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Hat Wagner mehr als „das deutsche Gefühl“ zu bieten?

Ausgabe 325

Blick auf die Bibliothek von Wagners Villa in Bayreuth. (Foto: Autor)

Im Deutschen Historischen Museum Berlin gibt es seit dem 8. April eine Ausstellung über den Komponisten Richard Wagner, die den Titel: „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“ trägt. Darin wird er in seiner Zeitgeschichte präsentiert, wie er durch die Industrialisierung bewirkte Verformung der Menschen in seiner musikalischen Kunst sowohl aufgreift als auch durch sie zu entwinden versucht. Von Hamza Tüter

(iz). In seinen Werken bildet der Musiker mithilfe von Mythen das „Reinmenschliche“ ab. Er verhilft den Menschen zur Selbsterkenntnis und zur damit zusammenhängenden Freiheit des Menschenwesens. Ist er somit nicht viel mehr ein universeller Künstler, der mehr als ein „deutsches Gefühl“ geschaffen hat?

Die höchsten Begriffe des Lebens werden uns von Richard Wagner in seinen Werken vermittelt. Durch dieselben ist er für alle Zeiten ein Dichter und Denker geworden, welcher einen leuchtenden Platz einnimmt in der menschlichen Entwicklungsgeschichte. Wagner gehört nicht einem bestimmten Volke an: er gehört der Menschheit.

Wie den allermeisten einflussreichen Literaten, Künstlern sowie Denkern in der Menschheitsgeschichte sind ihm zwei Elemente gemein. Zum einen gehört der Dramatiker zu den Persönlichkeiten, die sich nicht durch die zeitgebundenen Vorstellungen ihres Kulturraums definieren ließen und es somit schafften, ihre kulturgeschichtlichen Grenzen zu überschreiten. Mit ihrem universellen Geist bewirken sie eine Faszination, die über ihren Raum und ihre Zeit hinaus geht.

Richard Wagner kritisierte mit den Wirkungen der zunehmenden Kommerzialisierung und Industrialisierung die Lebensführung des modernen Menschen. Die ihm auferlegten einseitigen Arbeitstätigkeiten führten zu seiner Verformung. Damit wird ein in ihm verankertes Potential der ganzheitlichen Existenz gehemmt, die sich durch die Vielfältigkeit seines Denkens und Handelns bemerkbar machen ließe.

Diese Verformung hält er nicht nur im sozialen und politischen Leben der Menschen fest, sondern sieht die Degradierung auch in der Kunst. Hierbei kritisiert er die unreflektierte Übernahme von Modetrends, die durch die gegenwärtige Ideologie imponiert wird. Diese konditionierte Gewohnheit und Nachahmung stehen den natürlichen Bedürfnissen entgegen, die ihr Potential nicht ausschöpfen können. Gegen diese Konditionierung wehrt sich Wagner. Die Oper seiner Zeit kritisiert er wegen der reinen Nachahmung der italienischen und französischen Oper und der Abspaltung der Musik vom Inhalt. Er unterstreicht, dass der musikalische Ausdruck vom Inhalt, vom Stoff des Werkes, abhängen muss. So wie der französische Literat Charles Baudelaire ihn bewundernd beschreibt, weist auch er auf Wagners Absicht hin, dass das Musikdrama (das Wagner verweigert hat, Oper zu nennen) die Gefühle (im Stoff) aussprechen muss. Sonst führt es nach Wagner dazu, dass die Musik, „…sobald sie sich vom ausdruckswerten Gegenstand loslöst und ohne Inhalt nach opernarienhafter Willkür ganz allein sprechen, d.h. eben nur singend und pfeifend plaudern will…“. So ergebe sich Musik bedingungslos der bestehenden Mode.

Dieser Unterwerfung möchte Wagner entgegenwirken, indem er stets auf die (Handlungs-)Freiheit aufmerksam macht. Für ihn ist freies Handeln ausschließlich der Ausdruck innerer Notwendigkeit, die nicht nur der Neigung oder Willensbestimmung entspringt, sondern aus wahren Bedürfnissen hervortritt. Ihr gegenüber steht die äußere Notwendigkeit, die bei Wagner eine Einschränkung der Freiheit darstellt. Auch wenn äußere Einschränkungen die Verwirklichung verhindern, sei im menschlichen Wesen dieses Potential angelegt, das er als Lebens- und Liebestrieb beschreibt: „Nichts Lebendiges kann aus der wahren unentstellten Natur des Menschen hervorgehen oder von ihr sich ableiten, was nicht auch der charakteristischen Wesenheit dieser Natur vollkommen entspräche: das charakteristischste Merkmal dieser Wesenheit ist aber das Liebesbedürfnis.“

Das ist das, was das „Reinmenschliche“ bei Wagner im universellen Sinne ausmacht. Damit wird die gesamte Menschheit angesprochen. Als dessen Repräsentation bedient er sich der Mythen, weil sie nach den Gesetzen der inneren Notwendigkeit funktionieren und somit Gegenstand dessen seien, was das menschliche Wesen ausmacht.

