, ,

Die Beständigkeit des Schönen

Ausgabe 323

Foto: Saudi Aramco Magazine

Auf einer kürzlichen Türkeireise besuchte ich einige der atemberaubendsten Moschen, die von den großen osmanischen Sultanen binnen der letzten 600 Jahre errichtet wurden. Das Gebäude, das mich am stärksten in seinen Bann zog, war die Sultan Ahmet Camii (oder Blaue Moschee). Ihre Pracht und Erhabenheit ist jenseits meiner Ausdrucksfähigkeit. Als ich jedoch im Innenhof saß und von der brillanten Ästhetik dieser großen Moschee fasziniert war, wurde mir klar, dass Schönheit und Tradition, auch wenn sie im Netz der Moderne gefangen sind, fortbestehen werden. Von Ilham Ibrahim

(Hikayaat.com). Wie es im Qur’an heißt, erschuf Allah den Menschen in der besten aller Formen. Die adamische Natur ist eine aus Ehre und Intellekt, aber auch aus Eile und Unterdrückung. Islam hat den Zweck, das Erstere zu erhören und das Letztere gering zu halten. Allah gab dem Menschen die Blaupause zur Erfüllung seines eigentlichen Wesens: Das heißt, sich Ihm durch Dhikr und richtiges Verhalten auf dem Weg des Geliebten anzunähern.

Das Wissen dieser Wahrheit ist unserer Seele eingeboren. Wir sind nicht, wie John Locke meinte, eine leere Tafel, wenn wir das Reich des Materiellen betreten. In unserer natürlichen Neigung (auch fitra) als Menschen sind wir mit der eingeborenen Fähigkeit geboren, diese Grundwahrheiten zu erkennen. Glaube ist dann gegeben, wenn das Gemüt akzeptiert, was der Verstand als wahr anerkennt.

Sobald dies im Einzelnen realisiert wird, strahlt das Gemüt Licht, Schönheit, Tugend und Güte in der Form des eigenen Charakters aus. Dieses Schöne, das in unserer Tradition vorherrscht, ist ein Zeugnis für die Einheit Allahs. Ästhetik wurde in muslimischen Kulturen verehrt, weil sie die Wahrheit von Al-Haqq manifestiert.

Platon beschrieb die Schönheit als den Glanz der Wahrheit. In der islamischen metaphysischen Tradition ist sie die höchste Manifestation von Wahrheit. In einem Beitrag für „Renovatio“ entwirft Oludamini Ogunnaike die spirituellen Ursprünge der traditionellen islamischen Kunst anhand des Wortes Ihsan. Per Definition kann es so verstanden werden, wie es im Hadith von Dschibril überliefert ist. Darin sagte der Prophet, es bedeute, „Gott so anzubeten, als ob man Ihn sähe, denn obwohl man ihn nicht sehen kann, weiß man, dass er einen sieht“ (Muslim). Ogunnaike veranschaulicht, dass Schönheit nicht nur ein Mittel zur Verherrlichung kultureller und historischer Hinterlassenschaften war. Vielmehr war es die Art und Weise, in der die Gläubigen ihre Anbetung verwirklichen konnten – als ob sie Ihn durch die Zurschaustellung äußerer Schönheit “sehen“ würden.

Alles – von Moscheen und Madrassen, über Häuser, Innenhöfe, Straßen, Palästen bis zu Gärten und Buchcovern – wurde mit den ausgesuchtesten Entwürfen und Farben geschmückt. Männer und Frauen trugen farbenfrohe Kleidung. Die Häuser der Muslime wurden durch fein gemusterte Gebetsmatten und Teppiche geschmückt. Die Straßen der Städte wurden gesäumt von Brunnen und Gärten. Es ist nur natürlich, daraus zu schließen, dass eine Zivilisation, die die metaphysische Realität unserer menschlichen Natur und die absolute Wahrheit des Einsseins Gottes verinnerlicht hat, nichts anderes als Schönheit hervorbringen kann.

Im Kontrast dazu ermächtigt das postmoderne Denken den Menschen dazu, seine eigene Natur zurückzuweisen. Diese Leugnung des menschlichen Wesens, wie sie in den Diskursen nach der Aufklärung spross, ist unnatürlich. Ihn von seiner Natur zu trennen, heißt, die integrale Beziehung zu Allah zu durchschneiden.

Die Menschheit ist demnach nicht mehr in der Lage, ihre existenzielle Realität und Bestimmung zu begreifen. Diese Ablehnung der Existenz Gottes schafft die Voraussetzung für eine nominalistische Auffassung unseres Daseins. Diese besagt, dass es keine axiomatischen Wahrheiten oder so etwas wie menschliche Natur gibt. Sie ist zu dem geworden, was der Einzelne glaubt und basiert nicht mehr auf etablierten Prinzipien und Maximen.

Eines der größten „Verbrechen“ postmodernen Denkens ist die Leugnung der menschlichen Natur. Zusammen mit Ablehnung von objektiver Wahrheit und Moral führt dies zur Verachtung von Religion und damit zur Aufgabe der wahren Bestimmung des Menschen in diesem Leben. In der islamischen Tradition besteht der menschliche Endzweck darin, die Eigenschaften des Göttlichen so gut wie möglich widerzuspiegeln. Der größte derjenigen, welche die glänzenden Attribute des Göttlichen reflektiere, war niemand anderes als unser Meister Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. „Gleichgültigkeit gegenüber Schönheit ist gleichbedeutend mit Indifferenz vis-a-vis des Göttlichen“, schrieb Ogunnaike.

Dessen ungeachtet haben sich Reserven der Schönheit dem Zugriff der Moderne entzogen. Wir müssen zu Leuten werden, welche das Verständnis von Ihsan kultiviert und verinnerlicht haben. Das Prinzip des Ihsan ist weitaus differenzierter als das „Streben nach Vortrefflichkeit“, mit dem es oft übersetzt wird. Es reicht nicht aus, sie nur zu erkennen. Man muss zusätzlich alles daran setzen, Schönheit in sich und um sich herum zu erzeugen.  Es ist kein Zufall, dass überall in der muslimischen Welt die Gemeinschaften mit tief verwurzelten spirituellen Traditionen auch diejenigen sind, welche ästhetisch am ansprechendsten sind.

Die Männer und Frauen, die an der Errichtung von mustergültigen Strukturen wie der Blauen Moschee beteiligt waren, hatten ein tiefes Verständnis für Ihsan. Sie begriffen die innewohnende Verbindung zwischen Wahrheit und Schönheit – und ihre kritische Bedeutung für die spirituelle Gesundheit der Gläubigen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.