Der große Fischraub

Ausgabe 325

Arbeiter auf einem japanischem Fischtrawler zerlegt Blauflossen-Thunfische. (Foto: anemone, Adobe Stock)

Für viele Menschen in unzähligen Ländern und Kulturen stellt die Fischerei nicht nur eine unverzichtbare Proteinquelle und damit ein wichtiges Element ihrer Ernährung dar. Für Küstenbewohner ist sie darüber hinaus ein signifikanter Bestandteil ihres Lebensunterhalts. Von Baher Kamal

(IPS). Jenseits der allermeisten Schlagzeilen gibt es ein weiteres Wirtschaftsverbrechen, dass als eine Folge gnadenloser ökonomischer Obsessionen nach mehr und mehr Gewinnen begangen wird. Dabei handelt es sich um illegale, nicht berichtete und unregulierte Fischerei. Diese Praxis bedroht die maritime Artenvielfalt, den Lebensunterhalt, verschlimmert Armut und steigert Lebensmittelunsicherheit. Nicht nur das: Produkte aus dem illegalen Fischfang können ihren Weg auch auf überseeische Märkte finden, wo sie die lokale Versorgung erdrücken. Von anderen „Verbrechen“ der gierigen Überfischung ganz zu schweigen.

Am 5. Juni dieses Jahres fiel der Welttag des Kampfes gegen illegale, ungemeldete und unregulierte Fischerei (IUU) mit dem Weltumwelttag zusammen. Drei Tage später fand der Welttag der Meere statt. Wenn Fische verschwinden, tun das auch Arbeitsplätze und Küstenwirtschaften. Die hohe Nachfrage nach Meeresfrüchten treibt die übermäßige Ausbeutung ozeanischer Ressourcen voran sowie ökologische Verschlimmerung. Beide Probleme beeinflussen sich gegenseitig negativ.

Die UN-Lebensmittelagentur (FAO) definiert ungesetzmäßiges Fischereiwesen wie folgt: Es findet sich in allen Arten und Umfängen des Fischfangs und ereignet sich sowohl auf der Hochsee als auch in nationalen Gewässern. IUU betrifft alle Aspekte und Phasen des Fangs und der Nutzung von Fisch und kann mit organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht werden.

Er wird von in- oder ausländischen Schiffen in Gewässern unter der Gerichtsbarkeit eines Staates ohne dessen Erlaubnis oder unter Verstoß gegen seine Gesetze und Vorschriften betrieben. Andernfalls handelt es sich um Fischereifahrzeuge unter der Flagge von Nationen, die Vertragsparteien einer regionalen Fischereiorganisation sind, aber gegen Erhaltungs- und Bewirtschaftungsmaßnahmen verstoßen, an denen diese gebunden sind.

Ungemeldete Fänge sind jene, die nicht oder falsch an die zuständigen Behörden berichtet werden. Damit werden häufig nationale Gesetze und Regulierungen verletzt. Unregulierter Fang wird von Fahrzeugen ohne staatliche Zugehörigkeit oder Angehörigkeit eines Staates durchgeführt, der nicht Fischereiverträgen beigetreten ist. Die Fangmethoden geschehen auf Arten und Weisen, die nicht mit den Schutzmaßnahmen übereinstimmen.

Bei solchen illegalen Aktivitäten wird die Korruption ausgenutzt sowie schwache Bewirtschaftungssysteme. Das betrifft insbesondere Staaten, die nicht über die Kapazitäten und Ressourcen für eine wirksame Überwachung und Kontrolle verfügen. „Solche illegalen Aktivitäten sind für den Verlust von 11-26 Millionen Tonnen Fisch pro Jahr verantwortlich, deren wirtschaftlicher Wert auf 10-23 Milliarden US-Dollar geschätzt wird“, erklärte die FAO.

Bei dieser Bewirtschaftung sind auch Fragen von maritimer Verschmutzung involviert. Sie stehen nicht nur in Verbindung zur Ökologie des Meeres, sondern auch zur sicheren Navigation von Schiffen, erklärte die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO).

Darüber hinaus benutzen die betreffenden Schiffe und ihre Besatzungen Ausrüstung und setzen Methoden in solchen Gebieten ein, in denen diese verboten sind. Das beschädigt die Erträge in den betroffenen Regionen sowie das Ökotop Meer (Zerstörung von Korallen, Lebensräumen etc.). Oft verfangen sich Ausrüstungen wie Schleppnetze in Bodenstrukturen und werden daher zurückgelassen.

Parallel dazu verschlimmert dieses „Verbrechen“ einen weiteren verheerenden Aspekt: Überfischung. Die Anzahl überfischter Bestände hat sich innerhalb eines halben Jahrhunderts verdreifacht. Heute seien laut FAO mindestens ein Drittel der weltweit geschätzten Fischgründe über ihre biologische Grenze hinaus belastet.

Nach Angaben des Word Wildlife Fund (WWF) ist sie eng mit Beifang verbunden. Dabei handelt es sich um den Fang von unerwünschter Meeresfauna, während eigentlich nach einer anderen Spezies gefischt wird. Auch das ist eine schwerwiegende Bedrohung, die zum unnötigen Verlust von Milliarden Fischen führt – neben hunderttausenden Meeresschildkröten, Walen und Delfinen.

Der WWF kooperiert seit mehr als sechs Jahrzehnten mit lokalen Gemeinschaften zum Schutz der dringend benötigten natürlichen Ressourcen. Das verändere Märkte und Politik hin zu mehr Nachhaltigkeit und schütze beziehungsweise restauriere Spezies sowie ihre Lebensräume. „Der Schaden, den die Überfischung anrichtet, geht über die Meeresumwelt hinaus. Milliarden Menschen sind auf Fisch als Eiweißlieferant angewiesen und Fischerei ist für Millionen weltweit die wichtigste Lebensgrundlage.“ Derzeit wird davon ausgegangen, dass mehr als ein Drittel aller Haie, Rochen und Seedrachen dank Überfischung vom Aussterben bedroht sind.

Unterdessen steigt die Nachfrage weltweit weiter. Das bedeutet, dass immer mehr Unternehmen und Arbeitsplätze von schwindenden Beständen abhängig sind, berichtet der WWF und fügt Folgendes hinzu:

Fisch gehöre zu den am meisten gehandelten Nahrungsmitteln und sei Grundlage für eine weltweite Industrie mit einem Umsatz von ca. 345 Milliarden US-Dollar. Millionen Menschen in überwiegend in Entwicklungsländern lebenden Küstengemeinden lebten von Fischerei, und die Hälfte der Weltbevölkerung ist auf Fisch als Hauptproteinquelle angewiesen. „Wenn der Fisch verschwindet, verschwinden auch Arbeitsplätze und die Wirtschaft in den Küstengebieten. Die hohe Nachfrage nach Meeresfrüchten treibt die Überfischung und Umweltzerstörung weiter voran und verschärft dieses Kreislaufproblem.“