, ,

Bye, Bye, nice guy!

Ausgabe 291

Foto: Freepiks.com

(iz). Ich habe niemals an die Idee des „netten Kerls“ geglaubt. Hauptsächlich deshalb, weil ich nicht glaube, dass irgendjemand nett ist. Großzügig, freundlich, offenherzig, weise, geistreich – ja. Aber nett? Nein.

Dass wir über „nette Kerle“ oder „nette Mädchen“ reden, ist unfair. Diese Worte sagen uns überhaupt nichts. Deshalb greifen wir vielleicht auch oft auf diese blasse Beschreibung zurück. Sie rettet uns vor den unordentlichen Einzelheiten. Es ist eine Art, Ausdruckslosigkeit zu vermeiden. Und es lässt uns höflich sagen, dass wir alles andere als beeindruckt sind. Etwas, dass „nett“ ist, ist nicht negativ, aber auch nicht wirklich positiv. Trotz der wertlosen Natur dieses seltsamen Wortes, haben wir „den netten Kerl“ geschaffen und erhalten ihn aufrecht.

Ich kenne nicht einmal seinen Ursprung. Etwas in mir sagt mir, er kommt aus einer billigen Sitcom. Bis zurück in die Antike finden sich in der Literatur böse Jungs, Schwächlinge, Schurken und Könige. Ich habe mir aber den Kopf ­zerbrochen, etwas seit der Antike zu finden, das auch nur vage dem netten Kerl ähnelt.

Dieser Typus hatte durchaus ein gutes Image. Studien zum Thema in den 1990er und frühen 2000er Jahren untersuchten die weibliche Wahrnehmung von „Mr Nice Guy“ in Hinblick auf Erfolg bei der Partnersuche. Diese Untersuchungen konzentrierten sich auf die Feststellung von Eigenschaften in Männern, die Frauen am anziehendsten fanden. Laurie Jansen-Campbell definierte (1995) „Nettigkeit“ als soziales Verhalten, Verträglichkeit und Uneigennützigkeit. Sie fand heraus, dass Anziehung bei Frauen „eine interaktive Funktion von männlicher Dominanz und Verträglichkeit“ ist.

Forscher stellten ebenfalls fest, dass männliches Handeln, das durch „kooperative, selbstlose Tendenzen“ gekennzeichnet war, konkurrenzbetonten und eigennützigen Tendenzen bevorzugt wurde. Es sollte jedoch angemerkt werden, dass diese Studien teilweise veraltet sind. Wissenschaftler wie Urbaniack und Kilman (2003) erkennen auch frei die Möglichkeit an, dass die Ergebnisse von der Tendenz zu sozialer Begehrlichkeit beeinflusst werden. Das ist eine Voreingenommenheit, bei der die Antwortenden derart auf Fragen antworten, von denen sie glauben, dass sie positiv von anderen aufgenommen werden.

Jenseits dieser Herausforderungen jedoch wird diese Forschung (zumindest intuitiv) unglaubwürdig, soweit die vorgeschlagene Definition von „Nettigkeit“ betroffen ist. Anita McDanial (2005) beschrieb es wie folgt als „freundlich, aufmerksam und emotional ausdrucksvoll … rücksichtsvoll, kooperativ, großzügig … und sympathisch“. Der nette Kerl kann kaum mit diesen Eigenschaften beschrieben werden. Es hat nur den Anschein, dass er sie besitzt.

Kritik an dem Phänomen kommt aus Büchern wie „No More Mr. Nice Guy“ (Robert A. Glover) und der Webseite heartless-bitches.com, die seit Anfang 2002 dagegen schimpft. Das Buch behauptet, dass das „Netter-Mann-­Syndrom“ in der Tat ein akuter Fall von Selbsthass ist, der aus der Konditio­nierung von Kindern herrührt. Jungen wurde beigebracht, Konflikte zu vermeiden und alle zufrieden zu stellen. Der Autor schreibt, dass das in der Vorstellung einer „toxischen Scham“ wurzelt. „Diese Schande ist der Glaube, dass man von Natur aus schlecht, mangelhaft, anders oder nicht liebenswürdig ist. Toxische Scham ist nicht nur eine Überzeugung, dass man schlechte Dinge tut, es ist eine tief verwurzelte Überzeugung, dass man schlecht ist“, schreibt Glover. All das münde in Unehrlichkeit, passiv-aggressivem Verhalten und dem stän­digen Wunsch, anderen die Schuld zu geben. Selbst wenn der „Nette Kerl“ ­Eigenschaften wie Sorge an den Tag lege, wolle er in Wirklichkeit niemanden ­beschützen, sondern seine Welt unter Kontrolle halten und ihr reibungsloses Funktionieren gewährleisten.

