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Die Mut-Mach-Kolumne

Ausgabe 325

Foto: Kübra Böler

Mut. Ein schwieriges Thema. Wir alle haben etliche Binsenweisheiten und wissen um die Wichtigkeit, uns selbst und unseren Liebsten Mut zuzusprechen. Wir haben mindestens eine Erfahrung, in der wir ihn bewiesen haben oder die Schritte, die wir gingen, sehr mutig waren. Glücklich ist, wer mutig ist, sage ich immer. Von Kübra Böler

(iz). Doch geben wir uns und den Liebsten immer die Chance, mutig zu sein? Oder sind wir schneller und besser im Ent- als Ermutigen? Sind wir uns der Macht der Worte bewusst? Wie oft haben wir uns Mutigsein verwehrt, weil wir Sicherheit vorzogen? Wie oft haben wir andere (un)bewusst entmutigt, weil wir ihr Bestes wollten? 

Wenn ich eine Sache in meinem bisherigen Leben gelernt habe, dann, dass mein Verständnis von gut, schlecht, hässlich und verwerflich nicht der Maßstab ist. Eine Entscheidung, die für mich die absolute Katastrophe bedeuten würde, kann für meine Schwester die beste Entscheidung sein, die sie in ihrem ganzen Leben getroffen hat. Meine Entscheidung wiederum könnte für eine andere Person kontraproduktiv sein, während sie für mich im Moment die beste Entscheidung ist. Wir sind nicht das Maß. 

Oftmals geraten wir im Familien- oder Freundeskreis in eine Welle von Ratschlägen. Wir wollen unsere Liebsten schützen oder sie uns. Wir wollen immer nur das Beste. Umso entrüsteter sind wir, wenn unserem Wohlwollen mit Abwehr begegnet wird. Das Gefühl, nicht verstanden zu werden, schmerzt. Gerade Eltern können hier ganze Bände an Büchern füllen. 

Wir alle wollen für uns und unsere Liebsten immer nur das Beste. Vor allem wollen wir uns vor Schmerz und Leid schützen. Niemand möchte engste Freunde, Eltern und Kinder weinend und tieftraurig erleben. Jedoch vergessen wir zeitweise alle einen wichtigen Aspekt: Schmerz und Leid können auch Gutes mit sich bringen. Wir wissen auch aus unseren Erfahrungen, dass wir ohne sie nicht der Mensch wären, der wir heute sind. Wer nie durch dunkle Täler ging, wird immer ein Stück unüberbrückbare Unsicherheit in sich tragen. Auch werden wir weder uns noch unseren Liebsten gewisse Erfahrungen, Leiden und Schmerzen ersparen können. 

„Es gibt Erfahrungen, die müssen gemacht werden“, sagt meine Mutter immer. Okay, was tun wir denn nun, wenn wir keine neunmalklugen Ratschläge verteilen oder den Schutzengel spielen dürfen? Sollen wir uns alle gegenseitig ins offene Messer rennen lassen? Nein, natürlich nicht. Wenn ich auf meine eigene Jugend und meine Auseinandersetzung mit Kindern und Jugendlichen zurückschaue, dann gilt in der Regel nur eins: „Sei mutig, geh diesen Schritt. Solltest Du fallen, Misserfolg haben, Fehler machen – ich bin da. Ich bin da und helfe Dir wieder auf. Wir versuchen es dann nochmal. Wir sind sogar im Plus, weil wir jetzt einen Erfahrungswert haben, an dem wir uns orientieren können.“

Klingt super, ich weiß. Auch, dass es leichter gesagt als getan ist.

Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich keinen Moment hatte, indem ich mir rückblickend gewünscht hätte, dass sich jemand schützend vor mich gestellt hätte, weil das „mach Deine Erfahrungen“ sich wie der Lauf ins offene Messer anfühlte. Gleichzeitig wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Ich hätte nicht die Erkenntnisse, die ich habe, könnte nicht die Grenzen ziehen, die ich jetzt für mich abgesteckt habe. 

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist unser Gefühl der Angst: Angst ist ein Gefühl, das uns alle umtreibt und bewegt. Allah, der Erhabene, sagt Selbst, dass Er uns mit etwas Furcht/Angst prüfen wird (2:155). Es liegt also in der Natur der Sache, dass unser Umgang mit Angst herausfordernd ist. Im Jahre 2022 n.Chr. und 1443 n.H. sollten wir bereit sein, unseren Umgang mit Mut und Angst zu überdenken. Statt alle Türen und Fenster zu verschließen, um weder Angst, Schmerz, Leid noch Trauer die Möglichkeit zu geben, uns zu treffen, sollten wir uns und unseren Liebsten den Raum schaffen, mit der Angst, Trauer, dem Leid und Schmerz einen Tee oder Kaffee zu trinken. Es können viele Tränen laufen. Einen Kaffee oder Tee mit unseren herausfordernden Gefühlen trinken erleichtert uns. Denn durch die Auseinandersetzung mit den dahinterliegenden Wünschen schaffen wir genau den Raum, den wir zum Mutigsein brauchen. Manchmal hilft auch ein in sich Hineinhorchen. Denn meistens hören wir die für uns herausfordernden Emotionen und Gefühle sagen „So schlimm bin ich gar nicht. Ich wollte nur gesehen, anerkannt und gefühlt werden. Nun mache ich Platz für unseren Freund Mut. Danke.“

3 Kommentare zu “Die Mut-Mach-Kolumne

  1. Glückwunsch! Ein außerordentlich kluger Artikel! Selbstkritisch und Mut machend zugleich. Gut geeignet für die Gespräche zwischen Eltern und ihren (pubertierenden!) Kindern.

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