Open Source vs. Stratfor: Die Veröffentlichung von Firmen-Emails durch Wikileaks erlaubt einen Blick hinter die Kulissen. Von Sulaiman Wilms

(iz). Meine erste, wohl eher unbewusste Begegnung mit Philosophie war mein Biologielehrer in der 7. Klasse. Er erklärte uns, dass jedes Wissen von der Welt – inklusive der vermeintlich objektiven Wissen­schaften – von unserem Weltbild abhän­gig sei.

In den Zeiten, als die Welt der ­meisten Menschen (mit Ausnahme einiger Abenteurer) aus dem bestand, was sie selbst erlebten, speiste sich ihr Weltbild aus ihrer direkten Anschauung. Heute ist die direkte Erfahrung einer globalisierten Welt und unser Bild von ihr in den aller­meisten Fällen voneinander getrennt. Eine bekannte Ausnahme dazu stellt wohl der Tourismus dar. Für den Rest benötigt die Mehrheit aller Menschen, die nicht aus beruflichen Gründen oder auf der Suche nach Wissen unterwegs ist, die verschiedensten Medien zur Vermittlung ihres Weltbildes.

Je größer die Komplexität der Welt ­(eines ihrer wichtigsten Elemente sind heute die unterscheidungslosen Weiten des Internets) wird, desto schwieriger wird in ihr die Aneignung echten ­Wissens und direkter Erfahrung. Vor allem dann, wenn die Weisheit offenbarter Religion aus dem öffentlichen Diskurs gedrängt wird.

Meinung versus Information
Für uns mediale Normalverbraucher hat das in der Regel keine gravierende Auswirkungen, da wir (eine der Ironien unserer durch-säkularisierten Welt) bei Schicksalsfragen immer häufiger auf die säkulare Glaubensform der „Meinung“ zurückgreifen (der Glaube an die Stabili­tät einer irrationalen Währung, an die vom Menschen gemachte Klimaerwärmung, an Vorstellungen vom globalen Kampf „Gut“ gegen „Böse“ etc.). Ein Autor der „Tageszeitung“ sprach vor ­einiger Zeit davon, dass wir in einer Welt leben, die von „Meinungen“ diktiert sei.

Moderne „Entscheidungsträger“ wie Politiker, Denkfabriken, institutionelle Investoren und internationale Unternehmen sind auf korrekte ­Informationen und mittel- bis langfristige Analysen angewiesen. Mit den vergleichsweise oberflächlichen Erzeugnissen der Tagespresse, die darüber hinaus seit Jahren einem stetigen Qualitätsverlust unterworfen sind, oder digitalen Informationsschnipp­­seln lassen sich weder außenpolitische Strategien, noch langfristige Auslandsinvestitionen planen. Soviel ist klar: Im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sind Informationen zu einem Gut geworden, dass nicht nur einen realen Wert besitzt, sondern aus dem sich auch Kapital schlagen lässt.

Der Einfluss der Privaten
Es sind schon längst nicht mehr nur staatliche Einrichtungen, die ein Mono­pol auf nicht-öffentliche, gelegentlich geheime Informationen haben. Seit 1989 ist das globale Gewerbe der Informations­beschaffung, auf dem auch die Geheimdienste arbeiten, einem rasanten Wandel unterworfen. Experten gehen davon aus, dass in den USA (für andere Regionen kann eine ähnliche Entwicklung vorausgesetzt werden) mittlerweile die Hälfte aller staatlichen Mittel für die Informationssammlung, -auswertung und -manipulation an Privatunternehmen gehen. Parallel dazu wurden – der Irakkrieg und die folgende Okkupation sind ein Musterbeispiel – militärische Strukturen und Dienstleistung an Privatfirmen (Halliburton, Blackwater/Academi etc.) „outgesourct“. Experten sprechen von diesen Söldnerfirmen mittlerweile als einer Form der „Privatisierung des Krieges“.

Von privaten Verhörexperten im iraki­schen Foltergefängnis Abu Ghraib, über US-Firmen, die im Auftrage des US-Heimatschutzes in Windeseile Millionen Emails analysieren bis zur Observierung unliebsamer Gewerkschafter: Längst ist eine Welt privatisierter Geheimdienste entstanden. Diesem Bereich der Informa­tionsbeschaffung und Strategieberatung zuzuordnen sind auch unzählige, international agierende Denkfabriken. ­Einige Beispiele hierfür sind die RAND Corpo­ration oder Lincoln Group in den USA, Parteistiftungen wie die Heinrich-Böll-Stiftung in Deutschland oder aufstrebende Denkfabriken der wohlhabenden Staaten am Golf oder in Ostasien. Sie beraten die Politik, sind aber auch an der Beeinflussung globaler Meinungstrends beteiligt.

So mag ein Blick auf die internationa­len Publikationen und Symposien ­dieser Denkfabriken erklären helfen, warum in den letzten 10 bis 15 Jahren in allen westlichen Ländern die beinahe deckungsgleiche Islamdebatte ausgebrochen ist. Diese strategischen Think Tanks vernet­zen und koordinieren Strategien und definieren einprägsame Schlagworte, die dann über massenkompatiblen Medien verbreitet werden. Leider wird, insbeson­dere im deutschen Diskurs, viel zu ­selten auf den Einfluss derartiger Strukturen verwiesen. Als Fußvolk dienen ihnen gelegentlich auch vermeintliche Islam- und Terrorexperten, die sich des Öfteren in dem Dunstkreis aus privatisierten Geheimdiensten, Denkfabriken und Medien bewegen.

Die Welt von Stratfor
Die dritte Säule des privaten Informationswesens bilden die mehr oder weniger kleinen, aber exklusiven Informationsdienstleister. Sie verdienen ihr Geld entweder mit Recherchen für hochkarätige Auftraggeber aus Privatwirtschaft, Militär und Politiker. Andere generieren ihr Einkommen durch kostenpflichtige Newsletter über strategische oder regionale Themen. Das beste, weil nun öffentlich zugängliche Beispiel dafür ist der Informationsdienst Stratfor Forecasting Inc. (kurz: Stratfor), der beide Dienstleis­tungen in seinem Portfolio vereint.

Das 1996 vom Pub­lizisten George Friedman in Austin gegründete Unternehmen beschäftigt eine ganze Reihe ehemaliger Mitarbeiter aus US-Geheimdiensten und dem FBI. Am 27. Februar rückte es für einen kurzen Moment in das Blickfeld einer ­breiteren Öffentlichkeit, als die Informationsplattform Wikileaks – in Kooperation mit internationalen Medienpartnern wie dem NDR – die Webseite „The Global Intelligence Files“ startete.

Auf ihr sollen rund fünf Millionen interne Emails – vom Juli 2004 bis Ende Dezember 2011 – der privaten Schnüffler veröffentlicht werden. Gestohlen wurden die Daten von der internationalen Hackergruppe Anonymous. Laut Wikileaks offenbarten diese Emails „die inne­re Funktionsweise einer Firma, die sich als ein Herausgeber von Informationen ausgibt, aber vertrauliche Spionagediens­te für große Unternehmen (…) wie Dow Chemical Co., Lockheed Martin, Northrop Grumman, Raytheon und Regierungseinrichtungen (…) bereitstellt.“

Nach Ansicht von Wikileaks belegt die interne Stratfor-Kommunikation, wie private Geheimdienste funktionieren und wie sie Individuen und Gruppen im ­Auftrage ihrer Kunden und Abonnenten „abschöpfen“. So habe der CIA-Verschnitt im Auftrage des Chemieriesen Dow ­Chemical (der für die Katastrophe im indischen Bhopal verantwortlich ist) Aktivis­ten wie die „Yes Men“ überwacht und analysiert. Für Coca Cola observierte Stratfor die Tierschutzorganisation PETA.

„Die Emails stellen die ‘Drehtür’ bloß, wie sie in den privaten Geheimdienstfirmen in den Vereinigten Staaten operiert. Quellen aus Regierung und Diplo­matie in aller Welt liefern Stratfor hochwertiges Wissen über globale Politik und Ereignisse im Austausch gegen Geld. (…) Stratfor rekrutierte ein globales Netzwerk von Informanten, die über Schweizer Banken oder vorab bezahlte Kreditkarten entlohnt werden.“ Die so genannten „Quellen“, für die Stratfor-CEO Friedman ein System der Kategorisierung eingeführt hat, werden nicht nur gegen Bezahlung entlohnt. Manchmal müsse auch „Kontrolle“ eingesetzt werden. „Kontrol­le bedeutet finanzielle, sexuelle oder psychologische Kontrolle“, schrieb ­Friedman am 6.12.2011 an seine Analystin Reva Bhalla.

Trotz personeller oder ideologischer Überschneidungen mit der US-Regierungspolitik, so Wikileaks, operierten Stratfor und vergleichbare Firmen vollkommen im Geheimen und ohne politische Aufsicht oder Rechenschaftspflicht. „Stratfor behauptet, dass es ‘ohne Ideolo­gie, Agenda oder nationales Vorurteil’ arbeitet. Und doch belegen die Emails, wie sich die privaten Geheimdienstange­stellten eng mit der Politik der US-Regierung verbinden und Hinweise an den Mossad geben“, verlautberte Wikileaks in einer Erklärung, die am Tag des Launches seiner Seite über Stratfor verbreitet wurde.

Beunruhigt zeigte sich Wikileaks, das seit Längerem eine beidseitige Intimfeindschaft mit Stratfor verbindet, auch über Stratfors „Bündnisprogramm“ mit verschiedenen Medienhäusern. Es sei für Journalisten durchaus akzeptabel, Infor­mationen zu tauschen oder von ­anderen Medien bezahlt zu werden. Aber Stratfor sei ein privater Geheimdienst, der im Dienste von Regierungen und Privatkun­den steht. Derartige Beziehungen hätten einen korrumpierenden Einfluss auf die beteiligten Medien.

Strafor-CEO Friedman sah die Wikileaks-Aktion verständlicherweise anders. In einer Nachricht an seine Kunden beschrieb er die Veröffentlichung der inter­nen Kommunikation als „verabscheuungswürdigen, unseligen – und ­illegalen – Bruch der Privatsphäre. (…) Die Veröf­fentlichung der Emails ist ein direkter Angriff auf Stratfor.“ Stratfor widerspricht auch seiner Außenwahrnehmung als privater Geheimdienst. In einer Einführung findet sich: „Stratfor arbeitet im Verlags­wesen und verlegt ein einziges Produkt: unseren online-Intelligence-Service. Stratfor konzentriert sich auf ein einziges Thema: internationale Beziehungen. Es arbeitet mit Geheimdienstinformationen anstatt mit journalistischen Methoden, um Informationen zu sammeln, und benutzt die Geopolitik als analytisches Modell, um die Welt zu verstehen.“

Grundfragen
Wie in anderen Fällen erlebte auch dieses Thema nur einen Nachrichtenzyklus und verschwand wieder aus den Schlagzeilen. Das individuelle Unternehmen Stratfor wurde kurz skandalisiert – der Dunstkreis um Denkfabriken, Medien und Geheimdiensten aber scheint in Deutschland nicht von vorrangigem Interesse zu sein.

