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Unternehmertum zwischen Glauben und Gewinn

Ausgabe 367

Unternehmer
Foto: Freepik.com

Wie eine neue Generation muslimischer Unternehmer Erfolg neu definiert. Von der Verzweiflung zur Vision: Wenn der Nine-to-Five-Job zur spirituellen Sackgasse wird. AutorInnen aus einem Sammelband berichten.

(iz). Es ist Montagmittag, 11:47 Uhr. Nadine sitzt im Großraumbüro und starrt auf ihren Bildschirm. In drei Minuten beginnt das Meeting. Das Mittagsgebet? Unmöglich. Wieder. Ihr Chef hat bereits beim letzten Mal die Augen verdreht, als sie nach einem Gebetsraum fragte. „Können Sie das nicht zu Hause machen?“, hatte er gefragt. Als wäre ihr Glaube ein Hobby, das man nach Feierabend pflegt. Von Susann Uçkan

Nadine ist keine Einzelfall. Tausende Muslime in Deutschland erleben täglich diesen inneren Konflikt: Wie vereinbart man die Anforderungen der modernen Arbeitswelt mit den eigenen Werten? Wie bleibt man sich selbst treu, wenn das System einen immer wieder zum Kompromiss zwingt?

Die Antwort, die immer mehr Muslime für sich finden, lautet: Selbstständigkeit. Doch dieser Weg ist steinig, voller Zweifel und gesellschaftlichem Druck. „In meiner Familie galt nur eines als sicher: eine feste Anstellung“, erzählt Suleiman Kassem, heute erfolgreicher Unternehmer. „Als ich sagte, ich will mich selbstständig machen, hielten mich alle für verrückt. ‘Du hast doch studiert! Wirf das nicht weg!‘“

Das Playbook, das fehlte

Genau für Menschen wie Nadine und Suleiman haben 22 muslimische Selbstständige und Unternehmer unter der Leitung von mir, Susann Uçkan, etwas Einzigartiges geschaffen: „Business Muslim“ – ein umfassendes Handbuch für muslimisches Unternehmertum im deutschsprachigen Raum. Kein theoretisches Werk, sondern ein Playbook aus der Praxis, für die Praxis und von der Umma für die Umma.

„Wir waren alle an diesem Punkt. Wir hatten die Idee, den Willen, vielleicht sogar das Startkapital. Aber was uns fehlte, war ein Kompass. Wie macht man Business, ohne seine Seele zu verkaufen? Wie wird man erfolgreich, ohne die Gebete zu opfern? Wie navigiert man durch Steuern, Marketing und Preisgestaltung… halal?“

Das Buch ist keine spirituelle Abhandlung, die Business romantisiert. Es ist knallhart praktisch: Von der Wahl der richtigen Rechtsform über Buchhaltung und Steuerfallen bis hin zu Launch-Strategien und Preisfindung. Aber – und das macht es besonders – immer mit einem klaren ethischen Fundament.

Wenn die Absicht zum Geschäftsmodell wird

„Die Taten sind nur nach den Absichten“, zitiert Tarek Hazzaa, einer der Autoren, den Propheten Muhammad (Frieden und Segen auf ihn). „Das ist nicht nur ein frommer Spruch. Das ist die Grundlage von allem.“

Die Niyya, die Absicht, ist im muslimischen Unternehmertum der Kompass, der alle Entscheidungen leitet. Warum mache ich das? Um Geld zu verdienen? Um der Familie zu beweisen, dass ich es kann? Oder um der Umma zu dienen, halal Einkommen zu erwirtschaften, Zeit für die Familie zu gewinnen?

„Mit der richtigen Niyya wird dein Business zur Ibada, zum Gottesdienst“, erklärt Hazzaa. „Jede E-Mail, jedes Kundengespräch, jede Rechnung kann eine Form der Anbetung sein, wenn die Absicht rein ist.“

Das klingt spirituell. Ist es auch. Aber es hat ganz konkrete Auswirkungen auf den Geschäftsalltag. Ein Unternehmer, der sein Business als Ibada versteht, trifft andere Entscheidungen. Er verkauft nicht um jeden Preis. Er täuscht nicht. Er opfert nicht seine Gesundheit für den nächsten Deal.

Der Prophet als Geschäftsmann

Dabei ist die Verbindung von Glaube und Geschäft keine neue Erfindung. Der Prophet Muhammad (Frieden und Segen auf ihn) selbst war ein erfolgreicher Händler, bevor er seine Offenbarung erhielt. Seine Reputation? Al-Amin, der Vertrauenswürdige. Sein Geschäftsmodell? Radikale Ehrlichkeit.

