzuweichen. Die ökonomische und soziale, also die geben­de Seite des Islam, blieb gleichzeitig über Jahrzehnte unerkannt. Das ist kein ­Wunder. Der muslimische Intellekt hat bisher die Umkehrung seiner Prioritäten nicht verhindern können. Wichtig sind im Diskurs nur die Aspekte der persönli­chen Moral, ein wenig Politik oder die Klei­derordnung, unwichtig dagegen bleiben die ökonomische Moral, die ­Gesetze des Marktes oder die Zakat. Gelehrte und Funktionäre, falls sie überhaupt einen intellektuellen Führungsanspruch haben, hatten seit dem 11. September in erster Linie ihre politische Verortung klären müssen und dann um ein wenig öffentli­che Anerkennung gerungen. Einen Beitrag zur Bewältigung der ökonomischen und sozialen Krise Europas konnten sie nicht formulieren. Es fehlt hier ­eindeutig auch an dem nötigen „Know-How“. Ohne explizite Kenntnisse und natürlich auch ohne funktionierende Beispiele eines angewandten islamischen Wirtschaftsrechts muss die Existenz der Muslime, inmitten der größten ökonomischen Krise ­dieses Jahrhunderts, natürlich rückwärts gewandt und bestenfalls irrelevant ­erscheinen.

Die Krise – aus ­muslimischer Sicht
Im Mittelpunkt jedes muslimischen Lebens steht natürlich, ganz unabhängig von der Zeit, in der wir leben, die eigent­liche Fundamentalkrise jeder Existenz: die eigene Endlichkeit. Die Erinnerung an Endlichkeit, Schicksal und die Vergegenwärtigung der Allmacht des Schöpfers relativiert die Wucht äußerer Krisen. Die Gelassenheit, nicht etwa ideologische Verbohrtheit, ist daher eine typisch islamische Haltung. Das ist nicht mit ­Fatalismus oder mit der Flucht ins ausschließlich Geistige zu verwechseln. Muslime haben durchaus Realitätssinn. Auf gesellschaftlicher Ebene herrscht das Bewusstsein, dass jede politische Ordnung, wie dies Ibn Khaldun betont, Phasen des Auf- und Niedergangs nicht verhindern kann. Politische Situationen sind der Zeit unterworfen, kommen und gehen, Muslime leben darin, ohne dass ihre islamische Lebenspraxis im Kern gefährdet ist, zumindest dann, solange ihre Riten möglich bleiben und zeitlose ökonomische Grenzziehungen, wie das Zinsverbot, als Fixpunkte des Handelns verbleiben.

Prinzip „contra naturum”
Die Offenbarung prophezeit, dass die Verletzung des Zinsverbotes als ein Prinzip „contra naturum“ für keine Gesellschaft folgenlos bleibt. Aber es bleibt nicht bei dieser negativen Klausel, denn gleichzeitig wird der „faire“ und „freie“ Handel als Sinn stiftend und befreiend definiert. Die Freiheit des Handels und die Freiheit der Auswahl der Zahlungsmittel begründen aus islamischer Sicht jede freie Marktwirtschaft. Europa hat heute diese Grundregeln in sein Gegenteil gekehrt, der Handel ist durch Mono­polisierung stark eingeschränkt, während die Gesetzlosigkeit der Zinswirtschaft legalisiert wurde. Durch die Benachteiligung anderer Zahlungsmittel als die der staatlichen Papierwährungen, ist die Schaffung großer Massen schlechten Geldes und die Flutung der Märkte möglich geworden. Macht hat, wer über die Notenpresse verfügt. Es ist ein Nebeneffekt der Geldherrschaft, dass die öffentliche Meinung jederzeit manipuliert werden kann.