Dabei sind Stratfors Analysen gehaltvoller und sachlicher als das, was „Spiegel“, „Die Welt“, „Taz“ & Co. bei strategischen und geopolitischen Themen zu bieten haben. Das Team um George Friedman ist sich beispielsweise zu Schade, vom iranischen Präsidenten als dem „Irren von Teheran“ zu sprechen. Trotz Überschneidungen mit den Neocons findet sich in Stratfor keine Panikmache, sondern nüchterne Analyse. Und während manche „Edelfeder“ unter Deutschlands Chefredakteuren von Präventivangriffen gegen Teheran und einem „Befreiungskrieg“ in Syrien träumt, schlagen die Analysen aus dem Hause Friedman und die – unfreiwilligen – Veröffentlichungen seiner Emails andere Töne an.

Hinterfragt werden muss hingegen das generelle Verhältnis zwischen unabhängige, Investigativ-Journalismus (dem Ideal) und real existierenden Überschneidungen zwischen einer zeitgenössischen Medien- und Meinungsindustrie einerseits und den privatisierten Geheimdiens­ten andererseits. Wie die Liste der Wikileaks-Kooperationspartner zeigt, ist ein derartiger Verfall durchaus real. Und es sind eben jene Medien, die unser Bild vom Rest der Welt mitprägen.

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Hintergrund: Über das Verhältnis westeuropäischer Staaten zu den Moscheen. Von Jonathan Laurence

Die Beziehungen zwischen Staat und Moscheegemeinden in Westeuropa ­haben sich in den letzten 15 Jahren erkennbar weiter entwickelt.
(CGNews). Etwas mehr als ein Prozent aller weltweiten Muslime, rund 1,5 Mil­liarde Menschen, leben in Westeuropa. Ungeachtet dessen hat diese Minderheit eine überproportionale Wirkung auf Religion und Politik in ­ihrer neuen Heimat. In nur 50 Jahren wuchs die muslimische Bevölkerung von einigen zehntausend auf 16 oder 17 Millionen in 2010 an – schätzungsweise jeder 25. Westeuropäer.
Auf der einen Seite wächst die Vorstellung unter einheimischen Europäern, dass dem Islam – der einstmals ungehin­dert im Nachkriegseuropa wachsen durfte – Einhalt geboten werden müsse. ­Diese Weltsicht fordert von den Europäern, dass sie aus ihrem Schlaf aufwachen und „Eurabien“ besiegen. Als Gegenentwurf zu diesem Narrativ gibt es die Meinung, wie sie von einigen muslimischen Vertre­tern vertreten wird, wonach die europä­ischen Regierungen grundsätzlich repres­siv und intolerant gegenüber Vielfalt eingestellt seien.
Beide Sichtweisen sind unangemessen und – was noch wichtiger ist – verpassen den breiteren Trend, der vor Ort abläuft.
Europäer und Muslime haben in den letzten zehn Jahren erfolgreich ­verhandelt und sich aneinander angepasst. Dies wurde durch verschiedene, entscheidende Momente bestätigt. In dem, was alltägli­che, aber trotzdem entscheidende Bereiche für religiöse Integration zu sein scheinen, sprechen muslimische Gemeinschaf­ten und europäische Regierungen miteinander und handeln gemeinsam. Dazu zählen Moscheebauten, die Ausbildung von Imamen und Seelsorgern, die Verfügbarkeit von Halal-Lebensmitteln und die Vergabe von Hadschvisen.
Vergleichen wir dies mit der ­Situation vor 10 oder 15 Jahren, als der Islam in der Innenpolitik bei europäischen Politi­kern und der Bürokratie im Wesentlichen unbekannt war. Insofern religiöse Fragen tangiert wurden, war dies die Zo­ne der Einwanderungsbehörden und der Diplomatie – nicht von Parlamenten und Innenministerien. Die Organisationen der islamischen Gemeinschaften in den [west-]europäischen Städten ­reflektierten diesen Zustand. Weit entfernt davon, organisch in ihrer lokalen, europäischen Kultur und Politik verwurzelt zu sein, waren sie immer noch von ausländischen Regierung und internationalen NGOs dominiert.
Mittlerweile erwächst eine neue Landschaft, in der muslimischen Verantwort­liche in steigendem Maße ihren Platz in Gesellschaft und den Institutionen ­ihrer Aufnahmeländer finden. Ein ­neuer poli­tischer Konsens – und die ­entsprechende Verwaltungspraxis – fasst Fuß. Dies reflektiert die sich ausbreitende, pragmatis­che Anerkennung der ununkehrbaren muslimischen Präsenz in [West-]Europa.
Die Periode zwischen der Mitte der 1990er und der Mitte der 2000er Jahre war eine Phase des größten Wachstums in der Beziehung zwischen dem Islam und den europäischen Staaten. Das eindrücklichste Beispiel einer europaweiten Bewegung hin zu einer Integration des Islam kam mit der Entwicklung nationa­ler Beratungsgremien. Vorbei waren die adhoc getroffenen Entscheidungen bezüglich jener Fragen, die sich muslimischen Gemeinschaften stellten. Vorbei sind die Arbeitsgruppen der vorangegan­genen Jahrzehnte, die zwischen den Ministerien gebildet wurden. Ersetzt wurden sie durch den Aufbau kooperativer Institutionen und Einrichtungen von Stellen zur Klärung der staatlichen Beziehungen mit den Moscheen.
Quer durch Europa war einer der Höhepunkte die institutionelle Anerkennung und Heimischwerdung des Islam die Form zentraler Gremien. Führungsgremien wie der Französische Rat für den Muslimischen Glauben, der Spanische Islamrat, Deutschlands Islamkonferenz und das italienische Islamkomitee ­halfen bei der Lösung praktischer Fragen zur religiösen Infrastruktur mit. Diese reichen von der Einrichtung von Plätzen für Imame und Seelsorgern in öffentlichen Institutionen über die Regulierung von Moscheen, der religiösen Bildung bis zu Halal-Lebensmitteln und Visen für die Hadsch.
Während diese neue Realität anhält, entsteht eine neue Ordnung der Gemein­schaftsführung und der Imame. Eine, die sich stärker mit lokalen Gesellschaften mischt und besser vertraut ist mit den pluralistischen Systemen der Beziehungen von Staat und Islam, den ­kulturellen Normen Europas sowie den einheimischen Sprachen. Dazu gehören Muslime mit unterschiedlichen Hintergründen, aber auch Nichtmuslime. Während muslimische Organisationen sich ihren Weg durch die Institutionen bahnen, die die Religionsausübung bestimmen, können Behörden die Chancen zu Beratungen nutzen, aber auch strukturelle Anreize für den interreligiösen Dialog und die Sicherheitspartnerschaft mit lokalen Vertre­tern bereitstellen.
Organisationen und Führungsgremien, die zuvor ausschließlich jenseits der europäischen Grenzen auf der Suche nach islamischer Autorität und Authentizität waren, gewinnen langsam an einheimischen, institutionellen Bezügen.
Es gibt immer noch viel Raum für Verbesserungen, innerhalb neuer Zonen der Vermittlung. Aber dazu wird es nur kommen, wenn die Zugewinne des letzten Jahrzehnts nicht dem übersteigerten Pessimismus einer negativen Erzählung über die Zukunft der europäischen Muslime geopfert werden. Soll dieser Prozess andauern, müssen beide „Seiten“ nach oben schauen und im Geiste erkennen, dass ihnen der Himmel nicht auf den Kopf fällt.
Jonathan Laurence ist Außerordentlicher ­Professor für Politikwissenschaften am ­Boston College und Gastdozent am Brookings Insti­tute. Sein jüngstes Buch heißt ­“The ­Eman­cipation of Europe’s Muslims“.

Feuilleton: In einer ungerechten Gesellschaft kann es keine wahre Zivilisation geben. Von Ahmad Gross­

(iz). Nichts geschieht ohne Notwendigkeit. Im Deutschen spricht das Wort „Notwendigkeit“: Es besteht aus den beiden Worten „Not“ und „wenden“. Erst die Not wendet, verändert die Situation ­eines Menschen. Heidegger sprach von der „Not der Notlosigkeit“. Solange die Menschen nicht wissen, dass sie in der Not sind, solange kann sich an ihrem Zustand auch nichts ändern.

Schaikh Ad-Darqawi sagte in einem ­seiner berühmten Briefe über die Not: „‘Hätten die Menschen die Geheimnisse und Segnungen gekannt, die in der Not sind, so hätten sie nichts ande­res als die Not gebraucht.’ Es heißt, dass sie anstelle des Größten Namens steht.“ So gesehen ist die heutige Finanzkrise, die in Wirklichkeit eine fundamentale Systemkrise ist, ein reiner Segen. Indem sie die Schleier der gescheiterten Projek­te lüftet, zwingt sie uns zur Veränderung, also zum Leben selbst. Uns Muslimen sind Kreisbewegungen sehr vertraut. Mindestens einmal im Leben versammeln wir uns aus der ganzen Welt in Mekka für eine Kreisbewegung um das Haus Allahs. Zudem wird diese Kreisbewegung bekanntlich auch von den geometrischen Figuren der Linie (dem Gang zwischen Safa und Marwa) und des Punktes (dem Stehen auf einem Punkt auf der Ebene von Arafat) begleitet. Solange wir uns also auch „lineare Ziele“ setzen und damit irgend­wann auch „auf den Punkt kommen“, haben wir kein Problem damit, uns im Kreis zu drehen. Ganz im Gegenteil. Entscheidend ist nur, dass wir uns um die richtigen Dinge drehen.

Dieses Kreisen um das gleiche ­Thema benennt Goethe einmal mit einem Begriff aus der Chemie als „cohibieren“: Durch immer höhere Konzentration zum Wesentlichen, zur Essenz einer ­Sache vordringen. Es erinnert an die Homöopathie: Manchen Menschen erscheint sie als Schwindel und Placebo. Anderen hilft sie, durch Allahs Befehl. Der große Sufi Sidi Ali al-Dschamal sagte sinngemäß: Das Unsichtbare beherrscht das Sichtbare. Die Ideen des unsichtbaren Ruh (arab. Geist) rufen nach der Manifestation in der sichtbaren Welt, nach Erde, nach Menschen und ihren Taten.

