Wie die Oligarchen Ökonomie und Politik dominieren: Pünktlich zum WEF-Treffen in Davos veröffentlichte Oxfam einen Bericht über die Superreichen.
(iz). Milliardäre in aller Welt erleben derzeit eine historische Hochkonjunktur, während für Mrd. Menschen die Lebensverhältnisse stagnieren oder sich verschlechtern.
Der neue Oxfam-Bericht zum Weltwirtschaftsforum in Davos „Resisting the Rule of the Rich: Die Macht der Superreichen und wie sie unsere Freiheit bedroht“ beschreibt diese Entwicklung nicht nur als ökonomische, sondern als politische Gefahr für Demokratien weltweit.
Laut der Plattform stieg das Vermögen der rund 3.000 Milliardäre 2025 um mehr als 16 % auf 18,3 Bio. US‑Dollar – der höchste Stand aller Zeiten. Insgesamt ist ihr Reichtum seit 2020 inflationsbereinigt um 81 % gewachsen – in einem Zeitraum, in dem die Armutsbekämpfung weitgehend zum Stillstand gekommen ist.
Der Bericht beziffert den Vermögenszuwachs allein im vergangenen Jahr auf 2,5 Bio. Dollar, eine Summe, die laut Oxfam ausreichen würde, um extreme Armut 26‑mal zu beseitigen. Die zwölf reichsten Personen besitzen demnach inzwischen mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – rund vier Mrd. Menschen.
In Deutschland spiegelt sich dieser Trend: Ihre Zahl stieg binnen eines Jahres um ca. ein Drittel auf 172, ihr Gesamtvermögen legte inflationsbereinigt um etwa 30 % auf 840,2 Mrd. Dollar zu.
Ein deutscher Milliardär verdient demnach in weniger als eineinhalb Stunden so viel wie ein durchschnittlicher Beschäftigter im ganzen Jahr. Die NGO spricht von einer „Ära der Milliardärinnen und Milliardäre“, in der sich Reichtum an der Spitze in „nie dagewesenem Tempo“ konzentriert.

Foto: Allah Rakhi, Care International
Dem Rekordreichtum steht eine Welt gegenüber, in der sich grundlegende Lebensrisiken für viele verfestigen. Laut den von Oxfam ausgewerteten UN‑Zahlen hatten 2024 rund 28 % der globalen Bevölkerung nur eingeschränkten bzw. gar keinen sicheren Zugang zu ausreichend Nahrung; insgesamt waren etwa 2,3 Mrd. Personen von moderater oder schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen.
Zugleich lebten 2022 fast 48 % der Weltbevölkerung von weniger als 8,30 Dollar pro Tag (kaufkraftbereinigt), und in vielen Regionen – vor allem in Afrika – steigt die extreme Armut wieder an.
Diese soziale Spaltung geht laut Oxfam mit einem Abbau von Freiheitsrechten einher. Nach Daten von Freedom House befand sich 2024 das 19. Jahr in Folge auf einem weltweiten Abwärtspfad der bürgerlichen und politischen Freiheiten.
Etwa ein Viertel aller Staaten schränkte die Meinungsfreiheit spürbar ein. Parallel registrierte der Global Protest Tracker der Carnegie-Stiftung im vergangenen Jahr mehr als 142 bedeutende Antiregierungsproteste in 68 Ländern – Demonstrationen, die häufig mit Gewalt beantwortet wurden.
Der Report warnt, dass das Risiko demokratischen Rückschritts – etwa durch Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit oder manipulative Eingriffe in Wahlen – in stark ungleichen Gesellschaften siebenmal höher sei als in egalitäreren Staaten.
Zentraler Befund ist der enge Zusammenhang von ökonomischer und politischer Ungleichheit. Oxfam schätzt, dass Milliardäre 4.000‑mal häufiger Spitzenämter bekleiden als durchschnittliche Bürger.
In vielen Ländern nutzten sie ihr Vermögen, um Parteien zu finanzieren, Wahlkämpfe zu prägen bzw. Regulierungen in ihrem Sinne zu beeinflussen, etwa bei Unternehmenssteuern, Kartellrecht oder Arbeitsstandards.

Grafik: IZ (alle Fotos gemeinfrei oder CC BY-SA 3.0)
Die Organisation spricht von einer sich herausbildenden Oligarchie, die demokratische Institutionen aushöhle und Regeln so setze, dass sie künftige Umverteilung erschwere.
Als Beispiel verweist Oxfam ausdrücklich auf die Politik der Regierung Trump, die seit 2025 mit Steuersenkungen für Vermögende, der Schwächung internationaler Steuerkooperation und einer investorenfreundlichen Deregulierung von Digital‑ und Tech‑Konzernen maßgeblich zur aktuellen Vermögensexplosion beigetragen habe.
Der Boom von KI‑Aktien etwa habe die Portfolios der global reichsten Anleger zusätzlich befeuert. Zugleich interpretiert der Bericht diese Entwicklung als Warnsignal: Wo die Interessen weniger Superreicher Politik und Wirtschaft dominieren, verenge sich der Handlungsspielraum demokratischer Mehrheiten, etwa für Klimaschutz, soziale Sicherung oder eine faire Steuerpolitik. Besonders sichtbar wird diese Verschiebung der Machtverhältnisse im Medienbereich.
Laut Oxfam gehören Milliardären inzwischen mehr als die Hälfte der größten Medienunternehmen weltweit, zudem kontrollieren sie alle großen sozialen Plattformen. Genannt werden unter anderem Jeff Bezos, dem die „Washington Post“ gehört, Elon Musk mit X (ehemals Twitter), Patrick Soon‑Shiong als Eigentümer der „Los Angeles Times“ sowie Milliardärskonsortien, die maßgebliche Anteile am Wirtschaftsmagazin „The Economist“ halten.
In Frankreich habe der ultrarechte Unternehmer Vincent Bolloré den Sender CNews zu einem französischen Pendant zu Fox News umgebaut, während im Vereinigten Königreich drei Viertel der Zeitungsauflage von vier superreichen Familien kontrolliert würden.
Vor diesem Hintergrund warb Oxfam in seinem Davos‑Papier für eine politische Gegenoffensive. Regierungen sollten verbindliche nationale Pläne zur Verringerung der Ungleichheit verabschieden, mit klaren Zielen, Zeitplänen und regelmäßiger Überprüfung.
Zentral ist für die Organisation eine deutlich stärkere Besteuerung sehr hoher Vermögen und Einkommen – etwa durch breit angelegte Vermögenssteuern, höhere Spitzensteuersätze und eine konsequentere Erfassung von Kapitalerträgen.
Parallel fordert die Plattform „Brandmauern“ zwischen Reichtum und politischer Macht: strengere Regeln für Lobbying und Parteispenden, eine Begrenzung des Einflusses großer Privatvermögen im Wahlkampf sowie Maßnahmen zur Stärkung unabhängiger Medien und zur Eindämmung von Hassrede.