Der Modernismus
Es gibt Debatten, die wirklich ­wichtig sind, weil man nur mit ihnen das ­Wesen der Zeit, in die man hereingeworfen wurde, verstehen kann. Nur wenn man ­seine Zeit versteht, also in unserem Falle begreift, dass wir in einem von der Ökono­mie geprägten Zeitalter leben, kann man den wichtigen Dingen im Islam entsprechendes Gewicht geben. Die ökono­mischen Gesetzlichkeiten, die der Islam offenbart, betreffen nicht nur das Individuum, sondern das komplexe Netz, das heute alle unseren ökonomischen Transaktionen bilden. In den letzten Jahrzehn­ten wurde allerdings das ökonomische Modell des Islam immer mehr auf das „Islamic Banking“ reduziert. Die überfällige Debatte der Muslime um die Legitimität von „islamischen“ Banken ist ein überaus lohnender Streit. Es geht darum, ob wir wirklich echte ökonomische Alternativen und eigene Modelle haben. Keine Frage, die Auseinandersetzung über den geistigen Ursprung der „islami­schen“ Bank, führt uns direkt in die Denkwelt des politischen Islam. Dieses einseitige „politisierte“ Verständnis des Islam, insbesondere in seinen Ausprägun­gen im arabischen Raum, hat sich als eine notwendige Reaktion gegen den westlichen Imperialismus verstanden. Der Westen als Schöpfungsort moderner Technologie und Wissenschaft schien in der historischen Perspektive als „Moder­ne“ der islamischen Lebenspraxis und seinen Traditionen haushoch überlegen. Die politischen und ökonomischen Ins­trumente des Islam mussten, so zumindest die Überzeugung der neuen muslimischen Denker, den neuen Gegebenhei­ten, notfalls auch mit Hilfe einer Neuinterpretation des Rechts, angepasst werden. Heute erscheint diese Reform, insbesondere die Aufgabe wichtiger Institu­tionen und Überzeugungen der islamischen Ökonomie, in vielen Teilen eher fragwürdig.

Moderne und Technik
Der Schrecken über die brutale Ankunft der Moderne, die das Denken der Muslime im 20.Jahrhundert prägt, geht einher mit der gleichzeitigen ­Faszination von den neuen Techniken, die sich auch den Muslimen als neue Hilfsmittel der politischen Macht anboten. Dem politischen Islam ging es darum, diesen Vorsprung durch Technik einzuholen, zum Beispiel die Mobilisierungskraft von menschlichem Willen zu kopieren, die neuen Kampftechniken nachzuahmen, in die Beherrschung der Atome einzustei­gen und mit der industriellen Produktion von Geld Schritt zu halten. Der politische Islam organisierte die Ziele des vermeintlichen Gegenschlags, also die ­eigene Rückgewinnung von Macht, in Form von „islamischen“ Techniken, sei es in Form von Parteien, Atomwaffen oder Banken. Diese neuen – ­islami­sierten – Kopien schienen den alten Originalen überlegen und versprachen den islamischen Staaten die schnelle eigene Machtergreifung.

Es ist dabei wichtig zu verstehen, dass mit der Idee des Modernismus auch eine schleichende Säkularisierung des Denkens einherging. „Was ist und wer hat Macht?”, die Beantwortung dieser ­Fragen bestimmten den neuen Trend im islami­schen Denken. Die Vorstellung, dass Macht etwas sei, das der Mensch nach Gutdünken für sich gewinnen und orga­nisieren kann, passte sich dabei eher unbemerkt der westlichen Vorstellungswelt von Machtprozessen an. Die islamische Welt zwischen Damaskus und Kairo fühlte sich lange Jahre dementsprechend ohnmächtig. Die „Modernisierung“ und -angesichts der „Macht“ des Westens – gleichzeitige „Demoralisierung“ des islamischen Denkens nahm seinen Lauf. Es ist interessant, dass praktisch zu gleicher Zeit im Westen unter dem Eindruck des Unwesens der Ideologien und ihrer technologischen Kriege eine fundamenta­le Technikkritik einsetzte. Heidegger formulierte einen grundsätzlichen, schockie­renden Zweifel an der Basis moderner Politik. Die Technik, die der politische Islam für seine Zwecke instrumentalisie­ren wollte, habe – so Heidegger – eine dem Grunde nach politikfeindliche Dimension, indem sie den Menschen gera­de nicht ermächtige, sondern auf Dauer versklave. Die Finanztechnik, als das kombinierte Wirken von Kapital und Technik, beschleunigte unter den ­Augen der westlichen Intelligenz, bis zum heutigen Stadium, diesen Vorgang der unheimlichen Entpolitisierung. Die Bedürf­nisse der Technik, des Staates und der Partei dominieren den neuen Glauben.