Woher kommt der Begriff „Kultur“? Der Begriff „Kultur” meinte ursprüng­lich die Kultivierung von Seele und Geist. Seine neuzeitliche Bedeutung in den Schriften deutschsprachiger Denker des 18. Jahrhunderts (Kant, Pestalozzi, Herder). Als geistiges Kind von Descartes, Erasmus und Francis ­Bacon bestellte ihr so genannter ­Rationalismus den Boden für den Atheismus des 19. und den Nihilismus des 20. Jahrhunderts. Wie konnte das geschehen? Indem sie das Kind (den kindlichen Glauben an unseren Schöpfer) mit dem Bade (die irrationale Doktrin der Kirche) ausschütteten. So wurde Gott, der Herr der Welten, der Schöpfer und Erhalter des Universums, so wurde aus Allah nach und nach eine bloße Idee des Verstandes; eine Idee, die bewiesen werden musste, damit man sie glauben ­konnte.

Alles geriet aus den Fugen. Allah sagt im Qur’an: „Und Ich habe die Dschinnen und die Menschen nur erschaffen, damit sie Mich anbeten.“ (Adh-Dharijat, 56) Doch nun spielte das Geschöpf Schöpfer. „Die Welt ist die Hände der Menschen gefallen“, wie Rilke schrieb. Angesichts von Inquisition und Hexen­verfolgung versteht man die humanistische Begeisterung für die Freiheit und Helle der Antike. Doch wer brachte sie ins Europa der Renaissance? Die muslimischen Übersetzerschulen von Al-Andalus – so viel zur Zugehörigkeit des Islam zu Europa. Doch ohne die entscheidende Rückbindung zum Göttlichen wurde aus den Statuen des Phidias bald der frierende, nackte Mensch der Neuzeit, Agambens homo sacer der Lager. Wie anders empfand es noch Goethe. Als 1831 viele Menschen an der Cholera starben, tröstete er ­Louise Adele Schopenhauer: „Hier kann niemand dem andern rathen; beschließe was zu thun ist jeder bey sich. Im Islam leben wir alle, unter welcher Form wir uns auch Muth machen.“

Da wir Europäer so durch die Jahrhunderte unsere gelebte Religion verlo­ren, machten wir unsere Kultur zur Religion. Laut Rilke will alle Kunst und Dichtung rühmen, preisen. Im 18. Jahrhundert vergaßen die Europäer jedoch, wen sie preisen sollten. Im 19. und 20. Jh. verging ihnen das Preisen überhaupt und das große Klagen begann. Wenn der Mensch glaubt das Höchste zu sein, wenn sich die Schöpfung die Eigenschaften des Schöpfers anmaßt, dann mündet die Wirklichkeit des Menschen ins Menschenunwürdige: Der „Übermensch“ impliziert den „Untermenschen“. Ohne Gott ist laut Dostojewski alles erlaubt. Ohne Ihn gibt es keine allgemein verbindlichen Regeln, keine Schranken mehr. Aber auch kein Ge­länder mehr am Abgrund. Und nieman­den, Der einen auffängt.

Heute scheinen die bedeutendsten Köpfe Europas – Denker, Dichter und Wissenschaftler – auf ihre je eigene Art und Weise ein allgemein greifbares Gefühl zu bestätigen: Dass das Schiff sinkt. Wer kann heute sagen, er leiste mehr, als „die Verluste zu zählen“, wie es Botho Strauß nannte? Wer vermag heute mehr, als die Meditation über den „Knacks“ (Roger Willemsen) unserer Sterblichkeit?

Als ich den spanischen Historiker und Ibn-Khaldun-Experten Sidi Karim Viudes nach seinem Begriff von „Kultur“ befragte, winkte auch er eher trocken ab. Je mehr von „Kultur“ die Rede ist, desto weniger habe man vermutlich (…) Als er meine Ratlosigkeit bemerkte, schob er nach, dass dieser Begriff eigentlich erst im 18. und 19. Jahrhundert in Mode kam. Die Antike gebrauchte ihn – außer für die Kultivierung im agrarischen Sinne – nur zur Bezeichnung der Erziehung der Kinder in der Schule. Später griff ich zum „besten deutschen Buch“ (laut Nietzsche), Eckermanns „Gespräche mit Goethe“. ­Darin sagt Goethe zu Eckermann: „Wir bewundern die Tragödien der alten Griechen; allein recht besehen, sollten wir mehr die Zeit und die Nation bewundern, in der sie möglich waren, als die einzelnen Verfasser.“ Jede kulturelle Einzelleistung der Griechen „(haftet) nicht bloß einzelnen Personen (an), sondern (…) sie (gehört) der Nation und der ganzen Zeit an und (war) in ihr in Kurs.“ (24. April 1827) Wer sich von seinem Schöpfer abwendet und glaubt, ohne einen alltäglichen Bezug zu Ihm existieren zu kön­nen, der muss – der Mensch ist zur Anbetung geschaffen – sich seine Ersatz-Götter, seinen Pseudo-Din (Arabisch für Religion/Lebensweise) schaffen. Wer keinen Din hat, der macht sich seine Kultur zum „Din“. Im Bild des Hausbaus gesprochen: Wer die variable Ausschmückung eines Hauses mit seiner mathematischen, universalen Statik verwechselt, der hüte sich vor dem Zusam­menbruch seines Hauses! Allah schütze uns davor, indem Er uns einen klaren Din (Religion, Lebensweise des Islam) und Unterscheidungskraft (Furqan) gewährt, sodass wir niemals Din und Kultur verwechseln! Wir wissen dass der Din (die Statik menschlicher Existenz) keine Kultur, sondern ein Filter für jede Kultur ist, der sie reinigt und veredelt.

Wir wissen – heute mehr denn je zuvor – dass das, was einst im Europa zwischen dem Mittelalter und dem 19 Jahrhundert den Namen „Kultur“ verdient hat, heute vom „Staub des Wuchers“ (wie es der Prophet vorausgesagt hat) bedeckt ist. In einer ungerechten Gesell­schaft, einer Gesellschaft, die Wohlstand monopolisiert, kann es keine Kultur geben, die die Bezeichnung Kultur oder Zivilisation verdient. Lassen wir den Begriff der „Kultur“ auf sich beruhen und wenden wir uns der Bildung zu. Das Deutsche und die slawischen Sprachen unterscheiden zwischen „Bildung“ und „Erziehung“, während im Englischen und in den lateinisch-romanischen Sprachen das Wort „education/educación“ genügt: Lat. ēducāre „auf-, großziehen, ernähren“.

„Erziehung“ im Deutschen und Slawischen ist etwas, das den Menschen von außen kommend erzieht/aufzieht, also eher den pädagogischen Vorgang der Schul-Erziehung beschreibt. „Bildung“ steht dagegen für die weiter gefasste Erziehung, die man auch aktiv selbst unternimmt, die das Selbst auf seinem Weg zur Verfeinerung, Reinigung, Veredelung unternimmt. Bilden bedeutet „Gestalt annehmen“, das „Sich-Bilden“, die Formung von etwas. Der Begriff „Bildung“ ist mit dem griechi­schen Begriff der Paideia verwandt.

Das Bild, nach dem wir Muslime uns formen/bilden, ist das Bild, das uns von Allahs Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihm, als Besten der Schöpfung überliefert wird. Um den Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihm, überhaupt in einen unvoreingenommenen, freieren Blick nehmen zu können, musste Europa nach „Al-Andalus“ Jahrhunderte warten. Goethe und Thomas Carlyle sind hier zu nennen. Goethe und Schiller haben wie weni­ge ihrer Zeitgenossen geahnt, was Bildung im besten Sinne sein kann. Goethe schrieb die beiden Schlüsselromane, welche die literarische Gattung des Bildungsromans, begründeten: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wilhelm Meisters Wanderjahre.

Ein wiederkehrendes und zentrales Motiv des Romans ist die Entsagung, der Abwendung von der diesseitigen Welt. Die berühmteste Abschnitt ist wohl jene Episode, in der Wilhelm und sein Sohn Felix die so genannte „Pädagogische Provinz“ aufsuchen. Dies ist ein landschaftliches Areal der Lehre und des Lernens, in dem ungewöhnliche Sitten herrschen und eine eigene pädagogi­sche Philosophie und Methode angewandt werden: Musik, insbesondere Gesang ist wesentliches Element der dort praktizierten Pädagogik; Fremdsprachen, Poesie, ein ausgeprägter Sinn für Respekt, Bescheidenheit und Ehrfurcht bilden den Kern dieser Weltsicht. Es wird vermutlich immer Leute geben, denen die Künste und alle ­Dinge, die wir traditionell unter Kultur verstanden haben – Literatur, Malerei, Musik, Theater – ein Herzensanliegen sind. Was ist die Rolle von Kultur, von Dichtern, Künstlern? Für Roger Willemsen ist Kultur „im Kern (…) eine Über­brückung von Einsamkeit“. Für Heidegger ist es das dichterische Denken, für Rilke das denkende Dichten. Vielleicht braucht es, bevor wir wieder zu einem gerechten Austausch kommen, auch Künstler, die sich des ­unhaltbaren Status quo des Wuchers auf ihre je eigene Art und Weise annehmen.

Welcher Schiller ruft uns heute zum Kampf gegen die Tyrannei der „Märk­te“ und für unsere Freiheit auf? Welcher Regisseur dreht heute einen Film wie Truffauts „Fahrenheit 451“, in dem die Gefahren eines sorglosen Gebrauchs der Technik geschildert werden? Ein Zeitgenosse Goethes, Johann Peter Hebel, (1760-1826) schrieb: „Wir sind Pflanzen, die, – wir mögens uns gerne gestehen oder nicht, – mit den Wurzeln aus der Erde steigen müssen, um im Aether blühen und Früchte tragen zu können.“

Der Text ist die gekürzte Variante eines längeren Vortrags zum Thema Erziehung.

"Muslime & Globalisierung" – Inflation, Währungsspekulation und Finanzkrise ändern Einstellungen gegenüber dem Papiergeld. Von Abu Bakr Rieger

(iz). In der Ausgabe des deutschen Magazins „GEO-Epoche“ über die Wikinger steht es Schwarz auf Weiß: „Bis zu 100 Millionen arabische ­Münzen schafften die Wikinger einst nach Norden, mehr als 80.000 sind allein in Schweden gefunden worden“. Die als raue Antichristen verschrieenen Heiden hatten auf ihren Marktplätzen offensichtlich kein Problem mit dem Symbol des Glaubens aus dem fernen Osten. Auf abenteu­erlichen Wegen hatten die kleinen Boote der Wikinger die fernen islamischen Städte bis nach Bagdad erreicht. Über Jahrhunderte hatten diese Münzen aus der islamischen Welt eine völkerverbindende Funktion.

