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Wir sind ein Teil des Universums

Ausgabe 278

Foto: Wurzelgnohm, Wikimedia Commons | Lizenz: CC0 1.0 Public Domain

(iz). Kaum haben wir Ramadan hinter uns, kündigt sich schon das nächste Ereignis an: die Hadsch. Ein Muslim ist ein mal im Leben, sofern er es finanziell und gesundheitlich leisten kann, dazu verpflichtet, die Pilgerreise zu verrichten. Meine Freundin bereitet sich gerade auf eben diese Reise vor. Im Gespräch fiel uns auf, dass die Vorbereitungen auf die Hadsch dem modernen Muslim vor allem eine Sache verdeutlichen: Wir haben große Angst vor den unbekannten Herausforderungen der Natur. Bei dem Gedanken, eine Nacht in der Wüste im Freien verbringen zu müssen und lange, anstrengende Fußmärsche durch die Hitze zu beschreiten, erschaudert meine Freundin und sagt: „Wir haben nie gelernt, zu überleben. Wir könnten es, wenn uns ein solches Schicksal treffen würde, kaum in der Natur aushalten, so ganz auf uns allein gestellt.“

Bei dem Gedanken fühle ich mich unwohl. Es ist kaum zu bestreiten, dass wir uns vom Universum, mitsamt seinen Gefahren, doch auch seinen Schönheiten, abgetrennt haben. Wir leben in elektrisch beleuchteten Nächten und technisch raffinierten Tagen. Die industrielle Revolution brachte mitsamt der Errungenschaften in Produktion und Lebensweise einen Nachteil mit sich, der sich tief in unsere Existenz gebohrt hat. Wir sind im Kosmos, ein Teil von ihm, fühlen uns jedoch nicht mit ihm verbunden. Wir haben geglaubt, die Natur bändigen zu können, und erschufen ein Leben abseits von ihr, während wir nicht mehr zu erkennen vermögen, wie sehr wir von ihr abhängen und wie sehr unsere Seele sich nach ihr sehnt.

Vor einigen Monaten zog ich an einen Ort am Meer. Dort angekommen bemerkte ich erst durch den Seegen des Meeres, welches sich nur ein paar Fußminuten von meiner Wohnung befindet, wie sehr mir das Wasser in meinem Leben gefehlt hatte. Ich fand mich nun in Situationen wieder, in denen ich völlig gebannt auf das Wasser schaute, die kleinen, wellenförmigen Schwingungen beobachtend und den Geräuschen, nach denen sich das Herz, mir unbewusst, gesehnt hatte, zuhörend.

Die Reise in die neue Heimat war eine recht ungewisse. Nur mit einem Koffer und und Zugticket ausgestattet, machte ich mich auf den Weg. Selbst meine Unterkunft hatte ich vorher persönlich nie gesehen. Wenn ich mich selbst fragte, wieso ich 700 Kilometer weit wegziehen und einen völlig ungewissen neuen Lebensabschnitt wagen würde, war der einzige tröstliche Gedanke: Es ist für Allah. Denn die Aufgabe an diesem neuen Ort, sie ist für Allah.

Er stellt uns diese Erde zur Verfügung, um auf ihr zu reisen und nach Ihm zu suchen. Wo ich meine Kindheit und Jugend verbracht hatte, war ich an einem Endpunkt angekommen. Es musste weitergehen. Denn eine Veränderung fand in mir statt, die nicht mehr meinem Lebensraum entrach. Es ist wahr, dass wir aus Orten und Menschen herauswachsen können. Und es wäre töricht, stehenzubleiben.

Als Kind flohen meine Familie und ich von Bosnien nach Deutschland. Auch damals war in der alten Heimat ein Endpunkt erreicht. Der Krieg machte einen Schnitt in unserer Existenz, also mussten wir weiter. Die Erlebnisse und Erinnerungen an meinem deutschen Heimatort, zwangen mich erneut, „auszuwandern“. Allah macht uns das Leben in der gewohnten Umgebung manchmal so schwer, die Brust so eng, dass jede noch so erschwerliche Reise und jede noch so ungewisse Zukunft es wert ist, sie anzutreten und sie zu wagen. Wir gehören Allah und zu Ihm kehren wir zurück. Behaglichkeit und „angekommen sein“ geben uns bloß die Illusion, die Reise zu Ihm beendet zu haben. Solange wir jedoch Atem in der Lunge haben, geht sie weiter.

