Umgang mit einem traumatischen Ereignis

Ausgabe 254

Foto: Wikimedia Commons | Lizenz: Fair Use

(iz). Der Putschversuch in der Türkei hat nicht nur dort, sondern in der gesamten islamischen Welt einen Schock ausgelöst. Die moderne Türkei hat zwar bereits drei blutige Putsche durch laizistisch-kemalistische Offiziere der Armee und jahrelange Militärdiktaturen mit systematischer Verfolgung von Oppositionellen erlebt, aber dass in der heutigen Türkei ein Militärputsch möglich ist, haben die meisten nicht gedacht.
Als die ersten Nachrichten kamen, dass Soldaten die Brücken über dem Bosporus in Istanbul abgesperrt hatten, haben viele an eine Vorkehrung aufgrund eines Terrorhinweises gedacht. Schnell stellte sich aber heraus, dass es sich um einen Putschversuch handelte, spätestens als die Meldungen kamen, dass andere strategisch wichtige Stellen im Land durch Militärs besetzt wurden, unter anderem der staatliche Sender TRT.
Daraufhin überschlugen sich die Ereignisse. Das Parlament wurde von Kampfflugzeugen bombardiert sowie die Zentrale des türkischen Geheimdienstes. In den ersten Stunden herrschte große Unklarheit, weil weder Staatspräsident Erdogan noch der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim zu sehen waren. Erst durch das Interview im regierungskritischen Sender CNN-Türk meldete sich Erdogan durch eine Schaltung via Smartphone zu Wort und forderte die Bevölkerung auf, auf die Straßen zu gehen und den Putschisten Widerstand zu leisten.
Dass dieser Aufruf gerade in einem ansonsten Erdogan gegenüber sehr kritisch eingestellten Sender ausgestrahlt wurde, ist von großer symbolischer Bedeutung. Denn es haben, egal wie verfeindet man zum Teil sogar ist, sowohl die Oppositionsparteien CHP und MHP als auch die oppositionellen Medien sofort eine klare Haltung zum Putsch eingenommen. Millionen Menschen gingen in dieser Nacht im ganzen Land auf die Straßen und stellten sich den Putschisten entgegen. 290 Menschen starben bei den Kämpfen, mindestens 173 davon Zivilisten. Panzer und Kampfhubschrauber feuerten auf unbewaffnete Zivilisten.
Während die Menschen in der Türkei versuchten, dieses traumatische Ereignis zu verarbeiten, spekulierten westliche Medien über die Verschwörungstheorie, ob Staatspräsident Erdogan diesen Putsch eventuell inszeniert haben könnte. Manche Türkeiexperten und Politiker waren sich sogar sicher, dass es inszeniert war. Indizien? Beweise? Fehlanzeige. Es passte einfach in das gewöhnliche Muster der mittlerweile sehr verbreiteten Erdogan-Obsession.
Statt über die Vorfälle, die durch Handyaufnahmen sehr gut dokumentiert sind, zu berichten, wurde spekuliert, gefordert und gewarnt. Das ging sogar so weit, dass stellenweise eine Täter-Opfer-Umkehr stattfand. Die Putschisten, die von Demonstranten entwaffnet wurden, galten als Opfer und die Demonstrierenden als Mob. Eine verkehrte Welt, die in deutschen Medien präsentiert wurde, während man gleichzeitig von Freunden vor Ort die Wirklichkeit vermittelt bekam.
In den ersten Tagen nach dem Putschversuch kamen Stück für Stück Einzelheiten heraus. Eine Spezialeinheit der Putschisten soll Freitag Abend versucht haben, das Hotel, in dem Staatspräsident Erdogan mit seiner Familie Urlaub machte, zu stürmen. Nur, weil er rechtzeitig über ungewöhnliche Truppenbewegungen informiert wurde, konnte er rechtzeitig das Hotel verlassen und nach Istanbul fliegen.
Noch kann man nicht endgültig sagen, wer hinter diesem Putschversuch wirklich steckt. Aber die Gülen-Gruppe, die sehr engmaschig strukturiert ist, scheint eine tragende Rolle gespielt zu haben. Nicht erst seit der AKP-Regierung versucht die Bewegung, ihre Leute in staatliche Strukturen zu platzieren. Ob nur sie hinter diesem Putschversuch steckt, muss in Frage gestellt werden. Auch andere Akteure können hier eine Rolle gespielt haben.
Der gescheiterte Putsch in der Türkei durch Teile der Armee beeinflusst auch die Stimmung unter den hier lebenden Türkischstämmigen. Bereits am Abend des Putschversuchs versammelten sich Tausende vor den türkischen Konsulaten und Botschaften in Deutschland. Die hier lebenden Türken wollten damit ihre Solidarität für die türkische Regierung bekunden. Manche Politiker befürchten nun, dass die Konflikte in der Türkei auch nach Deutschland ausstrahlen. Andere fragen sich, warum Staatspräsident Erdogan und die AKP so viele Anhänger in Deutschland haben. Bei den letzten Parlamentswahlen,  bei denen auch die Türkischstämmigen in Deutschland in den Konsulaten wählen konnten, errang die AKP knapp 60 Prozent der Stimmen.