Zweifel am Bankwesen
Es ist ein weiteres Paradox, dass ­heute unzählige westliche Denker die Humanität des Bankwesens längst anzweifeln, während große Teile der islamischen Welt noch immer die angeblichen Segnungen des „Islamic Banking“ feiern. Es stellt sich eine einfache Frage: kann eine Bank überhaupt „islamisch“ sein? Immer mehr Muslime antworten nach den jüngsten Erfahrungen mit nein. Eine Bank ist eine Bank. Jede „islamische Bank“ nimmt als Bank am globalen Geldsystem teil. Das monetäre System beruht auf dem Recht, dass einzelne Zentralbanken praktisch grenzenlos „Geld aus dem Nichts“ schöpfen können. Die Idee einer globalen politischen Macht bedingt natürlich das Vermögen zur Schaffung endlosen Kapitals. Die Voraussetzung für diese Art der Maßlosigkeit ist, dass die Produktion von (inflationärem) Papiergeld nicht an den Besitz realer ­Güter gekoppelt bleibt. Die „islamische“ Bank versucht nun in dieses System eine Art moralischen Impuls einzuhauchen. Sie will angeblich nur die religiös korrekte Seite des Systems bedienen. Hierzu muss sie die Debatte von der (inflationären) Natur des Geldes, das sie wie jede andere Bank bedenkenlos benutzt, weg lenken. Die Frage, ob das Geld an sich ­moralisch, „gut oder schlecht“, sein kann, spielt für die „Islamische“ Bank und ihre Theoretiker (übrigens auch für viele Puritaner und Hardliner) keine Rolle. Die Entfremdung des Sinnes islamischer Verträ­ge und die dreiste Aushebelung des Zinsverbotes, die das „islamische“ Bankenmodell leider auszeichnet, wäre ein Thema für einen anderen Tag.

Das islamische Geld – ein kurzer Ausblick
Im arabischen Raum, mit seinen ungeheuren Ressourcen, wird heute wie in den Jahrhunderten zuvor die Zukunft des globalen Handels diskutiert. Viele muslimische Gelehrte sehen im Tauschgeschäft zwischen Öl und Papier, das wesentlicher Teil der jüngeren Wirtschaft­sgeschichte der Ölländer ist, einen grundsätzlichen Widerspruch hinsichtlich des koranischen Gebotes des „gerechten Handels“. In jeder eigenständigen Wirtschaftsordnung ist die Definition von Geld, als Basis aller Transaktionen, elementar. Im Islam sind Papiere, die nur auf ein Zahlungsversprechen hinauslaufen, eindeutig verboten. Im Qur’an werden gold- und silbergedeckte Dinar und Dirhams als die traditionellen Zahlungs­mittel ausdrücklich erwähnt. Die Frage an den Islam ist heute, ob er noch ein Mo­dell vorstellen kann, das eine ­Antwort „jetzt“, ohne die sinnlose Romantik ­eines „zurück“, ermöglicht. Das islamische Wissen um die Logik des Geldes ­entfaltet bereits wieder erstaunliche Aktualität. Um mehr über diese Seite des Islams herauszufinden, bedarf es des intensiven Studiums des ganzheitlichen Modells der Ökonomie. Man wird bald feststellen, dass die Lehrer und die Lehranstalten, die über dieses, ehemals klassische Reper­toire verfügen, dünn gesät sind. Die meisten Lehrer, gerade im akademischen Betrieb, verfolgen in erster Linie den öffent­lichen Nachweis, zu welcher Form des politischen Islam sie sich zugehörig fühlen. Hier schließt sich dann der Kreis.

Kommentar: Die Westdeutsche Landesbank will Muslime mit einem neuen Fonds anlocken. Von Sulaiman Wilms

(iz). Muslime und Ökonomie, geht das zusammen? Darauf sind zwei Antworten möglich. Einerseits muss man dies bejahen: Muslime sind auch Verbraucher, Kunden, Unternehmer und Investoren. Außerdem – was oft unterschlagen wird – besteht das islamische Recht erheblich aus ökonomischen Bestimmungen [arab. Mu’amalat, im Gegensatz zur rituellen Anbetung, ‘Ibadat]. Andererseits ­könnte man vom medialen Standpunkt diese Frage verneinen, denn dieser Zusammen­hang wird in der Debatte unterschlagen. Von jenen, die im Namen der Muslime sprechen – „Konservativen“ wie „Liberalen“ – war in der Vergangenheit kaum oder nichts zu essenziellen ökonomischen und monetären Fragen zu hören.

Nimmt ein Muslim heute die verpönte „Scharia“ bejahend in den Mund, ist ihm Kritik sicher. Ironischerweise sind Banken und Fondsmanager die einzigen, die sich auf dieses ansonsten unbeliebte Wort berufen. Dieser Widerspruch wurde bisher übersehen. In Krisenzeiten ist die „unsichtbare Hand“ der Finanzmärkte aber darauf angewiesen, auf bisher un­er­schlos­sene Geldquellen (auch die der ­Muslime) zurückzugreifen.

