Ramadan 2023 oder Der kontemplative Mittelweg

Der Ramadan ist ein Monat der Besinnung und eine gute Gelegenheit, über unseren geistigen Zustand und unsere Handlungsoptionen nachzudenken. Der Dreiklang von Islam, Iman und Ihsan verweist auf einen Mittelweg, der spirituelle und aktive Elemente verknüpft.

29.03.2023 Abu Bakr Rieger 9 Min. Lesezeit
Mittelweg Ramadan

Foto: Mehmet Subasi

(iz). Die Praxis des Islam spricht uns als Einzelne und als Mitglieder eines Kollektivs an. Der Din ist Verhalten oder sagen wir es mit anderen Worten: Aktion. 

In der Sura Luqman (31, 4) wird insbesondere die Etablierung von Gebet und Zakat als eine gemeinsame Verantwortung der Muslime hervorgehoben: „die das Gebet verrichten und die Abgabe entrichten, und sie, die sie vom Jenseits überzeugt sind. Jene verfahren nach einer Rechtleitung ihres Herrn, und das sind diejenigen, denen es wohl ergeht.“

Ramadan als Beispiel

Das hier angesprochene Thema erinnert an eine der großen Fragen der Menschheitsgeschichte. Der Ausdruck Vita activa („tätiges Leben“) bezeichnet in der griechischen Philosophie eine Lebensform, bei der praktische Arbeit und soziale Betätigung im Vordergrund stehen. Den Gegensatz dazu bildet die Vita contemplativa („betrachtendes Leben“), die der Erkenntnis gewidmet ist. 

Unmittelbar nach seinem berühmten Höhlengleichnis stellt Platon fest: „Wer vernünftig handeln will, sei es nun in eigenen oder in öffentlichen Angelegenheiten, muss zunächst die Wahrheit erblicken.“ Der Denker lehrte also: Vita activa ohne Vita contemplativa ist blind!

Foto: Zeno.org

Seit den Griechen, insbesondere seit Aristoteles, dem Begründer europäischer Wissenschaften, sind die Verhaltensweisen der Betrachtung und Praxis einem steten Wandel unterworfen. Neue Narrative, zum Beispiel das Römische und das Christliche, die Folgen der Aufklärung, bis hin zum nihilistischen Seins-Verständnis, veränderten das Verständnis dieser Begriffe fundamental. Zwei Beispiele verdeutlichen diese Entwicklungsgeschichte.

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