In diesen „goldenen“ Zeiten war der islamische Dinar ein sicheres Mittel ­gegen Inflation. Die Kaufkraft von Gold blieb im Orient für beinahe 2.500 ­Jahre ohne größere Veränderungen und dient als Bezugspunkt für alle Silberwährungen, die in ihrem Wert immer wieder Schwankungen unterworfen waren. „Unter Darius dem Großen (522-486)“, berichtet der Münzkundler Walther Hinz in seinen Untersuchungen zu islamischen Währungen, „kostete ein Hammel im Durchschnitt 5,40 Goldmark; der selbe Preis ist – um nur ein einziges Beispiel herauszukriegen – in Anatolien im Jahr 1340 bezeugt“.

Sucht man heute mit Google nach dem Islamischen Dinar, finden sich über zwei Millionen Einträge. Tausende Internetseiten diskutieren Nutzung, Vertrieb und Einsatz der traditionellen islamischen Währung.

Die berühmte 4,25 Gramm schwere Münze aus Gold schien mit dem globalen Siegeszug der Fiat-Währungen aus dem islamischen Bewusstsein gedrängt. Der Niedergang der islamischen Welt zeigte sich auch im Bedeutungsverlust ihrer Währungen. In seiner „Osmanischen Geschichte“ beschreibt Halil Inalcik nicht nur den Fall der osmanischen Dynastie, sondern auch die ­gleichzeitige Aufgabe der Gold- und ­Silberwährungen zu Gunsten der zunehmenden Einführung von Papiergeld ab dem Jahre 1840.

Gold- und silbergedeckte Währungen hatten in Europa zunehmend, den Ruf altmodisch zu sein und die Zeichen der Zeit zu verkennen. Der weltweite Sieges­zug der europäischen Banken war ohne die gleichzeitige Einführung von strategi­scher Verschuldung und Papiergeld nicht denkbar. In Zeiten absehbarer Inflation und verbreiteter Ungerechtigkeit durch Währungsspekulationen ändert sich heute wieder die Einstellung zum Papier.

Seit der Schulden- und Bankenkrise erinnern sich auch Muslime vermehrt an den Sinn ihrer alten Maßeinheiten. Die Erinnerung tut not, denn der Dinar hat als Einheit nicht nur mit profanen ökonomischen Interessen zu tun, sondern ist auch mit der korrekten Zahlung der Zakat verknüpft. Die Standardisierung des Gewichts und die Feinheiten der Wechselkurse der Einheiten waren, im muslimischen Alltag, praktisch immer mit der Notwendigkeit einer korrekten Zahlung der Zakat verknüpft. Bereits zur Zeit des Kalifen ‘Umar ibn Al-Khattabs wurde ein festes Standardgewicht der zu dieser Zeit benutzten Münzen ermittelt, ­gerade eben auch um die Zakat besser berechnen zu können.

Der Herrscher ‘Abdulmalik hatte später in einer – für die Muslimen ­wichtigen Währungsreform – die Münzprägung in muslimische Hände genommen und eine eigene Münzprägeanstalt etabliert. ­Philip Grierson beschreibt in seiner Abhandlung „die Geldreform Abdulmalik’s“ die Bemühungen um einheitliches Aussehen und Standards der Münzen. Die Münzhoheit wurde nun auch im Islam ein wichtiges Zeichen der politischen Souve­ränität. Ibn Khaldun widmet in seiner berühmten „Muqqadima“ der Prägung von Münzen ein eigenes Kapitel. Dort erinnert er an die verbindliche Verpflich­tung politischer Führung: „Er muss sich um die Münzprägung kümmern, um die Währung zu vor Betrug schützen, die von den Leuten in ihren gegenseitigen Transaktionen benutzt wird.“ Heute wird die neue Dinarwelt von hunderten, voneinander unabhängigen Akteuren mit neuem Leben erfüllt. Grundsätzlich kann jede islamische Autorität an jedem Ort der Welt – mit ­völlig unterschiedlichem Design – einen ­neuen Dinar in Umlauf bringen. Die ­führenden Hersteller haben sich allerdings neben dem Gewicht und der Größe auch auf bestimmte Standards bei der Herstellung geeignet. Die technischen ­ ­Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts erlauben die Herstellung von Münzen von höchster Qualität und besonderer Reinheit.

In einer Welt mit globalen Handelsströmen ist die Qualität und Authentizi­tät der Münzen wichtig. Der Umlauf von Falschmünzen ist ein altes Problem. Heute sind allerdings neue Sicherheitsmerkmale auf den Münzen möglich, die man früher nicht kannte. Auf die Goldmünzen können in einem aufwändigen ­Verfahren beispielsweise Hologramme gespritzt werden, die die im Umlauf befindlichen Münzen fälschungssicher machen sollen. Andere Anbieter experimen­tieren bereits mit unsichtbaren Sicherheitsmerkmalen, die aber mit einfachen Geräten von den Nutzern erkannt werden können.

Moderne Zahlungssysteme im ­Internet machen deutlich, dass das Bekenntnis zum Dinar keine rückwärtsgewandte Romantik ist. Dinare sollen nicht etwa für das Museum geschaffen werden, sondern können heute wieder in Wadias gesammelt, über Wakalas vertrieben und mit modernen Zahlungssystemen in alle Welt gesendet werden. Dinare – so gesehen die Basis eines ausgeklügelten Wirtschaftssystemes und eine potenzielle „Weltwäh­rung“ – können auch die wertbeständige Grundlage von Investmentvereinbarungen im Rahmen islamischer ­Verträge sein. Wichtig ist die zu jedem Zeitpunkt zu gewährleistende physische Existenz der Währung. Der Handel mit auf Papier gedruckten Zahlungsversprechen ist im islamischen Recht ausdrücklich nicht erlaubt. Das Zusammenspiel der diversen ökonomischen Einrichtungen machen im Islam auch ein Wirtschaftsmodell ohne klassische Banken denkbar. Auch im Westen wird diese wirklich alter­native Seite des Islam zunehmend ­entdeckt.

Ob und wie man den Dinar nutzt, ist kein Politikum, es ist kein Indiz, ob man eine liberale oder konservative Weltanschauung hat, sondern der Dinar ist nur die einfache Grundlage und Recheneinheit des islamischen Wirtschaftsrechts. Auf dem Markplatz kann der Dinar – wie seit jeher – das Zahlungsmittel von Kaufleuten, Konsumenten und Händlern – natürlich auch von muslimischen ­Frauen, Juden und Christen – sein. Der islamische Markt erlaubt die freie Wahl der Zahlungsmittel. Die Nutzer vertrauen dem Dinar allein wegen seinem Gewicht und dem jeder Münze inne wohnenden Wert.

Der Dinar als Maßeinheit beschäftigt auch wieder eine Philosophie, die in der Einführung des Papiergeldes – wie das zum Beispiel Goethe voraussah – einen Schlüssel für den entfesselten Kapitalismus und damit die Gefährdung der Schöpfung sah. Die Begrenzung der Macht der Technik und insbesondere der Finanztechnik ist tatsächlich eine wichtige Dimension des islamischen Wirtschaftsrechts. Dabei gerecht und im Konsens mit Jedermann zu handeln, ist eines der wichtigsten qur’anischen ­Gebote.

Es gibt inzwischen aber auch andere Motivationen, gold- und silbergedeckte Währungen einzuführen. Mittlerweile existiert so etwas wie eine weltweite Bewegung der Gold-Befürworter. Alleine in den USA wollen 13 Bundesstaaten echte Münzen wieder als „Legal Tender (legales Zahlungsmittel)“ einführen. In Europa sind dem Vertrieb von Dinaren oder anderen goldgedeckten, privaten Zahlungsmitteln praktische Grenzen gesetzt. Zwar kann man auch in Deutschland, wie ein Blick in das Münzgesetz und die Medaillenverordnung zeigt, so genannte Medaillen produzieren. Sie sind aber mit Mehrwertsteuer zu verkaufen und damit gegenüber staatlichen Münzen (Legal Tender) nicht wettbewerbsfähig.

Inzwischen gibt es auch in Deutschland gewichtige Stimmen, sogar im deutschen Bundestag, die die freie Wahl von Zahlungsmitteln ohne Benachteiligung gegenüber staatlichem Geld befürworten. Nach der liberalen Überzeugung des FDP-MdB Schäffler kann nur durch einen fairen Wettbewerb der Zahlungsmittel verhindert werden, dass Staaten Unmengen schlechten Geldes in Umlauf setzen. Diese Position die auch die Marktgesetze für Geld gelten lassen will findet immer mehr Anhänger.

Wir müssen unseren ­Mitbürgerinnen und Mitbürgern deutlich machen, dass die ­Muslime in ihren eigenen ­Begriffen selber denken können und wollen. Beitrag von Wolf D. Ahmed Aries

(iz). Es ist schon eine merkwürdige ­Situation: Da häufen sich die so­zialwissenschaftlichen Untersuchungen über Muslime, und kein Muslim nimmt sie zur Kenntnis. Psychologen, Soziologen, Sozialarbeiter und Psychiater befragen Muslime zu jeglicher Art von Themen, die meist von irgendwelchen Geldgebern vorgegeben wurden, um sich anschließend nicht um die schließlich veröffentlichten Resultate zu kümmern.

Nun wird der Beobachter zugeben müssen, dass man kaum noch in der Lage ist, die Berge von veröffentlichten Papie­ren und Büchern durchzuarbeiten, ­sodass manche, vielleicht sogar die Masse aller Forschungsarbeiten – als Examensarbeiten sowieso – in den Archiven der Hochschulen verschwinden. Hier und das tauchen sie noch in Form von Literaturver­weisen auf.

Dennoch entsteht im Laufe der Zeit ein unbewusstes Bild „des“ Muslims, dessen sich Fachreferenten in den Ministerien, Parteien oder gesellschaftlichen Organisationen beliebig bedienen. In den von ihnen entworfenen Grundlagen und Reden heißt es dann nur, wie „wissenschaftliche Arbeiten zeigten“. Die islami­schen Verbände nehmen die einzelnen Arbeiten bisher nur dann zur Kenntnis, wenn sie politisch relevant werden – wie etwa der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung oder jene heftig kritisierte Untersuchung zu jungendlichen Muslimen des Bundesinnenministeriums.