Der Markfachmann Wolfgang Raum geht in seinem Newsletter davon aus, dass Muslime in Deutschland jährlich bis zu zwei Milliarden Euro in konventio­nellen Bank- und Versicherungsproduk­ten anlegen. Auch ihre Sparquote liege über dem deutschen Durchschnitt. Anders als vielen konsumbewussten Biodeutschen sieht man es vielen ­ehemaligen „Gastarbeitern“ nicht immer an, ob sie Immobilien oder große Sparvermögen besitzen. Ein muslimischer Brancheninsider bezifferte im Gespräch die ­Summe der von Muslimen in Deutschland gehal­tenen Vermögenswerte auf rund 70 Milliarden Euro.

Trotz des seit Jahren beworbenen ­Hypes um Halal-Industrie und das vermeintliche „Islamic Banking“ blieb es hier eher ruhig, soweit es die Masse betrifft. Obwohl einige Banken Investment­fonds unter dem Etikett „Scharia-Kompatibilität“ anboten, richteten sie sich eher an ausländische Investoren; insbesondere aus reichen Rohstoffstaaten. In Ermangelung großer Angebote ­versuchen kleinere Agenturen nun, diese Lücke zu füllen und Muslime im Direktmarketing anzusprechen.

Düsseldorfer preschen vor
Die in Düsseldorf ansässige Westdeutsche Landesbank Girozentrale (WestLB) scheint nun als einer der ersten die ­Lücke füllen zu wollen. Wie Raum selbst, PR-Agenturen und die „Welt“ am 16.1. berichteten, ging am 20.1. auf den ­Börsen in Frankfurt und Stuttgart ein „Islamic-Stragie-Zertifikat“ an den Start. In dem vom Zentralrat der Muslime (ZMD) zertifizierten Fonds offerieren die Düsseldorfer „ein risikoreduziertes Investment in die zehn größten islamkonformen Unternehmen Deutschlands“. Als ­Maßgabe, welche DAX-Unternehmen in den Fonds einfließen, dient der WestLB-eigene Index, WestLB Islamic-Deutschland. Welches Unternehmen auf dem Index geführt wird, entscheidet am Ende IdealRatings, eine USA-Firma, die sich auf den „islamischen Finanzmarkt“ spezialisiert hat.

Angeblich werde das Risiko von Verlusten durch eine „Stopp-Loss-Strategie“ reduziert. Verliert der Fonds auf Schlusskursbasis acht Prozent oder mehr gegen­über dem Anfangspreis ­beziehungsweise dem Schlusskurs zum letzten Anpassungszeitpunkt, solle das Kapital am ­folgenden Handelstag vollständig in ein unverzinsliches Geldkonto umgeschich­tet werden. Vor einer weiteren Krise sind auch muslimische Anleger nicht gefeit. Gerade der vermeintliche „islami­sche Finanzmarkt“ kann, wie das Beispiel Dubai zeigt, scheitern, wenn Inves­titionen oder Sicherheiten an die allge­meinen Märkte gekoppelt sind. Bei Gold, Silber und werthaltigen Rohstof­fen hätten die großen Fonds nicht derartige Kapitalsummen vernichtet, wie es ab 2008 der Fall war.

Es bleiben Fragen offen
Nach Angaben von Frank Haak, Leitender Direktor bei der WestLB für „Equity Markets“, erfolgte die Zertifizie­rung „durch drei Gelehrte, die im ­Namen des Zentralrats der Muslime in Deutschland e. V. (ZMD), die Zertifizierung übernommen haben“. Namentlich seien dies: Mufti Abdul Kadir Barkatulla (London, Imam Finchley Mosque), Scheich Haytham Tamim (London, Utrujj Fundation) und Michael Saleh Gassner (Zürich, Islamic Finance-Experte). Nach Angaben von Haak benennt die zertifizierende Einrichtung jedes Jahr eine ­gemeinnützige Einrichtung, die fünf Prozent der Divi­dende erhalten soll.