„Stell dir vor“, sagt Anwar El Younouss, Experte für ethischen Verkauf, „du gehst zu einem Autohändler, und er sagt dir von sich aus: ‘Dieser Wagen hat einen Motorschaden. Ich rate Ihnen davon ab.’ Das ist das Prinzip von Amana: der Treuhänderschaft. Du bist nicht nur deinem Gewinn verpflichtet, sondern der Wahrheit.“

Diese Ehrlichkeit wird oft als Nachteil im rauen Business-Alltag gesehen. Ein Luxus, den man sich nicht leisten kann. Die Autoren argumentieren das Gegenteil: In einer Welt voller leerer Marketing-Versprechen, Fake-Bewertungen und manipulativer Verkaufstaktiken ist Ehrlichkeit der größte Wettbewerbsvorteil.

Vertrauen ist zur wertvollsten Währung geworden und wir haben das Betriebssystem dafür: den Islam.

Die Halal-Hürde: Zwischen Prinzipientreue und Pragmatismus

Doch der Weg ist nicht ohne Hindernisse. Die größte Herausforderung? Kompromisslos halal zu bleiben, auch wenn es wehtut.

Muhammet Güneş, der die Lackiererei seines Vaters übernahm, erinnert sich an einen Moment, der alles veränderte: „Ein Kunde wollte, dass ich sein Auto lackiere. Gutes Geld. Aber dann sah ich, dass auf der Motorhaube ein riesiges Bier-Logo stehen sollte. Werbung für Alkohol.“ Er lehnte ab. Der Kunde war fassungslos. Die Familie verständnislos. „Aber ich konnte nachts wieder schlafen.“

Diese Momente sind es, die den Business Muslim definieren. Momente, in denen Prinzipien wichtiger sind als Profit. Keine Zinsen, auch wenn die Bank mit „günstigen Konditionen“ lockt. Keine Kunden, deren Geschäftsmodell haram ist, auch wenn sie sechsstellige Aufträge versprechen. Keine Täuschung im Marketing, auch wenn „alle es so machen“.

„Das Schwierigste ist die Geschwister-Rabatt-Falle“, gesteht Gülcan Özdemir offen. „Du baust dir mühsam ein Business auf, kalkulierst fair und dann kommt jemand aus der Community und erwartet einen Freundschaftspreis. Als wäre es haram, von anderen Muslimen Geld zu nehmen.“

Das Buch geht auch dieses heikle Thema ohne Tabus an: Wie kommuniziert man klare Grenzen, ohne als geldgierig zu gelten? Wie dient man der Umma, ohne sich selbst aufzugeben?

Tawakkul: Die Kunst, loszulassen

Und dann ist da noch die Angst. Die lähmende, allgegenwärtige Angst. Was, wenn es nicht klappt? Was, wenn ich meine Familie nicht ernähren kann? Was, wenn alle recht haben, die gesagt haben: „Bleib doch einfach angestellt“?

Hier kommt Tawakkul ins Spiel: das Vertrauen auf Allah nach eigener Anstrengung. „Tawakkul ist kein passives Warten“, stellt Nina Berthold klar, die selbst mehrere gescheiterte Versuche hinter sich hat. „Es heißt: Binde dein Kamel fest an, und vertraue dann auf Allah. Nicht andersherum.“

Das bedeutet: Du erstellst den Businessplan. Du lernst Marketing. Du sprichst mit Kunden. Du tust alles in deiner Macht Stehende, mit Exzellenz, mit Ihsan. Und dann, wenn du alles gegeben hast, legst du das Ergebnis in Allahs Hände.

„Diese Haltung hat mich gerettet“, erzählt Berthold. „Als mein erster Launch floppte, hätte ich aufgeben können. Aber ich sah es nicht als Scheitern, sondern als Prüfung. Vielleicht schützte Allah mich vor etwas. Vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt.“ Sie machte Istikhara, adjustierte ihre Strategie und beim zweiten Versuch funktionierte es.

Die gefährliche Mitte

Eine der schärfsten Analysen im Buch betrifft die Positionierung: Für wen mache ich mein Business eigentlich? Die muslimische Community? Den Mainstream-Markt? Beide?

Die gefährlichste Position ist die unentschlossene Mitte. Wenn du versuchst, es allen recht zu machen, sprichst du am Ende niemanden richtig an.

Ich beschreibe dabei drei Optionen: Den klaren Fokus auf die muslimische Community, mit tiefem Verständnis, aber begrenztem Markt. Die universelle Positionierung, mit größerer Reichweite, aber ohne den USP der geteilten Identität. Oder den Hybrid-Ansatz, der beides verbindet, aber absolute Authentizität verlangt.

Was auch immer du wählst, versteck dich nicht. Dein Muslim-Sein ist kein Makel, den du kaschieren musst. Es ist deine Superkraft.

Ramadan im Business: Realität statt Romantik

Das Buch romantisiert nichts. Es spricht auch die harten Wahrheiten an. Nadine Ben Kahla widmet ein ganzes Kapitel dem Thema „Business im Ramadan“ und räumt mit frommen Illusionen auf.

