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Ein Jahr nach der Machtübernahme: Das afghanische Volk zahlt den höchsten Preis

Foto: Christian Jepsen, NRC

Oslo (NRC). Anlässlich des ersten Jahrestags der Taliban-Machtübernahme veröffentlichte Neil Turner, Landesdirektor des Norwegischen Flüchtlingsrates (NRC) eine Presseerklärung zu den Verhältnissen der Zivilbevölkerung im Land.

„Wir haben im vergangenen Jahr ein schockierendes Ausmaß an Armut und Leid in Afghanistan erlebt. Die wirtschaftlichen Beschränkungen, die dem Land auferlegt wurden, und die mangelnde Bereitschaft sowohl der De-facto-Behörden als auch der internationalen Gemeinschaft, effektiv miteinander zu kooperieren, haben Millionen von Afghanen in die Verzweiflung getrieben“, so Turner

Familien seien hoch verschuldet und sähen sich einem immer stärkeren Druck auf ihr Haushaltsbudget ausgesetzt. Für eine erschütternde Zahl von Menschen reiche das Geld nicht mehr aus, um genügend Lebensmittel zum Überleben zu kaufen. „Die humanitären Bemühungen reichen nicht aus, um der Krise ein Ende zu setzen. Die Akteure an vorderster Front haben alles in ihrer Macht Stehende getan, um der betroffenen Bevölkerung Soforthilfe zu leisten und die Situation zu entschärfen.“

Ein Jahr später stehe Afghanistan am Abgrund, und die Bevölkerung werde für die Übernahme des Landes durch die Taliban bestraft. Trotz wiederholter Aufrufe von humanitären Akteuren scheine sich nichts geändert zu haben. Die Devisenreserven des Landes seien nach wie vor eingefroren, die Zentralbank sei noch immer nicht funktionsfähig, und die Entwicklungshilfe werde weiterhin zurückgezogen. „Die internationale Gemeinschaft muss die humanitären Auswirkungen der vor einem Jahr verhängten Wirtschaftsmaßnahmen anerkennen und die Ursachen der Krise angehen.“

Fakten und Zahlen zur aktuellen Lage in Afghanistan

– Laut der Übersicht über den humanitären Bedarf 2022 benötigen 24,4 Millionen Menschen, d. h. mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung des Landes, humanitäre Hilfe, davon 10,9 Millionen Notunterkünfte und Non-Food-Items (ES/NFI) und 16,2 Millionen Schutzhilfe.

– Es wird auch von hoher Arbeitslosigkeit berichtet, insbesondere in städtischen Gebieten, da viele ehemalige Regierungsbeamte und Beschäftigte des öffentlichen Sektors ihre Arbeit verloren haben. Darüber hinaus ist der Verdienst von 70 % der Arbeitnehmer drastisch gesunken. Dies ist zumindest teilweise auf uneinheitliche Gehaltszahlungen zurückzuführen. 

– 90 Prozent der Bevölkerung haben nicht genug zu essen, während im Durchschnitt fast 90 Prozent des Haushaltseinkommens für Lebensmittel ausgegeben werden, bei Haushalten mit weiblichem Haushaltsvorstand sogar 94 Prozent.

– Die jüngste integrierte Klassifizierung der Ernährungssicherheitsphase zeigt, dass 45 Prozent der Bevölkerung in Afghanistan mit einem hohen Maß an akuter Ernährungsunsicherheit konfrontiert sind. Diese Situation besteht trotz umfangreicher humanitärer Nahrungsmittelhilfe (die 38 Prozent der Bevölkerung erreicht), die jedoch seit Mai aufgrund von Finanzierungsengpässen zurückgegangen ist.

– Vor August 2021 machte die internationale Hilfe rund 75 Prozent aller öffentlichen Ausgaben in dem Land aus.

– Seit dem 15. August 2021 hat der Norwegische Flüchtlingsrat rund 590.000 Binnenvertriebene in 18 Provinzen Afghanistans unterstützt.