Allein, diese auf dem Seziertisch der Sozialwissenschaften entstandenen Ergebnisse bleiben nicht auf den muslimischen „Patienten“ bezogen, sondern werden auf „den“ Islam übertragen, ohne dass sich jemand die Mühe machte, die Vielzahl der Abhandlungen zu einer Übersicht zusammenzufassen. Hierauf verwies Michael Tressat in seinem Buch „Muslimische Adoleszenz?“. Zudem muss der interessierte Beobachter sich fragen, ob die in Deutschland erarbeiteten Untersuchungsergebnisse für den chinesischen Hui ebenso zutreffen wie für den russischen Tataren. Wohl kaum.

Diesem Defizit entspricht ein systematischer Blinder Fleck, den man sich bewusst machen muss. Der moderne Sozialwissenschaftler geht an sein Studienobjekt – hier, den Muslim – auf die gleiche Art und Weise heran wie ein Naturwissenschaftler an ein physikalisches Phänomen: mit Hilfe eines methodischen Atheismus. Er nimmt also an, dass nichts einen Einfluss auf seinen Untersuchungsgegenstand hat, als die von ihm untersuchten Faktoren.

Diese Grundhaltung ist den Muslimen durchaus vertraut, wenn auch nicht bewusst: Wenn jemand mit seinem Auto unterwegs Probleme hat, weil der Motor stottert, dann wird er die nächste Werkstatt anfahren und nicht in der Moschee anrufen, um dem Imam zu bitten, den Dschinn zu vertreiben.

Nur, diese Haltung ist bei den sozialwissenschaftlichen Untersuchungen über den Muslim problematisch, weil dieser sich genau durch jenes Dritte definiert. Ein Gläubiger wird zum Muslim, weil er beziehungsweise sie die Shahada lebt. Das islamische Credo ist nicht nur ein theologisches Phänomen wie bei Christen, sondern Teil seines/ihres Lebens, das in der Taqwa den muslimischen Alltag lebendig werden lässt.

Muslime leben ihren Glauben in der Orthopraxie, denn „diese Welt ist das Saatfeld für die nächste“. So betont der Muslim die Hermeneutik der Tat und weniger die des Wortes. Daher mag man zu den „Ilmihal“ stehen, wie man will, aber Muslime leben von dort her. Ein Sozialwissenschaftler mag eine solche Grundeinstellung als den Rückzug auf eine „transzendentale außer-soziale Ins­tanz“ betrachten, aber sie macht den Mus­lim zum Muslim. Und so wird sein Sozialverhalten zum Adab, von dem er weiß, dass es in der Rechtleitung grundsätzlich vorgegeben ist. Für den Soziologen ist es eine rituell geprägte Normativität einer bestimmten Ethnie. Aber so wie kein Anatom beim Sezieren die Seele des Menschen fand und kein Neurologe mehr als aktivierte und reaktivierte Hirnregionen, so kann ein Sozialwissenschaftler nur beobachtbares Verhalten registrieren.

Muslimische Gelehrten haben dem schon immer misstraut und daher gesagt, dass nur dann ein Tun gläubig ist, wenn der Handelnde die Absicht (Nijja), dazu hat. Ein Gebet ohne sie ist Ritual und mehr nicht. Ein Elektroingenieur kann davon ausgehen, dass die von ihm gefun­denen Regeln stets dort gelten, wo es sich um Strom handelt.

Spätestens Hans-Georg Gadamer hat mit seinen hermeneutischen Untersuchungen gezeigt, dass der Sozialwissenschaftler dies nicht ohne weiteres darf. Diese für manchen etwas abstrakte Diskussion mag so deutlicher werden: Wer die neueren Untersuchungen über muslimische Migranten, Jugendliche oder Strukturen gelesen hat, der wird immer wieder auf die Bemerkung gestoßen sein, dass dieses oder jenes religiöse Verhalten des muslimischen Gegenübers der Ethni­zität, das heißt, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur oder einem Volk geschuldet sei. Ist aber der Handkuss des Jüngeren gegenüber dem ­Älteren Folklore? Oder, ist etwas halal wie Musik oder eine Geburtstagsfeier? Beides fällt nach islamischem Verständnis ­unter den Begriff ‘Urf, Bräuchtum. Solche Gewohnheiten sind häufig emotional aufge­laden und wurden in der ­Vergangenheit von den Muslimen problemlos in ihre Lebensweise, ihren Din, integriert. Wobei durchaus zwischen abzulehnenden Gewohnheiten (‘Urf fasid) und akzeptab­len (‘Urf sahih) unterschieden wurde.

Wenn man in der soziologischen Diskussion nun der Begriff „Ethnizität“ den islamischen Begriff des ‘Urf ersetzt, dann wird mit dem religiösen Bezug gleichzeitig der Glaube des Muslim selbst verdrängt. Aber ist jemand, dessen Din nicht zur Kenntnis genommen beziehungsweise ausgeklammert wird, noch ein Muslim? Zumindest verschwindet so seine eigentliche Motivation zum Handeln, das heißt, die Nijja wird für den Sozialwissenschaftler nicht zum Gegenstand seiner Überlegungen.

Und es gibt einen zweiten Aspekt, der in den Diskussionen der wissenschaftlichen Nichtmuslime im Hintergrund mitläuft. Die Mehrheit der Sozialwissenschaftler neigt dazu, nur die Formen des Din als islamisch zu akzeptieren, die eine besonders strenge, das heißt, „radikale“ Frömmigkeit darstellen. Die Vielfalt der Umma wird schlicht verdrängt. Und welcher Reichtum ist in Seiner Gnade der unterschiedlichen Bemühungen, in der Vielfalt der Umma, wie ein Hadith sagt.

Thomas Bauer hat in seinem neusten Buch zur „Ambiguität islamischen Denkens und Handelns“ eindringlich darauf hingewiesen. Offensichtlich nimmt niemand die öffentlichen und in jeder islamischen Zeitung nachzulesenden Diskussionen über den rechtgeleiteten Weg, zur Kenntnis. Und ist nicht diese Zeitung ein lebendiger Beweis für die undog­matischen Diskurse der Muslime, ohne dass jemand seine eigenen Bemühungen um den rechten Weg zu verleugnen braucht?

Wir Muslime müssen endlich unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern deutlich machen, dass die Muslime keine Kopie des so genannten jüdisch-christlichen Denkens sind, sondern sie in ihren eige­nen Begriffen selber denken können und wollen. Dies ist ein mühseliger Weg, unter dem die Jüngeren am meisten „leiden“, weil sie in einer dreifachen Anforderung stehen: Sie müssen in ihrer Adoleszenz ihre Identität erarbeiten; als religiöse Minderheit mit auf andere ­Gesell­schaften verweisenden Wurzeln sich bewahren und definieren; schließlich gilt es das zusichern, was ihnen aus den Traditionen auch in der Zukunft Halt geben wird wie zum Beispiel die Familie.

So haben junge Muslime die ­moderne Neigung zur Individualität längst aufgenommen, ohne jedoch die Familie zu verraten. Es ist eine Form, die das Bekenntnis zur Familie nicht negiert. Dies mag manchen sozialwissenschaftlichen Modernisten stören; dennoch bewahrt es unsere freiheitlich Grundordnung, die schließlich unter der Aussage der Präam­bel steht, dass es eine Verantwortung vor Gott gibt. Allein Gott weiß es besser.

Muslimische Repräsentanten: Handlungen des französischen Schützen widersprechen Islam

Toulouse (IZ/Agenturen). Mohamed Merah, der mutmaßliche Täter hinter dem Amoklauf im französischen Toulouse, starb am Donnerstag, dem 23. März, nach einer 32-stündigen Belagerung durch Polizeieinheiten. Er sprang aus einem Badezimmerfenster, mit einer automatischen Pistole in der Hand, als die Polizei in seine Wohnung eindrang. Nach einem Kopfschuss wurde er tot auf dem Boden aufgefunden.

Zwei Polizisten wurden bei der versuchten Erstürmung verletzt, einer von ihnen schwer. Merah wollte sich bis zum Schluss nicht der Polizei ergeben. Ein erfahrenes Mitglied des Einsatzkommandos sagte, dass er niemals ein so heftiges Feuergefecht erlebt habe.

Frankreichs Innenminister Gueant veröffentliche kurz nach dem Ende des Schusswechsels erste Informationen. Bei der massiven Schießerei wurden mehr als 300 Geschosse abgefeuert – mindestens dreißig alleine von Merah, der eine schusssichere Weste trug. Frankreichs Generalstaatsanwalt Francois Molins versicherte, dass alles unternommen worden sei, „um ihn lebend zu verhaften“. Der habe sich allerdings dazu entschlossen, „mit der Waffe in der Hand sterben“ zu wollen.

Merah, ein französischer Staatsbürger algerischer Herkunft behauptete, Kontakte zu al-Qaida unterhalten zu haben. Er gestand die Tötung von vier Menschen vor einer jüdischen Schule und dreier französischer Soldaten, von denen zwei Muslime waren.

Während die Untersuchungen noch andauern, ob er Komplizen hatte, warnte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vor Racheakten gegen die muslimische Gemeinschaft seines Landes: „Unsere muslimischen Landsleuten haben nichts mit diesen Akten eines mörderischen Terrorismus zu tun.“

Merah habe während des langen Verhandlung über eine Aufgabe nach eigenen Angaben „Frankreich in die Knie zwingen“ wolle. Er habe nur bedauert, „nicht mehr Menschen getötet“ zu haben. Der Amokläufer gab die Ermordung der sieben Menschen zu. Sein Motiv sei Rache für französische Interventionen im Ausland und die „Tötung palästinensischer Kinder im Nahen Osten“ gewesen.

Die französischen Sicherheitsbehörden müssen sich die Frage stellen lassen, wieso sie nicht vor dem Amoklauf eingegriffen haben. Der Massenmörder soll seit geraumer Zeit vom Geheimdienst observiert worden sein, da er nicht nur radikale Ansichten vertrat, sondern sich auch in militärischen Trainingslagern im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan aufhielt.

So berichtete die französische Lokalzeitung „Le Telegramme“ am 22. März, dass eine Frau die Behörden wiederholt vor Mohamed Merah gewarnt habe und ihn zwei Mal angezeigt habe. Sie habe den späteren Mörder als „Gefahr für die Öffentlichkeit“ beschrieben. Im Sommer 2010 habe sie ihn angezeigt, nachdem er versuchte, ihren Sohn „für den Dschihad zu rekrutieren“. Der damals 15-jährige habe von Merah CDs mit militanten Predigten zu hören bekommen. Danach habe er den Jungen gezwungen, in seine Wohnung zu kommen, wo er ihm brutale al-Qaida-Videos zu sehen. Nach der Beschwerde gegen den späteren Amokläufer habe er sie, ihren Sohn und ihre Tochter körperlich misshandelt.