Mit deren Hilfe ist es für Wagner einfacher, die Auflehnung gegenüber allem Konventionellen darzustellen. Bei den (auch modifizierten) Mythen billigt der Dramatiker auch sehr strittige Themen, wie Inzest-Verhältnisse, die im Grunde genommen jeder Mensch unabhängig seiner Ethnie, Kultur und Religion verurteilen würde. Seine Mythen haben somit einen kultur- und religionsübergreifenden Charakter. Diese machen auf die Einheit des Menschenwesens in seiner Vielfalt aufmerksam.

Auch erkennt Wagner die Einheit der Kunstgattungen, die auch das „Reinmenschliche“ ausmachen und für den Ausdruck der inneren Notwendigkeit unabdingbar sind. In seinen Worten heißt es: „(…) nur was sich liebt, kann sich aber verständigen, und lieben heißt: den anderen anerkennen, zugleich also sich selbst erkennen; Erkenntnis durch die Liebe ist Freiheit, die Freiheit der menschlichen Fähigkeit – Allfähigkeit. Nur die Kunst, die dieser Allfähigkeit des Menschen entspricht, ist somit frei, nicht die Kunstart, die nur von einer einzelnen menschlichen Fähigkeit herrührt. Tanzkunst, Tonkunst und Dichtkunst sind vereinzelt, jede beschränkt; in der Berührung ihrer Schranken fühlt jede sich unfrei, sobald sie an ihrem Grenzpunkte nicht der anderen entsprechenden Kunstart in unbedingt anerkennender Liebe die Hand reicht.“

Die Gattungen, die der Komponist in seinem sogenannten Musikdrama synthetisiert, sind eine neue Schöpfung, in der sich die Kräfte der einzelnen Künste (v.a. Dicht- und Tonkunst) auf maximal erreichbarem Niveau ergänzen. Wagner hat es geschafft, die Grenzen der einzelnen Künste mit der Synthese so zu übertreffen und eine Einheit zu schaffen, dass eine neue Harmonie entsteht.

Dieses Streben nach dem Einheitlichen und Absoluten macht sich auch in seiner philosophischen Weltanschauung bemerkbar – wenn man seinen Antisemitismus außen vorlässt. Er ist geprägt von antisemitischen Vorstellungen, die unbeachtet in seinen Schriften wie „Das Judenthum in der Musik“ (1850), schon in den Tagebüchern seiner Frau Cosima weit herangetragen werden. Dies ist zwar beim Versuch, den Künstler zu verstehen, ein wichtiger Aspekt, aber in diesem Artikel liegt ein Fokus auf der Beschäftigung mit weiteren Wissenstraditionen, die prägend für seine Werke und seine Suche nach der Einheit sind. Dies kann man anhand seines letzten Musikdramas, dem „Parsifal“, erörtern.

Richard Wagner schrieb sein letztes Stück in einer Zeit, in der die religiösen Dogmen immer unglaubwürdiger wurden. Auch wenn er gegen dogmatische Einschränkung der Religion war, entdeckte er hinter den christlichen Überlieferungen philosophische und mystische Erkenntnisse, „die er durch sagengeschichtliche und theologische Studien wieder freilegen und mit seiner Musik zu tönendem Leben erwecken wollte“. Nicht umsonst bewunderte er die Sage vom Heiligen Gral. Denn in den verschiedenen Versionen der Sage erkennt man eine Verbundenheit einer philosophisch-esoterischen Wissenstradition, die sich über Kulturen und Epochen hinweg etabliert hat. Nämlich die sogenannte Philosophia perennis, die den Orient mit dem Okzident, Indien, Arabien, Europa durch unveränderliche und für sich beanspruchte universal gültige Wahrheiten miteinander verbindet.

An diese Tradition knüpft Wagner zum Beispiel mit seiner Hauptfigur Parsifal an, an dem sowohl buddhistische als auch christliche Elemente zu erkennen sind. So wie Bodhisattvas Streben nach höchster, absoluter Erkenntnis sowie seine Vervollkommnung der Tugend zur Menschheitserlösung dient, weist Parsifals Lebensweg Ähnliches auf: Einerseits erkennt man an seinem Mitleid (für Kundrys Vergebung) auch Christus, der durch das liebende Mitleid die Überwindung der Eigensucht abbildet. Andererseits auch durch Parsifals Bestimmung, das Heiligtum und die Menschheit zu retten, indem er den heiligen Speer von Klingsor zurückgewinnt.

