Zakat ist eine der fünf Säulen des Islam. Und doch wird sie in Deutschland häufig auf einen rein formalen Akt reduziert – überwiesen, erledigt, vergessen.
(iz). Dabei ist sie weit mehr als eine finanzielle Pflicht. Sie ist ‘Ibada und Reinigung. Und sie ist ein gesellschaftlicher Auftrag. Von Reuf Jašarević
Gerade im Ramadan rückt das Thema stärker ins Bewusstsein. Viele Muslime orientieren sich bewusst an diesem Monat, um ihre jährliche Zakat zu entrichten. Religionsrechtlich ist entscheidend, dass ein Mondjahr verstrichen ist, nicht das gregorianische Kalenderjahr.
Da der Ramadan sicher innerhalb eines Mondjahres liegt, bietet er für viele einen festen, verlässlichen Zeitpunkt zur Erfüllung dieser Pflicht. Diese Praxis ist nachvollziehbar, doch sie sollte nicht bei der Terminfrage stehen bleiben. Ramadan ist auch der Monat, in dem wir unser Verhältnis zu Besitz, Verantwortung und Gemeinschaft neu justieren.
Der Qur’an legt in Sure 9:60 die acht Empfängergruppen der Zakat fest. Diese göttliche Ordnung macht deutlich: Zakat ist kein beliebiges Spendeninstrument, sondern ein strukturiertes System sozialer Gerechtigkeit.
Der Prophet sagte zu Mu‘adh ibn Jabal, als er ihn in den Jemen entsandte: „Eine Abgabe (Zakat), die von ihren Reichen genommen und ihren Armen zurückgegeben wird.“
Die juristische Ableitung ist klar: Die Zakat wird aus einer Gemeinschaft genommen und primär an ihre Bedürftigen verteilt. Auch die Praxis von ʿUmar ibn al-Khattab bestätigt dieses Verständnis. Als Mu‘adh einen Teil der Zakat nach Madina senden wollte, wies der Kalif ihn an, sie im Jemen zu belassen und dort zu verteilen.
Diese Überlieferungen zeigen: Die lokale Verwendung der Zakat ist keine moderne Idee, sondern tief in der islamischen Tradition verankert.
Heute werden erhebliche Teile der Zakat aus Deutschland ins Ausland überwiesen. Angesichts globaler Krisen ist das menschlich nachvollziehbar. Doch solange es auch hier Bedürftigkeit gibt, kann eine hundertprozentige Auslagerung der Zakat nicht der ursprünglichen Intention entsprechen. Lokale Armut ist oft weniger sichtbar, aber real.

Pressefoto: Tafel Lübeck e.V.
Die Realität zeigt: Alleinerziehende Mütter ohne ausreichende Ausstattung für ihre Kinder. Familien ohne funktionierende Waschmaschine. Fehlende Möbel, unzureichende Kleidung, kein Kinderwagen, kein Fahrzeug für notwendige Wege.
Solche Situationen führen nicht nur zu materieller Not, sondern zu sozialer Ausgrenzung und langfristigen Nachteilen für Kinder und Familien. Wenn soziale Teilhabe erschwert wird, entstehen mentale und emotionale Schäden, mit Folgen für die gesamte Gesellschaft.
Zakat wirkt hier wie ein Schutzmechanismus. Sie verhindert Vermögenskonzentration, reduziert Spannungen und stärkt den sozialen Zusammenhalt. Wird sie lokal verantwortungsvoll eingesetzt, kann sie Menschen aus Existenzsorgen befreien und ihnen ermöglichen, ihre Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.
Eine stabile Community entsteht nicht allein durch Gebäude, sondern durch Menschen, Bildung und soziale Sicherheit.

Foto: Shutterstock
Schätzungen zeigen das Potenzial: Bei rund sechs Mio. Muslimen in Deutschland, einem angenommenen Durchschnittsvermögen von 10.000 Euro und 2,5 Prozent Zakat ergäbe sich, selbst bei nur zehn Prozent Inlandsverwendung, ein Volumen von rund 150 Millionen Euro jährlich für die deutsch-muslimische Community. Es handelt sich um Indikatoren, nicht um exakte Zahlen, doch sie verdeutlichen die Dimension.
Dabei dürfen wir den spirituellen Kern nicht aus dem Blick verlieren. Zakat ist keine freiwillige Großzügigkeit, sondern Minimalpflicht, vergleichbar mit dem Pflichtgebet. Wer sie entrichtet, erfüllt eine grundlegende Verpflichtung.
Wer sie unterlässt, trägt Verantwortung vor Allah. Das Zurückhalten von Vermögen hat nicht nur individuelle, sondern gesellschaftliche Folgen. Zakat schützt also nicht nur die Bedürftigen, sondern auch uns selbst – vor Härte des Herzens und vor sozialer Erosion.
Gerade im Ramadan sollten wir uns fragen: Ist unsere Zakat nur eine Überweisung – oder Teil eines bewussten Beitrags zur Stärkung unserer Gemeinschaft? Wenn wir wollen, dass unsere Kinder in stabilen, selbstbewussten muslimischen Strukturen aufwachsen, dann beginnt das bei der verantwortungsvollen Verwendung unserer Pflichtabgabe.
