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Vorbild Indonesien: Die Jugend geht beim Umweltschutz voran

Ausgabe 325

Foto: The Conversation Indonesia/Luthfi T. Dzulfikar | Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0

Eine aktuelle Studie des Australisch-Indonesischen Zentrums (AIC) stellte fest, dass junge MuslimInnen ihren Umweltschutzaktivismus auf islamischem Wissen aufbauen. Sie sehen sich als Allahs Sachwalter auf Erden. Für sie ist Schutz der natürlichen Welt auch eine spirituelle Angelegenheit. Dem entspricht eine wachsende Beliebtheit von „grünem Islam“ als ein wichtiges Thema der globalen Jugendbewegung. Von Pamela Nilan

(The Conversation). Der Inselstaat Indonesien (die größte muslimische Nation) hat in Sachen Umweltschutz eine schlechte Bilanz. Es gibt trotz Behörden und erheblicher Schutzmaßnahmen der Regierung signifikante Schwierigkeiten bei Kontamination und Entwaldung. Während das Land ökonomisch gewachsen ist, gilt das auch bei Negativfolgen auf die Umwelt.

Inmitten beunruhigender Trends sind einige religiöse und entschlossene muslimische Umweltaktivisten entschlossen, das Bewusstsein ihrer Altersgenossen über die Ökokrise zu erhöhen. In ihren Augen sind Verschmutzung und Zerstörung der Mitwelt im islamischen Recht verboten (oder haram).

Für unsere Erhebung sprachen wir mit 20 UmweltaktivistInnen aus Hochschulen in Java und Sumatra. Diese jungen Erwachsenen haben solide akademische Kenntnisse. Sie benutzen diese, um ihre Ansicht zu ökologischen Praktiken mithilfe islamischer Theologie zu begründen.

Ein Beispiel dafür ist Pertiwi aus der Großstadt Palembang (Süd-Sumatra). Sie hat ein islamisches Internat (oder „Pesantren“) besucht, wo sie eingehend Qur’an studierte. Später schloss sie sich der Universität einer Gruppe an, welche gegen die Verschmutzung des Flusses Musi aktiv wurde. Dafür wurden beispielsweise  Aufklärungskampagnen bei anliegenden Gemeinschaften, Lobbyarbeit gegenüber industriellen Verursachern und gemeinsame Entsorgung von Müll organisiert.

Pertiwi erklärt, ihr Einsatz für die Umwelt basiert auf einer Qur’ansure über die Zerstörung der Erde. „Schauen Sie sich unsere Vorfahren an, Allah wurde sehr zornig auf sie, nicht wahr? Er war nicht nur wütend, weil die menschliche Natur selbst die Umwelt schädigte, sondern auch, weil menschliche Handlungen direkt etwas verletzten, das Allah geschaffen hatte“, sagte sie. Für sie ist die Beschädigung der Umwelt haram – inklusive Vermüllung. „Das verletzt das Werk des Schöpfers. (…) Gott hört, sieht und weiß, was die Menschen tun“, lautet ihre Erklärung.

Ihr Klassenkamerad Fahmi studierte Chemieingenieurwesen. Er schloss sich der Ortsgruppe von Sobat Bumi an. Das ist eine Umweltbewegung, die von der staatlichen Behörde für Erdöl und -gas ins Leben gerufen wurde. Fahmi erlebte eine religiöse Eingebung, als er in einem Nationalpark durch Nebelwälder kletterte, wo er die Wahrheit dessen erkannte, was im Qur’an steht. „Wenn jemand auf seine Umwelt achtet, dann wird Gott auf ihn aufpassen, sowohl im Diesseits als auch im Jenseits. (…) Und seine Dankbarkeit zeigt sich wahrhaftig, wenn wir Fehler bereuen, wie die Verschmutzung der frischen Umwelt, die uns die Luft zum Atmen gibt.“

Eine andere befragte Aktivistin kommt aus Bandung (West-Java). Iin war ein aktives Mitglied der Youth for Climate Change (YFCC) in Indonesien. Für sie ist es ein göttlicher Befehl an die Menschen, sich als Khalifa (oder Sachwalter Gottes) auf Erden zu verhalten. „Der Begriff Khalifa wird im Qur’an erwähnt, wenn es heißt: ‘Ich bin dabei, auf der Erde einen Statthalter einzusetzen.’“ (Al-Baqara, Sure 2, 30) Sie ist stolz auf ihre Karriereplanung im Naturschutz. „Ich weiß, dass das Gehalt nicht so hoch sein wird wie bei einem Job für einen Öl- oder Gaskonzern. Ich habe aber kein Problem damit, weil ich von Gott mit meinem Atem, Nahrung zum Essen und den alltäglichen Mitteln bezahlt werde.“

Währenddessen schloss sich Heri, ein anderer der von uns Befragten und Absolvent einer Madrassa, einer universitären Kampagne zur Reinigung des Flusses Ciliwung an. Er ist eines der weltweit schlimmsten Gewässer. „Umwelterziehung ist Teil meiner Religion. Harmonie muss sowohl vertikal als auch horizontal sein. (…) Darin enthalten ist auch, wie wir sozial mit der Umwelt umgehen müssen.“

Seine Worte spiegeln jene von Mostafa Bisri (auch bekannt als Gus Mus) wider, der ein beliebter Islamgelehrter ist und Indonesiens größter muslimischer Organisation Nahdlatul Ulama nahesteht. Er tweetete einmal, dass menschliches Leben in der Welt nicht nur mit Allah verbunden sei, sondern auch mit anderen Menschen sowie der Umwelt/Natur. Darin bezieht er sich auf das qur’anische Paradigma des Festhaltens am „Seil“ Allahs als einem multidimensionalen Glaubensartikel. Darin kodiert sei ein allgemeiner Glaube an Harmonie.

Die jungen AktivistInnen beziehen sich häufig auf solche und ähnliche Qur’anbezüge, um ihre moralische Verpflichtung zum Erhalt und zur Wiederherstellung der Natur zu erklären. Deren Reinheit wird als Reflexion von Gottes transzendenter Güte in der Schöpfung verstanden.

Sie sehen es als ihre moralische Pflicht an, andere Indonesier an der Verschmutzung und Zerstörung der Umwelt zu hindern. Sie setzten sich auch aktiv dafür ein, einheimische muslimische Umweltverschmutzer zum Glauben zurückzubringen. Ein beliebtes T-Shirt zeigt beispielsweise die Mondsichel und den Stern mit der Aufschrift: „Selbst wenn der Tag des Jüngsten Gerichts kommt, sollte jemand, der einen Palmenzweig in der Hand hat, ihn einpflanzen.“

Im „grünen“ Islam nutzen muslimische Umweltschützer ihre islamischen Sichtweisen zum Aufbau einer entscheidenden Gemeinschaft. Sie soll die natürliche Welt schützen und erhalten.

Dieser Ansatz ist wichtig, denn er bietet eine tiefgründige Darstellung des moralischen Denkens für ökologisches Handeln in der Welt. Im Gegensatz zu vielen säkularen Strategien zur Eindämmung des Klimawandels, die sich entweder auf trockene wissenschaftliche Aussagen oder abstrakte globale Wert berufen, bietet er eine persönliche und spirituelle Dimension.

Veröffentlicht im Rahmen einer Creative Commons-Lizenz.