Seit Jahren beleuchtet der CARE-Krisenreport jährlich die globale Online-Berichterstattung humanitärer Krisen. Am 28. Januar erschien die zehnte Ausgabe des Berichts.
(iz). Als der CARE-Krisenreport im Herbst 2025 erscheint, stehen andere Karten auf dem globalen Nachrichtentisch. Gaza, Ukraine, Palästina dominieren die Schlagzeilen, fast zwei Mio. Online-Artikel drehen sich allein um den Konflikt im Nahen Osten – für alle anderen humanitären Notlagen bleiben im großen Medienspiegel nur schmale Ränder.
Krisenreport: Menschen, die zu wenige sehen
Währenddessen leben rund 43 Mio. Menschen in Krisen, die kaum jemand wahrnimmt. Es ist diese Diskrepanz zwischen Aufmerksamkeit und Bedürftigkeit, die der Report im zehnten Jahr seines Erscheinens zum eigentlichen Thema macht.
Die Methode ist nüchtern, der Befund ernüchternd. Der Medienbeobachtungsdienst Meltwater wertet für CARE fünf Millionen Online-Artikel in 5 Sprachen aus und ordnet sie 43 humanitären Krisen zu. Auf der einen Seite: die „Top-Krisen“ mit Hunderttausenden Meldungen.
Auf der anderen: zehn Länder, über die zwischen Januar und Ende September jeweils nur einige tausend Texte erschienen sind – manchmal kaum mehr als über die Hochzeit eines US-Milliardärs oder eine Social-Media-Sperre.
Vergessene Krisen, so die EU-Definition, sind lang andauernde humanitäre Notlagen mit kaum Hilfe, wenig politischem Willen und minimaler medialer Präsenz. Genau hier setzt die Hilfsorganisation an.
Afrika steht erneut im Zentrum
Im Zentrum des Reports stehen die Länder, die in dieser statistischen Dunkelzone liegen: die Zentralafrikanische Republik, Namibia, Sambia, Malawi, Honduras, Nordkorea, Angola, Burundi, Simbabwe und Madagaskar.
Sie bilden ein geografisches Mosaik, das sich von Zentralafrika über das südliche Afrika bis nach Zentralamerika und Ostasien spannt – verbunden durch die gleichen Schlagworte: Konflikt, Hunger, Klimakrise, strukturelle Gewalt.
Die Zentralafrikanische Republik, in allen zehn Ausgaben vertreten, steht exemplarisch dafür. Dort leben mehr als 80 % der Bevölkerung in Armut, fast die Hälfte ist auf humanitäre Hilfe angewiesen, Hunderttausende sind im Land oder in den Nachbarstaaten auf der Flucht. Angriffe auf Krankenhäuser und Schulen, sexualisierte Gewalt, unterfinanzierte Hilfsprogramme – all das bleibt meist Randnotiz.
Gegen die Unsichtbarkeit
Der Krisenreport arbeitet gegen diese Unsichtbarkeit mit einem Doppelblick: analytisch auf der Ebene von Zahlen und Medienlogik, narrativ in Form einzelner Biografien. Da ist Mable aus Sambia, die den Eimer vorsichtig in einen Brunnen hinablässt und schon beim Blick ins Wasser weiß, wie knapp die Zeit ist, bis die Quelle versiegt. In ihrer Region wechseln sich Dürre und Fluten ab, Dämme brechen, Felder werden weggespült, säurehaltige Abwässer aus Minen vergiften Flüsse.
Mable hat in CARE-Trainings gelernt, Bäume zu pflanzen, Böden zu verbessern, Setzlinge aufzuziehen – „ohne Bäume gibt es weder Schatten noch Wasser“, sagt sie. Die Geschichte einer Kleinbäuerin steht hier stellvertretend für eine größere Diagnose: Klimawandel trifft jene am härtesten, die am wenigsten zur Erderhitzung beigetragen haben.
Ähnlich ist es in Malawi, das seit Jahren zu den „Stammgästen“ in der CARE-Liste gehört. Zyklone, Überschwemmungen, Dürreperioden – was früher Ausnahme war, ist Routine geworden. Im Dorf Kuntumanji verändert ein Forschungsprojekt die Art, wie Maisbrei gekocht wird und wie Felder bestellt werden.
Mercy, eine Bäuerin, experimentiert auf Testflächen mit Saatgut, Pflanzabständen und selbst hergestelltem Kompost, kombiniert Erdnüsse mit Mais, um den Boden zu schützen, und stellt organischen Dünger aus Kuhdung und Maisstroh her.
„Früher waren meine Kinder oft hungrig, jetzt gehen sie satt zur Schule“, sagt sie, und plötzlich verbindet sich die abstrakte Kurve klimabedingter Ernährungsunsicherheit mit einem sehr konkreten Mittagessen.
