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Wir sollten uns nicht triggern lassen

Ausgabe 311

Foto: Freepik.com

Allah sagt in der Sure Al-Baqara, dass die Verteidigung des Glaubens eine Pflicht sei. Darauf folgt die Erinnerung, dass uns manches zuwider erscheint, was gut für uns ist. Und das manches, das uns gut erscheint, in Wirklichkeit schlecht für uns ist. Allah weiß es am besten und wir wissen es nicht.

Das ist ein interessanter Vers in Bezug zu etwas, das die traditionelle Psychologie kannte. Hier gab es eine Anerkennung der Beziehung zwischen Denken und Fühlen. Das sind zwei Fähigkeiten des Menschen, die ständig im Austausch sind. Sie werden durch die Innen- wie die Außenwelt beeinflusst.

Ein Wort, dass Menschen heute häufiger ­benutzen, ist getriggert (engl. to trigger) werden. Hier geht es im Kern um Auslöse-Reize, Denken und Gefühle. Einer der Aspekte ihrer Verbindung ist, dass Leute sie für üble Zwecke nutzen können. Basierend auf dem, was uns präsentiert wird, sind wir anfällig für die Veränderung unseres Innenlebens. Das ist ­eines der Dinge, die in der Tradition verstanden wurden. Wenn uns das Wissen darüber fehlt, können Dritte unser Inneres manipulieren. Wir gewöhnen uns daran, durch ­Außenstehende gereizt zu werden, die unsere Aufmerksamkeit bannen und uns in Besitz nehmen. Es ist für Personen, Gruppen und ganze Völker möglich, wenn sie unbewusst dafür empfänglich sind.

Es gibt zwei Modelle der emotionalen Aufarbeitung. Sie veranschaulichen, wie Unterschiede in der intellektuellen Entwicklung mit denen in der emotionalen verbunden sind. Einer der traditionellen Wege, dies zu tun, war es, unsere Vorlieben und Abneigungen zu überdenken. Und das ist genau das, woran uns die Qur’anverse erinnern. Sie sagen uns, dass wir die Art und Weise, über die Dinge zu denken, neu verarbeiten müssen. Wenn wir uns ansehen, was man als emo­tionale Logik bezeichnen könnte: Man fühlt sich als Opfer; jemand hat einem geschadet, und das führt zu Wut. Wir werden wütend, woraus Schuldzuweisungen entstehen. Also suchen wir eine Quelle für unsere Wut und beschuldigen diese Person. Und das führt zu einer Rechtfertigung unseres Handelns.

Das ist eine Art emotionaler Logik, in der die Gefühle die Kontrolle übernehmen. Man wird hauptsächlich zum Opfer einer Art Kontrolle, über die Denise Wynn in „Manipulated Mind“ spricht. Herrscher und Regierungen nutzen diese Technik ständig. Im antiken China gab es ein kaiserliches Handbuch zur Kontrolle ganzer Völker. Ein Kapitel spricht über die Kunst, „die Hölle losbrechen“ zu lassen. Es gibt Zeiten, in denen Regierungen „Säuberungen“ durchführen, denn sie führen zu einem Aderlass angestauter Frustrationen. Das ist wie das Aufstechen einer Blase, damit sich das Gift im Körper verringert.

Es gibt ein anderes Modell, das als logische Emotion bezeichnet werden könnte. Hier ­verarbeiten wir unser Denken erneut. Durch diese Denkweise können wir Abstand von ­Ereignissen nehmen. Jemand hat uns etwas angetan, also sind wir bekümmert. Aber dann lösen wir uns davon, treten einen Schritt ­zurück und fragen, was tatsächlich in uns ­geschieht. Warum fühle ich mich „getriggert“? Wir nehmen uns zurück und reflektieren. Wenn man eine andere als die automatische Antwort hat, handelt man wie eine freie ­Person.

Wir müssen unsere „Betriebseinstellungen“ ­verändern. Gute Lehrer können dabei helfen. Anhand des Qur’an können wir verstehen, wie wir funktionieren und so entsprechende Ver­änderungen in Gang bringen. Dort heißt es beispielsweise: „Nachdem sie wütend werden, vergeben sie.“ Wir müssen nicht Schuld zuweisen und angreifen.

Unsere Herausforderung besteht darin, sich von unseren ersten Reflexen zu befreien. Bestehen wir aus Wut und Beschuldigung, die auf Selbstmitleid basieren, macht uns das empfänglich für trennende und abwehrende Gefühle. Wenn wir wütend werden, sind wir manipulierbar. Vieles von dem, was sich als soziale Arbeit ausgibt, ist nur persönliche Symptomatik.

Einmal war ich gemeinsam mit einem wunderbaren Mann aus Ghana. Er kam aus einer traditionellen Familie. Der Vater war Gelehrter und er selbst Doktor der Psychiatrie. Wir fuhren auf eine Veranstaltung, auf der ein Redner nur schrie und erregt war. Der Doktor aus Ghana drehte sich zu mir um und sagte: „Ist es nicht tragisch, dass Leute öffentliche Bühnen nutzen können, um ihre individuelle Pathologie auszudrücken?“ Das war keine Bösartigkeit, er ­bedauerte die Person aufrichtig.

Kenntnis unserer Empfindlichkeit gegenüber Beeinflussung ist wichtig. Eine andere Methode ist die Vermischung unserer Vorlieben und ­Abneigungen mit Urteilen über gut und schlecht. Daher erfahren wir im Qur’an, dass eine Sache, die uns schlecht erscheint, eigentlich gut für uns sein kann.

Jemand machte eine wichtige Feststellung: Wenn die Übung zum alltäglichen Reflex wird, dann ist es schwieriger, durch Appelle an Gefühle ­getäuscht zu werden, die sich als Aufrufe an die Vernunft tarnen.

Ich hoffe, die Leute denken mehr über die Idee des „Getriggert“-werden nach. Im Qur’an gibt es die Vorstellung, nicht auf „Auslöser“ anzusprechen, denn Allah sagt über die Diener des Barmherzigen, dass sie behutsam auf der Erde sind. Und wenn Unwissende zu ihnen sprechen, sagen sie Frieden. Hören sie Eitelkeiten, übersehen sie diese. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte, die besten Leute sind diejenigen, die sich unter die Leute mischen und geduldig mit dem Schädlichen von ihnen sind.

Das ist die Welt. Leute bedrängen und verärgern uns. Wir können ihnen nicht die Kontrolle ­unserer inneren Zustände überlassen. Allah selbst sagt im Qur’an, dass er einige von uns zur Prüfung (oder Trigger) von anderen gemacht hat. Geduld ist die Bewegung weg von unserer Grundeinstellung von Ungeduld, Sich-ärgern, Schuldzuweisung und einer Opferhaltung. Allah hat uns Informationen darüber gegeben, wie wir von der „Grundeinstellung“ zu einer höheren gelangen. Wir können es anderen nicht erlauben, uns zu „triggern“. Wir müssen die Kontrolle über unsere Gefühle erlangen und erkennen, dass wir sie niemand anderem geben dürfen.

Der Prophet lehrte, wie wir uns selbst in den Griff bekommen. Er sagte: „Haltet eure Zunge im Zaum.“ Im Qur’an sind wir dazu aufgerufen, unser Selbst zu retten. Der einzige Weg dorthin liegt in Reflexion und dem Nachdenken darüber, warum ich gerade jetzt wütend werde. Allah würde uns diese Aufgabe des Kampfes gegen unser Selbst nicht geben, wenn wir die Fähigkeit dazu nicht hätten, denn „Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag“.

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