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Debatte: Imame sind keine Ersatztherapeuten

Ausgabe 323

Foto: Joe Houghton

Wenn es darum geht zu einem Psychologen zu gehen, tun sich viele Muslime damit schwer. Die einen fühlen sich von Psychologen nicht verstanden, die anderen lassen sich von Vorurteilen abhalten. Diese Vorurteile haben wir Jahrzehnte lang anhören müssen: „Du bist nur depressiv, weil du einen schwachen Glauben hast“ oder „Allah gibt dir keine Last, die du nicht tragen kannst, also darfst du dich nicht überlastet fühlen“. Von Mirah Malaika

(iz). Da ist es selbstverständlich einfacher, zu einem Imam zu gehen. Er selbst ist Muslim, er versteht einen und es gibt keine Vorurteile. Viele Muslime ersuchen psychologische Beratung bei einem Imam für ihre Depressionen, Angststörungen, Familien- und Eheprobleme, Trauer und vieles mehr. Aber kann der Imam wirklich helfen?

In den USA wurde im Jahr 2003 eine Studie durchgeführt, um herauszufinden, wie gut Imame ausgebildet sind, den Anforderungen der psychologischen Beratung gerecht zu werden. Dabei wurde festgestellt, dass nur 12 Prozent der Imame einen Studienabschluss in Psychologie oder Psychotherapie haben. Ein Drittel gab an, dass sie eine nicht-akademische Ausbildung in islam-psychologischer Beratung haben.

Eine andere Studie aus dem Jahr 2010 zeigte, dass nur 25 Prozent der Imame in den USA eine Art Ausbildung in psychologischer Beratung oder Psychotherapie haben.

In Deutschland gibt es zwar keine Studien, wie viele Imame eine psychologische Ausbildung haben, aber die Situation sieht ähnlich aus wie in den USA.

Mit einfachen Worten: Die meisten Imame sind nicht ausgebildet, den Ansprüchen der psychologischen Beratung gerecht zu werden.

Vor wenigen Jahren durfte ich ein persönliches Gespräch mit Dr. Ingrid Mattson führen. Sie erzählte mir von ihrer Zeit in Pakistan, als sie Flüchtlinge ausbildete, um psychologische Beratung in den Flüchtlingslagern durchzuführen. Während sie davon erzählte, sagte sie einen Satz, der mich zum Nachdenken gebracht hat: „Es braucht nicht viel, anderen zu helfen.“

Wenn es nicht viel braucht, anderen zu helfen, was wird dann gebraucht?

Wenn man sich die Prinzipien der psychologischen Beratung anschaut, dann ist das „Wenige“ Empathie, Bestätigung, ein sicherer Raum und Urteilsfreiheit. Zusätzlich sollte man Grundwissen über die (islamische) Psychologie haben. Können Imame ohne psychologische Grundausbildung diesen Ansprüchen entsprechen?

Gerade die Urteilsfreiheit ist ein Prinzip, in dem die Navigation teilweise schwierig ist. Der Islam gibt Werte vor und wir sind dazu angehalten, Unmoralisches zu verurteilen. Wo fängt also die Urteilsfreiheit an und wo hört sie auf?

Auch Empathie kann teilweise schwierig fallen. Stellen wir uns mal vor, eine Frau geht zu einem Imam und berichtet davon, dass ihr Ehemann gewalttätig ist. Der Imam kennt aber ihren Ehemann bereits seit Jahrzehnten und kennt ihn als liebenswürdigen Mann. Wie kann er seine eigene Meinung hintenanstellen und Empathie für die Frau haben?

Das Grundwissen der Psychologie ist die größte Barriere für viele Imame und islam-psychologische Berater. Es gibt verschiedene Ansätze in der Psychotherapie und psychologischen Beratung, nämlich die Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Therapie nach der Humanistischen Psychologie, NLP, Positive Psychologie und vieles mehr. Auf den ersten Blick mögen all diese Ansätze sinnvoll und bereichernd erscheinen. Aber auf den zweiten Blick erkennt man einige Probleme und Grundsätze, die dem Islam klar widersprechen.

Dr. Malik Badri, der Vater der islamischen Psychologie, nannte diese Probleme und widersprüchlichen Grundsätze „Echsenlöcher“. Der Ausdruck kommt von einem bekannten Hadith, in dem prophezeit wurde, dass eine Zeit kommen wird, in der die Muslime den Christen und Juden blind folgen würden, sodass „selbst, wenn sie es schaffen, in ein Echsenloch zu gehen, die Muslime würden ihnen blind folgen.“ (Sahih Muslim)

Imame und islam-psychologische Berater haben deswegen teilweise Schwierigkeiten, sich in den Ansätzen der Psychotherapie und psychologischen Beratung zurechtzufinden.

Gleichzeitig ist es ohne islam-psychologischer Grundausbildung teilweise unmöglich, spirituelle Leiden von psychologischen Leiden zu unterscheiden. Das kann man besonders gut an der Schwierigkeit sehen, zwischen Einflüsterungen (arab. waswasah) und Zwangsstörungen zu unterscheiden.

Leider sehen wir es deswegen immer häufiger, dass manche Muslime keine Anlaufstelle für ihre Probleme haben. Sie wollen weder zum Psychologen gehen noch kann ihnen der Imam helfen.

Jetzt können wir lamentieren und uns über die Situation beschweren, oder wir können aktiv werden und selbst etwas an dieser Situation ändern.

Der Prophet (Friede und Segen seien auf ihm) sagte: „Wer auch immer das Leid eines Gläubigen von den Leiden dieser Welt lindert, Allah wird ihn von einer Schwierigkeit der Schwierigkeiten des Jenseits befreien. (…) Allah hilft dem Diener, solange der Diener seinem Bruder hilft. Wer einem Weg folgt, um darüber Wissen zu erlangen, dem wird Allah dadurch den Weg zum Paradies erleichtern.“ (Sahih Muslim)

Und das ist genau das, was immer mehr Muslime tun. Sie übernehmen die Verantwortung, sich in islamischer Psychologie, islam-psychologischer Beratung und Seelsorge ausbilden zu lassen, um den Bedarf der muslimischen Gemeinschaft zu füllen.

Gerade Psychologen wie Dr. Malik Badri, Dr. Aisha Utz, Dr. G. Hussein Rassool und Dr. Homan Keshavarzi haben dafür gesorgt, dass das Berufsfeld der islamischen Psychologen und islam-psychologischen Beratern aufgebaut wird. Die Lehrbücher sind vorhanden, die Kurse über islam-psychologische Beratung sind verfügbar. Jetzt ist es unsere Verantwortung, dieses Wissen und diese Fachkenntnis nach Deutschland zu bringen, um der Gemeinschaft zu helfen.

Sind Imame Ersatz-Psychologen? Es besteht kein Zweifel daran, dass Imame eine wichtige Rolle in der Bewältigung von psycho-sozialen Problemen übernehmen. Die Imame übernehmen diese Rolle, weil sie der Gemeinde helfen wollen – und dabei brauchen sie selbst etwas Hilfe.

Über die Verfasserin: Mirah Malaika ist Islamgelehrtin und angehende Muftija (weiblicher Mufti) und hat neben ihrem Islamstudium auch islamische Psychologie, islamische Beratung/Psychotherapie und islamische Seelsorge studiert. Sie bietet islam-psychologische Beratung an und bildet Muslime in islam-psychologischer Beratung und den Wissenschaften des Islam aus.

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