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Fliegende Teppiche

Ausgabe 303

Fotos: Leutul fotograf, Adobe Stock

„Nötig ist hier also eine philosophische Überlegung, die dem wissenschaftlichen Streit und dem Aufprall der Meinungen einen sinnvollen Rahmen gibt. Unsere Vorstellungen über die Welt schöpfen wir niemals nur aus uns selbst. Wir sind in einer komplexen Welt mehr denn je auf subjektive Berichte und wissenschaftliche Erkenntnisse Anderer angewiesen.“

(iz). Sie kennen den Spruch: „Man soll bitte auf dem „Teppich bleiben“! Das Sprichwort gilt als eine gut gemeinte Aufforderung für all diejenigen, die aus emotionalen Gründen, zum Beispiel aus Angst, die Bodenhaftung zu verlieren drohen. Diese Redewendung kann auch angebracht sein, wenn jemand einfach auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden muss. Geläufig ist auch der Spruch bestimmte Dinge nicht einfach unter den „Teppich zu kehren“.

Angesichts der aktuellen Debatten um eine drohende 2. Welle der Infektionszahlen sind diese umgangssprachlichen Formulierungen eine willkommene Erinnerung Maß und Mitte zu bewahren. Schon Heinrich Heine hatte einen zeitlosen Rat in diesem Kontext anzubieten: „Angst ist bei Gefahren das Gefährlichste“. Man ist also gut beraten, die ­aktuelle Lage weiterhin nüchtern und aufmerksam zu beobachten. Nicht jeder Welle folgt notwendigerweise ein Tsunami und die steigenden Infektionszahlen erklären sich unter Anderem auch aus den Massentests, über deren Sinn sich Fachleute bis heute streiten.

Fakt ist: Moderne Zeiten sind immer Krisenzeiten. Slavoj Zizek hat unlängst daran erinnert, dass alle Krisen des 21. Jahrhunderts, die unsere Finanzen, die Umwelt oder die Geopolitik betreffen, dem Grunde nach ungelöst sind. Im Grunde ändert sich nur noch der Fokus unserer Aufmerksamkeit. Im Moment sind offensichtlich alle Scheinwerfer auf die Pandemie gerichtet. Das Mediens­pektakel steigert so den Eindruck über die Proportionalität der Gefahr beinahe automatisch ins Unermessliche.

Mitte August hat der Virologe Streeck eine nachdenkliche Rede im Dom von Münster gehalten. Mit der aktuellen ­Hysterie über eine mögliche 2. Welle kann der Professor wenig anfangen. Schon vor Monaten hatte der Wissenschaftler das zu erwartende Szenario in Form einer „Dauerwelle“ beschrieben und lokale Ausbrüche und steigende ­Infektionszahlen als eine wahrscheinliche Entwicklung angekündigt.

Professor Streeck forderte in Münster die Gesellschaft auf nicht nur eine sachliche Risikoeinschätzung zu betreiben, sondern auch eine ethische Debatte über die Verhältnismäßigkeit künftiger Maßnahmen zu führen. Die Vision einer ­risikolosen Gesellschaft ist dabei in jedem Fall eine Utopie. Allein an Wespenstichen sterben in Deutschland jährlich 14.000 Menschen. Streeck beklagte, dass wir, statt mit dem Virus leben zu lernen, eine „Politisierung des Virus“ betreiben, mit der Folge der mangelnden Auseinan­dersetzung mit den unterschiedlichen ­Interpretationen der Gefahrenlage.

Wie viele andere vernünftige Bür­gerInnen relativiert Streeck nicht etwa die Gefahren des Virus. Im Ausnahmefall kann eine Infektion auch für jeden Einzelnen eine tödliche Gefahr darstellen. Es bleibt natürlich das verbindliche Ziel, eine Überlastung der Gesundheitssysteme in der Pandemie zu vermeiden. Allein Extremisten fordern daher, dass der Staat keinerlei Maßnahmen ergreifen sollte. Der Weg zu dem Ziel effizienter Gesundheitsvorsorge ist allerdings, wenn man genauer hinschaut, durchaus strittig.

Die Philosophie der angeblichen Alter­nativlosigkeit und die Markierung aller kritischen Stimmen als „irrational“ ist wenig hilfreich. Rüdiger Suchsland beschreibt auf TP-Online dieses klassische Framing, das heißt, oft ohne Überleitung, Kritiker als „Corona-Relativierer“ pauschal zu verunglimpfen. Ist denn jemand, der nachfragt, sofort ein Relativierer?

Immer wieder wird auch den öffentlich-rechtlichen Medien vorgeworfen auf ihren Kanälen nur wenig echte Kritik zuzulassen und sich stattdessen auf die extre­men Ränder der kritischen Bewegung zu konzentrieren. Die Kritik an der Pandemie-Berichterstattung der Fernsehsender in den letzten Monaten hat darüber hinaus auch grundsätzliche Züge. „Sondersendungen wurden zum Normalfall und gesellschaftlich relevante Themen jenseits von Covid-19 ausgeblendet: Es war eine Verengung der Welt“, erklärte der Medi­enforscher Dennis Gräf dem Evangelischen Pressedienst.

Die mangelnde Objektivität der Medien zeigte sich auch bei den zahlreichen unterschiedlich motivierten Demonstrationen der letzten Monate. Immer wieder wurde vom Ausbruch neuer, großer ­Infektionswellen durch gute oder böse Demonstranten gewarnt, das Ausbleiben dieser Phänomene dagegen nur noch am Rande erwähnt.