„Vergiss den Gedanken, dass du im Ramadan genauso produktiv bist wie sonst“, sagt sie unverblümt. „Du fastest. Du betest mehr. Du schläfst anders. Das ist okay.“ Ihre Empfehlung: Reduziere deine Arbeitszeit auf 50-60 Prozent, kommuniziere das klar mit Kunden, fokussiere dich auf Routine statt Innovation und halte die letzten zehn Tage komplett frei für Ibadah.

„Das ist kein Schwächezeichen“, betont sie. „Das ist Respekt vor dem, was wirklich zählt.“

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Wenn Frauen führen: Das Vorbild Khadidscha

Besonders bewegend sind die Abschnitte über Khadidscha, die erste Ehefrau des Propheten, Frieden und Segen auf ihm. Eine erfolgreiche Geschäftsfrau ihrer Zeit, die Karawanen führte und internationale Handelsbeziehungen pflegte und gleichzeitig eine spirituelle Führerin war.

„Khadidscha zeigt uns“, schreibt Hatice Avci, „dass Spiritualität und Geschäftssinn keine Gegensätze sind. Sie war nicht erfolgreich, obwohl sie spirituell war. Sie war erfolgreich, weil sie spirituell war.“

Für muslimische Frauen, die sich selbstständig machen wollen, ist das eine kraftvolle Botschaft. In einer Gesellschaft, die sie oft unterschätzt, und manchmal auch in einer Community, die ihnen Steine in den Weg legt, ist Khadidscha der Beweis: Es geht. Und es ist erlaubt. Und es ist ehrenwert.

Der Weg ist das Ziel und die Prüfung

„Business Muslim“ ist kein Erfolgs-Garantie-Schein. Es ist ehrlich genug, um zuzugeben: Der Weg wird hart. Es wird Momente geben, in denen du an dir zweifelst. In denen die Familie dich nicht versteht. In denen Kunden ausbleiben und das Konto leer ist.

Aber es bietet etwas anderes: Einen Rahmen. Eine Community. Ein Betriebssystem für wertebasiertes Unternehmertum.

Suhila Thabti-Megharia, Gedächtnistrainerin und Mutter von drei Kindern, fasst es so zusammen: „Ich habe zwischen Windeln und Vorlesungen angefangen. Keine Zeit, kein Geld, keine Sicherheit. Aber ich hatte eine klare Niyya und die fünf Gebete als Anker. Und jeden Tag, wenn ich nach dem Fajr-Gebet am Schreibtisch saß, spürte ich: Das hier ist richtig. Das hier hat Barakah.“

Die obere Hand

Am Ende geht es beim muslimischen Unternehmertum um mehr als nur Geld. Es geht um die „obere Hand“: das Prinzip, zu geben statt zu nehmen, zu dienen statt nur zu verdienen.

„Wenn dein Business läuft“, sagt Jamal Faièz, „bist du in der Position zu helfen. Du kannst Arbeitsplätze schaffen. Junge Menschen ausbilden. Projekte unterstützen. Du wirst vom Konsumenten zum Creator. Das ist deine Verantwortung als Teil der Umma.“

Diese Vision – eine Generation muslimischer Unternehmer, die nicht nur erfolgreich sind, sondern die Gesellschaft aktiv mitgestalten – zieht sich durch das gesamte Buch.

Ein Manifest für die nächste Generation

„Business Muslim“ ist fast schon eine Art Manifest. Ein Weckruf an all jene, die in Büros sitzen und spüren: Das kann nicht alles sein. An diejenigen, die eine Idee haben, aber nicht wissen, wie sie anfangen sollen. An die, die gescheitert sind und Mut für einen zweiten Versuch brauchen.

Es ist die Botschaft: Du kannst erfolgreich sein, ohne deine Seele zu verkaufen. Du kannst Gebete halten und trotzdem Deals machen. Du kannst halal leben und trotzdem prosperieren.

Nadine, von der wir am Anfang sprachen? Sie hat gekündigt. Vor sechs Monaten. Heute berät sie Unternehmen zu inklusiver Arbeitsplatzgestaltung und betet, wann sie will. „Ich verdiene weniger als früher“, sagt sie. „Aber ich fühle mich reicher. Weil ich wieder atmen kann.“

„Business Muslim“ von Susann Uçkan und 21 weiteren Autoren ist ein umfassendes Handbuch für muslimisches Unternehmertum und ab sofort erhältlich. Es deckt alle Bereiche von der ersten Idee bis zur Skalierung ab, immer mit islamischen Werten als Fundament. Für alle, die aufhören wollen, sich anzupassen und anfangen wollen, zu gestalten.

Mehr Infos zum Buch: https://halalmediasolution.com/business-muslim-das-buch/

Buch hier kaufen: https://www.epubli.com/shop/business-muslim-9783565083985

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