Warum wir Vertiefung brauchen: Die politischen Ereignisse der letzten Wochen erzeugen einen Strudel, der unsere Aufmerksamkeit unaufhörlich an sich zieht.
(iz). Die tägliche Konfrontation mit maßloser Kriegsrhetorik und die fortwährende Produktion apokalyptischer Szenarien wirken unmittelbar auf die menschliche Psyche. Wo mit Angst gespielt wird, ist die Lähmung nicht fern.
Zugleich wird die öffentliche Kommunikation immer stärker von Bildern, knappen Kommentaren und dem „Ticker“ beherrscht, der im Minutentakt neue Positionierungen ausgibt.
Die von Susan Sontag diagnostizierte Anästhesierung durch Bilder hat sich im Zeitalter KI-generierter Deepfakes und algorithmischer Bildkuration zu einer fundamentalen Krise der Beweiskraft des Bildes verschärft.
Wo Sontag noch vor der Kamera als Werkzeug der Aneignung warnte, stehen wir heute vor dem drohenden Verschwinden jeder verlässlichen Referenz auf Wirklichkeit. Im Jahr 2025 wurden weltweit etwa 8 Millionen Deepfakes registriert — ein Wachstum von 1.500 Prozent gegenüber 2023.

Foto: US-DoD/gemeinfrei
Der Iran-Krieg gilt als erster großer Konflikt, in dem mehr KI-generierte Desinformation zirkuliert als traditionell manipulierte Inhalte. Der moderne Kriegsberichterstatter wird dabei nicht selten zum Meister der Ferndiagnose. Der Augenzeugenbericht ist selten geworden.
Das Verbreiten von Bildern ist weder schon konstruktive Politik, noch kann es gesellschaftliches Engagement ersetzen. Die Fotografien des Leidens anderer liefern allenfalls einen „initial spark“; sie ersetzen nicht die reflexive Auseinandersetzung mit jenen Strukturen, die Leid hervorbringen.
Die entscheidenden Fragen, die Sontag stellte, bleiben deshalb auch heute leitend: Wer hat verursacht, was das Bild zeigt? Wer ist verantwortlich? Ist es entschuldbar? War es unvermeidlich?
Bilder kritisch lesen zu können, ihre Perspektivität, ihren Kontext und auch ihre mögliche Fälschung zu erkennen, wird im Zeitalter KI-generierter Visualität zu einer demokratischen Grundkompetenz. Ohne diese Urteilskraft gerät Öffentlichkeit zur bloßen Reizverarbeitung.
Denkerisch lässt sich das gegenwärtige Geschehen nur sinnvoll einordnen, wenn man der horizontalen Verflachung eine vertikale Vertiefung entgegensetzt. Dazu gehört auch, nicht auf einem Auge blind zu sein.
Politisch und moralisch souverän ist, wer das ganze Geschehen sehen kann: das Eigene und das Fremde, Ursache und Wirkung, Schuld und Instrumentalisierung, Leid und Interessen. Wer nur einen Ausschnitt wahrnimmt, mag entschiedener wirken, urteilt aber meist nicht gerechter.

Foto: fotofabrika/Adobe
Deshalb müssen Theologen, Juristen, Philosophen und Künstler eine Distanz zum Politischen wahren. Gerade ihre Prinzipientreue ist als Korrektiv gegenüber politischer Ideologie unersetzlich. Ihre Freiheit, jenseits der Lager zu stehen, besteht darin, ihre Überzeugungen sowohl auf das Eigene als auch auf das Fremde anzuwenden.
In einem guten Land lebt man dort, wo die Meinungsfreiheit nicht nur für die Regierenden gilt. Der Papst gibt gegenwärtig ein bemerkenswertes Beispiel für eine solche Haltung.
Der Instrumentalisierung von Religion für politische Zwecke gibt er keinen Raum. Die empfindliche Reaktion des amerikanischen Präsidenten zeigt, welche Wirkung das Wort unbestechlicher religiöser Autoritäten noch immer entfalten kann.
Unabhängig von Konfession oder politischer Neigung trifft sich die Intelligenz im Grundsätzlichen: Es gibt kein simples Schwarz-Weiß; dies ist eine Zeit des Weder-noch.
Die Widersprüchlichkeit des Politischen lässt sich derzeit nur um den Preis erheblicher Verschwörungstheorien scheinbar überwinden. Geschlossene Weltbilder sind auf Ideologie angewiesen. Die Extreme berühren sich dort, wo weder das Schicksal der eigenen noch das der fremden Zivilbevölkerung politischen, insbesondere militärischen Entscheidungen eine erkennbare Grenze setzt.
Besonders kurios wirken in diesem Zusammenhang jene Zeitgenossen, die ihre gesellschaftspolitischen Hoffnungen ausgerechnet mit dem Iran, Russland oder China verknüpfen — man denke nur an die Frage der Religionsfreiheit.

Foto: Frankfurter Buchmesse / Marc Jacquemin
Slavoj Žižek hat recht, wenn er Europa Doppelstandards vorwirft; doch eine Zukunft, in der überhaupt keine Standards mehr gelten, für keine Alternative hält. Europa muss sich aus unzähligen Gründen Kritik gefallen lassen. Zugleich ist unser Kontinent noch immer ein Ort, an dem diese Kritik möglich ist. Gerade darin liegt, bei allen Defiziten, ein zivilisatorischer Wert, den es zu verteidigen gilt.
Vertiefung bedeutet schließlich auch, in größeren Zeiträumen zu denken: zurück zu den Ursprüngen der Zivilisation, der Geschichte und der Religion. Nur so werden jene Weggabelungen sichtbar, an denen religiöse oder politische Überzeugungen in Ideologien umschlagen.
Die Dominanz des Politischen über Lehre, Recht und Kultur ist ein Zeichen zivilisatorischen Zerfalls. Wer hier falsch ansetzt, gerät auf eine krumme Bahn — vergleichbar mit einer Rakete, die statt auf dem Mond auf dem Mars landet.
Umso dringlicher ist es, Maßstäbe zurückzugewinnen, die nicht im Takt der Erregung vergehen, sondern dem Urteil Dauer, Richtung und Form verleihen.