Man kann sein Augenmerk auch noch auf den Ort der Handlung legen: Wir befinden uns in Spanien, in der Burg Monsalvat, die für den Ort der Gralsburg gehalten wird. Von dort aus kann man den nördlichen Teil des gotischen Spaniens sehen, sowie im südlichen Gebirgsteil Klingsors Zaubergarten, der als das arabische Spanien zu betrachten ist. Die Handlungsorte führen nämlich auf die Zeit zurück, in der es zwar viele christlich-muslimische Gefechte gab, aber auch einen intensiven Kulturaustausch. Auch wenn es den Anschein eines nördlich- südlichen beziehungsweise gotisch-spanischen und arabisch-muslimischen Gegensatzes gibt, sieht Richard Wagner tatsächlich alles andere als Gegensätze.

Um aber Wagners Perspektive nachvollziehen zu können, muss auf einige Aspekte hingewiesen werden. Zum einen beschäftigte sich der Komponist am Ende seines Lebensabschnitts, bevor er sich dem Parsifal widmete, mit dem Islam, mit den Muslimen im heutigen Europa sowie mit indischen Traditionen. Im Bayreuther Haus Wahnfried, in dem Wagner gelebt hat, findet man in seinen Bücherregalen unter anderem „Les Livres Sacrés De L’Orient“ von G. Pauthier (1843), drei Bände über Hafiz auf Persisch und Deutsch sowie weitere drei Bände zu indischen Sprüchen. Kienzle führt außerdem aus, dass Wagner Reinhart Dozys (1874) „Geschichte der Mauren in Spanien“ und Adolf von Schacks (1865) „Poesie und Kunst der Araber in Spanien und Sizilien“ gelesen habe.

Außerdem suchte er nach der Dichtung des Parsifals für Klingsors Zaubergarten nach Anregungen beziehungsweise Beispielen für das Bühnenbild im ehemaligen islamischen Teil von Süditalien. Er fand sie in der Villa Rufalo bei Palermo. Dort ließ er Paul von Joukowsky das im arabischen Baustil errichtete Monument zeichnen. Dem Maler teilte Wagner seine These mit, dass der sogenannte gotische Baustil eigentlich aus Spanien, durch Berührung mit den Arabern entstanden sei und dass dieser von dort aus über Frankreich schließlich Deutschland erreicht habe. Aus heutiger Perspektive und wissenschaftlichen Kenntnissen kann man Wagner zustimmen. Beispielsweise hat Diane Darke (2020) in ihrem Buch „How Islamic Architecture Shaped Europe“ diesen Übergangsprozess der gotischen Architektur von den Arabern auf Europa genau beschrieben.

Neben den verschiedenen Wissenstraditionen, wie oben ausgeführt wurde, ist Wagner ein Bewunderer von Arthur Schopenhauer, schrieb sich häufig mit Franz Liszt und Friedrich Nietzsche und kannte sogar die hübschen Huris aus dem koranischen Paradies, die in seinem Parsifal den Blumenmädchen gleichen. Sie sollen Parsifal verführen.

Mit all dem Raum und Zeit transzendierenden Charakter macht Wagner darauf aufmerksam, dass gegensätzlich erscheinende Kulturen und Religionen aufeinander angewiesen sind, sich eigentlich ergänzen und befruchten. Am besten deutet die oben erwähnte, auf dem Berg wohl bewahrte heilige Burg Monsalvat darauf hin. Dessen Gipfel stellt den Mittelpunkt seines imaginären Universums dar, wo die Verbindung zwischen Erde und Himmel besteht. Also zwischen den menschlichen Wesen sowie dem Göttlichen und Absoluten. Nicht umsonst befindet sich der unerreichbare „Weltenberg“ genau zwischen Nord und Süd, wo von beiden Seiten nur ein Abglanz beziehungsweise eine Ahnung des Absoluten zu erkennen ist. Damit bleibt das Göttliche verborgen. Mit Erfahrung der Transzendenz, kann man das Göttliche lediglich erahnen. Diese universelle Transzendenz-Erfahrung erreicht jedes Ritual, jede Kultur und Religion auf ihrer Art und Weise. Bei dieser Annäherung des Absoluten beziehungsweise Göttlichen dürfen sie sich nicht trennen, verstoßen und schon gar nicht bekämpfen. Zur Vervollkommnung der Menschheit und der Annäherung zum Göttlichen führt kein anderer Weg als die gegenseitige Kenntnis und das gegenseitige Verständnis und die damit zusammenhängende Selbsterkenntnis: „…den anderen anerkennen, zugleich also sich selbst erkennen…“. Für seine Selbsterkenntnis ist der Mensch somit auf das „Andere“, das sogenannte „Fremde“ angewiesen.

Wagners Schaffen ist der Menschheit genau deshalb eine große Bereicherung: Mit seinem Musikdrama auf formeller Ebene samt ihrem Raum und Zeit überwindenden Stoff, synthetisiert der Komponist eine Einheit. Damit kreiert Richard Wagner nicht nur ein „deutsches Gefühl“, sondern, wie Ulrike Kienzle es in Ihrem Aufsatz nennt, auch ein „sakrales Welttheater“ (siehe Kienzle „Sakrales Welttheater: Eine Betrachtung zu den Bühnenbildern des Parsifal”).