Eine Autorin der erwähnten Webseite schreibt: „Frauen wollen keine netten Kerle. In meiner Erfahrung mit Freunden, Partnern und anderen sozialen Kontakten, mögen sie freundliche Kerle. Der Unterschied ist ein feiner, aber wichtiger.“ Ein anderer Autor schreibt: „Das größte Problem ist, dass die meisten ­netten Kerle erschreckend unsicher sind … Sie fragen immer sie, die Entscheidungen zu fällen. (…) das überlässt ihr eine ungerechte Last der Verantwortung. Und gibt ihm die Möglichkeit, sie zu kritisieren, wenn diese unklug war.“

Diese Fassade wird für den freien Zugang zu allen möglichen Verhaltensweisen ausgenutzt, die von kleineren Unstimmigkeiten bis hin zu emotionalem und/oder psychologischem Missbrauch reichen. Nick Notas, seiner Beschreibung selbst einmal „Netter Kerl“, sagt: „Ich war alles andere als nett in meinen Beziehungen. Ich war emotional manipulativ, unsicher und ein regelrechter Drecksack.“

Eine perfekte Tarnung erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass Männer nicht anwesend sind, wenn sie gebraucht werden. Das mag eine emotionale, spirituelle oder finanzielle Unterstützung sein. Es erstreckt sich auch auf Fälle, in denen man auf seine schlechten Angewohnheiten aufmerksam gemacht wird. Glover sagt: „Selbstachtung, Mut und Integrität stehen einem Mann gut.“ Da liegt er falsch – sie stehen jedem gut an.

Was ist mit Männern, die nicht versuchen, ein „Netter Kerl“ zu sein, sondern einfach nur „nett“? Es kein sein, dass dieser Bursche umgänglich sowie angenehm ist und eine gesunde Beziehung aufbaut. Für ihn wäre es der schlimmste Fall, zu einer Kopie des netten Kerls zu werden.

Es wird zunehmend deutlich, dass es im besten Fall zweifelhaft und im schlimmsten Fall destruktiv ist, eine Identität aus dem Nettsein zu machen. Das Festhalten an der Vorstellung, dass man „nett“ sei, ist ein sicheres Zeichen der Verabschiedung von der ständigen Neubewertung und Selbstkorrektur, die wir alle durchlaufen müssen, um ein ­erfülltes Leben voller Sinn und Zweck zu führen. Die Maske der Freundlichkeit aufzusetzen bedeutet, jede Art von Selbstbeobachtung absichtlich zu ignorieren und jegliche Verantwortung abzulehnen, die jeder von uns anderen Menschen schuldet.

Wir können uns nicht länger hinter Charaktermasken und Identitäten im irrigen Versuch verstecken, der Auseinandersetzung mit ethischen Dilemmata aus dem Weg zu gehen. Das Gleiche gilt für die Entscheidung für einen ethischen Kodex, dem wir uns verpflichten.

Den Guten da draußen rate ich: Bitte lasst eure Nettigkeit hinter euch. Aber bringt statt ihr Stärke, Freundlichkeit, gute Laune, Liebe, Unterstützung, Intel­ligenz, Mitgefühl und Tugend mit euch. Ich glaube, dass es gute Männer gibt, die einen außergewöhnlichen Charakter mit sich bringen. Gute Männer, denen wir vertrauen können und mit denen wir eine Reise teilen können, die auf Partnerschaft und gegenseitigem Respekt beruht, gepaart mit der Sehnsucht, aus einem Leben ein Abenteuer zu machen, das von soliden Werten und der Bereitschaft und Fähigkeit unterstrichen wird, die subtilen, exquisiten, verborgenen Tiefen der Liebe zu erforschen.

Kommentar verfassen