Einen Tag vor dem Tod des Amokläufers erklärten führende muslimische Vertreter Frankreichs, dass der Mörder „gegen den Islam“ gehandelt habe. „Seine Handlungen stehen im vollkommenen Widerspruch zu den Fundamenten dieser Religion“, sagte Mohammed Moussaoui, Leiter des Muslimischen Rates von Frankreich. „Frankreichs Muslime sind aufgebracht über seine Behauptungen.“

Bei einem Spitzentreffen der muslimischen Vertreter mit Richard Prasquir, Führer der wichtigsten jüdischen Organisation CRIF, im Elysee-Palast sagte Prasquir, dass es absolut unmöglich sei, „diese Person und die islamistische, dschihadistische al-Qaida-Bewegung, für die er stehe, mit dem Islam in Frankreich zu verwechseln, die eine Religion wie alle anderen auch ist“.

Inmitten eines heftig geführten Präsidentschaftswahlkampfs, bei dem die rechtsextreme Marine Le Pen bereits die Morde von Merah als Wahlkampfmunition einsetzte, kündigte der amtierende Präsident Sarkozy „härtere Maßnahmen“ gegen „gewalttätige Islamisten“ an. Das Internet solle schärfer überwacht werden, ebenso jene Personen, die ins Ausland reisen, um an „terroristischen“ Aktivitäten teilzunehmen. Außerdem würden sämtliche Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung von Gewalt in Frankreichs Gefängnissen zu unterbinden.

Stellungnahme zu der Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ von Ulrich Paffrath vom Forschungszentrum für Religion und Gesellschaft (Teil 1)

Köln (iz). Die folgende kurze Stellungnahme zu der Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ befasst sich noch nicht dezidiert mit den zahlreichen Ergebnisse der Studie. Dies wird in einem zweiten Teil in Kürze folgen, denn im Gegensatz zu der bisherigen Berichterstattung produziert die Studie nicht nur ein Ergebnis, sondern eine Vielzahl sehr erwähnenswerter Ergebnisse.

In diesem ersten Teil konzentriert sich die Darstellung zum einen auf den Versuch, die vermutete politische Strategie der Akteure bei der Vorstellung der Studienergebnisse darzustellen. Zum anderen sollen zwei allgemeine methodische Anmerkungen erfolgen, da die Art der Darstellung von Studienergebnissen zum Teil sehr unterschiedliche Wirkungen haben kann.

Der politisch-strategische Aspekt
Ein Ergebnis der Studie, nach welchem ein Viertel der jungen nichtdeutschen Muslime integrationsverweigernde Einstellungen vertreten, stand im Zentrum der medialen Berichterstattung. Der Bildzeitung lag bereits einen Tag vor der offiziellen Vorstellung der Studienergebnisse dieses Teilergebnis exklusiv vor, so dass die Bildzeitung entsprechend berichtete.

Am Tag der offiziellen Vorstellung der Studie appellierte nun der amtierende Bundesinnenminister an die Medien, die Studienergebnisse nicht einseitig negativ darzustellen, sondern differenziert auch über die vielen positiven Ergebnisse der Studie zu berichten. Muslime dürften nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Gleichzeitig warnte er vor Radikalisierungstendenzen bei jungen Muslimen.

Abseits aller realitätsfernen Verschwörungstheorien sollte dem kritischen Beobachter klar sein, dass solche dramaturgischen Abfolgen in den seltensten Fällen zufällig geschehen, sondern vielmehr einem taktischen Kalkül folgen. Das „Durchsickern“ von negativen Teilergebnissen an die Bildzeitung und der spätere Aufruf des Bundesinnenministers zur ausgewogenen Berichterstattung über Muslime sind schlichtweg eine politische Taktik, bei welcher es nach Auffassung des Autors um folgende Kalküle ging:

Durch die Übermittlung (in Form eines „Durchsickerns“) des öffentlichkeitswirksamen negativen Teilergebnisses der Studie kann der politische Akteur (in diesem Falle der Bundesinnenminister) gezielt die mediale Agenda in seinem Sinne steuern, ohne unmittelbar als Scharfmacher, der die Angst vor Muslimen schürt, dazustehen. Schließlich hat nicht er direkt dieses Ergebnis hervorgehoben, sondern eben die Bildzeitung.

Darüber hinaus handelt es sich um ein wissenschaftlich fundiertes Ergebnis. Der Vorteil für die Medien (in diesem Fall die Bildzeitung) ist die Exklusivität der Nachricht und somit die Gewährleistung des finanziellen Profits durch Auflage. Darüber hinaus ist das „Durchsickern“ der Ergebnisse in Richtung Bildzeitung sicherlich förderlich für deren Image als relevantes Leitmedium.

Nachdem nun die Bildzeitung exklusiv über das vom Bundesinnenminister vermutlich gezielt gesetzte Ergebnis berichtet hat, ruft dieser bei der offiziellen Vorstellung der Ergebnisse der Studie einen Tag später die Medien zur ausgewogeneren Berichterstattung auf und versucht, sich somit unangreifbar zu machen, indem er quasi den „schwarzen Peter“ den Medien zuschiebt. Und ebenfalls lassen die teilweise undifferenzierten Reaktionen der übrigen politischen Akteure nicht lange auf sich warten. Verwiesen sei hier u.a. auf die Aussage von Serkan Tören, die Studie produziere keinerlei Erkenntnisse.

Es bleibt offen, ob man die hier vermutete Strategie als aufgegangen bezeichnen kann, da der Bundesinnenminister dennoch als Scharfmacher kritisiert wurde und auch das Zuspielen von Teilergebnissen als Strategie bezeichnet wurde. Die Logik zeigt jedoch, dass eine solche Strategie meistens eine Win-Win Situation sowohl für den politischen Akteur als auch für die Medien darstellt, so dass es sich lohnt, solche taktischen Manöver stets genau zu reflektieren und zu hinterfragen.

Allgemeine methodische Anmerkungen
Auch hier ist wie bei vielen anderen Studien anzumerken, dass es sich nicht um eine repräsentative Studie handelt. Insofern sind Rückschlüsse auf die sogenannte „Grundgesamtheit“ (hier also alle in Deutschland lebende Muslime) nicht möglich. Denn diese Grundgesamtheit ist schlichtweg nicht bekannt.

Insofern sind dann Aussagen wie „ein Viertel der jungen nichtdeutschen Muslime wollen sich nicht integrieren“ nur in Bezug auf die innerhalb der Studie befragten Personen zutreffend. Eine Darstellung, nach welcher sich dieses Viertel auf alle jungen nichtdeutschen Muslime in Deutschland bezieht, ist daher schlichtweg falsch und suggeriert ein gefährliches Zerrbild. Eine Überschrift wie „ca. 125 nichtdeutsche Muslime im Alter zwischen 14 und 32 Jahren innerhalb der Stichprobe sind integrationsunwillig“ wäre sicherlich nicht so öffentlichkeitswirksam gewesen.

Und genau dies beinhaltet eine gewisse Gefahr in Bezug auf die Verwendung von Prozentwerten bei der Darstellung von Studienergebnissen. 25 Prozent der nichtdeutschen Muslime sind integrationsunwillig suggeriert, dass es sich um eine enorme Menge handeln muss, insbesondere dann, wenn man die Ergebnisse so liest, dass es 25 Prozent aller nichtdeutschen Muslime in Deutschland sind. Dies wäre zweifelsohne eine erschreckende Zahl. In absoluten Zahlen dürften es aber laut Studienergebnis ca. 125 Personen sein. Bezogen auf die ca. 4 Millionen Muslime in Deutschland ist dies eine verschwindend geringe Zahl. Dies soll verdeutlichen, welche enormen Unterschiede hinsichtlich der Außenwirkung entstehen können, je nachdem wie man ein und dasselbe Ergebnis darstellt.

Hierfür bietet das exemplarisch dargestellte Teilergebnis der Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ ein sehr gutes Beispiel. Insofern wäre es ratsam, bei der Darstellung von Studienergebnissen stets die absoluten Zahlen hinter die jeweiligen Prozentwerte zu schreiben. Zumindest, wenn einem an einer differenzierten Darstellung der Ergebnisse gelegen ist.

Wahl des Bundespräsidenten: Anmerkungen zum Spektakel einer beschlossenen Sache. Von Abu Bakr Rieger

(iz). Die Spannung war – genauso wie die Alternativen – bei der Wahl selbst überschaubar. Der neue Bundespräsident ist Joachim Gauck. Nach dem Gastspiel des Niedersachsen Wulff kommt nun ein Parteiloser und zudem ein guter Redner ins höchste deutsche Amt. Damit könnte Gauck – von seinen ureigensten Voraussetzungen her – durchaus eine, die Alltagspolitik überragende Rolle spielen.

Ein neuer Präsident kann nicht nur viele unbequeme Fragen stellen, sondern vermag eines Tages sogar Gesetze im Rahmen des umstrittenen EU-Rettungsschirms – Regeln, die nach Meinung vieler die Demokratie in Frage stellen – blockieren. Der Ruf des Präsidenten als eine unbestechliche Instanz, die sich auch aus seiner Ferne vom Lobbyismus begründet, könnte durch Joachim Gauck wiederhergestellt werden. Für den 72-jährigen gilt das Wort George Benard Shaws: „Man fürchte sich vor alten Herren, denn sie haben nichts mehr zu verlieren.“

Man sagt dem evangelischen Pfarrer nach, dass er ein großer Demokratielehrer sei (das Wort „Demokratie“ fällt in politischen Reden heute so häufig, dass man vermuten könnte, sie sei bereits abhanden kommen). Keine Frage, Gauck wird zunächst die deutsche Gesellschaft immer wieder vor den Abgründen der Ideologien warnen, die jeder modernen Gesellschaft – zumindest als Möglichkeit – innewohnt. Die Festlegung der Deutschen auf den Anti-Rassismus ist eine der Selbstverständlichkeiten, für die man in Zeiten rechten Terrors doch immer wieder neu eintreten muss.

Damit dies aber nicht nur ein lobpreisender Monolog über die jetzigen Machtverhältnisse wird, wird Joachim Gauck bald auch seine Position zum globalen Kapitalismus klären müssen. Wie steht es heute mit dem Anspruch auf Freiheit, auf Gerechtigkeit? Wie stehen wir zu den Opfern dieser Zeit? Man denke nur – um ein Beispiel zu nennen – an die zynische Spekulation unserer Geldhäuser mit Nahrungsmitteln, das Spiel mit dem Leben Dritter, über das wir ja allzu gut Bescheid wissen.