Mein Lehrer brachte mir bei, dass das Hinaustreten in die Welt eine Trennung von der leiblichen Mutter ist, um zu unserer eigenen Quelle finden zu können, die Allah ist. Das arabische Wort „Umm“ bedeutet dabei interessanterweise Mutter wie auch Quelle. Ein Festhalten am Gewohnten kommt dem Festhalten an der Brust der Mutter gleich. Lassen wir sie nicht los, in der Gewissheit, dass das Universum uns versorgen wird, wo auch immer wir uns befinden werden, so können wir Allah nicht erkennen. Seine Barmherzigkeit und Versorgung liegt verborgen hinter der Angst, im Ungewissen, im weiten Kosmos, in der eigentlichen Wildheit unserer Existenz, nicht überleben zu können.

So prüft Er uns mit Einschnitten, die uns erschüttern und unsere Hilflosigkeit vor Augen führen. Allah machte es sich zu allein Seiner Verantwortung, uns zu versorgen. Von uns verlangt Er dabei allein das Vertrauen in Ihn. Machen wir uns auf den Weg, so legen wir unser Vertrauen in Seine Hände und geben uns Ihm mitsamt Seines erschreckenden und gleichwohl atemberaubenden Kosmos hin. Befreien wir uns von unseren Ängsten, haben wir die Möglichkeit, Schätze zu finden, von denen wir nicht wussten, wie sehr wir sie brauchen. Allah sagt im Qur’an: „Und wer Allah fürchtet, dem schafft Er einen Ausweg und gewährt ihm Versorgung, von wo (aus) er damit nicht rechnet. Und wer sich auf Allah verlässt, dem ist Er seine Genüge. Allah wird gewiss (die Durchführung) seine(r) Angelegenheit erreichen. Allah legt ja für alles ein Maß fest. (At-Talaq, 2-3) Das Wasser des Meeres wurde zu meiner Versorgung. Ich trinke nicht von ihm, jedoch stillt es meinen Durst. Der Blick aufs Meer lässt die Erinnerung (dhikr) in mir ertönen, es erinnert mich daran, dass Allah Seinen Thron über dem Wasser errichtete. Die alltägliche Reise zurück zu Natur gibt mir Sicherheit darin, dass Allahs Versorgung, so lange Er uns am Leben hält, nicht weggenommen werden kann. Und sie erinnert mich daran, dass unsere Verbindung zu ihr der größte Lehrer sein kann, wenn wir denn schauen, schweigen und zuhören lernen.

Es ist gerade die Ungewissheit der Hadsch, die ihre Faszination ausmacht. Muslime brechen jedes Jahr aus ihrer gewohnten Umgebung aus, machen sich auf den Weg, wohl wissend, dass sie vielleicht nicht zurückkommen werden, oder dass dies die letzte Pilgerreise ihres Lebens sein könnte. Sie sind in Kleider gewickelt, die später als ihr Leichentuch verwendet werden. Eine ständige Erinnerung an den Tod. Von Allah kommen wir und zu Ihm kehren wir zurück. Sie machen die Umdrehungen um die Kaba, sie steinigen den Schaitan, sie gehen von einem Ort zurück zum anderen, und ahmen die Schritte der vorangegangenen Muslime nach, die Schritte der Propheten, Allahs Segen auf ihnen. Sie erinnern sich, dass die Reise kein Ende nimmt und sie sind gezwungen, zu vertrauen. Sie wissen, dass die Versorgung sie erreichen wird. Die Natur ist eine unbekannte, die Menschenmassen sind wild und und rätselhaft. Alle Temperamente der Erde treffen an diesem heiligen Stück Erde auf einander. Ein Chaos, eine Wildheit und eine Unberechenbarkeit, die wir so in unserer komfortablen Welt nur in der Imagination wiederfinden. Ein Abenteuer. In Mekka werden wir zu unserer Fitra zurückgebracht. Bei den Umdrehungen um die Kaba finden wir uns im kosmischen Tanz wieder, dessen Teil wir sind, dies jedoch wie so oft vergessen. Eine der Bedeutungen des Wortes „Insan“ (Mensch) ist das Vergessen.

Die Hadsch ist ein Schnitt. Wir machen uns auf den Weg, kommen an, überleben, wenn Allah es will, und kehren verändert zurück. In den geordneten Strukturen unseres technikbeladenen Lebens ist es ratsam, die Hadsch in ihrer einschneidenden, wilden und natürlichen Kraft zu erkennen und ihre strömenden Bewegungen in unseren Herzen weiter vibrieren zu lassen, wenn wir wieder Zuhause angekommen sind. Vielleicht kann sie uns als Erinnerung dienen, dass wir in diesem Leben nie wirklich ankommen werden. Warum also nicht die Abenteuer ins Ungewisse wagen, die sich uns eröffnen?