Zumindest widersprüchlich erscheint in diesem Zusammenhang das Verbot größerer Kundgebungen anläßlich der Terroranschläge von Hanau. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Helge Lindh schrieb hierzu auf Twitter: „Wir verlieren auf Dauer Glaubwürdigkeit und jedes Vertrauen der Angehörigen der Opfer, wenn Corona-Leugner ohne Masken und Abstand aufmarschieren, Corona-Partys stattfinden, S-Bahnen aus allen Nähten platzen, aber die Gedenkdemo von ­Hanau abgesagt wird.“

Zu den bedenklichen Erkenntnissen der Pandemie gehört nicht nur die Mängel unserer Debattenkultur, das regel­mäßige Auftreten von Widersprüchen, sondern auch die Unmöglichkeit aus den Perspektiven der verschiedenen Parteiungen so etwas wie eine objektive Wirklichkeit zu definieren. Tatsächlich handelt es sich hier um eine sehr grundsätzliche Problematik. Aus psychologischer Sicht phantasiert sich der Mensch ganz gerne eine Realität zusammen, in der es sich gut leben lässt. Je nach Gemüt bevorzugt der Eine die Über-, der andere die ­Untertreibung gegenüber Gefahren, die sich nur schwer objektiv fassen lassen. Hat der Philosoph Nietzsche etwa Recht, wenn er behauptet, dass es überhaupt nur Perspektiven, aber keine Wahrheit gäbe? Und: Auf welcher Grundlage kann hier eine offene Gesellschaft überhaupt noch sinnvoll diskutieren?

Vor einigen Jahren hat Gert Scobel zu diesem Thema ein Buch mit einem interessanten Titel verfasst: „Der fliegende Teppich. Eine Diagnose der Moderne.“ Der Philosoph entfaltet in seinem lesenswerten Text eine paradox wirkende Argumentation rund um die Metapher des fliegenden Teppichs. Denn, so Scobel, das Bodenlose unserer Existenz und die komplexe Zahl aller möglichen Fälle zwingt uns alle auf dem Teppich zu ­bleiben. Die Idee einer vollständig ­objektivierten Wirklichkeit ist für den Philosophen eine Illusion. „Es geht ­darum, zu wissen, dass an dem Prozess der uns entscheidend dabei hilft, auf die Beine zu kommen und uns im Alltagsleben zu erheben, notwendig Fiktionen beteiligt sind.“

Scobel sieht in einem „fiktiven Realismus“ den Ausweg, einer Haltung, die sich stets bewusst ist, dass die eigene Positionierung auch notwendigerweise fiktive Elemente in sich trägt, übrigens völlig unabhängig davon, ob wir einer Mehrheits- oder Mindermeinung folgen. Nur auf dieser Grundlage macht es ­überhaupt Sinn andere Meinungen zur Kenntnis zu nehmen.

Nötig ist hier also eine philosophische Überlegung, die dem wissenschaftlichen Streit und dem Aufprall der Meinungen einen sinnvollen Rahmen gibt. Unsere Vorstellungen über die Welt schöpfen wir niemals nur aus uns selbst. Wir sind in einer komplexen Welt mehr denn je auf subjektive Berichte und wissenschaftliche Erkenntnisse Anderer angewiesen. Unser Bewusstsein, dass unsere Meinung auf unzählige Einflüsse von Außen angewiesen ist, relativiert unseren eigenen Wahrheitsanspruch. Wallace Stevens verweist auf dieses Problem jeder Erkenntnis mit seiner berühmten Aussage: „Die erste Idee war nicht unsere eigene.“

In der Pandemie zeigt sich dieses Phänomen an einem einfachen Grundsatz der Erfahrung, den wir alle immer wieder erleben: je überzeugter und ideologischer eine Meinung vorgetragen wird, desto häufiger sind fiktive Elemente in diese Rede integriert. Das Dilemma führt so in den Kern der Bodenlosigkeit unserer Existenz. Unsere fliegenden Teppiche und damit unsere Perspektiven entfernen sich, wenn wir in unserer Selbstwahrnehmung ehrlich sind, einerseits schnell von jeder Bindung an eine Realität, andererseits sind wir immer auch darauf angewiesen unsere Vorstellung von Realität mit neuen Fiktionen zu verknüpfen.

Natürlich erkennen wir das Phänomen des fliegenden Teppichs auch längst in der Politik. Der bayrische Ministerpräsident Söder, um nur ein Beispiel zu nennen, ist ein Meister dieses Fachs. Unter dem Eindruck guter, persönlicher Umfragezahlen ist seine Rede an die Landeskinder immer wieder mit fiktiven und realen Elementen durchsetzt. Sein Credo ist einfach: bis die „heimtückische“ Pandemie überwunden ist und im Rahmen seiner Fiktion der möglichen Folgen, deren Gehalt er von Dritten übernimmt, soll sich das Land hinter ihm versammeln, möglichst ohne jeden politischen Streit und ohne reale Kritik. Die Sehnsucht nach einer starken Hand, die für uns alle Probleme löst und uns durch die Krise führt, ist eine der Verführungen des Politischen im Krisenmodus.

Aber: auch die Politik wird immer wieder von der Kraft des Realen eingeholt. Nur kurz nach der forschen Rede des Politikers ließen sich die Versäumnisse der bayrischen Gesundheitspolitik bei den Massentests an der bayrischen Grenze nicht mehr unter den Teppich kehren. Über Monate hatte, wie uns jetzt bewusst wird, die Politik verpasst eine Strategie zu entwickeln, wie man mit Millionen Urlaubern an der Grenze zu verfahren hat. Auch der Politiker muss wie jeder Bürger immer wieder neu lernen: je höher der Flug auf dem fliegenden Teppich, desto tiefer der mögliche Fall.

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