Die Muslime im Lande könnte Gauck leicht ansprechen und für sich gewinnen. Viele muslimische Immigranten dürften nach den Erfahrungen in ihren Heimatländern verstehen, was der Präsident über den Wert der Freiheit fühlt. Sein Vorgänger hatte schon einfachen „Heldenstatus“ mit einer simplen Formulierung über die Zugehörigkeit des Islam erlangt. Viele deutsche Muslime hören solche Bekenntnisse eher als eine Binsenweisheit. Aber, ein Präsident der an die Wahrung unserer natürlichen Rechte erinnert, ist durchaus willkommen.

Hintergrund: Zerstört das globale Halal-Business das Vertrauensverhältnis zwischen den Muslimen? Von Schaikh Habib Bewley

(iz). Wir leben in Zeiten, in denen der ­beste Rat das Innehalten ist, wenn sich die Masse auf einen Hype versteift. Oft genug verliert der Einzelne die dringend benötigte Fähigkeit zur Kritik. Seit Jahren wird – auch in der IZ – davon gesprochen, dass die so genannte Halal-Industrie ein Wachstumsmarkt sei, der immer wichtiger werde. Mehrheitlich werden die dabei beteiligten Abläufe, allen voran die Halal-Zertifizierung, und die ihr zugrunde liegen­den Konzepte positiv gesehen.

Vor einigen Jahren trafen wir in Südafrika den Leiter einer religiösen Schule in einer überwiegend indisch-muslimischen Siedlung am Rande Pretorias. Der Gelehrte erklärte, er sei schon einmal in Deutschland gewesen. Auf unsere Frage nach dem Warum, meinte er lapidar, er hätte unser Land besucht, um eine Fleischfirma bezüglich einer islamkonformen Wursthülle zu besuchen. Dafür musste er immerhin beinahe 24.000 Kilometer zurücklegen. Die Frage, ob er die bettelarme schwarze Moscheegemeinde, die hinter einem Berg in der Nachbarschaft lag, besuchte habe, verneinte der ­Gelehrte.

Im Folgende dokumentieren wir die Position eines jungen zeitgenössischen Gelehrten, der sich – anhand konkreter Skandale in Südafrika – von der Warte des islamischen Rechts kritisch mit der Halal-Zertifizierung auseinan­dersetzt, die für viele muslimische Konsumenten mittlerweile einfach dazu gehört, um sich beim ­Einkaufen wohl zu fühlen.

Allah sagt in Seinem Edlen Buch: „O die ihr glaubt, esst von den guten Dingen, mit denen Wir euch versorgt haben, und seid Allah dankbar, wenn ihr Ihm dient!“ (Al-Baqara, 172) Viele von uns wurden in der letzten Zeit durch Meldungen aufgeschreckt, die vom Missbrauch der ­Halal-Zertifizierungen und der betrügerischen Auszeichnung von Schweinefleisch durch gewissenlose Geschäftsleute sprachen. Wir dürfen uns nicht durch die Einzelheiten des Falles oder der betroffenen Parteien von der entscheidenden Frage ablenken lassen: Das Problem ist die Halal-Zertifizierung selbst.

In den letzten Jahren wurde diese ­Praxis zur akzeptierten Norm. Sie gilt als der beste Wege, um festzustellen, ob ein bestimmtes Produkt für den Verbrauch geeignet ist oder nicht. Aus bescheidenden Anfängen wuchsen das Halal-Siegel oder das entsprechende -Zertifikat rapide an. Heute sind sie Teil des Big Business und entwickelten sich zum Aspekt einer Indus­trie, die nach Angaben des Interna­tionalen Market Bureau of Canada ­einen Jahreswert von 560 Milliarden ­US-Dollar haben soll. Alleine in Südafrika bringt dies Dutzende Millionen Rand in die Schatullen der beteiligten Organisationen.

Gewiss, es geht uns nicht um die Motive derjenigen, die Pioniere der Zertifizierung von Produkten und Lebensmitteln waren. Ursprünglich mag ihnen das Wohl der Muslime am Herzen gelegen haben. Sie wollten es muslimischen Verbrauchern einfacher machen, die ­Zweifel darüber hatten, was sie aßen oder kauften. Unsere Überlegungen gelten der Existenz eines ganzen Industriezweiges. Dieser bricht eindeutig eine Reihe bestimmender Prinzipien des Dins.

Erstens hat alles als halal zu gelten, solange es keine eindeutigen Beweise dafür gibt, dass es haram ist. Dies wird durch die Worte Allahs angedeutet: „Er ist es, Der für euch alles, was auf der Erde ist, erschuf.“ (Al-Baqara, 29) Alles auf der Erde dient unserem Nießbrauch: Es ist halal; mit Ausnahme dessen, was Allah und Sein Gesandter verboten haben. Die Funktionsweise der Halal-Zertifizierung funktioniert nach dem genau gegenteili­gen Prinzip: Alles gilt als haram, ­solange es nicht als halal deklariert wird. Klar wird dies, wenn man sich die ­operativen Proze­duren dieser Einrichtungen betrachtet.

Auf der Webseite einer solchen Einrichtung werden die folgenden Bedingungen für Unternehmen festgelegt, die von ihnen ein Zertifikat möchten: „Nur Halal-Lebensmittel und -Getränke, die von uns zertifiziert werden, dürfen serviert, verkauft, gelagert oder auf der untersuchten Einrichtung verarbeitet werden.“ Des Weiteren heißt es dort: „Sollten Einzelhändler Einkäufe tätigen, ist dies nur bei solchen Lieferanten erlaubt, die ausdrücklich von uns freigegeben wurden.“ Mit anderen Worten, die entsprechende Organisation untersagt Firmen, Geschäften und Restaurants den Einkauf der Waren aus anderen Quellen als jenen, die von ihr zertifiziert worden sind. Im Weiteren Sinne erklären sie alle, nicht von ihnen genehmigten Waren als nicht lizenziert – und demnach als ­haram. Damit machen sie genau das, was Allah uns untersagt hat, denn Er sagte: „O die ihr glaubt, verbietet nicht die guten Dinge, die Allah euch erlaubt hat, und übertretet nicht! Allah liebt nicht die Übertreter. Und esst von dem, womit Allah euch versorgt hat, als etwas Erlaubtem und Gutem, und fürchtet Allah, an Den ihr glaubt!“ (Al-Ma’ida, 87-88)

Allah erlaubte uns weitaus mehr, als die Zertifizierer uns glauben machen ­wollen. So offenbarte Er beispielsweise: „Heute wurden euch alle guten Dinge erlaubt – das Essen der Leute, denen das Buch gegeben wurde, ist halal für euch (…) .“ Es gibt zwei Dinge in diesem Vers, die erwähnenswert sind. Zum ersten benutzt Allah das Wort „Tajjibat“, um das Essen der Leute des Buches zu beschrieben. Und es ist das gleiche Wort, das – wie in der Ajat – nicht als haram erklärt werden darf. Zweitens verwendet Er den Begriff „uhilla“, was „halal machen“ bedeutet. Qadi Abu Bakr ibn al-Arabi sprach über diesen Vers umfangreich in seinem Buch „Ahkam Al-Qur’an“. Im Verlauf seiner Diskussion sagte er, dass es egal ist, ob sie das Tier opfern oder nicht, solange es sich dabei um Juden oder Christen handelt und solange sie es korrekt ­schlachten. Dann ist das Fleisch halal für uns. Qadi Abu Bakr überlieferte eine Äußerung von Imam Malik: „Ihr gesamtes Fleisch darf mit Ausnahme dessen verzehrt werden, was sie für ihre religiösen Feiertage schlachten oder ihren Götzen opfern.“ Imam Asch-Schafi’i ging sogar einen Schritt weiter: „Ihre Opfertiere dürfen sogar dann gegessen werden, wenn sie einen anderen Namen als den von Allahs über ihnen aussprechen.“ Ihr gesamtes Essen ist halal für uns. Mit Ausnahme jener Dinge, die Allah uns ausdrücklich untersagte: Schwein, Blut und Tiere, die eines natürlichen Todes starben, erwürgt oder mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen wurden. Dies ist die ­Position der meisten großen Imame. Der Prophet selbst aß Fleisch bei Juden, ohne zu ­fragen, wie es geschlachtet wurde. Was ­halal ist und was haram, ist nicht so schwarz-weiß, wie es diejenigen glauben machen wollen, die die Zertifikate ausgeben. Es ist auch nicht im geringsten kompliziert, denn der Prophet sagte: „Das halal ist klar erkennbar und das haram ist klar erkennbar.“

Das zweite, betroffene Prinzip ist, dass Allah der Gesetzgeber ist. Es ist weder an uns, noch an den ‘Ulama, sich als diejeni­gen aufzuspielen, die Gesetze erlassen. Es gibt im Islam weder eine ­Priesterkaste, noch eine spezielle Klasse von Leuten, durch die Allah wirkt oder in deren Händen die Erlösung der Menschheit liegen würde. Diese Vorstellung ist dem Islam vollkommen fremd. Die ‘Ulama sind einfach nur jene, denen Allah ‘Ilm (Wissen von Seinem Din und Seinen Urteilen) gab. Es ist ihre Verantwortung, dieses an den Rest von uns weiterzugeben, anstatt es zurückzuhalten und dem Höchstbietenden zu verkaufen. Sie dürfen keine Urteile verkaufen, denn diese gehören nicht ihnen, sondern Allah.

Daher dürfen sie auch keine Gebühren von den Leuten nehmen, um zu deklarieren, dass ihre Produkte halal ­seien. Indem sie das tun, ahmen sie ein Verhal­ten nach, für das die Leute des Buches von Allah in der Sura Al-Baqara kritisiert wurden: „Und verkauft Meine Zeichen nicht für einen geringen Preis!“ (Al-Ma’ida, 44) Die Erzielung eines Profits aus der selektiven Verteilung von Urteilen ist ­abzulehnen. Die Tatsache, dass solche Organisationen oft exorbitante Gebühren von muslimischen Kunden für ihre Dienste verlangen, schafft für diese ­einen erkennbaren finanziellen Nachteil. Der Preis, den diese Lebensmittelunternehmen bezahlen, wird an ihre Kunden weitergegeben. Dies führt beinahe automatisch dazu, dass zertifizierte ­Lebensmittel teurer sein müssen als jene ohne. Diese Zertifizierung wurde zu einer Art geheimer Steuer, bei der das Geld aus den Taschen der normalen Muslime in die Schatullen islamischer Organisationen, der ‘Ulama oder der Zertifizierungsfirmen fließt.