Krisenland Honduras
Im mittelamerikanischen Honduras verschränken sich Klimakrise, Gewalt und patriarchale Strukturen zur „dreifachen Krise“. Teresa, Kleinbäuerin und Frauenrechtlerin, steht mit ihrer Gruppe „Caminando juntos y juntas“ auf Feldern, auf denen Mais und Bohnen wachsen sollten – bis Starkregen, Wirbelstürme und Überschwemmungen alles zerstörten.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, Dürren im „Trockenkorridor“ treiben Menschen in die Migration. Eine Schnellstudie zeigt: 61 % der befragten Frauen gaben an, im Vormonat Hunger gelitten zu haben, während es bei den Männern nur zehn % waren.
Parallel steigt in wirtschaftlich angespannten Zeiten die häusliche und sexualisierte Gewalt. Der Krisenreport lässt hier nicht nur Zahlen sprechen, sondern auch die Angst, die Frauen äußern, ihre Töchter allein zu lassen.
Der unbekannte Hunger von Nordkorea
Nordkorea wiederum erscheint der Weltöffentlichkeit meist als Nuklearmacht, als Sicherheitsrisiko – nicht als Land, in dem fast elf Millionen Menschen in unterschiedlichem Ausmaß unterernährt sind und beinahe jedes fünfte Kind Wachstumsverzögerungen durch Mangelernährung aufweist.
Klimabedingte Ernteausfälle, strikte Importbeschränkungen, unzureichende medizinische Versorgung und politische Isolation machen humanitäre Hilfe schwer. Angola kämpft gleichzeitig mit der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten, Cholera-Ausbrüchen und Protesten gegen steigende Lebenshaltungskosten.
In den südlichen Provinzen verenden Tiere, Felder liegen brach, Mio. sind auf Nothilfe angewiesen, Frauen und Mädchen laufen täglich Kilometer weit, um Wasser zu holen und verpassen Schulbildung.

Foto: CARE/David Mutua
Opfer des Klimawandels
In Simbabwe schließlich verdichtet sich der Klimawandel zu einer Abfolge von „mageren Zeiten“. El Niño hat 2023/2024 weite Teile des Landes austrocknen lassen, Dürren treten statt einmal pro Jahrzehnt nun alle zwei bis drei Jahre auf. 2,7 Millionen Menschen in ländlichen Regionen sind immer wieder von Ernährungsunsicherheit betroffen, fast ein Viertel der Kinder unter fünf Jahren ist mangelernährt.
Alice, Landwirtin und Mutter von drei Kindern, berichtet von Tagen mit zwei knappen Mahlzeiten, verlorenen Hühnern, Schulgebühren, die sie nicht mehr zahlen kann. Vier Monate lang erhält ihre Familie Lebensmittelgutscheine, später Schulungen zu klimaresistenten Nutzpflanzen.
„Die Lebensmittelhilfe hat unser Leben gerettet“, sagt sie – ein Satz, der in seiner Schlichtheit die Funktion humanitärer Unterstützung auf den Punkt bringt.
Keine Zufälle, sondern Symptome
Dass dieselben Länder – Zentralafrikanische Republik, Burundi, Sambia, Madagaskar, Malawi – in nahezu jeder Ausgabe wieder auftauchen, ist für CARE kein Zufall, sondern Symptom.
Chronische Krisen, strukturelle Ungleichheit, fehlende politische Lösungen und eine humanitäre Finanzierung, die regelmäßig hinter den Bedarfen zurückbleibt. Expert:innen wie Michelle Nunn von CARE USA und Ramesh Rajasingham von UN OCHA weisen im Report darauf hin, dass langwierige Notlagen politisch verursacht sind und fortbestehen, weil es keine politischen Lösungen gibt – und weil, zugespitzt formuliert, Kameras und Budgets dorthin folgen, wo Machtzentren ihre Interessen verorten.
Wenn die USA ihre humanitären Mittel drastisch kürzen und Hilfe stärker an nationale Interessen koppeln, verschärft das die Lage in jenen Regionen, die ohnehin kaum mediale Präsenz haben.
Nach zehn Jahren zieht die Publikation eine Art Zwischenbilanz der eigenen Rolle. Der Titel hat sich verändert – von „Suffering in Silence“ über „Breaking the Silence“ hin zum nüchterneren „CARE-Krisenreport“ –, die Grundfrage ist geblieben: Was geschieht mit Menschen, über die wir nichts hören?
Der Bericht antwortet, ohne Pathos, aber mit klarer Haltung: Sie hungern, sie verlieren ihre Lebensgrundlagen, sie werden vertrieben – und oft bleibt ihr Leid unsichtbar, solange es nicht erzählt wird.
Der Versuch, diese Geschichten in Daten, Karten und Porträts zu fassen, ist damit mehr als eine Bestandsaufnahme. Es ist ein stiller Appell, die Hierarchie der globalen Aufmerksamkeit zu hinterfragen – bevor aus vergessenen Krisen endgültig abgeschriebene Zonen werden.