Die anvisierten deutschen Unterneh­men wie Adidas, BASF, Bayer, E.ON, RWE, SAP, Siemens und ThyssenKrupp machen angesichts ihrer Bekanntheit Eindruck. Das Auftauchen der Energie­oligarchen RWE und E.ON dürfte wegen ihrer Beteiligung an der Atomenergie für Kritik sorgen. Es ist dem zertifizierten Anspruch des Paketes, islam-kompatibel zu sein, wohl auch eher abträglich, dass Adidas in der Vergangen­heit mit inhumanen Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt in Verbindung gebracht wurde. Dass ThyssenKrupp am europäischen Werftenverbund ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) beteiligt ist, und somit zu den ­modernsten Produzenten maritimer Militärtechnologie zählt, muss den Finanz-Gelehrten entgangen sein.

Noch gravierender ist, dass die WestLB als integraler Bestandteil der krisengeschüttelten europäischen Finanzlandschaft bisher Teil des Problems, und nicht der Lösung war. Wie die „Welt“ richtig einschätzt, schützt auch eine „Stopp-Loss-Strategie“ nicht vor einer eventuellen Pleite der Düsseldorfer, da es sich bei dem Index um eine Schuldverschreibung handle. „Die Ratingagentur Fitch bewertet die WestLB mit ‘A-’. Die Versicherungsprämie für das Risiko eines Kreditausfalls der WestLB liegt laut Scope aber mit aktu­ell 401 Basispunkten deutlich höher als bei den meisten anderen Emissionshäusern“, findet sich in der „Welt“.

Muss man sich die Frage stellen, welchen Kenntnisstand die zertifizierenden Gelehrten bei ihrer Rechtsmeinung hatten? Immerhin übersahen sie, dass die WestLB selbst ein versuchter Player am Kasinokapitalismus (eigentlich nicht ­islam-konform) sein wollte. 2006 verzeichnete die Bank laut Wikipedia ­einen Eigenverlust von einer Milliarde Euro. Man hatte sich beim Zocken mit Kursdifferenzen spekuliert. Und im „Februar 2008 mussten die Eigentümer (…) umfangreiche Rettungsmaßnahmen beschließen. Die Bank gliederte risikobehaftete Wertpapiere im Wert von 23 Mrd. Euro in eine den gesetzlichen Vorschriften zufolge gegründete Zweckgesellschaft außerhalb der Bank aus. Dadurch befreite sich die Bank von bilanzwirksamen Belastungen aus diesem Portfolio“, findet sich in dem online-Lexikon zur WestLB. In Folge ­verließen zwei Manager das Finanzinstitut.

Gefordert sind ­nachhaltige Investitionen
Ob der neue Index und die damit einhergehende Zertifizierung einen nachhaltigen Nutzen für Muslime, die Community und ihr Umfeld hat, bleibt offen. Investmentfonds und Anlagemöglichkeiten sind ohne Frage ökonomischer Alltag. Inwiefern dieses Geschäfts­modell mit dem Etikett „islamisch“ versehen werden sollte, kann in Frage gestellt werden.

Will man beides – Profite und allgemeinen Nutzen – miteinander in Einklang bringen, wären ebenso gewinnorientierte Immobilienfonds denkbar, die auf lokaler Basis Räumlichkeiten für Gemeindezentren, lokale Kliniken, Schulen etc. schaffen und vermieten. Ein Blick auf Großbritannien zeigt, dass dort viele die Notwendigkeit für Investitionen in eine lokale Entwicklung erkannten. Hierbei gelten muslimische Gemeinden auch als produktive Bestandteile der sozialen Kohäsion. Das deutsche Genossenschaftsrecht beispiels­weise lässt die Gründung einer Genossenschaft schon mit einer geringen Teilnehmerzahl zu. Mit diesem Geschäftsmodell sind diverse nachhaltige, ökonomische Konzepte denkbar. Offenkundig herrscht in Deutschland ein Vakuum, über das Muslime reflektieren und in das sie investieren sollten.

In der Vergangenheit bestand die einzige (von verbandsinternen Projekten großer Moscheeverbände abgesehen) kollektive Anstrengung deutscher Muslime aus der Sammlung von Spendengeldern für auswärtige Katastrophengebiete. Auf die Entwicklung einer für alle Seiten nützlichen Infrastruktur und die Mehrung eigener Ressourcen ­wurde bisher verzichtet. Hier schließt sich der Kreis: Während einzelne Moscheen und Verbände Zertifikate (für Banken und die Lebensmittelindustrie) ausstellen, gibt es ansonsten kein nennenswertes Interesse an den (siehe oben) Mu’amalat.

Erlauben wir es als Muslime ebenfalls nur noch Banken und Brokern, als ­einzige die „Scharia“ in den Mund zu nehmen?

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