Nicht nur der einfache muslimische Verbraucher leidet unter der Halal-Industrie, sondern auch viele kleine Unternehmen. Bevor der Halal-Stempel verbreitet war, kauften beinahe alle Muslime ihr Fleisch bei ihrem lokalen Halal-Schlachter. Seit dem Auftauchen des Siegels haben Supermärkte, die weder Muslimen gehören, noch von ihnen geführt werden, den Schlachtern die Mehrheit ihrer Kunden abgeworben. Sie richten Halal-Abteilungen ein und unterbieten die Muslime bei den Preisen. Dadurch schränken sie den Markt ein und treiben viele Unternehmer aus dem Geschäft. Den verbleibenden Halal-Geschäften und -Restaurants wird mit Misstrauen begegnet, wenn ihnen Zertifikate fehlen. Nicht länger wird dem Wort eines Muslims vertraut, dass sein Essen halal sei. Die Industrie hat es geschafft, dass einem Stück Papier mehr vertraut wird als einem anderen Gläubigen.

Wie aus dem jüngsten [südafrikanischen] Fiasko deutlich wurde, ist ein Halal-Stempel kein absolute Garantie ­dafür, dass etwas halal ist. Er kann ohne unser Wissen gefälscht oder von einem Produkt auf ein anderes übertragen werden.1 Das ist bei mehreren Gelegenheit vorgekommen, denn die Konzerne, die die Halal-Lizenzen erwerben, haben nur ihren Profit im Auge, ohne das Skrupel dabei eine Rolle spielen würden. Können sie mehr Geld machen und neuen Märkte erschließen, dann werden sicherlich viele, wenn sie damit davonkommen, auf dieses Mittel zurückgreifen.

Nicht nur bei Firmen, denen diese Zertifikate verkauft werden, besteht Potenzial für Missbrauch. Dies betrifft auch die Reihen jener ‘Ulama, die sie ausstellen. Die Mehrheit von ihnen mag gewissenhaft, ehrenhaft und ehrlich sein. Aber die Tatsache, dass sie Wissen ­haben, macht sie noch nicht immun gegenüber Korruption. Die Geschichte ist voller bestechlicher Richter und Gelehrter, die von den Herrschenden gekauft wurden, um sie gefügig zu machen.

Heute gibt es viele Gelehrte, die sich für das „Islamic Banking“ aussprechen. Im Austausch dafür erhalten einige von ihnen Sitze in den Beiräten der Banken.2 Die früheren muslimischen Gesellschaften kannten diese Gefahren. Sie schützten sich vor der Bestechlichkeit der Qadis, indem sie ihnen hohe Gehälter zahlten, sodass sie immun gegenüber Korrup­tion waren. Aber heute gibt es niemanden, der sich vergleichsweise um ihre Bezahlung kümmern würde. Also müssen sie es selber tun. Auch gibt es heute ­keine Autorität, welche sie kontrolliert. Dementsprechend muss ihre Versuchung hoch sein, sich die Taschen zu füllen.

Unabhängig davon, wie ­gottesfürchtig unsere heutigen Gelehrten sind, dass von ihnen ins Leben gerufene System hat die Tür für weniger prinzipientreu ­Gestalten geöffnet, von ihm Gebrauch zu machen. Dergleichen geschieht bereits in anderen Teilen der Welt, wo bekannt wurde, dass Halal-Siegel wissentlich für Produkte vergeben wurden, die sich später als alles andere als halal erwiesen. Das gleiche passiert bei uns. Die Verantwortlichen handeln – im Sinne des Profits – dem gesunden Menschenverstand zuwider. Da­zu zählt die Zertifizierung von Wasser, Zahnstochern oder schwarzem Pfeffer. Das ist ein klarer Missbruch des Systems. Das System der Halal-Zertifizierung orientierte sich ursprünglich an einem vergleichbaren Prozess, der von Juden benutzt wird, um koscheres Essen von nicht-koscherem zu unterscheiden. Auch wenn es sich dabei um die Nachahmung ­einer scheinbaren guten Idee handelt, ­erlauben die Nachteile dieses Zertifizierungsprozess, wie wir gesehen haben, den gegenteiligen Schluss.

Ein weiteres, schwerwiegendes Problem in der Halal-Zertifizierung – wie der gesamten Halal-Industrie – ist, dass sie sich rein auf die Mechanismen des Schlachtens und der Lebensmittelproduktion konzentriert, ohne fundamenta­le Parameter in Betracht zu beziehen, was es heißt, etwas für halal zu erklären. ­Allah sagt im Qur’an: „Oh, ihr Menschen, esst von dem, was erlaubt und gut auf der Erde ist.“

Unsere Nahrung sollte genauso hochwertig sein, wie sie halal ist. Die Tiere sollte gut und barmherzig behandelt werden. Der Prophet, möge Allah ihn ­segnen und ihm Frieden zu geben, wurde als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt, inklusive der Tiere und der Umwelt. Heute geschieht das Gegenteil: Tiere müssen heute ihr ganzes Leben in ­engen Käfigen verbringen und werden unter Einsatz von Wucher und Ausbeutung verkauft. Der vielleicht negativste Aspekt der Halal-Zertifizierung ist, dass sie die ‘Ulama und die Muslime insgesamt von wichtigeren Fragen ablenkt. Es scheint so zu sein, als würde der Din Allahs auf Nahrungsfragen reduziert werden. So als bestünde der einzige Unterschied zwischen uns und unserem nichtmuslimischen Gegenüber darin, dass unsere Nahrung ein Halal-Siegel trägt. Kapstadt ist eine Stadt, in der Muslime ein Drittel oder mindestens ein Viertel der Bevölke­rung ausmachen. Wie kann es sein, dass die islamische Lebensweise auf Lebensmitteletiketten reduziert wird? Sollte nicht zumindest die gleiche Anstrengung darauf verwandt werden, andere Aspekte unseres Lebens halal zu machen? Warum hinterfragen wir nicht das globale Ethos, wenn es sich um Finanz- und Währungsfragen handelt?

Wir sollten nicht versuchen, uns in einer komfortablen Nische in der Gesellschaft einzukuscheln und von dem abzu­schirmen, was uns umgibt. So als wäre alles OK, solange wir nur unser Halal-Fleisch und unsere Moscheen haben.

Der Gesandte Allahs wurde für die gesamte Menschheit entsandt. Wir haben keinen größeren Anspruch auf den Islam als unsere Umwelt und so muss es eine Ehrenfrage für uns sein, sie darüber zu informieren und dazu einzuladen. Unse­re Gelehrten müssen dabei eine Führungsrolle spielen. Sie müssen auftreten und mit sich mit jenen Fragen und Problemen beschäftigen, die unsere Zeit ­plagen. Sie müssen anfangen, als die ­wirklichen Erben der Propheten zu handeln, denn der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, ­sagte: „Die Gelehrten sind die Erben der Propheten.“ Und sie müssen damit ­anfangen, ihr Wissen auch in die Tat umzusetzen.

Der Autor ist ein junger Gelehrter, der unter anderem an der marokkanischen Qairawijin und anderen Einrichtungen studierte. Heute lebt er in Kapstadt, wo er Imam ­Khatib der großen Freitagsmoschee ist. Der Text wurde in seiner Originallänge als Khutba ­gehalten.
Fußnote(n):
1 Vor einiger Zeit wurde nach Stichproben bekannt, dass die Menge der Halal-Lebensmittel, die in die Golfstaaten eingeführt ­wurde, höher war, als die Gesamtsumme der exportierten.
2 Den so genannten Sharia-Boards.

Belgien: Imam erliegt einer Rauchvergiftung. Ein Tatverdächtiger wird festgenommen. Über die Motive wird noch gerätselt.

Brüssel (dpa/IZ). Bei einem Brandanschlag auf die Brüsseler Riad-Moschee ist ihr 46 Jahre alter Imam getötet wurden. Er erlag einer Rauchvergiftung, berichteten belgische Medien am Montagabend. Eine weitere Person atmete giftige Dämpfe ein, überlebte aber. Laut Nachrichtenagentur Belga nahm die Polizei einen Tatverdächtigen fest. Es soll das Gebäude im Stadtbezirk Anderlecht in Brand gesetzt haben. Über die Hintergründe der Tat herrschte zunächst Unklarheit.

Das Feuer breitete sich rasch in dem aus, konnte aber von der Feuerwehr gelöscht werden. Nach Angaben des „SPIEGEL“ sei die Moschee hingegen „komplett oder fast vollständig“ verbrannt worden. Bei dem Anschlag hielten sich laut Belga etwa 10 Menschen in dem Gebäude auf. Der Vorbeter wurde in der ersten Etage gefunden. Die belgische Innenministerin Joelle Milquet verurteilte den Anschlag scharf. Sie sei „sehr schockiert“, berichtete Belga. In Anderlecht unweit des größten Brüsseler Bahnhofs Gare du Midi leben viele Einwanderer. Am Abend versammelten sich laut Rundfunk mehrere hundert Menschen vor der Moschee.

Das Hamburger Nachrichtenmagazin zitierte die Polizeisprecherin Marie Verbeke. Wie der „SPIEGEL“ berichtete, soll es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen 34-jährigen, gebürtigen Muslim handeln. Nach möglichen Mittätern werde nicht gefahndet. Wegen fehlender Papiere sei eine sofortige Identifizierung des Mannes unmöglich gewesen. Die betroffene Moschee befindet sich in einem Viertel mit einem großen muslimischen Bevölkerungsanteil, deren Mehrheit marrokanischer Abstammung ist.

Der Publizist und Blogger Akif Sahin verwies heute Vormittag auf eine Twitter-Meldung der belgischen Parlamentarierin Mahniur Özdemir. Die praktizierende Muslimin vermutete, dass es sich bei dem Anschlag auf die mutmaßlich schiitische Moschee um die Tat eines so genannten „Salafiten“ handeln könnte. Ein Artikel des Berliner „Tagesspiegels“ verstärkt die Vermutung. Demnach habe ein Vertrater der Riad-Moschee ausgesagt, Zeugen seien sich darüber einig gewesen, der mutmaßliche Täter gehöre dieser Glaubensrichtung an. Angeblich habe sich der mutmaßliche Angreifer in Ausrufen auf den Syrien-Konflikt bezogen. Das syrische Regime des Assad-Clans wird in der aktuellen Niederschlagung der Protestbewegung vom schiitischen Iran unterstützt.