Es waren nicht nur Anhänger Erdogans, die sich diesen spontanen Demonstrationen angeschlossen haben. Denn die Türkei hat in seiner noch jungen Geschichte bereits drei blutige Militärputsche hinter sich. Das hat ein Trauma hinterlassen, was in der türkischen Gesellschaft immer noch nicht gründlich genug aufgearbeitet wurde. Anhänger der Oppositionsparteien haben sich vom ersten Moment an gegen die Putschisten positioniert, auch wenn sie die aktuelle Regierung stark kritisieren. Dennoch, Erdogan hat viele Sympathisanten in Deutschland.
Die Gründe dafür muss man versuchen, zu verstehen. Denn bisher wurden die Auslandstürken von den Vorgängerregierungen nie ernst genommen. Sie spielten in ihren Regierungsprogrammen keine Rolle, sollten nur Devisen ins Land bringen, aber was ihre Probleme, Erwartungen und Wünsche waren, das war den Regierungen vor der AKP schlichtweg egal. Erst mit der neuen Regierung ist überhaupt eine Politik für die in Europa lebenden Türken entstanden. Das muss man nüchtern feststellen, egal wie man sie nun inhaltlich bewertet. Die hier lebenden Türken hatten zum ersten Mal das Gefühl, dass sie für die türkische Regierung wichtig sind. Das kannte die deutsche Mehrheitsgesellschaft bisher nicht.
Das neue Selbstbewusstsein der türkischstämmigen Community irritiert die politischen Verantwortlichen. Peter Tauber, Generalsekretär der CDU, der sich von den Demonstrationen gestört fühlt, sagte: Wer hier lebe und arbeite, „dessen Loyalität liegt bei der Bundesrepublik Deutschland“. Der österreichische Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz ging noch einen Schritt weiter, und legte den demonstrierenden Erdogan-Anhängern die Ausreise nahe.
Diese Aussagen von unseren Politikern sagen mehr über ihre Hilflosigkeit als über die Frage nach der Loyalität aus. Die Politik ist überfordert mit dem Umgang mit den konservativ-religiösen Türken, die nun einmal einen beträchtlichen Teil der Türken hier ausmachen. Die Politik kommt den Veränderungen in der türkischen Community nicht hinterher, weil sie sich bisher auch überhaupt nicht um dieses religiös-konservative Milieu gekümmert haben.
Es ist nicht, wie so oft behauptet, der wirtschaftliche Aufschwung in der Türkei, der die Menschen zu Erdogan treibt. Der religiös-konservative Teil der Türken wurde in der modernen Türkei immer strukturell benachteiligt. Erdogan und die AKP haben diese Ausgrenzung überwunden. Während diese große Gruppe immer mehr das Gefühl hat, von der deutschen Politik von oben herab behandelt zu werden, haben sie bei Erdogan das Gefühl, ernst genommen zu werden. Er ist einer von ihnen. Es geht nicht um Loyalität, es geht um eine Begegnung auf Augenhöhe. Und unsere Politiker merken nicht, dass sie mit dieser Rhetorik genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie wollen.
Aber die Befürchtungen von Tauber, De Maiziere & Co., dass externe Konflikte nach Deutschland getragen werden könnten, sind nicht von der Hand zu weisen. Das sollte sowohl Erdogan als auch die Politiker hier in Alarmstimmung versetzen. Denn die Austragung dieser Konflikte bringt beiden Seiten nichts als Probleme. Nach dem Putschversuch dominiert eine Stimmung unter den Türkischstämmigen in Deutschland, die der Denunziation Tür und Tor öffnet. Listen sind in den sozialen Medien in Umlauf, die auf Restaurants, Geschäfte und Vereine aufmerksam machen, die man boykottieren soll.
Dies wird momentan leider auch von der türkischen Politik geschürt. Es ist eine historische Phase, die die Türkei momentan durchläuft. Die AKP und Erdogan waren mit der Mission angetreten, die stark polarisierte Türkei und die tiefen Gräben zwischen den Schichten zu überwinden. In den letzten Jahren bemerkt man nach den Gezi-Demonstrationen und der Auseinandersetzung mit der Gülen-Bewegung, die in der Tat systematisch seit Jahrzehnten – auch vor der AKP-Regierung – staatliche Strukturen unterwandert hat, eine Veränderung in dieser Haltung.
Die Beschäftigung mit dem „Feind“ und die heute vorherrschende Haltung, dass jeder Kritiker feindliche Absichten habe, hat die AKP von ihrem anfänglichen Kurs abgebracht. Das erinnert an Nietzsches Aussage: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Auch manche AKP-Anhänger haben das Gefühl, dass ihre Partei dabei ist, jene Eigenschaften vorheriger Regierungen anzunehmen, die man ja eigentlich ändern wollte.
Mit der derzeit vorherrschenden Stimmung wird eine Rückbesinnung auf den Gründungsmythos der AKP nicht gelingen, sondern die Polarisierung verstärkt. Und das werden wir auch hier in Deutschland zu spüren bekommen.

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